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Anke Buschmann: Heidelberger Elterntraining frühe Sprachförderung

Rezensiert von Michaela Kemper, 12.08.2025

Cover Anke Buschmann: Heidelberger Elterntraining frühe Sprachförderung ISBN 978-3-437-44498-2

Anke Buschmann:Heidelberger Elterntraining frühe Sprachförderung. HET Late Talkers. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2024. 4. Auflage. 230 Seiten. ISBN 978-3-437-44498-2. D: 52,00 EUR, A: 53,50 EUR, CH: 70,00 sFr.

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Thema

Das Thema „Frühe Sprachentwicklung“ ist nicht nur von politischer Brisanz. Es ist auch in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit präsenter als es auf den ersten Blick scheint: Mehrsprachig aufwachsende Kinder in der Migrationsberatung, LateTalker in der Kindertagesstätte. Fehlende Eltern-Kind-Kommunikation in der ambulanten bzw. stationären Familienhilfe. … Jahrzehntelange Forschungen zeigen eindeutig, dass sich sog. Sprachentwicklungsstörungen nicht einfach auswachsen. Zudem sind Betroffene noch als Erwachsene von sozialer Ungleichheit (schlechtere Schulleistungen, weniger Freunde etc.), mehr Verhaltensauffälligkeiten (mehr Wut, Verweigerungshaltung, …) und psychischen Erkrankungen (z.B. Depressionen) betroffen – und das unabhängig vom Bildungsstand der Eltern.

Hier setzt das vorliegende Heidelberger Elterntraining an. Mit deren Hilfe sollen Bezugspersonen, insbesondere Eltern, lernen mit dem Kind feinfühlig und sprachlernunterstützend zu interagieren sowie das Sprachangebot auf den Entwicklungsstand und die Lernfähigkeit des Kindes anzupassen.

Autorin

Das „Heidelberger Elterntraining (HET)“ wurde von Dr. Anke Buschmann, promovierte Diplom-Psychologin und inzwischen Professorin an der Hochschule Nordhausen im Studienbereich Gesundheits- und Sozialwesen, entwickelt. Sie baute in den Jahren vor ihrer Professur das „Zentrum für Entwicklung“ (ZEL) in Heidelberg auf.

Entstehungshintergrund

Vor knapp zwanzig Jahren kam Dr. Anke Buschmann als Psychologin im Sozialpädiatrischen Zentrum Heidelberg mit vielen Kindern in Kontakt, die erst im späteren Kindergartenalter Sprachförderung in Form von Logopädie erhielten. Zu spät – so der wissenschaftliche Stand bis heute –, vor allem da die meisten Betroffenen schon als Klein- oder gar Kleinstkinder deutliche Sprachauffälligkeiten zeigen. Mit dem Ziel, die Hauptbezugspersonen von Kindern möglichst ressourcenschonend zu befähigen, ihre Kinder schon im Kleinkindalter im Alltag bestmöglich selbst zu fördern, entwickelte und evaluierte sie das Heidelberger Elterntraining zunächst für „LateTalker“. Inzwischen entstanden verschiedene Adaptionen des Heidelberger Elterntrainings für weitere Zielgruppen: Ältere Kinder, mehrsprachig aufwachsende Kinder, Kinder mit einer globalen Entwicklungsstörung etc.

Die hier rezensierte, 4. Ausgabe des HET LateTalker spiegelt auch die stete inhaltliche Weiterentwicklung der Trainingsprogramms wider: Beispielsweise wurde eine Einheit zur Entwicklung und Unterstützung kindlicher emotionaler Kompetenzen neu eingefügt. Es wurden aber auch Aktualisierungen etwa zum Thema Medienkonsum aus aktueller wissenschaftlicher Perspektive vorgenommen.

Aufbau und Inhalt

Das sogenannte „Trainermanual“ ist am Vorbild eines klassischen psychotherapeutischen Behandlungsmanuals orientiert. D.h. es wird nahezu wortwörtlich und sehr exakt beschrieben, wie das Elterntraining im Detail ablaufen kann bzw. sollte.

