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Detlef Pollack: Große Versprechen

Rezensiert von Peter Flick, 12.05.2025

Cover Detlef Pollack: Große Versprechen ISBN 978-3-406-82889-8

Detlef Pollack: Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise. Verlag C.H. Beck (München) 2025. 191 Seiten. ISBN 978-3-406-82889-8. 18,00 EUR.
Reihe: C.H. Beck Paperback.

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Thema

Soziologische Versuche, „ihre Zeit in Gedanken zu fassen“ (Hegel), haben angesichts „globaler Krisen“ derzeit Konjunktur. Auch Detlef Pollacks Essay möchte einem verunsicherten Publikum helfen, sich im „Gestrüpp der Gegenwartsprobleme“ zurechtzufinden. Dazu bedarf es nach Meinung des Autors allerdings „theoriegeleiteter Unterscheidungen, die unserem Suchen Ziel und Orientierung geben“ (14).

Wo Eva Illouz in ihrem Buch „Explosive Moderne“ (2024) die destruktiven Tendenzen in der emotionalen Tiefenstruktur der westlichen kapitalistischen Gesellschaften aufsucht, will Detlef Pollack durch einen systemanalytischen Zugriff zunächst einmal die Charakteristika einer Theorie der Moderne herausarbeiten, um sich so über die Grundzüge unserer Gesellschaft Klarheit zu verschaffen.

Dabei stellt der Autor fest, dass die vielgeschmähte westliche Moderne durchaus in der Lage ist, ihre selbst erzeugten explosiven Potenziale zu entschärfen. Für ihn hat eine Theorie der Moderne die Funktion, auf die politischen Gefahren überzogener Zukunftserwartungen und Freiheitswünsche hinzuweisen. Das Projekt der Moderne stellt die normativen Mittel bereit, um mit den aktuellen Krisen und „Dilemmata“ fertigzuwerden, das ist die feste Überzeugung des Autors. Daran sollen wir uns gerade in Krisenzeiten erinnern.

Autor

Detlef Pollack (*1955) lehrte bis zu seiner Emeritierung 2023 als Soziologe an der Universität Münster. Zu seinen akademischen Forschungsschwerpunkten gehörte der religiöse Wandel in West- und Osteuropa und in den USA, die Säkularisierung und Entwicklung der christlichen Kirchen in den modernen Gesellschaften und die zentrale Rolle der Religion bei der Herausbildung der modernen Welt (Pollack, Detlef/Pohlig, Matthias: Die Verwandlung des Heiligen: Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion, 2020).

Aufbau und Inhalt

In seiner Einleitung (7 ff.) kritisiert der Autor zunächst die mediale Tendenz zu einer „Empörungsrhetorik“ (10), dann die gängigen „Angebote zur sozialwissenschaftlichen Deutung“ (11) der Gegenwartsgesellschaft, die als „Neuauflagen der kritischen Theorie“ (11) vereinfachende Diagnosen mit normativen „Schnellschüssen“ verbinden. Neben den Neuauflagen der Kritische Theorie werde inzwischen ein ganzes Arsenal von „Globalisierungstheorien, postkoloniale(n) Ansätze(n), Theorien der multiple modernities und ethnographische Kulturtheorien gegen eine soziologische Theorie der Moderne in Stellung gebracht, die an der Vorstellung einer Einheit der Moderne zweifeln.“ (14). Gegen modische Tendenzen, die „auf die Verwobenheit der Moderne mit außereuropäischen Kulturen verweisen“ (14) und auf „historischen Überschneidungen und unscharfen Grenzen“ (14) bestehen, will Detlef Pollock am Anspruch einer trennscharfen Theorie der Moderne festhalten. Sie basiert auf einer Analyse der „charakteristische Unterschiede zwischen Vormodern und Moderne“ (16) und führt zur Einsicht in die „Verteidigungswürdigkeit“ der westlicher Werteordnung. Die Kritik am westlichen Ordnungsmodell dürfe sich der Westen „nicht aus der Hand nehmen zu lassen“, denn die „Selbstkritik“ sei schließlich ihr „bester Teil“ (16 f.).

