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Anselm Böhmer: Soziale Ungleichheit und Bildung

Rezensiert von Jessica Prigge, 31.12.2025

Cover Anselm Böhmer: Soziale Ungleichheit und Bildung ISBN 978-3-8252-6233-4

Anselm Böhmer: Soziale Ungleichheit und Bildung. Eine erziehungswissenschaftliche Einführung. transcript (Bielefeld) 2025. 288 Seiten. ISBN 978-3-8252-6233-4. D: 29,00 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 36,60 sFr.
Reihe: utb exam.

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Thema und Entstehungshintergrund

Will man* sich mit Fragen sozialer Ungleichheit und Bildung beschäftigen, eröffnet sich einem ein umfassendes, zuweilen diffuses, mindestens aber umstrittenes Theorie-, Forschungs- und Praxisfeld. In erziehungswissenschaftlichen Bildungsgängen erhält eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Thematik eine hohe Relevanz, werden doch gesellschaftlich große Hoffnungen in schulische und außerschulische Bildungsangebote gesetzt, sozialen Ungleichheiten über Bildungsförderung entgegenwirken zu können. Zugleich deutet sich in öffentlichen Diskursen eine Verengung auf meritokratische Aufstiegsversprechen und neoliberale Sozialpolitiken an, die die Thematisierung gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse ausblendet und defizitäre bis stigmatisierende Zuschreibungen etwa von armutserfahrenen Gruppen fördert. Dies stellt gerade einführende Lehrveranstaltungen für Noviz*innen im akademischen Feld vor größere Herausforderungen. Texte und Materialien sind selten, die der Komplexität von subjektiver Eingebundenheit in gesellschaftliche Verhältnisse gerecht werden und zugleich ein möglicherweise nicht akademisch geprägtes Vorwissen der Adressat*innen ins Kalkül ziehen. Fachliche Diskursbeiträge setzen zumeist vertieftes Wissen voraus, um überhaupt teilnehmen zu können. Hier setzt das Werk von Anselm Böhmer an: „Soziale Ungleichheit und Bildung. Eine erziehungswissenschaftliche Einführung“ aus dem Jahr 2025. Es handelt sich um ein Lehrbuch, ergänzt durch Onlinematerialien. Seine Motivation liege, so beschreibt es der Autor im Vorwort, in der Komplexität der Zusammenhänge von sozialer Ungleichheit und Bildung einerseits und andererseits „wissen wir zu viel, um uns mit einfachen Antworten zufrieden zu geben“ (S. 12). Ziel ist es, aktuelle Befunde und (theoretische) Diskurse in zugänglicher Form darzulegen. Angebotene Deutungen sollen zur Diskussion einladen. Gerichtet ist das Buch auf den Gebrauch in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen.

Autor

Anselm Böhmer hat die Professur für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg inne. Im Vorwort des in Rede stehenden Werkes legt er seinen Interessensschwerpunkt auf die Schule und ihren „Versprechen, aber auch ihren sozialen Formen und Folgen“ (S. 11). Darüber hinaus sind laut Homepage der PH [1] seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte Prozesse der Vergesellschaftung als Subjektivierung, Untersuchungen und Dekonstruktion zu sozio-strukturellen und kulturell-theoretischen Perspektiven von Bildung, die Analyse der ihnen innewohnenden Strukturen von Macht, sozialer Positionierung und Identitätsbezeichnungen sowie Organisationen als Agenturen sozialer Ungleichheit. Er war von 2021 bis 2025 gewähltes Mitglied im Vorstand der Kommission Sozialpädagogik der DGfE.