Das vorliegende Buch umfasst zum einen das Manual „HET LateTalker“ sowie auch in  kurzer Form die Adaption für Eltern von Kindern mit „Globaler Entwicklungsstörung“ (GES) sowie das für solche, die Mehrsprachigkeit leben. Ein Zugriff auf vielfältiges Material und Zusatzmaterial steht dank jedem Buch zugehörigen Code online zur Verfügung.

Das vorliegende Trainingsmanual gliedert sich insgesamt in 10 Kapitel, die in etwa fünf Sinnabschnitte unterteilt werden können:

Der erste Abschnitt widmet sich den theoretischen und empirischen Grundlagen des Themas Sprachentwicklung im Allgemeinen und dessen grundlegende Bedingungen. Zudem wird das notwendige Basiswissen zum Thema „LateTalker“ vermittelt. 

Der zweite Abschnitt führt in die Grundzüge des Heidelberger Elterntrainingskonzeptes ein. Die zentralen Bausteine des Trainings werden erläutert und sogenannte „Adaptionen“ – also die Einsatzmöglichkeiten des Heidelberger Elterntrainings für spezifische Zielgruppen knapp vorgestellt. Dazu zählt u.a. der Einsatz bei mehrsprachigen Familien, das Heidelberger Interaktionstraining für pädagogische Fachkräfte.

Den größten Abschnitt nimmt die detaillierte und konkrete Beschreibung des Heidelberger Elterntrainings für die Zielgruppe „LateTalker“ ein. Dieses Konzept wurde mit 7 Einheiten plus einer zeitlich versetzten Nachschulungseinheit mit Einheiten von ca. 120 Minuten-Blöcken geplant, in der bis zu 10 Eltern ganz praktisch angeleitet werden, den Alltag sprachförderlich mit Ihrem Kind zu gestalten. Alternativ kann – ebenfalls im Manual beschrieben – das Training auch als individuelles Einzeltraining erfolgen.

Zunächst werden ausführlich die Rahmenbedingungen für die Kursdurchführung als Ganzes wie Zeitumfang, Gruppengröße, Zielgruppe, Kursmaterial etc. ausgeführt sowie die Ergebnisse der inzwischen jahrzehntelangen Begleitforschung benannt.

Anschließend wird die konkrete Vermittlung der insgesamt 7 bzw. mit Nachschulungstermin 8 Trainingseinheiten präzise beschrieben: Jede einzelne Einheit wird mit konkreten Zielen, Material, Ablauf und Zeitangaben, einzelnen Übungen, Tipps und Inhalten, inklusive wortwörtlichen Vorschlägen für die Vermittlung dieser, dargestellt. In den meisten Sitzungen erfolgt ein modellhaftes Lernen und Reflexion  anhand von Videos der Teilnehmenden oder Beispielvideos. Ziel ist zudem, dass die Eltern täglich das Erlernte im Kontakt mit dem Kind üben.