Die folgenden Kapitel beschreiben die „Sinndimensionen“ der Moderne, wie sie Niklas Luhmann in die soziologische Deutung der modernen Gegenwartsgesellschaft eingeführt hat. Sie entwerfen das Bild einer „riskanten“ Moderne, in der unterschiedliche Kräfte miteinander ringen und sich wechselseitig im Zaum im Zaum halten.

1. Der zeitliche Horizont der Moderne: Steigerung und Selbstbegrenzung (18 ff.)

Die Darstellung des zeitlichen Horizonts der Moderne beginnt mit der historischen Durchsetzung eines neuen Zeitregimes im Übergang von der Frühen Neuzeit zur Moderne. Im Rekurs auf diese entscheidende „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) der europäische Moderne macht Pollack klar, dass das „große Versprechen“ ungeahnter Freiheitsräume von Anfang von einer Gegentendenz zur „Begrenzung des Fortschrittsoptimismus“ (24 ff.) begleitet wurde. Sie begrenzte von Anfang an die Steigerungs- und Experimentierlust der Moderne. Die gesellschaftliche Moderne ist so gesehen „eine Geschichte der Reaktionen auf sich selbst. Bis heute zeichnet sie sich durch den Glauben an die Verbesserbarkeit der Verhältnisse und die Revidierbarkeit von Fehlern aus.“ (30).

Im Abschnitt „Reformen, Selbstkorrektur und Lernen“ (30 ff.) wird deutlich, was mit der „Korrektur sozialer Fehlentwicklungen“ gemeint ist. Keinesfalls dürften radikale Reformen die Differenzierungsgewinne der Moderne verspielen. Denkbar ist die „Korrektur von sozialen Fehlentwicklungen“ (34) im Sinne sozialstaatlicher Kompensationen oder eine marktkonforme „Eindämmung von Umweltschäden“ (36 f.). In sozialer und politischer Hinsicht „überzogene Erwartungen“ an radikale Reformen oder einem Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft schüren hingegen eine „demokratiegefährdende Krisenwahrnehmung“ (39), wie die zeitgenössischen Wiederauflagen der Kritischen Theorie mit ihrer simplifizierenden Kapitalismuskritik (siehe die Anmerkungen zu Stephan Lessenich, 30, oder Hartmut Rosa und Nancy Fraser, 41f). Der Autor verteidigt ein selbstreflexives kapitalistisches Wachstumsmodell, das erwiesenermaßen besser als andere politisch gelenkte Systeme in der Lage sei, die ökonomische Expansionsdynamik moderner Gesellschaften zu begrenzen und dem ökologischen Prinzip der Nachhaltigkeit Geltung zu verschaffen („Ist Wachstum notwendig?“, 46 ff.)

2. Die Sachdimension der Moderne: Autonomie und Abhängigkeit (51 ff.)

In den Kapiteln zur „Entkoppelung von Religion und Politik“ (51 ff.), der „Entflechtung von Politik und Wirtschaft“ (54 ff.), der „Autonomie von Philosophie, Kunst und Literatur“ (63 ff.) und zur Entwicklung „semantischer Codes“ (67 ff.) beschreibt Pollack die Moderne als Fortschrittsprozess. Im Vergleich mit der Vormoderne sind die Differenzierungsgewinne evident.

Der Autonomie der gesellschaftlichen Subsysteme von Politik, Wirtschaft und Kultur entspricht ein Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit, die ein „Zusammenspiel der Teilsysteme“ (69 ff.) notwendig macht. Die entstehenden Grenzkonflikte müssen immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. So führt der Verteilungskonflikt im Sinne der sozialen Gerechtigkeit immer wieder zu Spannungen zwischen Wirtschaft und Sozialstaat und zur Suche nach produktiven Lösungen, die sich als „anschlussfähig“ erweisen. Die Emotionalisierung des Konfliktgeschehens gehört zu den unvermeidlichen Nebenwirkungen einer „irritierten Gesellschaft“ (75 ff.).

