Brigitte Schigl: Psychotherapie von Essstörungen
Rezensiert von Erwin Hemetsberger, 25.09.2025
Brigitte Schigl: Psychotherapie von Essstörungen. Ein gendersensibles, integratives Behandlungsmodell. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2024. 271 Seiten. ISBN 978-3-658-45305-3. D: 42,05 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.
Reihe: Integrative Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung.
Autorin
Dr. Brigitte Schigl ist Psychotherapeutin (Integrative Gestalttherapie, Integrative Therapie), klinische Psychologin, Coach und Supervisorin. Darüber hinaus ist sie in der Forschung und Lehre an der Universität für Weiterbildung Krems sowie der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften tätig. In letzterer Einrichtung ist sie Studiengangsleiterin der Psychotherapie- und Beratungswissenschaften. Die Autorin widmet sich schwerpunktmäßig der Forschung zur Psychotherapieforschung, Supervision sowie Gender. Seit 30 Jahren ist Dr. Schigl erfahren in der psychotherapeutischen Behandlung von Mädchen und Frauen mit Essstörungen.
Thema
Essstörungen werden vorwiegend und zunehmend in der westlich-industrialisierten Welt diagnostiziert und behandelt, insbesondere bei Frauen und Mädchen. Das vorliegende Buch Dr. Schigls thematisiert Essstörungen als Symptome bzw. Diagnosen einer psychischen Erkrankung nicht nur des leidenden Individuums, sondern auch als Syndrom einer entfremdenden, kapitalistisch konsumorientierten Gesellschaft, die insbesondere Frauen mit einem fordernden Blick, auch in Bezug auf Körperlichkeit begegnet. Dr. Schigl zeigt in ihrem Buch wie Psychotherapie bei Essstörungen gelingen kann.
Aufbau
Die Autorin ist Integrative Therapeutin, folgerichtig folgt der Aufbau des Buches dem die Integrative Therapie konstituierenden „Tree of Science“: Ausgehend vom den Grundlagen des Menschenbildes im integrativ-psychotherapeutischen Umgang mit essgestörten Menschen (Large Range Theory), über die Theorien mittlerer Reichweite, die wichtig für das Verständnis von Patient:innen mit Essstörungen sind, den Small Range Theories (Essstörungen per se) wird der Bogen zur Praxeologie (therapeutische Interventionen) bzw. schließlich den Präventionen von Essstörungen gespannt.
Inhalt
Im ersten Teil des Buches geht es um die Grundannahmen des Menschseins, insbesondere des essgestörten Menschen respektive von Frauen und Mädchen aus Sicht der Integrativen Therapie. Das Menschenbild der Integrativen Therapie zu verstehen ist insofern relevant, als sich daraus die Maßnahmen der ambulanten Psychotherapie ableiten und verstehen lassen. Diese genderbezogene Sicht zieht sich konsequent durch die Folgekapitel, wobei Gender sich im Buch nahezu ausschließlich auf das weibliche Geschlecht bezieht.
Im nächsten Kapitel, beschäftigt sich Dr. Schigl mit den Middle Range Theories, also mit Theorien und Annahmen, die für das Verständnis der Genese und Dynamik von Essstörungen wichtig sind und die dem Verständnis dieser Krankheitsbilder und der davon betroffenen Patient:innen dienen. Folgende Fragen werden diskutiert: Was bedeutet Nahrung und Essensaufnahme im gesellschaftlichen Kontext bzw. wie hat sich die Bedeutung über die Zeit gewandelt? Welche Rolle spielen bio-psycho-soziale Entwicklungsprozesse von Kindern für die Herausbildung von Essstörungen und welchen Einfluss haben dabei weibliche wie männliche Bezugspersonen? Mit welchen gesellschaftlichen Herausforderungen sehen sich speziell Frauen konfrontiert? Welche körperlichen Schönheitsideale werden kreiert, favorisiert und medial inszeniert? Ein eigener Abschnitt in diesem Kapitel widmet sich dabei frauenspezifischer/feministischer Psychotherapie, ihrer Geschichte, den Hintergründen ihrer Entstehung, ihrer Praxis sowie der Differenzierung zur bzw. der Verschränkung feministischer Psychotherapie mit der Integrativen Therapie.
