Sybille Steinbacher, Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland
Rezensiert von Ronny Noak, 23.12.2025
Sybille Steinbacher, Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie.
Wallstein Verlag
(Göttingen) 2025.
205 Seiten.
ISBN 978-3-8353-5841-6.
D: 20,00 EUR,
A: 20,60 EUR.
Reihe: Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte: Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte - Band 22.
Thema
Der ehemalige Partei- und Fraktionschef der Alternative für Deutschland (AfD) Alexander Gauland hatte 2018 geäußert: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Deutlich wird hier die Relativierung der Zeit des Nationalsozialismus (NS). Dass Gaulands Ansichten keine Einzelmeinungen in der Alten und Neuen Rechte ist, zeigt der hier besprochene Band. Er verdeutlicht wie Geschichtsrevisionismus und die relativierende Auseinandersetzung mit der NS-Zeit „ideologischer Kernbestand“ (S. 7) rechtsextremen Denkens sind. Anhand verschiedener Politikfelder, medialer Auseinandersetzungen und ideologischer Prämissen wird gezeigt, welch unterschiedliche Erscheinungsformen Geschichtsrevisionismus gegenwärtig besitzt.
Autor:in oder Herausgeber:in
Herausgegeben wird der Band von Jens-Christian Wagner und Sybille Steinbacher. Wagner ist Historiker, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Die Co-Herausgeberin ist ebenso Historiker und zugleich Direktorin des Fritz Bauer Instituts sowie Professorin für Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Zu den Autor*innen des zählen weitere Historiker, was bei dem Thema naheliegt, wie Imanuel Baumann, Maik Tändler und Justus H. Ulbricht. Aber auch die Politologen Maik Fielitz und Markus Linden kommen zu Wort. In der Regel entstammen sie dem wissenschaftlichen und akademischen Betrieb und sind, wie beispielsweise Sophie Schönberger oder Fabian Virchow, Professor*innen thematisch angrenzender Fachgebiete wie Öffentliches Recht bzw. Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns.
Entstehungshintergrund
Der Band geht auf die wissenschaftliche Tagung „Dachauer Symposium“ 2023 zurück. Er versammelt dessen wichtigste Ergebnisse durch die in Dachau Vortragenden.
Aufbau
Der Aufbau umfasst drei grundlegende thematische Felder. Nach einer umfassenden Einführung in die Thematik durch den Herausgeber Jens-Christian Wagner werden im ersten Kapitel Formen des Geschichtsrevisionismus in den Blick genommen. Dabei geht es unter anderem um die Pandemieleugnung und den Rechtsterrorismus. Im sich anschließenden zweiten Kapitel, das mit dem Titel „Felder“ überschrieben ist widmen sich die fünf versammelten Autoren beispielsweiße der „Kampagne der extremen Rechten gegen die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit“ (S. 71) oder dem rechten Verlagswesen als medialer Ausdruck der Bestrebungen. Abgeschlossen wird der Band mit einem zwei Beiträge umfassenden Kapitel zur Ideologie der geschichtsrevisionistischen radikalen Rechten.
Inhalt
Begonnen wird der Band, nach der Einleitung der Herausgeber*innen, mit einem umfassenden Einführungsaufsatz von Jens-Christian Wagner. Wagner steigt dabei direkt in das Thema ein. Er befasst sich mit der Genese geschichtsrevisionistischer Legenden, welche sich bis in die Zeit des Nationalsozialismus (NS) zurückverfolgen lassen. Dreh- und Angelpunkt rechter Geschichtsmythen war dabei die Mär von der „jüdischen Kriegserklärung“ (S. 16) an Deutschland, die schließlich mit einer Uminterpretation des Morgenthau-Plans durch Joseph Goebbels weiter unterfüttert wurde. Auf den folgenden Seiten schreitet der Autor mit seiner Analyse voran und zeigt, wie sich rechte Geschichtsmythen nach 1945 verbreiteten und welche steten Muster sie nutzten. Besonders hervorzuheben ist der Abschnitt zu „Nachwirkungen der DDR-Geschichtspolitik“ (ab S. 24), der noch einmal ergründet warum gerade im Osten Deutschlands Geschichtslegenden so erfolgreich sind und einen Anknüpfungspunkt für rechte Erzählungen bilden. Grund dafür ist unter anderem, dass „eine wirkliche Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung für die NS-Verbrechen (…) in der DDR weitgehend aus[blieb]“ (S. 26).