Aufbau

Der Blick eigens auf den Aufbau lohnt sich an dieser Stelle, um die didaktische Einfassung der Texte herausstellen zu können. Das Engagement dahingehend ist bereits in der Strukturierung gut erkennbar. Das Lehrbuch ist in 17 Kapitel gegliedert, inklusive einem Vorwort, einem Glossar und dem Literaturverzeichnis. Die 14 inhaltlichen Kapitel sind modular strukturiert, d.h. sie sind in sich schlüssig und bauen zwar nicht aufeinander auf, dennoch zeigt sich gerade zu Beginn eine Reihenfolge, die vom Allgemeinen zum Besonderen führt. Der Umfang liegt etwa zwischen 13 und 20 Seiten pro Kapitel und ist damit „Seminar-bereit“:

  1. Soziale Ungleichheit und Bildung – eine Einführung (S. 15–28)
  2. Bildungsungleichheit und soziale Ungleichheit (S. 29–52)
  3. Theorie & Empirie I (S. 53–72)
  4. Theorie & Empirie II – Aktuelle Befunde und Tendenzen (S. 73–88)
  5. Zur Theorie der Bildung (S. 89–104)
  6. Wechselverhältnisse: Soziale Ungleichheit und Bildung I (S. 105–118)
  7. Zur Datenlage: Soziale Ungleichheit und Bildung II (S. 119–134)
  8. Migrationsgeschichten und soziale Ungleichheit (S. 135–148)
  9. Gender, Bildung und soziale Ungleichheit (S. 149–164)
  10. Intersektionalität und soziale Ungleichheit (S. 165–178)
  11. Flucht, Bildung und soziale Ungleichheit (S. 179–194)
  12. Übergang aus der Schule ins Studium (S. 195–210)
  13. Übergang aus der Schule in die Berufsbildung (S. 211–224)
  14. Abschluss und Ausblick (S. 225–242)

Interessant sind die didaktischen Elemente. Da gibt es einerseits digitale Zusatzmaterialien, die zu jedem inhaltlichen Kapitel ein kurzes Einführungsvideo des Autors und selbstständig zu bearbeitende Tests umfassen. Erstere ermöglichen, den Autor und seine Intentionen mit den Kapiteln kennenzulernen, sich mit ihm als Person auseinanderzusetzen; die Texte bleiben nicht abstrakt. Tests konzentrieren sich auf Wissensfragen zum jeweiligen Text. Das Buch selbst enthält andererseits etliche über Piktogramme gekennzeichnete Formate. Dabei beginnt jedes Kapitel gleich mit einer Übersicht der wichtigsten Keywords („Themen“), einer Kurzzusammenfassung („Über diese Lerneinheit“) sowie Lernzielen („Was Sie hier lernen“), die damit auf Kapitelebene eine Orientierung über Inhalte und Verbindungen zu weiteren Themenbereichen geben. Hinweise auf Vertiefungstexte finden sich wiederum nach jedem Kapitel und bieten eine Übersicht auf aktuelle wie klassische Autor*innen und Schwerpunkte im jeweiligen Diskurs. Die weiteren Icons zeigen pointierte Definitionen, Fallbeispiele, die in Veranstaltungen diskursiv verhandelt werden können, Kernaussagen und Aufgaben, die allesamt rege genutzt werden. Aufgaben umfassen Reflexionsfragen, die ein Thema eröffnen, auf Kernaussagen konzentrieren oder Verknüpfungen mit subjektiven Perspektiven und Erfahrungen ermöglichen, sowie weiterführende Lektüreaufgaben zu in der Regel Open-Access-publizierten Beiträgen. Insgesamt bieten die didaktischen Elemente zahlreiche Anregungen und Einsatzmöglichkeiten für die Lehrpraxis, die über die Texte hinausgehen.

Inhalt

Die Einführung (Kap. 2) umfasst eine Grundlegung der Perspektive als einen methodologischen Strukturalismus, um die vielfältigen Wechselbeziehungen von Individuen und Gesellschaft, innerhalb derer Ordnungen entstehen, reproduziert oder verändert werden, zu beschreiben (S. 17 f.). Dieser Ausgangspunkt, der die „Analyse und Reflexion an den gesellschaftlichen, sozialen und organisationalen Strukturen“ (S. 18) in den Mittelpunkt rückt, lässt demnach sowohl individuelle als auch kollektive Phänomene rahmen. Nach diesem „Rahmen“ beschreibt das „Terrain“ Bildung als Praxis einerseits und hebt den Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialem Status hervor, der querschnittlich in den Kapiteln aufgegriffen wird. Dennoch – so wird betont – werden verschiedenste Paradigmen beleuchtet, um mithilfe der Erklärungsansätze und Befunde das Phänomen besser zu verstehen und selbstständig Positionen entwickeln zu können. Hier erfolgt eine deutliche Eingrenzung: „Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem deutschen Bildungswesen“ (S. 23) bzw. genauer auf dem deutschen Schulsystem.

