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Daniel Hajok: Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 27.02.2026

Cover Daniel Hajok: Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt ISBN 978-3-17-044021-0

Daniel Hajok: Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 250 Seiten. ISBN 978-3-17-044021-0. 36,00 EUR.

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Thema

Die Digitalisierung durchdringt sämtliche Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen und stellt sie vor viele Herausforderungen. Sie müssen sich in einem permanent vernetzten Umfeld zurechtzufinden, das sowohl immense Chancen als auch erhebliche Risiken birgt. Oft sind sie nicht darauf vorbereitet und treten ohne ausreichende Begleitung in diese zweite Welt. Sie müssen lernen, die neuen Medien souverän zu nutzen, ohne den potenziellen negativen psychischen, sozialen und physischen Folgen (z.B. Cybermobbing, Suchtverhalten, Desinformation) zum Opfer zu fallen. Die traditionellen Sozialisationsinstanzen – Familie und Bildungseinrichtungen – stehen hier vor der dringenden Aufgabe, ihnen das notwendige Rüstzeug an die Hand zu geben, damit sie mündige und selbstbestimmte Akteure in der digitalen Welt werden können.

Das vorliegende Sachbuch greift diese komplexe Problemstellung auf. Der Autor führt kompetent in die Veränderungen des Aufwachsens ein. Er skizziert die Vielgestalt eines neuen Sozialisationstypus in der zunehmend mediatisierten Gesellschaft. Auch formuliert er Herausforderungen für den erzieherischen Alltag, die (sozial-)pädagogische Praxis und für anstehende gesetzliche Regulierungen. Somit legt er ein Sachbuch vor, das sowohl Eltern als auch Sozialen Fachkräften im weitesten Sinne hilfreich sein kann, um den Chancen und Risiken der digitalen Welt zu begegnen.

Autor

Dr. Daniel Hajok ist Honorarprofessor an der Universität Erfurt am Seminar für Medien‑ und Kommunikationswissenschaft mit den Schwerpunkten Mediensozialisationsforschung, Medienaneignungsforschung und Medienregulierung. Er ist Gründungsmitglied der AG Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM) in Berlin. Hajok erforscht seit über 25 Jahren den Medienumgang von Kindern und Jugendlichen. Hierbei ist ihm der Theorie-Praxis-Transfer besonders wichtig.

Vom Autor liegt aktuell auch ein thematisch adäquates „Praxishandbuch Medienberatung in der Kinder‑ und Jugendhilfe“ vor (vgl. Rezension bei socialnet).

Aufbau und Inhalt

Die Gliederung zeigt schon auf den ersten Blick das nachvollziehbare Raster der relevanten Themenfelder, die zwischen Einleitung und Schlusswort in nachfolgende Kapitel untergteilt sind.

Aktuelle Lage der jungen Generationen:

Hier liefert Hajok einen ersten Rundblick. Skizziert wird das Verständnis von Kindern und Jugendlichen von analoger und digitaler Welt. Beantwortet werden Fragen, wie „Unter welchen gesamtgesellschaftlichen Bedingungen wachsen sie auf? Welchen spezifischen Lebenslagen sind sie ausgesetzt? In welchen Kontexten findet heute Bildung und Erziehung statt?“

Heranwachsen in der digitalen Welt: Ein neuer Sozialisationstypus?

Hajok arbeitet hier markante Bedingungen heraus, die einen solchen neuen Sozialisationstypus beschreiben. Dazu gehören die Beschleunigung, Irritation in Bezug auf Prioritäten und allumfassende Angebote, durchlässige Schonräume, Experimentierflächen ohne spürbare Konsequenzen, Entgrenzung der Kommunikation, Identitätsvorgaben als (selbst-)fremdes Maß, Optimierungs‑ und Positionierungsdruck.

Veränderte Freizeit und Medienwelten von Kindern und Jugendlichen

Im Blick stehen hier Ergebnisse aus Studien, wie, wo und wann junge Menschen ihre Freizeit verbringen. Während Kleinkinder (2 bis 5 Jahre) noch draußen oder drinnen spielen und sich Bücher vorlesen lassen oder selbst anschauen, sitzen Kinder (6 bis 13 Jahre) am liebsten vorm Fernseher oder müssen lernen, bevor sie am Smartphone spielen. Das ändert sich bei Jugendlichen, die in der Priorität die Nutzung des Smartphons zuerst nennen, dem danach die Nutzung des Internets und das Musikhören folgen (72): „In der längerfristigen Betrachtung ist ein Rückzug junger Menschen aus den realweltlichen Face-to-face-Kontakten unter Peers nicht zu übersehen. Das ist zum einen der besonderen Faszination für Medien und der Bindungskraft geschuldet, die insbesondere digitale Medien aufzubauen vermögen […]. Zum anderen ist es aber in einem ganz grundsätzlichen Sinne zu sehen, wie er in medienpädagogischer Perspektive als eine Art Faustregel formuliert wird: Je weniger Anregungen Kinder und Jugendliche aus dem direkten sozialen Umfeld erhalten, umso bedeutsamer werden die Anregungen aus den Medien“ (75).

