Thomas Fuchs: Verkörperte Gefühle
Rezensiert von Dr. Franziska Sophie Proskawetz, 24.09.2025
Thomas Fuchs:Verkörperte Gefühle. Zur Phänomenologie von Affektivität und Interaffektivität. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2024. 412 Seiten. ISBN 978-3-518-30054-1. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 34,50 sFr.
Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 2454.
Thema und Entstehenshintergrund
„Verkörperte Gefühle“ – schon der Titel des Buches weist auf den zentralen Gedanken hin: Gefühle sind nicht bloß innere, mentale Zustände, sondern immer leiblich verankert. Thomas Fuchs knüpft dabei an phänomenologische Ansätze von Husserl, Merleau-Ponty und anderen an. Gefühle entstehen im Zwischenmenschlichen, sie zeigen sich in unserem Körper und werden durch ihn (an andere) vermittelt. Der Leib wird so zum Resonanzkörper, der Gefühle spiegelt und erst erfahrbar macht. Indem wir Gefühle verkörpern, treten wir in Verbindung zur Welt und zu anderen Menschen. Gefühle sind damit sowohl Ausdruck unseres Erlebens als auch Brücke zum Außen.
Autor
Thomas Fuchs, 1958 geboren, ist Psychiater und Philosoph. Er studierte Medizin, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte und promovierte anschließend in der Medizingeschichte. Er arbeitete als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und habilitierte sich in der Psychiatrie. Es folgte eine weitere Promotion in der Philosophie. Seit 2005 ist Thomas Fuchs Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Dort habilitierte er sich in der Philosophie. Thomas Fuchs bekleidet zahlreiche leitende Funktionen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. die Leibphänomenologie und die Phänomenologische Psychologie. International bekannt wurde er für seine Arbeiten zur phänomenologischen Anthropologie, zur Zeitlichkeit in Psychosen und zur Rolle des Leibes in Gefühlen, Bewusstsein und Beziehungen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch „Verkörperte Gefühle“ ist in die drei Teile Gefühl und Verkörperung (I), Interaffektivität (II) und Spezifische Gefühle, Stimmungen und Atmosphären (III) aufgeteilt. Jeder Teil enthält mehrere Aufsätze des Autors, die relativ unabhängig voneinander gelesen werden können. Die einzelnen Aufsätze beschäftigen sich mit verschiedenen Gefühlen. Dazu gehören u.a. Empathie, Vertrauen, Scham, Hass und Trauer. Ich werde im Folgenden auf zwei Aufsätze näher eingehen, den ersten und den letzten Aufsatz des Buches. Die Aufsätze befassen sich mit dem Gefühl des Lebendigseins und dem Glück.
Das Gefühl des Lebendigseins
Wie erfahren wir uns als lebendig? Thomas Fuchs nimmt die Lesenden zunächst in die Welt des Gefühls des Lebendigseins, indem er einleitend das bloße basale Gefühl des Existierens ohne Ich-Bewusstsein oder Orientierungssinn beschreibt, z.B. während bzw. kurz nach dem Aufwachen, wenn wir morgens erst allmählich zu uns selbst und unseren autobiographischen Selbsterfahrungen zurückkehren. Das Selbsterleben ist dabei leiblich verknüpft und an unser organisches Leben gebunden – wir nehmen unseren Körper nicht als ein Objekt wahr, sondern spüren ihn als einen gelebten Leib. Fuchs bezeichnet den Leib auch eindrücklich als „Verdichtungsort des Befindens“ (S. 32). Vitalgefühle, also Leibempfindungen wie Hunger, Durst, Müdigkeit oder Erschöpfung, bleiben dabei keine innerleiblichen Zustände, sondern wirken sich auf unsere Wahrnehmung der Umgebung aus. Ebenso unterliegen Lebewesen, bereits schon einfache Lebewesen wie Bakterien, einem Lebensdrang, also einem unbewussten Trieb, am Leben zu bleiben. Dieser Trieb, von Fuchs als Konation bezeichnet, ist bereits handlungsleitend, noch bevor wir in der Lage sind zu denken. Fuchs zeigt anschaulich anhand zahlreicher Beispiele, dass das Gefühl des Lebendigseins nicht nur ein biologisches Phänomen ist, sondern auch die Grundlage für unser Ich-Bewusstsein darstellt. Es ist eine leibliche Erfahrung, die uns als Subjekte in der Welt verortet und uns ermöglicht, uns selbst und andere zu erfahren.
Glück und Zeit
Was ist Glück? Fuchs unterscheidet zu Beginn des Beitrags zwei Formen des Glücks – „Glück haben“ und „glücklich sein“. „Glück haben“ versteht er dabei im Sinne von „zufällig begünstigt zu sein“ und glücklich sein als „eine Stimmung der tiefen, erfüllten Zufriedenheit“, die relativ unabhängig von äußeren Umständen auftritt. Als Gemeinsamkeit dieser Formen des Glücks stellt er fest, dass Glück jeweils von Unverfügbarkeit gekennzeichnet ist: „Glück stellt sich ein, es lässt sich nicht planen oder herstellen“ (S. 390). Die Glücksforschung dagegen versucht Faktoren zu definieren, die zum Glücksempfinden beitragen sollen. Dazu gehören u.a. stabile Beziehungen und Bindungen, Gesundheit, Humor.