Im dritten Kapitel (Bildungsungleichheit und soziale Ungleichheit) werden Bildung, Bildungsungleichheit und Soziale Ungleichheit im erziehungswissenschaftlichen Kontext skizziert, wobei der Diskurs bereits auf das Schulsystem ausgerichtet ist. Verschiedene Positionen werden aufgegriffen: Zu Bildung wird der Kompetenzbegriff herausgehoben, ebenso ihre Biografizität und Grundierung durch gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Positionen und Macht, was auch die pädagogischen Felder durchzieht, und schließlich wird Bildung als Form moderner Vergesellschaftung reflektiert.

Im vierten Kapitel (Theorie & Empirie I) werden nach knappen historischen Schlaglichtern entlang der Unterscheidung von formaler und nonformaler Bildung die theoretischen Ansätze von Raymond Boudon und Pierre Bourdieu skizziert, die das Wechselspiel von sozialer und bildungsbezogener Ungleichheit erhellen sollen. In der Conclusio des Kapitels wird die Gesellschaft in „Schichtungen“ (S. 67) präsentiert, was nicht mehr bei Bourdieus sozialstruktureller Klassenanalyse anknüpft. Der Herkunftsbegriff bleibt an Differenzlinien gekoppelt, weniger an gesellschaftlichen Verhältnissen.

In Kapitel 5 (Theorie & Empirie II – Aktuelle Befunde und Tendenzen) stehen jüngere Entwicklungen in Deutschland im Zentrum der Auseinandersetzung, in der Bildungsexpansion und Intersektionalität im Zusammenhang mit institutioneller Diskriminierung und Bildungsaufstiegen auch auf Fragen professionellen Handelns bezogen werden.

Im sechsten Kapitel (Theorie der Bildung) wird anknüpfend an Kapitel drei der Bildungsbegriff in zentralen Aspekten präsentiert und verschiedene Verständnisse werden aufgegriffen, die konkret in unterschiedlichen Feldern (Politik, ‚Bildungsforschungspolitik‘, Pädagogik) beleuchtet werden.

Das siebte (Wechselverhältnisse: Soziale Ungleichheit und Bildung I) und achte Kapitel (Zur Datenlage: Soziale Ungleichheit und Bildung II) stellen das „Kernstück(.)“ (S. 105) des Werkes dar. Zunächst werden diejenigen sozialen Wechselverhältnisse beleuchtet, die zu sozialer Ungleichheit führen und für Bildung als relevant gelten. Daher wird zuvor eine schlaglichtartige Betrachtung historischen Werdens von Kindheit und Bildungssystemen vorgenommen und Ungleichheiten auf Makro- (Strukturen), Meso- (Kategorien) und Mikroebene (Habitus, siehe S. 116) beleuchtet. Im achten Kapitel wird schließlich die umfassende Datenlage der Large-Scale-Assessments in Auszügen präsentiert und zentrale Ergebnisse diskutiert, auch indem Bezüge zu Fragen von Gerechtigkeit und der Unterscheidung von Analytik und Normativität aufgegriffen werden.

Es folgen in Kapitel neun (Migrationsgeschichten und soziale Ungleichheit), zehn (Gender, Bildung und soziale Ungleichheit), elf (Intersektionalität und soziale Ungleichheit) und zwölf (Flucht, Bildung und soziale Ungleichheit) die Aufbereitung von Zugängen und Folgen verschiedener Differenzlinien und ihrer Verschränkung. Ausgehend von empirischen Daten etwa aus Large-Scale-Assessments wird in die Diskurse um Ansätze, Positionen und Rahmungen eingeführt. Im Kontext von Flucht wird auf Fragen außerschulischer Bildung verwiesen (z.B. S. 190) bzw. sozialpädagogischer Handlungsfelder (inkl. Kita). Positionen und Diskurslinien dieses Bereiches werden jedoch nicht weiter verfolgt.

