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Gisela Dittrich, Mechthild Dörfler et al.: Wenn Kinder in Konflikt geraten

Rezensiert von Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy, 30.06.2002

Cover Gisela Dittrich, Mechthild Dörfler et al.: Wenn Kinder in Konflikt geraten ISBN 978-3-472-04709-4

Gisela Dittrich, Mechthild Dörfler, Kornelia Schneider: Wenn Kinder in Konflikt geraten. Eine Beobachtungsstudie in Kindertagesstätten. Luchterhand Verlag (München) 2001. 241 Seiten. ISBN 978-3-472-04709-4. 15,00 EUR. CH: 30,00 sFr.

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Zum Thema

"Weder in der Pädagogik noch in der Forschung wurde den Bedingungen für den Erwerb von Konfliktfähigkeit und den einzelnen Komponenten, die dazu gehören, viel Aufmerksamkeit gewidmet – und das, obwohl Konfliktfähigkeit als wesentliches Ziel der Sozialerziehung gilt. Daher gibt es kaum gesichertes Wissen über die Entwicklung von Konfliktfähigkeit. In den letzten Jahren drehte sich die Diskussion eher um das Problem störenden Verhaltens unter dem Stichwort: Aggression und/oder Gewalt". (S.8)

"Wenn Kinder in Konflikt geraten: eine Beobachtungsstudie in Kindertagesstätten" stellt die Ergebnisse und Erfahrungen des Projektes "Konfliktverhalten von Kindern in Kindertagesstätten" vor, das vom Deutschen Jugendinstitut (München) durchgeführt und vom BMFSJ gefördert wurde.

Die Autorinnen

Gisela Dittrich, Mechthild Dörfler und Kornelia Schneider haben das Projekt des Deutschen Jugendinstitutes/ München von 1996 bis 1999 durchgeführt.

Zum Inhalt

Hauptziel der Studie war die Untersuchung von Konflikten unter Kindern auf der Basis einer Beobachtungsstudie. Teilnehmende und systematische Beobachtungen lieferten empirisches und dokumentarisches Material zu Konfliktanlässen und Konfliktverläufen bei Kindern im zweiten, im vierten und im sechsten Lebensjahr. Das erkenntnisleitende Interesse richtete sich auf die Sichtweise von Kindern und ihre soziale Kompetenz.

Als Forschungsmethode wurde ein verstehender Zugang gewählt, um die Beweggründe von Kindern und die Bedeutung von Konflikten für die Kinder zu erfassen: Was sind Konfliktauslöser für Kinder und welche Konfliktlösungen finden sie? Über welches Verhaltensrepertoire verfügen Kinder unterschiedlichen Alters und Geschlechts?

Gliederung der Studie

  • Kinder und Konflikte in neuem Licht suchen (Grundlagenkapitel)
  • Konflikte beobachten, beschreiben und interpretieren (Methodendarlegung)
  • Wie Kinder mit Konflikten umgehen (Auswertungsergebnisse)
  • Qualität entwickeln im Austausch (Dialog zwischen Forschung und Praxis, Auswirkungen)
  • Kinder als Experten für Konfliktlösungen (Schlussbetrachtung)
  • Zu den Ergebnissen

    Die vorliegende Studie war darauf ausgerichtet Interaktionsprozesse von Kindern zu beobachten, um etwas über die Interessen der Kinder zu erfahren. Die Darbietung der Ergebnisse erfolgt mit Hilfe von anschaulichen Beispielen in Form von "Konfliktszenen" bzw. "Interaktionsabläufen", die zuvor auf Video aufgezeichnet wurden.

    Obwohl die Interaktionsszenen dokumentieren, dass die Anlässe für Konflikte vielfältig sind, sind sie nicht zwangsläufig auch die Ursachen. Die Beobachtungen veranschaulichen, dass bestimmte Hintergrundthemen, die vom Entwicklungsstand der Kinder abhängig sind (z.B. das einander kennen lernen, der eigene Besitz, Positionen finden und festigen oder ändern wollen) eine bedeutsame Rolle im Zusammenleben von Kindern spielen. Dabei verfügen Kinder über ein differenziertes Repertoire von Konfliktaushandlungsmöglichkeiten: Direkte körperliche und symbolische Angriffe sind ebenso zu beobachten, wie Hilfe bei der Erzieherin einholen, das Berufen auf Regeln, attraktive Angebote und Versprechungen und Kompromisse suchen. Eine ausgeprägte körpersprachliche Verständigung begleitet dabei immer auch die verbalen Verständigungsprozesse.