  • Sitzung 1: Grundprinzipien sprachförderlicher Kommunikation: Der Kurs beginnt mit einer konstituierenden Sitzung, die dem gegenseitigen Kennenlernen dient und in der in die Basics des kindlichen Spracherwerbs eingeführt wird. – Welche Voraussetzungen hat Spracherwerb? Welche Ursachen gibt es für verzögerte Sprachentwicklung? Wie kann ein günstiges Sprachangebot geschaffen werden? 
  • Sitzung 2: Dialogische Bilderbuchbetrachtung – Grundprinzipien: Anhand von Beispielvideos zum Thema „gemeinsames Bilderbuchbetrachten“ werden mit den Teilnehmenden Prinzipien erfolgreicher Erwachsenen-Kind-Interaktionen („Das Kind führt.“, „Gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus“, „Dialogische Haltung“) erarbeitet und im anschließenden Rollenspiel transferiert.
  • Sitzung 3: Dialogische Bilderbuchbetrachtung – Einsatz gezielter Sprachlehrstrategien: Die bereits vermittelten Prinzipien der vorherigen Sitzung werden in exemplarischen Videos der Teilnehmergruppe reflektiert und mit sogenannten „Sprachlehrstrategien“ (z.B. Wiederholen der kindlichen Äußerung, Ergänzen der kindlichen Äußerung) statt hinderlichen Strategien (z.B. Bestehen auf korrekte Wiederholung des Kindes) verknüpft und eingeübt.
  • Sitzung 4: Fragen zur Sprachanregung, Bewegungslieder, Fingerspiele: Zentraler Inhalt dieser Einheit ist das Wiedererinnern bzw. Kennenlernen von Bewegungsliedern und Fingerspielen sowie der Einsatz von geeigneten Fragen zur Sprachanregung. Hier profitieren die Eltern von den Beiträgen der Gruppenmitglieder, der Trainingsleiter ergänzt.
  • Sitzung 5: Sprachförderung im Alltag: Nach exemplarischen Videofeedbacks wird gemeinsam reflektiert, wie die bereits verinnerlichten Sprachlehrstrategien der letzten Sitzungen, bei alltäglichen Situationen – vom Zähneputzen über Einkaufen gehen – angewendet werden können.
  • Sitzung 6: Sprachförderung beim Spiel, Über Gefühle sprechen: Anhand einer Videoillustration wird demonstriert, wie etwa beim gemeinsamen Spielgeschehen emotionale Kompetenz aufgebaut werden kann, indem Gefühle benannt und über diese gesprochen wird.
  • Sitzung 7: Umgang mit digitalen Medien, sprachhemmende Verhaltensweisen: Diese eigentlich letzte Sitzung des Trainings widmet sich der Lebensrealität von Eltern und Kindern, der die Notwendigkeit eines geeigneten Umgangs statt einer Tabuisierung von Medien proklamiert. Jenseits von Moral und Meinung werden Eltern wissenschaftlichen Forschungsergebnisse vorgestellt und ein geeigneter, kindgerechter Medienumgang reflektiert. Zudem werden weitere sprachhemmende Verhaltensweisen noch einmal konkretisiert.
  • Sitzung 8: Nachschulung: Korrektives Feedback, Dialogisches Lesen: Die etwa sechs Monate nach dem eigentlichen Kursende durchzuführende Sitzung soll den Eltern die Chance geben, das Gelernte dem aktuellen Entwicklungsstand des Kindes anzupassen. Im besten Fall bedeutet dies, dass die Teilnehmenden mit ihren Kindern in dialogisches Lesen übergehen können. Im ungünstigsten Fall sollen die Bezugspersonen – bei unzureichender sprachlicher Aufholentwicklung – für die nächsten Behandlungsschritte aufgeschlossen und für die Bedarfe ihres Kindes sensibilisiert werden.

Dieser Logik folgend führt der nächste Abschnitt des vorliegenden Buches in die Frage ein, wie bei Teilnehmenden vorgegangen werden sollte, deren Kinder eine globale Entwicklungsstörung haben. Zudem wird eruiert, wie das Heidelberger Elterntraining in der Arbeit mit Kleinstgruppen bzw. als Einzelschulung durchgeführt werden kann.

Im letzten Abschnitt werden zwei Adaptionen des HET, nämlich sowohl für Kinder mit globaler Entwicklungsstörung als auch der Workshop „Mehrsprachigkeit“ in ihren spezifischen Besonderheiten theoretisch und praktisch in angemessener Kürze dargestellt.

Das letzte und zehnte Kapitel beschreibt die Qualifizierungsmöglichkeiten zum Heidelberger Elterntraining.

