Wolfgang Benz: Zukunft der Erinnerung
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 02.05.2025
Wolfgang Benz: Zukunft der Erinnerung. Das deutsche Erbe und die kommende Generation. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2025. 236 Seiten. ISBN 978-3-423-28467-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
Thema
Was 80 bis 100 Jahre nach dem Ende des Holocaust bleibt.
Autor
Wolfgang Benz, 1941 geboren, ist Historiker und war von 1990 bis 2011 Professor für Zeitgeschichte an der Technischen Universität Berlin und leitete dort das Zentrum für Antisemitismusforschung. Er wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.
Entstehungshintergrund
Entstehungshintergrund ist die Sorge um die deutsche Erinnerungskultur an die NS-Verbrechen, insbesondere den Holocaust, bei den nachfolgenden Generationen. Als Historiker beschreibt Benz die späte Kenntnisnahme, die Gefahr der Ritualisierung, Bürokratisierung, und politischen Instrumentalisierung.
Aufbau
Nach einem Vorwort folgen 13 Kapitel
- Streit um das Erinnern
- Niederlage oder Befreiung
- Widerstand als Legitimation der beiden deutschen Nachkriegsstaaten
- Verweigerte Emotion: Judenfeindschaft nach dem Holocaust
- Amnesie
- »Stolz, deutsch zu sein«: Aufbegehren gegen die Geschichte
- Philosemitismus: Staatsräson, Herzenssache, Pflicht?
- Blinder Eifer: Erinnerungsverbote aus Solidarität mit Israel
- Ungeliebte, vergessene, verleugnete Opfer
- Erinnerungsorte: Das singuläre Verbrechen in der Nachbarschaft
- Zeitzeugen: Balanceakt zwischen Empathie und Wissenschaft
- Denkmalsetzungen: Ankerplätze im kulturellen Gedächtnis der Nation
- Wege in die Zukunft
Inhalt
Vorwort
Benz unterscheidet nach dem israelischen Philosophen Avishai Margalit das ‚gemeinsame Erinnern‘ einer Gruppe von Individuen von der ‚geteilten Erinnerung‘, die Gemeinschaft stiftet, Generationen umgreift und eine gemeinsame Ethik und Erinnerungskultur (Aleida Assmann) begründet. Das Buch ist ein Beitrag zum öffentlichen Gedächtnis. Das Erinnern an den Hitlerstaat gehöre zum Wesenskern der Demokratie und beinhaltet das Wissen über das Geschehene und seine Folgen.
1. Streit um das Erinnern
Zum historischen Erbe Deutschlands gehört nicht nur der Nationalsozialismus, sondern auch die SZ/DDR, dazu noch die koloniale Vergangenheit (Völkermord an den Herero 1904 in Deutsch-Südwestafrika). Die Einzigartigkeit des Holocaust steht nicht zur Debatte (Hinweis auf den Historikerstreit). Gedenkstätten sind Ausdruck der Erinnerungspolitik, denn Erinnern, Erforschen und Gedenken sind eine politische und gesellschaftliche Aufgabe.
2. Niederlage oder Befreiung? Das Ende des »Dritten Reiches« im Gedächtnis der Deutschen
Militärische und politische Niederlage, zertrümmerte Städte, Vertreibungen, materielles Elend, Sorgen um Angehörige, Trauer um die Toten: Die Nachkriegsrealität ließ wenig Zeit für Reflexion. Von den Verbrechen der Nazis, den Konzentrationslagern, den sowjetischen Kriegsgefangenen, der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, wollte man nichts wissen. Auch dem deutschen Widerstand schlug Misstrauen entgegen. Die Entnazifizierung, in den vier Besatzungszonen unterschiedlich gehandhabt, war suspekt (‚Persilscheine‘). Das Klima des »Kalten Krieges«, die Konfrontation mit der DDR, der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder bestimmten die Nachkriegszeit. Rechtsstaat und parlamentarische Demokratie entwickelten sich im Westen, während im Osten die ‚Befreiung vom Faschismus‘ gefeiert wurde, und der Aufbau des sozialistischen Staates DDR unter sowjetischer Kontrolle stattfand. Die historische Leistung der Bürger der DDR war die friedliche Revolution 1989.