Mediale und lebensweltliche Kontexte prägen das Geschehen

Das heutige Leben von jungen Menschen ist ein digital durchdrungenes Leben. Analoge Formate wurden durch digitale ersetzt oder mit denen kombiniert. So findet das Spielen auch in virtuellen Welten statt oder jederzeit abrufbare und individuell sortierte (Video-)Podcasts ersetzen zeitlich festgelegte TV-Programme. Das Handeln in dieser neuen Welt wird grundlegend von vier Faktoren bestimmt, die Hajok beschreibt: medienbezogene Faktoren (u.a. Anbieterinteressen), subjektbezogene Faktoren (u.a. medienbezogene Vorlieben, Kompetenzen und Umgangsweisen), soziales Umfeld (u.a. Eltern, Peers) und gesellschaftliche Rahmungen (u.a. Rechte auf Teilhabe, Schutz und Förderung).

Zudem fallen folgende Aspekte zugunsten der erwähnten Bindungskraft ins Gewicht: Multioptionalität und inhaltliche Breite, Belohnungssysteme und Personalisierung, Eigenaktivität und Selbstausdruck, Involvement und soziale ‚Verpflichtung‘ sowie Endlosigkeit und Allgegenwärtigkeit. Auf dieser Folie werden im Nachgang die beteiligten Partner:innen in der Kinder‑ und Jugendhilfe in den Blick genommen: Erziehende, Peers und Fachkräfte. Schließlich richtet der Autor seinen Blick auf medienumgangsbezogene Rechte, gesetzliche Regulierungen und Förderungen.

Mögliche Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung

Ausführlich werden mögliche Einflüsse des Medienumgangs auf einzelne Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen erörtert, wobei der Autor Entwicklungspotenziale und Entwicklungsrisiken in den nachfolgenden Kategorien gegenüberstellt: Identitätsbildung, kognitive Entwicklung, körperlich-physiologische Entwicklung, psychisch-emotionale Entwicklung, soziale Entwicklung, sexuelle Entwicklung, ethisch-moralische Entwicklung, religiöse Entwicklung und politische Sozialisation. In der Phase der Identitätsbildung haben junge Menschen zum Beispiel Entwicklungspotenziale, wie Erprobungshandeln im ‚geschützten‘ Raum oder bestärkender Austausch unter Peers und Gleichgesinnten. Zugleich drohen Entwicklungsrisiken, wie unrealistische, riskante, gefährliche Selbstdarstellungen oder hates durch unangemessene Kontaktaufnahmen (173). Solcherlei Kontrastierungen zwischen Chance und Risiken sind auch Inhalt der letzten zwei Kapitel.

Digitale Teilhabe als große Chance

Damit junge Menschen als souverän agierende Nutzer:innen heranwachsen können, gilt es folgende Dimensionen für partizipatives Medienhandeln in den Blick zu nehmen: (1) Information, Orientierung, Wissensaneignung, (2) Digitaler Austausch und Vernetzung, (3) Kreativität und aktiver Selbstausdruck, (4) Kooperation und Kollaboration. Zu den einzelnen Punkten werden Blickrichtungen aufgezeigt. Das sind beim ersten Thema z.B. die selbstständige Aneignung von (schulischem) Wissen, die eigenen Wege zu (subjektiv relevanter) Information und Orientierung oder die digitalen Zugänge zu gesellschaftlich relevanten Informationen.

Erweiterte Risikolage in der digitalen Welt

Schließlich lauern auch Risiken bei der Navigation junger Menschen durch digitale Welten. Vier Kategorien werden hier gegenübergestellt: inhaltsbezogene Risiken (u.a. Fake News, Gewalt, Pornos), konsum-/​marktbezogene Risiken (u.a. Werbung, Kostenrisiken), kommunikationsbezogene Risiken (u.a. Stress oder Druck durch ungewollte Kontakte) und verhaltensbezogene Risiken (u.a. Anstiftungen zu riskantem oder gefährlichem Verhalten). Zur letzten Kategorie gehören sowohl Selbst‑ als auch Fremdgefährdungen, wie der Umgang mit eigenen und fremden Daten, Mutproben, Challenges oder die (gegenseitige) Beförderung von mentalen Belastungen (z.B. Schönheitsideal-Normen).