Im dritten Teil werden Essstörungen spezieller in den Blick genommen. Beginnend mit der Geschichte von Essstörungen, auch im religiösen Kontext, ihrer Benennung und Behandlung vor einem jeweiligen kulturellen, gesellschaftlichen, zeitgeistigen und Gender Hintergrund widmet sich die Autorin dann deren Gemeinsamkeiten, Epidemiologie, Ätiologie und Auslösern sowie dem problematischen Beitrag, den Diäten dazu leisten. Ergänzend werden die Entwicklung und Grundlagen des Anti-Diät-Ansatzes skizziert, auf den in weiterer Folge immer wieder referiert wird. Die im Folgenden dargestellten Diagnosen beschreiben diese nicht nur nach den im ICD 10 definierten Kriterien, sondern auch, und das macht diesen Abschnitt des Kapitels so interessant, nach psychodynamischen Aspekten, wobei die Autorin hier aus ihrem langjährigen Erfahrungsschatz als praktizierende Psychotherapeutin schöpft. Darüber hinaus werden die einzelnen Störungen auch nach phänomenologischen Gesichtspunkten dargestellt. Gerade die Phänomenologie als Mittel zur Diagnose, aber auch Heilung zeichnet die Integrative Therapie aus. Dr. Schigl bleibt hier also stringent und zeichnet ein mehrdimensionales Bild der jeweiligen Störungsbilder. Es werden nicht nur körperliche, psychische und gesellschaftliche Aspekte der im ICD-10 gelisteten Essstörungen Anorexie, Bulimie, Binge Eating samt Subkategorien behandelt, sondern auch bislang nicht kodifizierte Erkrankungen wie Orthorexie oder subklinische Essstörungen. Die Autorin nimmt bei allen Krankheitsbildern die Zusammenhänge zwischen Frausein und Essstörung in den Blick. Ein kleines Unterkapitel befasst sich hier auch mit Essstörungen bei Männern. Den Abschluss bildet ein Vergleich der Klassifikation von Essstörungen wie sie im ICD-10 bzw. im 2022 neu erschienen ICD-11 beschrieben werden.
Im praxeologischen Hauptteil des Buches werden konkrete psychotherapeutische Interventionen vorgestellt, die auf die Behandlung der oben genannten Störungsbilder abzielen. Diese basieren zum Einen auf dem theoretischen Fundament und dem Menschenbild der Integrativen Therapie, zum Anderen auf der 30-jährigen Erfahrung Dr. Schigls als Psychotherapeutin, die sich schwerpunktmäßig der Behandlung von Essstörungen Betroffenen gewidmet und, wie sie erwähnt, auch von diesen gelernt hat. Für jede:n Psychotherapeut:in ist eine tiefgehende Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis Voraussetzung, um sich auch in die (Leidens-)Welt von Patient:innen hineinversetzen und hineinfühlen zu können. Folgerichtig lädt die Autorin zu Beginn des Kapitels jene Kolleg:innen ein, die mit essgestörten Menschen arbeiten wollen, sich mit der eigenen Geschichte von Essen und Leiblichkeit im Sinne der Integrativen Therapie auseinanderzusetzen. Dazu offeriert sie einen umfangreichen Katalog an Fragen, die Behandler:innen vor Behandlungsbeginn sowohl sich selbst als auch im Laufe der Behandlung ihren Patient:innen stellen können. Allgemeine Überlegungen, die es je nach Therapiephase zu beachten gilt, die Berücksichtigung von bzw. der Umgang mit Therapiezielen sowie die Beachtung spezieller Dynamiken „genderhomogener weiblicher (!) Therapiedyaden“ können durchaus als praktische Tipps der Autorin verstanden werden, die die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Behandlung erhöhen können.
Schließlich werden die oben erwähnten Störungsbilder genauer in Augenschein genommen, die mögliche Herkunft und Symboliken ihrer Symptome entschlüsselt und mit konkreten Interventionsstrategien und -vorschlägen der Autorin versehen. Was diesen Abschnitt des Buches so wertvoll macht, sind die Praxisüberlegungen, die sich zwar auch an einzelnen Phasen der Behandlung orientieren, aber keinen idealtypischen Therapieverlauf als Maßstab sehen. Vielmehr werden auch Interventionsmöglichkeiten in schwierigen Zeiten und der Umgang mit Patient:innenwiderstand gezeigt. Hervorzuheben ist, dass an dieser Stelle des Buches immer wieder Reflexionen und Feedback von betroffenen Patient:innen eingearbeitet wurden.