3. Widerstand als Legitimation der beiden deutschen Staaten
Die deutsche Teilung brauchte nach der NS-Zeit traditionsstiftende Ideale: Im Westen der militärische (20. Juli) und studentische (‚Weiße Rose‘) Widerstand (was den Filbinger-Skandal nicht ausschloss), im Osten der kommunistische und antifaschistische. Ausgeschlossen waren im Westen Deserteure der Wehrmacht, das ‚Nationalkomitee Freies Deutschland‘, der ‚Bund deutscher Offiziere‘ und die ‚rote Kapelle‘. Es gab einzelne Christen, die Widerstand geleistet hatten, aber als geschlossene Gruppe nur die ‚Jehovas Zeugen‘. Gedenkfeiern erinnerten an die konservative und militärische Opposition, nicht an den Tischler Georg Elser. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten veränderte sich die Erinnerungslandschaft, die bipolare Hierarchisierung wurde aufgehoben.
4. Verweigerte Emotion: Judenfeindschaft nach dem Holocaust
Feindbilder von Juden gab es auch vor und nach der NS-Zeit: Sie wurden 1945 als Fremde und DPs (displaced persons) behandelt, ambivalent, wenn nicht sogar Ressentiment geladen gesehen, weil geschützt von den Besatzungsmächten, vor allem den USA. Restitutionsleistungen verstärkten die Abneigung. Die sowjetische Besatzungszone war für Juden nicht attraktiv (keine Fürsorge, Entschädigung oder Wiedergutmachung). Ressentiments lebten in beiden deutschen Staaten fort.
5. Amnesie
Die Erinnerung an die NS-Zeit wurde von NS-Zeitgenossen blockiert. Die Pflege der Gedenkstätten wurde den Opfern überlassen Mit dem schwierigen Alltag im Nachkriegsdeutschland beschäftigt, und in Abwehr von Schuld, Scham, Trotz und Selbstmitleid waren viele unfähig zur Einfühlung in die Opfer, und zur Trauer. Die erste Demütigung nach dem verlorenen 1. Weltkrieg folgte die zweite 1945. Spaltungen während der NS-Zeit, wie öffentliche Zustimmung und private Ablehnung (z.B. Hitlergruß), behinderten auch eine kritische Aufarbeitung.
6. »Stolz, deutsch zu sein«: Aufbegehren gegen die Geschichte
Spaltungen zwischen ‚Schlussstrich‘ und ‚Aufarbeiten‘ zeigten sich in Martin Walsers Rede am 11.10.1998 (Friedenspreis deutscher Buchhandel), in der Entwicklung der AfD und im wachsendem Rechtsradikalismus. Einen unkritischen und unsicheren Nationalstolzes gab es nicht nur im 20., sondern bereits im 19. Jahrhundert (kollektive Identitätskrise, dann Aufbruchsstimmung nach den Befreiungskriegen, verspätete Nationbildung und mit Größenphantasien abgewehrte Minderwertigkeitsgefühle). Defensiver und aggressiver Antisemitismus und Fremdenhass sind bis heute bei den Rechten Elemente des Nationalstolzes.
7. Philosemitismus: Staatsräson, Herzenssache, Pflicht?
Juden lebten in Deutschland im Transit. Es gab nicht nur ablehnende Einstellungen (Aktion Sühnezeichen) und bei jungen Menschen Interesse für die untergegangene jüdische Kultur. Der Sechstagekrieg 1967 verschaffte auch Respekt, doch erst Ende der 70er-Jahre nach der Fernsehserie ‚Holocaust‘ war emotionale Betroffenheit zu spüren.
Während in der DDR offiziell Partei für die arabischen Staaten genommen wurde, entwickelten sich im Westen 1975 Kontroversen um das Fassbinder-Stück ‚Der Müll, die Stadt und der Tod‘ und Auseinandersetzungen um die Walser-Rede 1998 und das Agitationskunstwerk ‚People’s Justice‘ auf der Documenta 2023. Schuldabwehr und Erinnerungskultur prägten auch die Kontroversen um das Jüdische Museum. Die Auseinandersetzungen sind oft sehr emotional, von wenig Sachkenntnis getragen und nicht selten vermischt mit Kritik an der aktuellen israelischen Regierungspolitik.
8. Blinder Eifer: Erinnerungsverbote aus Solidarität mit Israel
Der Gaza-Krieg löste erneut heftige Gefühle aus, wobei oft nicht unterschieden wurde, dass eine Solidarität mit Israel nach der Verbrechen der Hamas eine Kritik an dem militärischen Operationen in Gaza nicht ausschließt. Kontroversen um die Nakba-Ausstellung vom Verein Flüchtlingskinder im Libanon e.V. wurden öffentlich ausgetragen und sind wichtig, weil die Unterdrückung kritischer Diskurse über die israelische Politik ein Nährboden für neue Judenfeindschaft ist. Auch unter Juden gibt es eine Pluralität von Meinungen, was Antisemiten meist unterschlagen.