Diskussion

In seiner „Minima Moralia“ hielt Adorno fest: „Man wird dem neuen Menschentypus nicht gerecht, ohne das Bewusstsein davon, was ihm unablässig, bis in die geheimsten Interventionen hinein, von den Dingen der Umwelt widerfährt“ (2015: 44). Von diesen Wünschen im Inneren und Verlockungen des Äußeren wusste auch schon der Romantiker Hauff am Beginn des 19. Jahrhunderts und hielt es in seinem Märchenklassiker „Das kalte Herz“ fest. Schauerhafte Erzählungen wie diese wurden den Menschen mit der Einführung von bewegten Bildern in die Herzen und Hirne projiziert. Eindrücklich beschrieb der Medienpsychologe Winterhoff-Spurk (2005), wie die Television unseren Charakter formt. Mit den sozialen Medien entwickelten sich auch die Bildformate in alle möglichen Dimensionen. Heute hat beinahe jede:r seinen eigenen Monitor und damit eine personifizierte Projektionsfläche, die das Innen und Außen chimärenhaft zusammenfügt.

Welches Ausmaß und welche Langzeitwirkung diese Medien gerade für junge Menschen haben, wird in einer Vielzahl von Publikationen beratschlagt und erforscht. Auf der einen Seite glorifiziert eine Autor:innenschaft die Fortschritte der Erlebnisgesellschaft, auf der anderen Seite warnen Kritiker:innen vor der gefahrvollen Technik im Kontext einer Risikogesellschaft. Gerade die zweitgenannten Diskurse (z.B. von Autoren wie Spitzer 2015, Haith 2024 oder Wolff 2024) ließen Soziale Fachkräfte in den letzten Jahren aufhorchen, weil klar wurde, dass auch auf die Soziale Arbeit eine neue Verantwortung zukommt (vgl. Merchel, Hansbauer, Schone 2023). Der Autor des vorliegenden Buches umschifft solche „Entrüstungsdiskurse“, wie er sie nennt (110). Stattdessen hat er eine individuelle Zitierlogik im wörtlichen Sinne, denn er greift zumeist auf eigene Publikationen zurück, in denen sich dann originäre Quellen finden lassen (können). Hajoks Publikationsliste ist keineswegs schmal und belegt sehr wohl akzeptable Referenzen zur Thematik. Zu diesen Publikationen gehört auch das aktuelle „Praxis-Handbuch Medienberatung in der Kinder‑ und Jugendhilfe“ (Hajok 2025), was hier als Parallel-Lektüre empfohlen wird.

Die Prognosen von Hajok bleiben insgesamt behutsam und differenziert formuliert positiv: „Was Kinder und Jugendliche mit den neuen Möglichkeiten in ihrem Leben anfangen, ist und bleibt in besonderem Maße von ihren sich gerade ausbildenden Kompetenzen, vom erzieherischen und pädagogischen Handeln in deren direktem Umfeld, den Anregungen aus der Peer Group und nicht zuletzt vom gesellschaftlichen Umgang mit Digitalisierung bedingt, vor allem, was den angemessenen Schutz angeht“ (246).

Fazit

Hajok legt ein umfangreiches und gut lesbares Kompendium vor, das sowohl für Eltern als auch für Fachkräften eine angemessene Einführung zum Thema bietet.

Erwähnte Literatur

Adorno, T. W. (2025): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (15. Auflage). Frankfurt/M.

Haidt, J. (2024): Generation Angst. Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen. Hamburg.

Hajok, D. (2025): Praxishandbuch Medienberatung in der Kinder‑ und Jugendhilfe. Weinheim und Basel.

Hauff, W. (org. 1827/28; hier 1979): Das kalte Herz; in: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Berlin und Weimar.

Merchel, J., Hansbauer, P., Schone, R. (2023): Verantwortung in der Sozialen Arbeit. Ethische Grundlinien professionellen Handelns. Stuttgart.

Spitzer, M. (2015): Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. München.

Winterhoff-Spurk, P. (2005): Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt (2. Auflage). Stuttgart.

Wolff, D. (2024): Allein mit dem Handy. So schützen wir unsere Kinder. München.

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 51 Rezensionen von René Börrnert.

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ISSN 2190-9245