3. Die soziale Dimension der Moderne: Inklusion und Individualisierung (79 ff.)

Mit der „Auflösung feudaler Abhängigkeitsverhältnisse“ (82 ff.) und der „Inklusion“ (85 ff.) immer größerer Teile der Bevölkerung in die Gesellschaft, die so eine eigene Stimme bekommen, um für ihre Interessen und Werte einzutreten, entstehen zugleich „moderne Wettbewerbsforen“ (90 ff.) und verschiedene „Ebenen des Sozialen“ (95ff), deren „pluralistische Struktur“ (99 f.) autoritären Systemen überlegen sei. Das „Individuum“ wird zum „Maß aller Dinge“ (101 ff.). Es bewegt sich zwischen,„Ansprüchen und Investments“ und „Enttäuschungen und Ängsten“ (106 ff.). Gegen eine einseitige Kritik des modernen Individualismus verweist Detlef Pollack auf die selbstverantwortliche Lebensplanung, die ein Bewusstsein der sozialen Abhängigkeit von der Gesellschaft einschließt. Der moderner Individualismus führe nicht zwangsläufig, wie seine Kritiker behaupten, zu einem „Wertenihilismus“ oder einer „kulturellen Verarmung“ der modernen Gesellschaft.

4. Dilemmata der Moderne (114 ff.)

Trotz des weitverbreiteten Unbehagens an der Dominanz des Westens und seiner Tendenz zur Kolonialisierung von Mensch und Natur sei er immer noch am ehesten ein Ort von Freiheit, Frieden und Rechtsstaatlichkeit. Das westliche Gesellschaftsmodell ist für Pollack offen für einen Wettbewerb über die besten Konzepte der Gesellschaft. Dadurch seien die Demokratien des Westens und ihre Verbündeten noch am ehesten fähig, tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen zu finden: die Bedrohung durch Kriege, die Klimakrise und den Rechtspopulismus.

Neue militärische Bedrohungen (115 ff.)

Der Krieg, den Russland gegen die Ukraine und das westliche Demokratiemodell führt, mag zum Teil durch die Verteidigungsbereitschaft der NATO provoziert worden sein. Doch nicht der Westen, der sich jahrzehntelang für den Aufbau einer internationalen Friedensordnung eingesetzt hat, habe die „Kriege in Nahost und in Osteuropa“ begonnen, sondern Verbrechersysteme, die den Kampf gegen den Westen zur Staatsdoktrin erhoben hätten. „Die Hamas und der Kreml scheinen zu allem bereit zu sein“. Ihre Attacken zeigen, dass sie „das Leben und die Würde der Menschen nicht achten.“(124). Dass der Westen derzeit „international mit dem Rücken zur Wand“ stehe, „von innen und außen diskreditiert, zugleich an Normen und Werten festhält, die von anderer Seite skrupellos verletzt werden“ (126), spreche für ihn und seine Werteordnung.

Die Klimakrise (126 ff.)

Die Klimakrise ist durch die fossile Basis der westlichen Art des Wirtschaftens verursacht worden, das ist für den Autor keine Frage. Wenn es aber darum geht, sie zu bewältigen, so seien es aber die westlichen Staaten, die dazu am meisten beitragen. Sie seien bereit, Klimaziele vertraglich festzuschreiben und sie hätten sich verpflichtet, in einem vereinbarten Zeitraum klimaneutral zu produzieren. Darüber hinaus legten sie Hilfsfonds auf, um andere Länder in ihren Anstrengungen zur CO 2-Reduktion zu unterstützen, obwohl sie in ihren Bemühungen von anderen Staaten nicht in gleichem Maße unterstützt würden. Auch hier befinden sich die Länder der westlichen Welt nach Meinung des Autors in einer dilemmatischen Situation, die sie nicht allein bewältigen könnten und die sie auch nicht allein verschuldet hätten. Insgesamt müsse man würdigen, dass die europäischen Staaten an den Zielen des Pariser Klimaabkommens festhielten, auch wenn klar sei, dass damit allein der weltweite Anstieg der Durchschnittstemperatur nicht verhindert werden kann.

Rechtspopulismus (140 ff.)

Das unaufhebbare „Demokratieparadox“ (150) lautet: Demokratie kann „sich mithilfe ihrer eigenen Verfahren sogar abschaffen kann“ (150). Aber zu diesem, in jeder Demokratie vorhandenen Gefahr gibt es eine Gegenkraft: die verantwortungsbereiten, „ermutigten Individuen“, die an demokratischen Verfahren partizipieren. Sie vermögen es „den Rechtspopulismus und andere Gegner des Westens in Schach zu halten.“ (150). Allerdings könne ihre „explosive Kraft, auf der die gesellschaftliche Dynamik der Moderne beruht, auch destruktive Potenziale entbinden.“(150).