9. Ungeliebte, vergessene, verleugnete Opfer
Dazu gehören: Die mit der Cap Arcona untergegangenen KZ-Gefangenen 1945 (8000 Menschen, gerettet wurden vorwiegend die Wachmannschaften), die Deserteure und Opfer der Militärjustiz (mindestens 30 000 Todesurteile, bei ca. 20 000 vollstreckt), die Homosexuellen (entsprechende Gesetze galten in der DDR bis 1988, in der Bundesrepublik bis 1994), die Sinti und Roma (überwiegend von Entschädigungsleistungen ausgeschlossen), die Zeugen Jehovas (ca. 14 000 wurden stigmatisiert und schikaniert), die Opfer der ‚Euthanasie‘ (bis zum offiziellen – nicht tatsächlichen – Stopp wurden 70000 Kranke getötet) und der Zwangssterilisation, die ‚Gemeinschaftsfremden und ‚Kriminellen‘ (erst 2024 wurde ihrer in einer Ausstellung in Flossenbürg gedacht) – insgesamt eine Vielzahl von Opfern, die keinen oder nur einen geringen Platz in der Erinnerungskultur hatten.
10. Erinnerungsorte: Das singuläre Verbrechen in der Nachbarschaft
Erinnerung bedarf Konkretisierung in Form von Gedenkstätten in Verbindung mit lokalen Aspekten (Projekt ‚Stolpersteine‘). Das ‚Mahnmal gegen Faschismus‘ in Hamburg mit Inschriften von Passanten oder Pflastersteine mit den Namen von jüdischen Friedhöfen, die in den Boden versenkt wurden (Gerz), sind symbolische und sinnlich erfahrbare Erinnerungen an NS-Verbrechen. Kunstprodukte wie ‚Schindlers Liste‘ werden mitunter als authentisch verstanden, können aber zum Nachdenken über Realität und Fiktion anregen.
Inszenierungen am historischen Ort versuchen eine Rekonstruktion (?) des originalen Zustandes. Ein Missbrauch der Originalorte oder eine missglückte Rekonstruktion (Potsdamer Garnisonkirche) ist nicht ausgeschlossen.
11. Zeitzeugen: Balanceakt zwischen Empathie und Wissenschaft
Zeitzeugen haben längst ihre Pflicht getan (Bücher, Filme, Tonträger). Aber die Schmerzen und Qualen der Opfer entziehen sich der Darstellungsfähigkeit. Ein Forscher ist zur Erforschung von Details und Interpretation verpflichtet, wobei die Berichte Überlebender als Quellen genutzt werden können (mehrere Beispiele, und ein Gegenbeispiel ‚Binjamin Wilkomirski‘). Die Problematik der Deutung der Quellen betrifft nicht nur die Zeugnisliteratur sondern auch visuelle Darstellungen und kollektive Alltagserfahrungen. Die beanspruchte Deutungshoheit ist ein Problem sowohl der DDR-Geschichte als auch der KZ-Gedenkstätten. Authentische Zeitzeugen werden nicht verstummen, da sie Texte, Audio- und Videobotschaften hinterlassen haben.
12. Denkmalsetzungen: Ankerplätze im kulturellen Gedächtnis der Nation
Öffentliche Denkmale sind politisch notwendig für kultische Handlungen (Kranzablage und Veranstaltungen), aber auch zwiespältig besetzt zwischen Traditionspflege und kritischer Gegenwart (Erinnerung an die Wehrmacht). Sie sind oft das Ergebnis einer lang anhaltenden politischen Diskussion (Holocaustmahnmal in Berlin für jüdische Opfer, was andere Opfergruppen nicht ausschließt, und dem weitere folgten für Homosexuelle, Sinti und Roma, Euthanasieopfer). Der Erinnerung an die Täter und die Opfer dient die ‚Topographie des Terrors‘. Der Bruch mit NS-Tradition ist Voraussetzung einer wiedererlangten Selbstachtung (Jürgen Habermas). Die Kontroversen und oft lang anhaltenden Debatten sind Teil der Erinnerungskultur.