    Die Methode längerfristige Interaktionen der Kinder aufzuzeigen und diese anschließend auf Konflikte zu untersuchen offenbarte für Erwachsene "unsichtbare" Konflikte, in denen es Kindern gelang, Entscheidungen zwischen gegensätzlichen Interessen herbeizuführen, die dazu führten, dass die Spielbalance erhalten blieb. Wie groß die soziale Kompetenz der Kinder bereits ist wird dabei sichtbar und auch wie feinfühlig und verständnisvoll sie oft miteinander umgehen können. Dabei ist die "Gleichaltrigen-Kultur" der Kinder von der "Erwachsennen-Kultur" beeinflusst. Deutlich wird aber auch, dass Kinder ihr nicht passiv ausgeliefert sind: Sie können mit den Vorgaben der Erwachsenenwelt kreativ umgehen und sind oftmals in der Lage ihre Konflikte ohne fremde Hilfe selbst zu bewältigen und dies ohne das Gesicht zu verlieren.

    Neben der Beobachtung von Spiel- und Interaktionsabläufen fand ein ständiger Dialog zwischen Forschung und Praxis statt. Zur Rückmeldung wurden fortlaufend informelle Gespräche mit den jeweiligen Kontakterzieherinnen, Klausurtage mit jedem Team und Gesprächskreise mit den Kontakterzieherinnen und Leiterinnen aller fünf Einrichtungen durchgeführt. Am Anfang und am Ende wurden die Teams, die Leiterinnen und je zwei Kontakterzieherinnen über ihre Sichtweisen und ihre Zielsetzungen zum Umgang mit Konflikten befragt.

    Konflikte zwischen Kindern berühren immer auch die Auseinandersetzung der Erzieherin mit der persönlichen Einstellung zu Konflikten sowie ihre Konfliktlernziele für Kinder und ihre eigene Rolle im Konflikt. Im Dialog zwischen Forscherinnen und Erzieherinnen wurde deutlich, dass Erzieherinnen im Alltag häufig die Konflikte zwischen Kindern nicht wahrnehmen und auch nicht die Themen, die Kinder in ihren Konflikten aushandeln. Häufig wird ein Konflikt erst bemerkt, wenn es zu Handgreiflichkeiten oder lautstarken Äußerungen kommt. Der durchgängige Dialog im Projekt führte zu einer Auseinandersetzung der Erzieherinnen mit ihrer eigenen Einstellung zu Konflikten, zu einer Veränderung der Wahrnehmung durch eine veränderte Aufmerksamkeit und somit zu einer Qualifizierung durch die Projektbeteiligung und eigene Beobachtungen.

    Diskussion

    Die Studie dokumentiert wie wichtig es ist, die Perspektive der Kinder im Konflikt neugierig zu ergründen und herauszufinden, wie es den Kindern geht, wie sie selbst die Situation interpretieren und was jedes Kind möchte. "Kinder in ihren Anliegen zu unterstützen, bedeutet, ihre Probleme wahrzunehmen, durch Vorschläge oder Fragen zu ermöglichen, dass sie untereinander in einen Aushandlungsprozess gehen können." (S.211) Das gelingt nur, wenn man Kinder als Subjekte achtet und anerkennt, ihre Spiel- und Interaktionsverläufe neugierig und aufmerksam beobachtet und keine vorschnellen Urteile über konstruktive und destruktive Konfliktstrategien von Kindern anfertigt.

    Die Auswertungen der Beobachtungen, der Interviews und des im Projekt angelegten Erfahrungs- und Informationsaustauschs mit den beteiligten Erzieherinnen sind Grundlage für die Entwicklung von Konzepten zur Aus- und Fortbildung von Erzieher/innen. Zusätzlich zum Abschlußbericht wurde ein Videofilm erstellt, in dem Konfliktszenen von Kindern so aufbereitet sind, dass sie zur Wahrnehmungsschulung in der Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen eingesetzt werden können.

    Fazit

    Das Buch ist interessant geschrieben und gut lesbar. Es eignet sich für ErzieherInnen, Studierende, Fachleute und andere Interessierte, die sich mit der Konfliktfähigkeit von Kindern befassen wollen. Mit ihrer Studie leisten die Autorinnen einen wichtigen Beitrag zur Kindheitsforschung.

    Rezension von
    Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy

    Es gibt 42 Rezensionen von Elke Katharina Klaudy.

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    ISSN 2190-9245