Tim Jackson: Ökonomie der Fürsorge
Rezensiert von Dr. Dieter Korczak, 07.07.2025
Tim Jackson: Ökonomie der Fürsorge. Warum wir Wohlstand, Gesundheit und Arbeit neu denken müssen. Degrowth statt Wirtschaftswachstum, Wohlfahrtsstaat vor Profit, Care und soziale Gerechtigkeit statt Patriarchat. oekom Verlag (München) 2025. 480 Seiten. ISBN 978-3-98726-100-8. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
Thema
In dem von ökonomischen Konzepten und Berechnungen geprägten Diskurs über Wohlstand kommen Menschen und ihr Wohlbefinden lediglich als statistische Größen vor. Das ist angesichts der prekären Situation, dass lokal und global die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, ein Skandal. Der Autor stellt sich deshalb die Frage, ob unsere Wohlstanddefinition gesund ist, denn in ihr ist Wohlstand mit Wachstum assoziiert. Jackson plädiert dafür, dass das kapitalistische Wirtschaften den Wachstumszwang überwinden und die Fürsorge für den Menschen in all ihren Formen ins Zentrum stellen sollte. Er sucht Antworten auf die Frage, warum mit Fürsorge (Care) so sorglos umgegangen wird.
Autor
Tim Jackson ist ein britischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor für nachhaltige Entwicklung am Centre for Environment and Sustainability an der University of Surrey. Er ist Direktor des Centre for the Understanding of Sustainable Prosperity (CUSP), ein interdisziplinäres, multi-institutionelles Forschungskonsortium. Er erlangte Bekanntheit mit dem Bestseller „Wohlstand ohne Wachstum“ (oekom 2011), in dem er die Vision einer Postwachstumsökonomie skizzierte.
Inhalt
Jackson breitet in fünfzehn Kapiteln seine Antworten auf die grundsätzlichen Fragen nach der Heilkraft von Natur und Medizin, der Rolle von Krankheit, der Angst vor dem Tod, dem Wachstumszwang des kapitalistischen Wirtschaftssystems und der Bedeutung von Care/Fürsorge aus.
Auf den ersten Seiten formuliert der Autor sein Credo: Menschlicher Wohlstand hat in erster Linie mit Gesundheit zu tun. Deshalb sollte sich die Wirtschaft zuallererst um Carekümmern, statt auf unablässiges Wachstum zu setzen. „Die Ökonomie der Fürsorge ist eine Vision für ein Wirtschaftssystem, in dem Fürsorge – und nicht die rastlose Expansion- das zentrale Ordnungsprinzip ist.“ (S. 394). In seiner Sichtweise einer Postwachstumsorientierung konzipiert er Wohlstand als Gesundheit und Wirtschaft als Fürsorge.
Als Care(Fürsorge) versteht Jackson „eine Tätigkeit, die alles umfasst, was wir tun, um unsere >Welt< zu bewahren, fortzuführen und zu reparieren, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können“ (Tronto 1993: S. 103). Fürsorge hat somit zwei zentrale Aufgaben. Zum einen soll sie die eigenen Wiederherstellungskräfte des Körpers unterstützen und stärken. Zum anderen soll sie die Bedingungen reduzieren und lindern, die das innere Gleichgewicht des Körpers bedrohen. Die fundamentale Qualität von Care ist Aufmerksamkeit, die funktionale Rolle ist das Herstellen von Balance. Weiterhin sei zwischen körperlicher und symbolischer Gesundheit (Anerkennung, Status, Identität) als unterschiedliche Objekte fürsorglichen Handels zu unterscheiden. Als große Gegenspieler von Care beschreibt Jackson Krieg, Gewalt und toxische Männlichkeit.
