Frederic Linßen: Angenommen, es gäbe ein Wundermittel …
Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 15.07.2025
Frederic Linßen:Angenommen, es gäbe ein Wundermittel …. Die Changers-Intervention – Placebo gezielt nutzen. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. 168 Seiten. ISBN 978-3-8497-0584-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Reihe: Reden reicht nicht!?
Thema
Wie kann die Kraft von Placebos in der systemischen Beratung und Therapie gezielt genutzt werden? Dazu hat Frederic Linsen ein Modell entwickelt, das eine passgenaue und individuelle Nutzung möglich macht. In seinem Buch wird das Modell theoretisch begründet und Schritt für Schritt der Einsatz in der Praxis erläutert.
Autor
Frederic Linßen ist Dipl.-Psychologe und Dozent für Systemische Beratung (SG/DGSF), lehrender Supervisor (SG), lehrender Coach (SG); Berater, Coach und Trainer für lösungsfokussierte Kommunikation; Mitbegründer und Institutsleitung des ILK in Bielefeld und Institutsleitung des IBS in Aachen; Mitinitiator der Ausbildung Systemische Psychotherapie; Erfinder der Changers-Intervention und Mitbegründer von mind-changers; seit 2001 in privater Praxis mit Schwerpunkt Coaching und Supervision.
Aufbau
Die 19 Kapitel des Buches behandeln fünf große Schwerpunktthemen:
Im ersten Teil befasst sich Frederic Linßen mit Placebos allgemein unter Berücksichtigung der Placeboforschung. Danach beschreibt er die Inspirationen und Vorläufer seiner speziellen Placebos, der „Changers“ und benennt die Wirkprinzipien sowie Themen, Anwendungsgebiete und Indikationen dieser Intervention. Schritt für Schritt erklärt Frederic Linßen das praktische Vorgehen der Changers – Intervention. Danach kommt er zu speziellen Fragen wie Timing, Möglichkeiten der online Sitzungen und Vorgehen bei Folgesitzungen. Die letzten Unterkapitel des Buches sind der kritischen Diskussion von Grenzen und Risiken der Methode gewidmet. Am Ende stehen neben den Ergebnissen erster Evaluationen ein Ausblick, ein Interventionsleitfaden sowie die Literaturquellen.
Inhalt
Am Beginn des Buches führt Frederic Linßen in das Thema Placebo, deren Geschichte, Wirkungsmechanismen und die teils erstaunlichen Ergebnisse der Placeboforschung ein. Dann schildert er, welche Inspirationen und Vorläufer konkret den Weg für seine „Changers“ geebnet haben.
Im Kapitel vier des Buches werden dann die Changers konkret vorgestellt: kleine Oblaten, die mit Zielbildern bedruckt sind und zur Unterstützung geschluckt werden, ohne dass es einen pharmakologische Wirkstoff gibt. Diese Oblaten werden in einem Röhrchen geliefert, das ähnlich wie bei Medikamenten Auskunft über Anlass, Dosierung und Wirkungserwartung der Changers gibt.
Da es Grundanliegen gibt, die in Beratung und Coaching immer wieder zum Thema werden, können Interessierte Standard–Changers zu diesen Themen ausprobieren. Beispiele werden im Buch vorgestellt. Sie tragen beispielsweise den Titel „Mut“, „Ja zu mir = Nein“, „Dankbarkeit“ oder „Abschaltin“. Eher den Grundannahmen systemischer Therapie und lösungsfokussierter Beratung folgend, dass jeder Klient und jede Klientin ihre jeweils eigenen Ressourcen, Ziele und Lösungswege mitbringt, werden die individualisierten Changers dagegen gemeinsam mit der Klientin entwickelt. Dazu stellt Frederic Linßen neun Fall-Vignetten mit dazugehörigen Changers vor.