Fuchs widmet sich im weiteren Verlauf des Aufsatzes dem Zusammenhang von Glück und Zeit und definiert Glück zunächst als einen „Zustand der Zeitvergessenheit, des Verweilens in der Gegenwart“ (S. 391). Aus diesem Grund widmet er sich zunächst der Frage, was die Zeit überhaupt ist. Es unterscheidet dafür die implizite oder gelebte Zeit und die explizite oder erlebte Zeit. Die erste Form der Zeit ist die Bewegung des Lebens selbst, ein eher unbewusster Modus, der in der Kindheit noch sehr vorherrschend ist und auch als Flow-Zustand bezeichnet wird: „Doch auch später [im Erwachsenenalter] bleibt er immer der Grundstrom unseres Erlebens, in den wir jedes Mal wieder eintauchen, wenn wir von einem Zustand, einer Wahrnehmung oder einem Tun ganz absorbiert sind“ (S. 392). Explizit erleben wir Zeit dagegen, wenn wir in einer Tätigkeit gestört, unterbrochen und/oder überrascht werden, also ein Riss das Gewohnte durchbricht, die Gegenwart sozusagen von der Vergangenheit oder Zukunft getrennt wird und ein vorher oder nachher entsteht. Dies ist meist verbunden mit Leid oder Unlust, dem Gefühl der Vergänglichkeit und damit einem der Zeit hilflos Ausgeliefertseins. Dieses Zeitverständnis setzt ein autobiographisches Gedächtnis voraus. Fuchs fasst die implizite und explizite Zeit wie folgt zusammen: „Die implizite Zeit ist die Zeit, die wir selbst sind; die explizite Zeit hingegen ist die Zeit, die wir haben (oder nicht haben)“ (S. 393).
Einige Seiten seines Aufsatzes widmet Fuchs auch der Depression. Dieses Krankheitsbild lässt die Zeit noch einmal anders erleben und stellt für Fuchs einen extremen Gegenpol des Zeiterlebens dar: Ein implizites Zeiterleben ist nicht mehr möglich, während ein explizites Zeiterleben umso drastischer zutage tritt. „In der Depression verwandelt sich Zeit fortwährend in Schuld, die nicht mehr abgetragen werden kann“ (S. 396). Beim Empfinden von Glücksgefühlen dagegen, z.B. während des bereits angesprochenen Flow-Zustands, kommt es zur Abwesenheit von äußerem Zeitempfinden, Sorgen und Befürchtungen und sogar vergangenem Schmerz. „Es entsteht ein Zustand von Selbst- und Zeitvergessenheit, und hinterher lässt sich oft nicht mehr sagen, wie lange das Erlebnis eigentlich gedauert hat“ (S. 397). Auch Drogenkonsum kann zu einem solchen Zustand und in der Konsequenz zu Abhängigkeiten führen. Glück kann sich aber auch dann einstellen, wenn ein lang verfolgter Weg sein Ziel findet, also ein Vorhaben zum Abschluss kommt. Als Beispiel nennt Fuchs das Gipfelglück eines Bergsteigers, der auf dem Weg zum Gipfel große Anstrengungen überwunden hat. Glück kann auch durch Sinneseindrücke hervorgerufen werden, die Erinnerungen wecken, Déjà-vu-Erlebnisse hervorrufen (z.B. die Erinnerung an die Kindheit beim Essen einer bestimmten Süßigkeit). In solchen Fällen verlassen Menschen sinnbildlich die gegenwärtige Situation und tauchen in eine andere Zeit ein.
Abschließend geht Fuchs noch auf die Jagd nach dem Glück in der Gegenwart, die bekanntlich geprägt von Beschleunigung ist. „Kampf mit der Zeit, rastlose Ungeduld und Getriebenheit sind typische Merkmale des Menschen in der postindustriellen Gesellschaft“ (S. 404). Die Jagd nach dem Glück geht oft einher mit dem sich Offenhalten von Möglichkeiten, dies sieht man gegenwärtig beispielsweise an der Flüchtigkeit virtueller Kommunikationen, der Scheu vor langfristigen Bindungen oder Verpflichtungen. Diese Art der Beziehungsführung verhindert Glücksgefühle. „Eine Gesellschaft, die eine immer größere Vielzahl von Wünschen weckt und suggeriert, sie alle erfüllen zu können, muss auch zu mehr Enttäuschung und Frustration führen“ (S. 406).
Diskussion Thomas Fuchs nimmt seine Leser*innen auf eine Reise in die Welt der Gefühle und betont deren Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit. Der zentrale Gedanke, dass Gefühle verkörpert und zwischenleiblich sind, eröffnet eine neue Perspektive auf Emotionen: Sie sind keine isolierten mentalen Zustände, sondern immer Ausdruck unserer leiblichen Präsenz und unserer Beziehung zur Welt. Im Erleben von Gefühlslagen – so unterschiedlich sie sind – erfahren wir uns selbst und andere. Gefühle geben Dingen und Menschen erst eine Bedeutung.
Der Aufsatz „Glück und Zeit“ ist auf für Menschen mit wenig Vorwissen relativ leicht lesbar und verständlich, die anderen Aufsätze im Buch sind teils sehr anspruchsvoll. Insgesamt eine klare Leseempfehlung für jede*n, die*der tiefer in die Welt der Gefühle eintauchen möchte. Die Aufsätze können auch gut unabhängig voneinander gelesen werden.
Fazit
Thomas Fuchs zeigt, dass Gefühle nicht nur mentale Zustände, sondern verkörpert und zwischenleiblich sind und uns sowohl mit uns selbst als auch mit anderen verbinden. Sie spiegeln sich im Leib und eröffnen eine grundlegende Resonanz zur Welt, die Bewusstsein, Handlung und Selbstwahrnehmung prägt. Damit liefert Fuchs eine theoretisch fundierte und praxisrelevante Perspektive, die Körper, Psyche und soziale Beziehungen miteinander verknüpft.
Rezension von
Dr. Franziska Sophie Proskawetz
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