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Marek Grummt: Neurodiversität

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer, 22.08.2025

Cover Marek Grummt: Neurodiversität ISBN 978-3-7799-8719-2

Marek Grummt:Neurodiversität. Die Sehnsucht nach kultureller Anerkennung, die Macht der neurotypischen Gesellschaft und Ansprüche an neurodiversitätsreflexive Pädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 363 Seiten. ISBN 978-3-7799-8719-2. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.

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​Thema

Themen des Buches sind Neurodiversität, die Neurodiversitätsbewegung, Neurodiversity Studies, neurodivergentes Leben und neurodiversitätsreflexive Pädagogik. Da der diesen Themen zugrundeliegende Diskurs vorwiegend in verschiedenen Formaten im Internet geführt wird, und gedruckte Literatur hauptsächlich aus dem englischsprachigen Raum stammt, hat Marek Grummt mit seinem umfangreichen und fundierten Werk ein wichtiges Fundament in deutscher Sprache geschaffen.

​Autor

Marek Grummt ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Rehabilitationspädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

​Entstehungshintergrund

Mit dem Verfassen des Buches strebte Grummt an, „die Grundlagen für die Begründung der deutschsprachigen Neurodiversity Studies zu legen“ (S. 13).

​Aufbau

Das Buch besteht aus 13 Kapiteln und einem umfangreichen Literaturverzeichnis. Inhaltlich lassen sich m.E. drei Schwerpunkte ausmachen: Eine theoretische Grundlegung zu Neurodiversität, der Neurodiversitätsbewegung sowie damit zusammenhängender Themen; eine empirische Studie, in der Postings aus sozialen Netzwerken analysiert wurden; und Ausführungen dazu, wie eine neurodiversitätsreflexive pädagogische Praxis aussehen kann.

​Inhalt

Das erste Kapitel umfasst die Einleitung und beschreibt, was mit Neurodiversität gemeint ist: Die Vielfalt von Nervensystemen, zu denen z.B. ADHS, Autismus und Dyspraxie zählen. Weiter wird dargestellt, wodurch sich die Neurodiversitätsbewegung als soziale Bewegung auszeichnet. Zudem erklärt der Autor seine persönliche Haltung in Bezug auf die Thematik: „Ich halte es für wichtig, sich gegen Exklusion, Ausgrenzung und Unterdrückung einzusetzen und würde dementsprechend eine Sympathie mit der Neurodiversitätsbewegung nicht verleugnen“ (S. 12). Auch die Forschungsfragen des Autors werden in der Einleitung vorgestellt.

Das zweite Kapitel ist der Geschichte der Neurodiversitätsbewegung gewidmet und stellt dar, wie diese mit neurodivergenten Selbstvertreter*innen wie Temple Grandin begann und u.a. von Jim Sinclair und seinem Manifest „Don't Mourn for Us“ fortgeführt wurde. Als besonderer Erfolg wird die Beteiligung von Selbstvertreter*innen an der Überarbeitung des diagnostischen Manuals DSM beschrieben, wodurch nun auch Personen Zugang zu Unterstützungsleistungen erhalten können, die von dem früheren Verständnis von Autismus nicht erfasst wurden.

Im dritten Kapitel werden Begriffe wie Neurodiversität, Neurodivergenz, Neurotypik und Neuro-Minorität definiert und eingeführt.

Das vierte Kapitel handelt von den Charakteristika sozialer Bewegungen und Aktivismus. Auch hier wird in das Verständnis von Begriffen eingeführt, Spezifika und prominente Beispiele sozialer Bewegungen werden benannt. Es wird dargestellt, dass der Online-Aktivismus ein „prägendes Werkzeug der Neurodiversitätsbewegung“ (S. 58) sei. Hierbei spielten neben anderen Personen neurodivergente Influencer*innen eine wichtige Rolle (vgl. S. 69), ebenso Autist*innen, „die neurotypische Karrieren (vor allem als Wissenschaftler:innen) gemacht haben und damit ihr kulturelles Kapital zu Beginn vor allem in wissenschaftliche Diskurse einbringen konnten“ (S. 68).