Schließlich werden in den beiden Kapiteln 13 (Übergang aus der Schule ins Studium) und 14 (Übergang aus der Schule in den Beruf) die Übergangsforschung in den Mittelpunkt gerückt, da sich gezeigt hat, dass in institutionellen Übergängen Dynamiken sozialer Ungleichheit besonders hervorgebracht werden. Auch wenn der Ansatz der institutionellen Diskriminierung eine wichtige Rolle im Werk spielt, bleibt der Bereich ‚Übergang Kindergarten – Grundschule‘ ausgespart. Im Kontext von Hochschule werden Motive und Mechanismen sozialer Ungleichheiten aufgegriffen. Zum Übergang in die berufliche Bildung werden Besonderheiten, Zugänge, Verläufe und Risiken der beruflichen Bildung skizziert.

Der Abschluss (Kap. 15) greift ausblickend Fragen der Sichtbarkeit von Ungleichheit auf.

Diskussion

Soziale Ungleichheit und Bildung – der Komplex hätte auch ganz anders aufgebaut werden können, etwa entlang der Lebensphasen Kindheit – Jugend – Erwachsenheit – Alter – oder entlang von pädagogischen Handlungsfeldern. Die Frage ist stets, was in den Blick genommen wird und was nicht. Ein einführendes Lehrbuch wird dabei nicht umhin kommen, Enttäuschungen zu provozieren. So ließe sich schnell zur Thematik des „Funktionalen Analphabetismus“ (S. 86) Ignoranz gegenüber Forschungen zu Literalität kritisieren, die Normalitäts- und Anpassungserwartungen der gesellschaftlichen Institutionen, insbesondere der Schule, hinterfragen (vgl. Heyrock 2023). Auch wäre es für eine erziehungswissenschaftliche Einführung angebracht, die Ungleichheitsdimension generation aufzugreifen (vgl. Simon 2025). Schließlich wird in Fragen beruflicher Bildung die Genderdimension im Kontext sozialpädagogischer Qualifizierungen – zumindest aber erziehungswissenschaftlich naher Qualifizierungen wie die Erzieher*innen-Ausbildung – ausgeblendet und der zuweilen scharf geführte Diskurs um die Rolle des Übergangssystems in Fragen sozialer Ungleichheit nicht zur Kenntnis genommen. Es scheint, die Liste ließe sich problemlos weiter fortführen. 