Individualisierte Changers werden gemeinsam mit der Klientin entwickelt. Sie nutzen bekannte Wirkprinzipien wie beispielsweise die Kraft positiver Bilder, Unterbrechung von Problemmustern, Erwartungssteigerung und rituelle Handlungen. Von Bertrand Graz übernimmt Frederic Linßen den Vorschlag, statt von Placebo eher von „Curabo“ zu sprechen, um die positive Erwartungshaltung zu kennzeichnen, die die Therapeutin der dafür aufgeschlossenen Klientin mit der Changers–Intervention verstärken und vermitteln kann.
Ab Seite 80 des Buches werden die zwölf Schritte der Changers – Intervention im Einzelnen beschrieben: nach der Vorbereitung und Einführung kommt die Zielklärung in Form der „Wundermittelfrage“. Welche Wirkungen werden die Changers idealerweise entfalten? Bei diesen und bei den weiteren Schritten ist stets zu bedenken, dass der Platz auf der Dose für die Changers begrenzt ist. Als Leitlinie für die Beschriftung folgt Frederic Linßen den Schlüsselbegriffen aus den wörtlichen Formulierungen der Klienten, die weit wirkungsvoller sind als etwa freie Formulierungen der Therapeutin. Nacheinander werden bei den zwölf Schritten folgende Themen besprochen und sparsam formuliert:
- angestrebte Wirkung
- angestrebte Nebenwirkungen
- angestrebte Langzeiteffekte
- anwendung empfohlen für … (Ziel XY)
- zur Förderung von… (Ziel XY)
- fördert… (Ziel XY)
- dient… (Ziel XY)
- zur langfristigen Steigerung
Ein Beipackzettel kann analog zu pharmakologisch Beipackzetteln weitere Informationen aufnehmen, zum Beispiel zu weiteren positiven Nebenwirkungen, Gegenanzeigen, Verhalten bei Über- oder Unterdosierung.
Eine wichtige Rolle spielt das auf Dose und Oblate aufgedruckte Bild oder Symbol. Manche Klientinnen haben sofort eine Vorstellung über ein hilfreiches Bild, während andere mit ihrem Therapeuten in einen längeren Auswahlprozess um ein passgenaue Bild eintreten, wobei auch dies eine hilfreiche Veränderung des Prozesses bedeuten kann. Genauso wichtig wie das Bild ist der Name für das Präparat. Viele Klientinnen schätzen eine medizinisch klingende Endung des Namens oder gar eine lateinische Bezeichnung. Wer einen Bezug zur homöopathischen Medizin hat, wählt gerne eine passende Potenz und auch die ausgewählte Art der Wirkung stellt eine starke Suggestion dar, je nachdem, ob die Zusatzbezeichnung retard, forte, akut oder depot gewählt wird. Frederic Linßen ermuntert hier die Therapeutinnen durchaus selbst mit lockeren Namensvorschlägen zu unterstützen, falls der Prozess ins Stocken gerät. Für Frederic Linßen ist es interessant zu beobachten, wie viele Menschen Zusatzbezeichnungen wie Depot oder Retard wählen, dem Mittel also Zeit zur Wirkung geben statt eine Blitzveränderung zu erwarten. Werden sie befragt, veranschlagen sie eher einen Wirkungszeitraum zwischen drei und zwölf Wochen, was durchaus der Forschung zur Etablierung neuer Gewohnheiten entspricht.
Nachdem Name und Bild feststehen, legt die Klientin Einzelheiten wie Dosierung, Einnahmezeitpunkt, Aufbewahrungsort sowie die Art der Einnahme fest. Auch die Packungsgröße und die ausgewählten Farben der Streifen auf dem Etikett tragen mit zur Wirkung bei.
Sehr befreiend wirkt für viele Klienten die Frage nach einer möglichen Überdosierung, die oft eher ausgelassene Bilder produziert.
Zum Abschluss der Sitzung teilt Frederic Linßen seinen Klienten in der Schlussbotschaft mit:
- dass es nach den Ergebnissen der Placebo Forschung nicht notwendig ist, an die Wirkung zu glauben,
- dass es ist aber wichtig ist, die Changers wie abgesprochen, regelmäßig zu nehmen.