„Neurodiversität und Autismus“ lautet der Titel des fünften Kapitels. Eingeleitet wird das Kapitel mit einer Diskussion der Autismus-Definition des (englischsprachigen) Selbstvertretungsnetzwerkes ASAN (Autistic Self Advocacy Network). ASAN und auf deren Verständnis aufbauende Ansätze verweisen darauf, dass Autismus eine medizinische Diagnose sein kann, aber neben dieser „Ebene der Medikalisierung“ weitere Ebenen zu identifizieren seien: „die Ebene der flexiblen Normalisierung von Diagnosen, die Ebene der Deutungshoheit über die eigene Identität und die Ebene des eignen Lebensgefühls“ (S. 84). Weiter geht der Autor u.a. auf das Neurodivergenz-Spektrum ein und im Rahmen eines Exkurses auf psychiatrische Perspektiven auf Neurodiversität.

Im sechsten Kapitel wendet Grummt sich den theoretischen Grundlagen der Neurodiversity Studies zu.

Das siebte Kapitel trägt die Überschrift „Zur Performativität von Neurodiverstität“. In diesem Kapitel werden u.a. verschiedene Diskursmächte beleuchtet. Z.B. der medizinisch-psychiatrische Diskurs. Hier seien zwar auch Dynamisierungen der Grenzziehung zwischen Normalisierung und Pathologisierung zu beobachten, stärker jedoch eine „Medikalisierung von immer mehr Bereichen und Zuständen“ (S. 160). Es wird ausgeführt, dass es innerhalb der Neurodiversitätsbewegung unterschiedliche Haltungen zur Vergabe von medizinischen Diagnosen gebe und dass Diagnosen bisweilen auch notwendig seien, um einen Zugang zu bestimmten Ressourcen zu erhalten. Als ein weiterer Diskurs wird der Blick auf „Gewalt und Macht der Sprache“ (S. 167) gerichtet und wie Sprache als ein machtvolles Instrument genutzt werden kann.

Im achten Kapitel wird die vom Autor erarbeitete Diversitätsbewusste Rekonstruktive Methode vorgestellt. Diese Methode eigne sich für die kulturtheoretisch orientierte Auswertung von sogenannten „Postings“ in sozialen Netzwerken.

Der empirische Teil der vorliegenden Arbeit ist im neunten Kapitel zu finden und umfasst eine Auswertung von vier Postings aus sozialen Netzwerken.

Die letzten vier Kapitel sind jeweils einem Fazit gewidmet. So umfasst das zehnte Kapitel das Fazit I, das der „Neurodiversitätsbewegung als ein Prototyp eines intellektuellen Aktivismus“ (S. 282) gewidmet ist. Das elfte Kapitel stellt in einem Fazit II die von Grummt erarbeiteten vier Ebenen der Neurodiversität dar (Vielfalt neuronaler Strukturen, identitätspolitischer Begriff, Begriff der performativen Wirksamkeit, Gesellschaftskritik, vgl. S. 289), sowie den ebenfalls von ihm entwickelten Neurodiversitätskompass. Dieser berücksichtigt zum einen die den Neurodiverstitätsdiskurs prägenden Spannungsfelder von Natur und Kultur sowie Individuum und Gesellschaft. Zum anderen berücksichtigt er, wie Grummt mit Bezug auf die Praxis feststellt, „eine Achse des Inneren, auf der die Divergenzerfahrung sowie die als authentisch und unauthentisch erlebten Selbstverständnisse und -adressierungen zu verorten sind, und eine Achse des Äußeren, auf die die kulturellen Schemata und Mechanismen wirken, also Wissensordnung und Subjektivierung“ (S. 293–294). Fazit III in Kapitel zwölf befasst sich mit neurodivergentem Leben in einer neurotypischen Gesellschaft. Hier werden in dem Buch bereits vorgestellte Diskursmächte nochmals beleuchtet. In Fazit IV im dreizehnten Kapitel werden pädagogische und erziehungswissenschaftliche Schlussfolgerungen für eine neurodiversitätsreflexive Pädagogik vorgestellt. Dargestellt wird u.a., dass Neurodiversitätsbewusstsein eine wichtige Grundlage sei, aber auch die Akzeptanz von Neurodiversität wesentlich sei (vgl. S. 330). Diese Überlegung mündet in konkreten Vorschlägen, wie z.B. die Ermöglichung von Selbstvertretung auch im Schulkontext (vgl. S. 335).