Er betont, dass die Akkumulation von Reichtum das Fundament der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur bildet. Ihre Legitimation liegt in der Behauptung, dass mehr immer besser sei. Fakt sei jedoch: „Die Wirtschaft, die wir heute haben, tötet Menschen“ (S. 131). Chronische Krankheiten sind für fast drei Viertel aller Todesfälle weltweit verantwortlich. Bei Gesundheit hingegen geht es zuerst und vor allem um Balance (Homöostase). Ein Teil der allostatischen Last (Überbeanspruchungs- und Abnutzungseffekte) entstamme der Lebensmittelindustrie, ein Teil sei auf Lebens- und Arbeitsgewohnheiten zurückzuführen, ein weiterer Teil entstehe durch soziale Ungleichheiten und systematische Vermögenshierarchien, ein Teil des Schadens werde von der Wissenschaft selbst unter Mitwirkung der Pharmaindustrie verursacht (Kap. 14). Die Gesundheit werde auf dem Altar des Wachstums geopfert. „Überkonsum im Streben nach Profit. Profit im Streben nach Vermögensanhäufung. Reichtum propagiert als Fundament für Wohlstand.“ (S. 89).
Der Philanthropokapitalismus spiele eine wesentliche Rolle in der globalen Gesundheitsagenda, er finanziere die Akkumulation von Kapital. Jackson verweist auf die moralischen Konflikte, „wenn die öffentliche Gesundheit nicht nur in ihrer Finanzierung, sondern auch in ihrer Struktur, Philosophie, wissenschaftlicher Grundlage und Integrität von privatem Kapital abhängig wird“ (S. 277). Auf der Suche nach der Erklärung von Pathogenität kommt Jackson zu der Idee, dass der Kapitalismus vielleicht selbst der Krankheitserreger ist.
„Wir sind in einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gefangen, die sowohl den Wert von Arbeit als auch die Ergebnisse des Herstellens herabzuwürdigen scheint.“ (S. 296) In einem Wirtschaftssystem, das Effizienz und Profit über alles stellt, stehen Fürsorge und Kunst im direkten Widerspruch zum unerbittlichen Streben nach Profit. Die gesamte Wirtschaft ist darauf ausgelegt, die Produktivität der menschlichen Arbeit zu steigern.
Im Schlusskapitel nimmt Jackson die Frage in Angriff, was man machen soll. Fürsorge ist für ihn mehr als die Beschreibung eines Wirtschaftssektors, sie ist ein Grundprinzip. Es braucht deshalb eine Ökonomik, mit der die Herausforderungen dieser Welt jenseits des Wachstums begriffen und bewältigt werden können. Dazu gehören Fürsorge als generelle Prävention, Care-Ausgaben sollten als Investitionsaufgaben betrachtet werden, als Klimaschutzmaßnahme, als soziale Homöostase (Förderung der körperlichen und geistigen Stabilität) zur Unterstützung der biologischen Homöostase.
Diskussion
„Ökonomie der Fürsorge ist also ein Buch über Wirtschaft für Menschen, die nicht unbedingt Wirtschaftswissenschaftler sind.“ (S. 25) Dies ist schon durch die literarischen Passagen des Buches gegeben. Als Stilmittel beginnt Jackson nahezu jedes Kapitel mit einer Orts- oder Landschaftsbeschreibung. Die Verwebungen mit Bezügen zu Daphne du Maurier, Hannah Arendt, Isaak Asimov, Archibald Cronin und anderen geben dem Buch eine sprachliche Leichtigkeit und Lebendigkeit. Dieses stilistische Mittel erleichtert den Zugang zu der ausgebreiteten Wissensfülle. Die historischen Bezüge wie die Einbettung in die aktuelle Fachliteratur sind beeindruckend. „Die Dringlichkeit der Care-Ökonomie…war selten so groß wie in der konfliktgeladenen, profitorientierten, machtbesessenen und verzweifelt unsicheren Welt von heute.“ (S. 404). Das Buch regt zum neuen Denken an und glänzt durch viele Perspektivenwechsel.
Fazit
Das sehr persönlich geschriebene und absolut lesenswerte Buch von Jackson liefert einen Überblick über den Erkenntnisstand der Pflegewissenschaft, den Stellenwert von Pflege und die unterbewertete Bedeutung der Fürsorge im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Durch seine historischen wie aktuellen und literarischen Bezüge öffnet es die Augen für die Einsicht, dass die 'sorglose' Wirtschaft nur auf Kosten der Fürsorgewirtschaft existiert.
Quellen
Tronto J (1993) Moral Boundaries: A Political Argument for an Ethic of Care. New York: Routledge
Rezension von
Dr. Dieter Korczak
Soziologe, Präsident des European Consumer Debt Network, Mitglied der Financial Services User Group der Europäischen Union
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