Für drei Aspekte lassen sich jedoch Kritiken formulieren, die im Unterschied zu stets wünschenswerten Erweiterungen im Werk selbst liegen. Der Titel und ein erster Blick in den Aufbau lassen nicht erahnen, dass der Schwerpunkt im Bildungswesen liegt, so dass nahegelegt wird, dass eine erziehungswissenschaftliche Perspektive als eine Frage der schulischen Bildung zu verstehen sei. Erstens bleibt dennoch die Frühe Bildung eine Leerstelle, die einen eigenen und umfassenden Diskurs hervorgebracht hat; zwar nicht dem Schulwesen angehörig ist, durchaus aber als (offenes) Forschungs-, Professions- und Praxisfeld ausgewiesen werden kann (vgl. Cloos 2020). Zweitens zeigen sich kleinere ‚Ausflüge‘ etwa in sozialpädagogische Bereiche. In der Bildungsarbeit mit Geflüchteten (S. 190 ff.) wird der Unterschied von Bildungsangeboten im schulischen zu denjenigen, die sich auf „die alltägliche Lebensführung von Menschen“ (S. 190) beziehen, herausgehoben. Anknüpfungspunkte eines solchen, auf (ungleiche) alltägliche Lebenswelten der Menschen bezogenen Bildungsverständnisses, finden sich jedoch weder in den Verweisen noch in den Vertiefungstexten, womit die Debatte ausgeblendet bleibt, eine Weiterführung nicht angeregt wird (z.B. auch zu demokratischer Bildung; in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, zu inklusiver Bildung usw.). Und schließlich schien mir drittens zu Beginn der Auseinandersetzungen mit dem Lehrbuch nicht vollständig geklärt, was unter sozialer Ungleichheit verstanden wird. Oder anders: Zwar wird im einführenden Kapitel zwei die Perspektive eines methodologischen Strukturalismus grundgelegt, was mich jedoch nicht das Fehlen von Ansätzen zur Sozialstruktur und ihrer Einordnung im Kontext von Bildung erschließen ließ – vielmehr noch: Der Bezug auf Bourdieu könnte vor diesem Hintergrund verkürzt erscheinen, da die Begriffswahl beliebig changieren zwischen „soziale Verhältnisse“ (S. 74), „Kategorien“ (S. 81), „Schichtung“ (S. 67) und weiteren Ausdrücken. Demgegenüber wird die Fassung von sozialer Ungleichheit kategorial herausgearbeitet, wenn Menschen „aufgrund ihrer subjektiven Praxis (…) unterschiedliche soziale Kategorien ab- und weitere zugesprochen bekommen“ (S. 45), was sich in den Zugängen zu wertvollen Ressourcen ausdrücke. In Orientierung an Markus Gamper und Annett Kupfer (2024, S: 28 ff. [2]) könnte hier idealtypisch eine sozialstrukturelle Ausgangslage (auf Seiten der Rezensentin) von einer diskriminierungstheoretischen (auf Seiten des Autors) unterschieden werden. Gelangen in Ansätzen der Sozialstruktur Kämpfe um und Mechanismen der ungleichen Verteilung wertvoller Güter sowie daraus entstehende ungleiche Lebens- und Bildungsbedingungen in den Blick – eben nicht als bloße Rahmenbedingungen (vgl. Kap. 2, Kap. 15) – können Auseinandersetzungen mit Differenzlinien aufklären, in welcher Weise entlang von Normalitätsvorstellungen Ausgrenzungen, Festschreibungen und Abwertungen hervorgebracht werden. Sie werden in eigenen Kapiteln und in ihrer Verschränkung aufgegriffen: Migration, Gender, Flucht und Intersektionalität. In diesem Sinne könnte die Aufklärung der grundlegenden Begriffe und Blickrichtungen in den ersten Kapiteln weiter ausgeleuchtet und begründet werden. Und am Rande lässt sich nun doch noch die Kritik an der geringen Aufmerksamkeit auf Literalität und generation erweiternd auf (Dis-)Ability aufgreifen, die sich der eingenommenen Perspektive wunderbar anschließen würden.

Das Lehrbuch greift außerdem eine didaktische Lücke auf, nämlich soziale Ungleichheit und Bildung konsequent aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive zu thematisieren und in Diskurse einzuführen. Überzeugend ist die Auswahl und Aktualität der Literatur sowie die didaktische Aufbereitung. Denn während die Texte selbst in einem verständlichen, umfänglich üblichen und einführenden Duktus gehalten sind, werden sowohl Literaturangaben im Text (in einem Lehrbuch nicht durchgängig selbstverständlich), als auch ausgewählte Literaturempfehlungen gegeben, die ein Spektrum an möglichen Differenzierungen vorschlagen. Die Thematik wird dahingehend offen gehalten, dass verschiedene wissenschaftliche Zugänge präsentiert, aktuelle Befunde dargestellt und diskutiert werden. So wird das, was Schüler*innen und Lehrkräfte in der Schule tun, nicht auf eine Deutung festgeschrieben; ebenso wenig werden gesellschaftliche Ungleichheitsbedingungen außerhalb des Schulwesens verortet. Zudem ist die Besonderheit der Modus der Darstellung, der sich in etlichen Kapiteln zeigt: Nach einer kurzen Einführung in eine vermeintlich eindeutige Daten- und Faktenlage beginnt erst die Diskussion, wodurch zentrale Begriffe und Konzepte Bedeutung erlangen, auf Fragen antworten und neue Fragen generieren. Im Kontext von Migration etwa wird die Diskussion um die Kategorie des „Migrationshintergrundes“ eingeführt. Auf diese Weise werfen die Texte – wie versprochen – neue Perspektiven und vor allem Fragen auf, die sich als erziehungswissenschaftliche Fragestellungen ausweisen lassen. Die zahlreichen, didaktischen Möglichkeiten lassen es zu, dass Dozierende die Materialien sehr unterschiedlich und auf verschiedenem Niveau nutzen. Die Texte sind sowohl im Bachelor, als auch für eine Rahmung eines zu vertiefenden Themas im Master sinnvoll einsetzbar. Etliche Kapitel können ebenso für den Unterricht in berufsbildenden Schulen geeignet sein – insbesondere in Materialien für Fachschulen für Sozialpädagogik scheinen fundierte Zugänge zu Phänomenen wie Armut und sozialer Ungleichheit unterrepräsentiert (vgl. Thole et al. 2017; Prigge/​Schildknecht 2026 i.E.) und weisen einen Bedarf an wissenschaftlichem Wissen zu den komplexen Zusammenhängen von Armut, Ungleichheit und Bildung(sversprechen) aus.