​Diskussion

Meines Erachtens stellt das Werk von Marek Grummt ein wichtiges deutschsprachiges Grundlagenwerk zum Thema Neurodiversität dar. Dem Autor gelingt es in seinem umfangreichen Werk beachtlich viele Aspekte und Stränge dieses Diskurses aufzugreifen und darzustellen. Als besonders bereichernd empfinde ich, dass er damit v.a. in Deutschland bislang wenig bekannte Diskurse aus dem englischsprachigen Ausland aufgreift, systematisiert und Personen eröffnet, für die die englischsprachigen Originalquellen schwer zugänglich sind. Der Autor hat eine enorme Fülle an Material bearbeitet. Leider kommt es jedoch an einzelnen Stellen zu Ungenauigkeiten hinsichtlich der Zitierung, so stimmt z.B. eine Angabe zu „Selbstmordraten“ (S. 335) nicht mit der genannten Quelle und dem Forschungsstand überein.

Eine besondere Stärke des vorliegenden Werkes liegt meinem Empfinden nach darin, dass Marek Grummt eine Verortung des Neurodiversitätsdiskurses vornimmt und dessen Bezüge zu anderen Diskursen, wie z.B. Intersektionalität und Ableismus darstellt.

Als selbst von Neurodivergenz betroffene Person war ich während der Lektüre öfters erstaunt über Aussagen, die sich nicht immer vollumfänglich mit meinem persönlichen Erleben decken, sondern meines Erachtens Auffassungen sind, die von einem den Diskurs dominierenden, oftmals lautstarken Teil der neurodivergenten Community vertreten werden. Auch die im empirischen Teil ausgewählten Zitate würde ich diesem politisch aktiven Teil der Community zuordnen und nur bedingt als repräsentativ sehen für die Gesamtheit der mir bekannten von Neurodivergenz betroffenen Menschen – trotz der hohen Zahl an „Likes“, die diese Postings erhielten (vgl. S. 216). Ich denke, es ist ein Desiderat, Wege zu entwickeln, wie zukünftig „unheard voices“ wie z.B. von sogenannten „Level 3“-Autist*innen, die teilweise nonverbal und von schweren Störungen der Intelligenzentwicklung betroffen sind, sowie den sie pflegenden und sie vertretenden Bezugspersonen in den Neurodiversitätsdiskurs einfließen können. Derzeit habe ich die Befürchtung, dass der Diskurs über Neurodiversität – nicht zuletzt aufgrund der komplexen wissenschaftlichen Sprache, in der auch das vorliegende Werk verfasst ist – zunehmend zu einem ausschließenden Gespräch innerhalb akademischer Kreise wird.

Fazit

Das vorliegende Buch zu Neurodiversität von Marek Grummt stellt ein wichtiges Grundlagenwerk dar. Der Autor legt theoretische Grundlagen zur Entstehung dieses Diskurses dar, stellt Bezüge zur Praxis her und gibt Empfehlungen für eine neurodiversitätsreflexive Pädagogik.

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Diplom-Sozialpädagogin, Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig als Pädagogin auf der Station für Menschen mit geistiger Behinderung, Autismus und anderen Entwicklungsstörungen des ZfAE des kbo-Isar-Amper-Klinikums, Region München
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Es gibt 17 Rezensionen von Franziska Günauer.

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ISSN 2190-9245