In seinem Fazit (151 ff.) stellt Detlef Pollack fest, dass die durch eine „Demokratisierung der Öffentlichkeit“ (196) bewirkte „Vielfalt“ der Stimmen anstrengend sein kann. Aber die „kommunikativen Dauerirritation“ (157) ist ein Bestandteil der moderne Gesellschaften. Ihr können wir nicht entrinnen. Am Ende bleibt nur die Einsicht in die Bedingungen einer „reflexiven Moderne“ (Ulrich Beck), die es ohne „Schmerzen“ und das „Risiko des Scheiterns“ (158) nicht geben kann.

Diskussion

Angesichts des Umgangs der westlichen Staaten mit den „globalen Krisen“ der Gegenwart stellt sich die Frage, inwiefern überhaupt noch von einer gemeinsamen Wertordnung des Westens die Rede sein kann. Das gilt insbesondere für die Fähigkeit zu kumulativen Lernprozessen, die Detlef Pollack als Charakteristikum westlicher Werte hervorhebt.

Kann man angesichts der westlichen Klimapolitik im Ernst von einer Lernfähigkeit oder Weitsicht ihrer wirtschaftlichen und politischen Eliten sprechen? Weder in der deutschen Regierung noch im europäischen Staatenverbund ist die Erkenntnis zu spüren, dass eine Klimapolitik, die diesen Namen verdient, keinen weiteren Aufschub duldet.

Was die von Detlef Pollack angesprochene Bedrohung durch Kriege angeht, so ist unter Demokraten sicher unstrittig, dass die Opfer der Aggressionen (Ukraine und Israel) Anspruch auf unsere solidarische Unterstützung haben. Das schließt im Verteidigungsfall auch eine rechtlich erlaubte und moralisch gebotene Unterstützung mit Waffen ein. Deshalb darf nicht ein kritisches Bewusstsein dafür verloren gehen, dass sich auch westliche Demokratien im Krieg skrupellos über menschenrechtliche Normen und völkerrechtlichen Regeln hinwegsetzen. Zudem macht die Entstehung und der Verlauf des Ukrainekriegs deutlich, wie ein russischer Revisionismus auf einen orientierungslosen Westen trifft, deren Führungsmacht ihren moralischen Kredit auch schon vor Trump verspielt hat. Die normative Schwäche des westlichen Projekts der Moderne verrät sich erst recht in der kopflosen Politik einer Europäischen Union, die in diesem Konflikt keine gemeinsame Handlungsperspektive entwickeln konnte.

Angesichts des Fehlens einer gemeinsamen Sicherheitspolitik der europäischen Staaten und fehlender eigener Initiativen darf man festhalten, dass auch die europäischen Staaten ein Stück Mitverantwortung an einem inzwischen festgefahrenen Ukrainekrieg tragen. Das gilt auch für die fortdauernde Barbarei des Gazakriegs.

Fazit

Der Essay Detlef Pollocks bietet, in klarer Sprache und damit auch für Nicht-Soziologen verständlich geschrieben, seinen Leser:innen eine anregende Darstellung einer Theorie der Moderne, die dem systemtheoretischen Ansatz Niklas Luhmanns folgt. Wenig überzeugend fällt hingegen seine Polemik gegen zeitgenössische Ansätze einer Kritische Theorie aus, denen er unterstellt, dass sie in negativistischen Haltungen gegenüber der Moderne steckenblieben. Was den Umgang mit den „globalen Krisen“ angeht, so verfehlt Detlef Pollacks Diagnose die blinden Flecke in der Selbstwahrnehmung der westlichen Moderne. Gerade der Umgang der westlichen Staaten mit der globalen Klimakrise oder auch ihre Haltung in kriegerischen Konflikten zeigt, wie sehr sie aktuell hinter ihren selbstgesetzten normativen Ansprüchen zurückbleiben.

Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Es gibt 44 Rezensionen von Peter Flick.

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ISSN 2190-9245