Stefan Hierholzer: Angewandte Sexualwissenschaft für Care-Berufe
Rezensiert von Rebecca Walter, 27.08.2025
Stefan Hierholzer: Angewandte Sexualwissenschaft für Care-Berufe. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 354 Seiten. ISBN 978-3-8252-6208-2. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 41,50 sFr.
Thema
Das Buch thematisiert Sexualität mit dem Bezug auf Care-Berufe. Durch die Strukturiertheit erhält man immer erst einen theoretischen Einblick (s. Inhalt) und dann auch die Möglichkeit seine eigene professionelle Haltung anhand von Leitfragen zu reflektieren.
Autor
Autor des Buches ist Stefan Hierholzer.
Aufbau
Das Buch ist in 14 Kapitel gegliedert, die jeweils wieder untergliedert sind. Am Ende des jeweiligen Kapitels regen Reflexionsfragen eine Selbstreflexion an.
Inhalt
Im ersten Kapitel (S. 25–43) setzt sich der Autor mit dem Begriff „Sexualität“ aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Es folgt die Entwicklung des Begriffs ab dem Mittelalter bis in die 2020er Jahre. Mit dem Bezug zu der Entwicklung während der Corona-Pandemie gelingt dem Autor ein Aktualitätsbezug.
Im zweiten Kapitel (S. 44–79) setzt sich der Autor differenziert nach Altersstrukturen mit der Entwicklung von Sexualität auseinander. Durch konkrete Bezüge aus der Praxis innerhalb der Exkurse verdeutlicht er die sexuelle Entwicklung. Besonders hervorheben möchte ich das Kapitel „Sexuelle Entwicklung bei Frauen zwischen Jugend und Alter“, in welchem der Autor die patriarchale Dividende erklärt und auf die sechs Skriptentwicklungsstufen von Laws verweist, welcher Sexualität als lebenslanger Lern- und Bildungsprozess sieht. Die Reflexionsfragen zum Ende des Kapitels, aufgeteilt nach Institution, ermöglicht Fachkräften eine fachliche Selbstreflexion bezogen auf ihr pädagogisches Handeln.
Das dritte Kapitel (S. 80–111) thematisiert Sexualität und Medien/​Pornografie. Die aktuellen Daten, die vom Autor genutzt werden, ermöglichen eine kritische Auseinandersetzung mit Sexualität in den Medien. Interessant ist hierbei die Idee der Pornoliteracy als Vorschlag, um pädagogisch mit dem Thema Pornografie umzugehen. Diese Ausformulierung kann sicherlich für Pädagogen eine gute theoretische Grundlage im Alltag sein.
Kapitel vier (S. 112–119) setzt sich mit Sexualität und BDSM auseinander. Die historische Entwicklung in Bezug auf BDSM ist die Grundlage, um BDSM in der aktuellen Zeit richtig einzuordnen und möglichen Vorurteilen zu begegnen.
Die geschlechtliche Vielfalt und die Forschungen in diesem Bereich sind die Inhalte des fünften Kapitels (S. 120–161). Der Autor stellt die historische Entwicklung von sexuellen Identitäten dar. In einem Exkurs zeigt er die Geschlechts- und queersensiblen Schreibformen auf und stellt die Diskussionen rund um das Thema „gendern“ dar.
Das sechste Kapitel (S. 162–171) setzt sich mit dem Thema „sexuelle Rechtssubjekt“ auseinander. Unter anderem wird dort das Sexual(-straf-)recht thematisiert und Bezug zum SGB VIII und KJHG genommen.
In dem siebten Kapitel (S. 172–194) geht um das Thema Sexualität und Gesundheit. Neben Erkrankungen ist die Aussage, dass Sexualität ein Teil des aktuellen Gesundheitsverständnisses ist, sehr wichtig. Denn damit betrifft Sexualität alle Menschen. Daher ist es nur nachvollziehbar, dass einige Krankheiten inklusive Übertragungswegen dargestellt und sinnvollerweise auch die Verhütungsmethoden thematisiert werden.
Kapitel 8 (S. 195–233) thematisiert Sexualpädagogik bzw. sexuelle Bildung. Durch die Strukturierung nach Arbeitsfeldern ist dies auf jeden Fall als ein Kapitel hervorzuheben, welches Pädagogen in ihrer täglichen Arbeit unterstützt und zur Selbstreflexion anregt.
Sexualtherapie ist Inhalt des neunten Kapitels (S. 234–247). Auch hier gelingt es dem Autor, die historische Entwicklung darzustellen und einen Blick in die Zukunft für gelingende Therapien darzustellen.
Das zehnte Kapitel (S. 248–268) befasst sich mit dem Thema „Verbote im Kontext des Sexuellen“. Auch hier nutzt der Autor aktuelle Zahlen und stellt die Schwierigkeiten (nicht-einheitliche Begriffsdefinitionen, Dunkelziffern und teilweise unzureichende Forschungen) dar. Besonders nutzbar für die pädagogische Praxis sind hier sicherlich die Präventionsstrategien.
„Spirit Sex“ nennt der Autor das elfte Kapitel (S. 269–290). Er stellt zu Beginn die Verbindung zwischen Religion und Sexualität dar, um dann in den einzelnen Religionen (Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus) aufzuzeigen, wie sie sich selbst zu unterschiedlichen Themen positionieren. Dies leitet er mit einer kurzen Zusammenfassung über die jeweiligen Religionen ein. Deutlich wird hierbei, dass die Vielfalt der Ansichten innerhalb einer Religion zu unterschiedlichen Positionen führen können.
Kapitel zwölf (S. 292–298) setzt sich mit Prostitution und käuflichem Sex auseinander, eingeleitet wieder mit einer historischen Auseinandersetzung, die darauf zielt, die aktuelle Situation von Sexarbeiter_innen darzustellen.
Im letzten Kapitel (S-299-316) geht es um Sexualität in institutionellen Kontexten und die Erarbeitung von sexualfreundlichen Konzeptionen. Auch hier finden pädagogische Fachkräfte Ideen und Beispiele, die sie für die Erstellung von Konzepten nutzen können.
Diskussion
Dem Autor gelingt eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität. Durch die Reflexionsfragen schafft er in jedem Kapitel einen Bezug zu Care-Berufen. Durch die gute Strukturierung lassen sich Inhalte leicht nachlesen und verstehen. Aktuelle Forschungsdaten und unterschiedlichste Grafiken werden von ihm genutzt, um Inhalte zu begründen und nachvollziehbar zu machen. Dadurch ist auch teilweise ein „Überfliegen“ des Textes möglich, wenn man sich theoretisch vergewissern möchte.
Fazit
Das Buch „Angewandte Sexualwissenschaft für Care-Berufe“ setzt sich in dreizehn Kapiteln mit vielen Themen im Bereich der Sexualität auseinander. Historische Grundlagen werden gut dargestellt, um aktuelle Theorien zu diskutieren. Fundierte Reflexionsfragen am Ende der Kapitel ermöglichen Personal in Care-Berufen Selbstreflexion.
Rezension von
Rebecca Walter
Berufsschullehrerin
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Es gibt 2 Rezensionen von Rebecca Walter.