Diskussion

Insgesamt zielt das „HET“ auf eine Steigerung elterlicher Feinfühligkeit in der Interaktion ab, indem die Eltern lernen Initiativen des Kindes zu erkennen und zu nutzen, auf das Kind angemessen einzugehen und adäquat sprachlich zu reagieren. Anders ausgedrückt: Das „HET“ hilft Eltern, die sprachliche Passung zwischen den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes zu erkennen und besser zu bedienen. Die jahrzehntelange Begleitforschung zeigt deutlich: Die Erfolge sind signifikant, der Nutzen für Eltern und Kinder gegeben. 

Das HET scheint daher für die Soziale Arbeit in zweierlei Hinsicht besonders geeignet: Einerseits hilft die Manualform den Kursleitern mit relativ wenig Zeitaufwand erfolgreiche Intervention umzusetzen, auch ohne sich mit der Materie „Sprache“ selbst tiefgründig zu beschäftigen. Zum anderen sind die Einheiten sehr praktisch orientiert: Videofeedback, Rollenspiele, Arbeitsblätter helfen beim Einüben der Ziel-Strategien und schaffen den notwendigen Transfer in den Alltag.

Insbesondere Mitarbeitende in Migrationsberatungsstellen, Erziehungs- und Familienberatungsstellen, Familienbildungszentren, Kindertageseinrichtungen, Mehrgenerationenhäusern, Frühförderstellen, Sozialpädiatrischen Zentren usw. können mithilfe des Manuales niedrigschwellige, hochqualitative Angebote schaffen.

Gleichzeitig benötigt es trotz aller geleisteten Vorarbeit durch Dr. Anke Buschmann vor allem bei den bildungsfernen Adressaten Sozialer Arbeit, wie sie üblicherweise in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, den Eltern-Kind-Wohngruppen etc. zu finden sind, ein individualisiertes und an den jeweiligen Fähigkeiten der Klienten ausgerichtetes Vorgehen. Dies ist aktuell leider noch nicht evaluiert und zeigt gleichzeitig die dringende Notwendigkeit für die Profession der Sozialen Arbeit auf. Denn: Diese Zielgruppe würde nicht nur hinsichtlich der sprachlichen Förderung der Kinder profitieren, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch einen relativ niederschwelligen Zugang zur Förderung von gelingenden Eltern-Kind-Interaktionen erhalten. Mit entsprechenden positiven Effekten für den Hilfeverlauf, für die Chancen- und Bildungsgerechtigkeit, für die Prävention von Verhaltens- und psychischen Störungen.

All dies sind primäre Aufgabe und wichtiges Ziel in unterschiedlichsten Handlungsfeldern Sozialer Arbeit.

Bei Bedarf kann vom beschriebenen Gruppentraining abgewichen werden, auch Individualschulungen sind möglich. Ein Transfer auf die vorhandenen Fähigkeiten der jeweiligen Zielgruppe ist je nach Handlungsfeld notwendig.

Dieses Buch sollte daher in keiner Einrichtung fehlen und Pflichtlektüre in Aus- und Weiterbildung in allen den psychosozialen Berufsgruppen sein.

Fazit

Das vorliegende Buch liefert einen überraschend praktischen Beitrag für nahezu alle psychosozialen Professionen, die mit Kindern selbst oder deren Bezugspersonen arbeiten. Es liefert neben theoretischem Wissen rund ums Thema Sprache und -förderung, mit dem das eigene Wissen und Können reflektiert werden kann, auch ein standardisiertes Vorgehen, mit deren Hilfe Bezugspersonen (sowohl Fachkräfte als auch Eltern) angeleitet werden können, gelingende(re) Erwachsenen-Kind-Interaktionen zu gestalten und dadurch Sprache nachhaltig zu fördern. Ohne, dass Sozialarbeitende oder gar die Eltern selbst zu Sprachexperten werden müssen.

Rezension von
Michaela Kemper
staatl.-anerk. Sozialarbeiterin (B.A., M.A.), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT)
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Es gibt 2 Rezensionen von Michaela Kemper.

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ISSN 2190-9245