Fazit

Ein ausgezeichnetes Einführungswerk, einsetzbar im Bachelor und auch in Schulen der beruflichen Bildung, wenn es um Grundlegungen und Orientierung in den ersten Semestern/​Jahrgängen geht oder aber Strukturierungen, didaktische Anregungen und Schwerpunktsetzungen für Veranstaltungen in höheren Semestern gesucht werden. Gerade die Verknüpfung von Einführungstexten und vielfältigen Methoden mit Wegen in die fachliche Vertiefung ist aus meiner Sicht besonders gelungen, weil sie kritische Positionierungen nicht aufgibt und flexibel für eigene Schwerpunktsetzungen und Gegebenheiten vor Ort ist. Dabei sollte der Fokus stärker herausgearbeitet werden, denn der liegt auf dem eher diskriminierungstheoretisch konturierten Zusammenspiel von Bildung und sozialer Ungleichheit, das auf das Schulsystem bezogen wird.

Literatur

Cloos, Peter (2020). Kindheitspädagogik als Projekt. Überlegungen zu einem sich neu konturierenden Forschungs-, Praxis- und Professionsfeld. In: Peter Cloos, Barbara Lochner & Holger Schoneville (Hrsg.). Soziale Arbeit als Projekt. Konturierungen von Disziplin und Profession. Wiesbaden: Springer VS, S. 159–170.

Heyrock, Merle (2023): Nicht lesen, nicht scheiben, nicht dabei? Wie Bildungs- und Literalitätsnormen stereotype Vorstellungen über Menschen mit Lese- und Schreibschwäche begünstigen. In: Ingelore Welpe & Britta Thege (Hrsg.): Die stereotype Gesellschaft. Praxen der sozialen Kategorisierung von Menschen. Berlin: Peter Lang, S. 219–237.

Prigge, Jessica, & Schildknecht, Lukas (2026 i.E.). (Ungleichheits-)Bedingungen der Bildung in sozialpädagogischen Curricula. In: Anke Karber & Nina Göddertz (Hrsg.). Wege zu einer Didaktik der Sozialpädagogik. Perspektiven für die berufliche Bildung. Weinheim & Basel: Beltz Juventa.

Simon, Stephanie (2025). Kinder als Akteur*innen des Generationenverhältnisses. Empirische Spurensuche einer konstitutiven Ungleichheitsdimension. Soziale Passagen – Journal für Theorie und Empirie der Sozialen Arbeit. https://doi.org/10.1007/s12592-025-00530-1.

Thole, Werner; Milbradt, Björn & Simon, Stephanie (2017). Eintrübungen sozialer Wirklichkeit. In: Meike S. Baader & Tatjana Freytag (Hrsg.). Bildung und Ungleichheit in Deutschland: Wiesbaden: Springer VS, S. 271–292.


[1] Online verfügbar unter: https://www.ph-ludwigsburg.de/fakultaet-1/​institut-fuer-erziehungswissenschaft/​allgemeine-paedagogik/​personen/​prof-dr-anselm-boehmer/​zur-person-profile [20.11.2025]

[2] Ich danke Florin Kerle für den Hinweis auf die Literatur, in der die Autor*innen dem Diskurs um Klassismus systematisierend auf der Spur sind.

Rezension von
Jessica Prigge
wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
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Es gibt 3 Rezensionen von Jessica Prigge.

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ISSN 2190-9245