Anschließend werden Methoden und Praxeologien der Integrativen Therapie, die sich ja aus den vier Psychotherapierichtungen Tiefenpsychologie, Humanistische Therapie, Verhaltenstherapie und Systemische Therapie speist, entlang der „Vier Wege der Heilung“ aufgezählt und hinsichtlich ihrer konkreten Anwendung bei Essstörungen beschrieben.
Die Arbeit in Gruppen mit essgestörten erwachsenen Frauen, mit Mädchen (Autorin: Sonja Pasch) und jene mit Angehörigen von Betroffenen werden gesondert und praxisrelevant behandelt. Abgeschlossen wird das Kapitel damit, wie eine Zusammenarbeit mit Ärzt:innen und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe idealiter zu gestalten ist und mit einem Abriss an Herausforderungen, mit denen Therapeut:innen in der Behandlung von Essstörungen konfrontiert sind.
Im letzten Teil des Buches, vor der Zusammenfassung und dem Schlusswort, bringt die Autorin noch das Thema Prävention von Essstörungen zur Sprache, wobei Risiko- und Schutzfaktoren gleichermaßen Erwähnung finden.
Diskussion
Die Tatsache, dass psychische Erkrankungen, insbesondere Essstörungen in der industrialisierten Welt zunehmen, wäre an sich Grund genug, sich mit der neuesten Literatur diesbezüglich auseinanderzusetzen. Was das Werk Dr. Schigls darüber hinaus lesenswert macht, sind folgende Gründe: Ausgehend von einem Menschenbild, das den leidenden, in diesem Fall den essgestörten Menschen eingebettet und verleiblicht in einer objektiven wie subjektiv erlebten Welt erkennt, die etwas mit diesem Menschen „macht“, schuf die Autorin ein Werk, dass eher den Zugang zur erfolgreichen Behandlung von Essstörungen schafft, als dies ein bloßes Manual täte, das auf die Abstellung von Symptomen zielt. Es geht also auch um eine bestimmte Haltung den essgestörten Patient:innen gegenüber. Dies gelingt, OBWOHL praktische Behandlungsbeispiele gegeben werden, die auf fundierter integrativtherapeutischer Theorie und 30-jähriger Erfahrung Dr. Schigls beruhen und die eher als Anregungen, denn als Handlungsanweisungen zu verstehen sind. Der Zugang ist ganzheitlich, es werden dabei nicht nur die kontextgebende Lebenswelt der Patient:innen berücksichtigt, sondern alle relevanten Faktoren, die verantwortlich für gelungene Psychotherapie sein können, Patient:in, Behandler, Angehörige, Institutionen, Interventionen und eben das Menschenbild. Natürlich könnte man auch nur den praxeologischen Teil des Buches lesen, um sich Anregungen in der Behandlung von essgestörten Menschen zu holen. Liest man aber auch die vorgelagerten Kapitel, bekommt man auch den theoretischen Teil in wohltuend verständlicher Sprache verabreicht und erlangt ein Hintergrundverständnis zur Integrativen Therapie und zu Essstörungen aus integrativer Sicht, das es Psychotherapeut:innen ermöglicht, Interventionen dynamisch und flexibel in unterschiedlichen Tiefungsgraden vorzunehmen, sprich „integrativ“ zu arbeiten. Für (Integrative) Therapeut:innen, die sich auf Essstörungen spezialisieren, ist dieses Buch wohl Pflichtlektüre. Für alle anderen eine Bereicherung.
Fazit
Ein gelungenes Werk, das von allen gelesen werden sollte, die sich mit Essstörungen auseinandersetzen. Insbesondere von integrativen und humanistisch orientierten Psychotherapeut:innen, aber auch von allen am Thema interessierten Angehörigen von Gesundheitsberufen, die mehrperspektivisch denken und arbeiten.
Rezension von
Erwin Hemetsberger
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