Erinnerungsorte müssen ergänzt werden durch eine Vermittlung von kognitiven Wissens, z.B. welche Länder im Krieg überfallen wurden (Polen, Griechenland, Sowjetunion (Russland, Ukraine und Weißrussland), Litauen, Estland, Lettland, Norwegen, Dänemark, Italien, Frankreich, Belgien, Luxemburg Niederlande, jugoslawische Länder, England) und welche Soldaten im Krieg gefallen sind (Briten, Amerikaner, Kanadier, Australier).
13. Wege in die Zukunft
Das Kaiserbild aus Bronze und Blei am ‚Deutschen Eck’ in Koblenz wurde nach 1945 erst entfernt, dann 1992 nach der Wiedervereinigung durch eine Bürgerinitiative als Kopie wieder aufgestellt. Die Umbettung Friedrichs des Großen nach Potsdam 1991, die Wiedereinweihung des Berliner Doms 1993 in seiner nationalen Bedeutung, sie alle sind keine Lernorte, weil die zum Nachdenken anregende Erinnerungskultur fehlt. Die Historie der Bundesrepublik wird oft mit Banalitäten illustriert, begleitet von einer Schlussstrich- und Entsorgungsmentalität, die sowohl die NS-Zeit als auch die DDR betrifft. Die Zukunft der Erinnerung liegt aber im Interesse der nachwachenden Generationen, denn die Bedrohung für einen neuen Faschismus ist nicht aufgehoben. Wie kann man sie für die Geschichte interessieren? Indem man Neugierde weckt und vielfältige Informationen anbietet, die auch u.a. die ‚Verführungsangebote‘ der Nazis enthalten. Nationalsozialismus als Lernstoff und nicht als Deklaration (hier spricht der Historiker) ist angesichts eines zunehmenden Antisemitismus wichtig. Es ist und bleibt noch viel zu tun gegen Vorurteile (auch gegenüber dem Islam), Ressentiments, Übereifer von ‚political correctness‘ und Ritualisierungen ohne Inhalte. Deshalb sind Gedenkstätten als Lernorte unverzichtbar.
Diskussion
Die Sorge von Benz als Historiker betrifft die Zukunft der Erinnerungskultur. Denn es ist der ‚innenwohnende Geist und die Geschichte, von welchem die Verfassungen gemacht worden sind und gemacht werden‘ (Hegel, nach Cassirer s. 359). Der Geist unserer Verfassung, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, ist in der innere Geist der Väter des Grundgesetzes nach dem Ende der NS-Zeit. Das ‚Niewieder‘ begründet eine Erinnerungskultur, die sich kritisch auf historisch gesicherte Fakten bezieht und nicht auf mythologisch verbrämten idealisierten Illusionen und einem Wunschdenken, das eine Wiederholung (wenn auch in einem anderen Gewand) nicht ausschließt. Ein Geschichtsbewusstsein, dass die Verbrechen im Krieg und in der Verfolgung stigmatisierter unschuldiger Menschen unterschlägt, verleugnet die Taten, die Täter und die Verführbarkeit und Ermutigung zu verbrecherischen Handlungen unter staatlicher und justizieller Anleitung. Die Abhängigkeit von moralischen und ethischen Einstellungen und Handlungen von der sozialen und politischen Umwelt und die ‚dünne Decke der Zivilisation‘ sind auch Ergebnisse der Erfahrungen in der NS-Zeit.
Dieses Buch ist wichtig, weil es Mythen und Verzerrungen der NS-Realität vorbeugt. Das ‚Niewieder‘, der Stachel im deutschen Nationalstolz, bezieht sich nicht nur auf die unschuldigen Opfer der NS-Ideologie, sondern auch auf die Opfer von Krieg und Vertreibung aufgrund von ideologischen Großmachtphantasien (u.a. 1000-jähriges Reich).
Es ist ein wichtiges und notwendiges Buch, dass die historischen Fakten ins Gedächtnis ruft (ergänzt durch Anmerkungen und Literatur), aufbewahrt und weitergibt und vor dem Sumpf von Lüge, Realitätsentstellung, Täuschung und falschen Ressentiments warnt. Die Erinnerungskultur an die NS-Zeit, ihre Täter und Opfer, kann nie abgeschlossen werden, da die Verbrechen und der Zivilisationsbruch unauflösbar mit unserer nationalen Geschichte verknüpft sind.
Fazit
Informativ, aufklärend und lesbar geschrieben und gleichzeitig ein Hinweis über die Bedeutung von Geschichtskenntnis und damit auch Geschichtsunterricht für das politische Bewusstsein
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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