Der Klient erhält nach Abschluss der Sitzung die als Ergebnis der Beratung verfassten Texte für Changers und Beipackzettel per Email zugeschickt. Die Klientinnen geben ihr Okay oder letzte Korrekturen, senden eine Bilddatei für den Druck und die Versandadresse für die Changers.
Auf zwei Buchseiten fasst Frederic Linßen den Changers-Prozess als Gedankenstütze noch einmal kompakt zusammen, damit in der Sitzung alle relevanten Aspekte im Auge behalten werden können.
Vor der Anwendung der Changers mit Klientinnen empfiehlt sich die Selbsterfahrung mit dem Instrument. Dies kann aus Frederic Linßens Sicht am einfachsten mit einer in der Anwendung erfahrenen Kollegin geschehen. Wo das nicht möglich ist, gibt ein vierseitiger Leitfaden gegen Ende des Buches dem Leser die Möglichkeit, die Changers-Intervention im Rahmen einer Selbstberatung für sich selbst durchzuführen.
In seinen letzten Kapiteln erläutert Frederic Linßen, welche Voraussetzungen die Klientin erfüllen sollte, damit die Arbeit mit den Changers gelingen kann. Sie benötigt ein Ziel oder ein Anliegen und vor allem Zuversicht, die die Therapeutin mit Mitteln lösungsfokussierter Fragen vertiefen und steigern kann. Im Rahmen längerer Coaching –, Beratungs – oder Therapieprozesse können Changers bei der Zielentwicklung, der Begleitung, aber auch zum Abschluss des Prozesses gut eingesetzt werden. Auch Online-Beratungen zu den Changers können hilfreich sein.
In einem eigenen Kapitel skizziert Frederic Linßen, wie Therapeut und Klient gemeinsam die Wirkprinzipien der Changers-Intervention herstellen.
Die Abschlusskapitel behandeln spezielle Situationen und Fragestellungen der Beratung und diskutieren mögliche negative und selbststigmatisierende Wirkungen der Behandlung sowie Ausschlusskriterien. Erste Evaluationen der Intervention zeigen Erfolge.
Den Abschluss des Buches bildet ein weiterer Leitfaden für die Entwicklung von Changers mit Klientinnen.
Frederic Linßen hat für sein Buch sorgfältig recherchiert. In den etwa 100 Literaturquellen am Ende des Buches findet die Leserin zahlreiche Anregungen zur Vertiefung einzelner Aspekte.
Diskussion
In seiner Einleitung beschreibt Frederic Linßen ein Problem klassischer sprachbasierter Therapie und Beratung: selbst wenn bei der Klientin die Erkenntnis da ist, welche neuen Ausrichtungen in Einstellung und Verhalten positive Veränderungen voranbringen würden, fällt doch die Umsetzung im Alltag oft schwer. Hier können die Anregungen uralter Heilungsrituale (zum Beispiel des schamanistischen Heilens) in Verbindung mit den Ergebnissen der Placebo-Forschung wertvolle Anregungen geben. Diese nicht stereotyp zu nutzen, sondern sie in Verbindung zu bringen mit den individuellen Ressourcen, Zielen und Lösungswegen der Klientin, ist das Verdienst der Changers – Intervention.
Fazit
Wie kann die Heilkraft von Placebos in der systemischen Beratung und Psychotherapie genutzt und eingesetzt werden, dabei verbunden mit Elementen der Hypnotherapie und der systemisch – lösungsfokussierten Beratung, idealerweise angepasst an die persönlichen Lösungswege und Wirkungserwartungen der Klient*innen? Das Changers-Modell von Frederic Linßen erfüllt alle diese Erwartungen. Das Buch bietet den theoretisch fundierten und praktisch gut umsetzbaren Grundlagentext für dieses innovative Modell, das sich zweifellos als eine Bereicherung für die beraterische und therapeutische Praxis etablieren wird. Es sollte in keiner systemischen Bibliothek fehlen.
Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Hochschule Düsseldorf (Ruhestand) und ILBB - Institut für Beratung Brühl
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