Im folgenden Beitrag untersucht Fabian Virchow, wie sich Verschwörungserzählungen mit historischem Bezug während der Coronapandemie äußerten. Einen besonderen Fokus legt der Autor dabei auf die Verbindungen von Antisemitismus und einer angeblichen „New World Order“. Besonders wichtig ist dabei zu erkennen, dass sich dieser nicht immer direkt zeige, sondern häufig durch Chiffren codiert wird. Nicht zuletzt zeigte sich der Bezug zum Thema des Sammelbandes auch während der Corona-Proteste, indem die „Selbstinszenierung der Teilnehmenden als Opfer“ (S. 48) auf eine Stufe mit der Vernichtung der NS-Gewaltpolitik gestellt wird.
Dass es sich bei der Geschichte des Rechtsextremismus nicht nur um eine Vorstellungswelt sondern um eine radikale Ideologie handelt, zeigt der Beitrag von Imanuel Baumann. Er ergründet den Rechtsterrorismus als konstitutive Form des gewaltförmigen Geschichtsrevisionismus, der bereits lange vor dem NS-Staat begann und längst nicht 1945 endete.
Volker Weiß geht im Anschluss einer zentralen Institution der Neuen Rechten und ihren Aktivitäten im Umfeld der Alternative für Deutschland (AfD) nach: dem Institut für Staatspolitik (IfS). Längst hat es sich sowohl als Denkfabrik als auch als Publikationsorgan etabliert, welches den „geistige[n] Bürgerkrieg“ (S. 79) forciert. Aus dem Umfeld des Instituts entstehen schließlich Gegenerzählungen zur demokratischen Erinnerungskultur, die darauf abzielen den Nationalsozialismus weiter zu relativieren. Der sich anschließende Beitrag von Markus Linden ergänzt diese Sicht, geht er doch der Strategie der AfD im erinnerungspolitischen Raum nach. Auch hier zeigt sich und dies wird somit zum Leitmotiv des Bandes, dass es eine lange Tradition rechter Geschichtsideologie gibt, die nun aber einen neuen Kommunikationskanal bis in die Parlamente gefunden hat. Es werden zentrale Felder ausgeleuchtet, die schließlich in den rechten Narrativen von der „Verharmlosung des Nationalsozialismus, das Relativieren der deutschen Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg oder die Ablehnung der kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit (S. 102) kulminieren.
Etwas überraschende Erkenntnisse vermittelt der Beitrag von Maik Fielitz.Dieser untersucht in der einzigen quantitativen Studie des Bandes die Bedeutung geschichtsrevisionister Topoi in der digitalen Welt. Bei der Untersuchung verschiedener Plattformen und wird gezeigt, dass „quantitaiv gesehen revisionistische Themen außen in Compact kaum erwähnenswerte Verbreitung finden“ (S. 117). Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der Verbreitung geschichtsrevisionistischer Thesen um eine zentrale Strategie rechter Akteure handelt, die aber vor allem Misstrauen gegenüber Demnokrat*innen säen soll.
Was der Beitrag von Volker Weiß schon angedeutet hatte, vertieft Justus H. Ulbricht schließlich in seinem Aufsatz. Auch er widmet sich der zentralen Rolle des IfS und seiner Akteure sowie Mittäter*innen aus dem Umfeld. Bräuchte es noch einen klareren Beleg für die Radikalität und strategische Ausrichtung des rechten Geschichtsrevisionismus, Ulbricht liefert ihn.
Beschlossen wird der Band mit zwei Aufsätzen zur Ideologie der Rechten. Die Autor*innen gehen dabei vor allem den Debatten und Formen in der radikalen Rechten nach. Zentrale Felder sind hier Holocaustleugnung, der Historikerstreit oder die Spezifika der Reichsbürgerszene.
Diskussion
Beim Versuch die aktuelle rechte Szene zu beschreiben, fällt immer wieder auf, dass es sich um eine sehr heterogene Welt handelt. Neonazis, die „Neue Rechte“, Identitäre Bewegung, Verschwörungstheoretiker*innen und nationalistische Parteien können sehr unterschiedliche Ideologien haben. Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten fällt aber ihr Umgang mit Geschichte auf. Der Band zeigt eindrücklich, dass hier eine homogene Vorstellungswelt existiert, die die verschiedenen Bewegungen eint. Der Umgang mit der Geschichte ist ein zentrales Thema rechter Akteure und wird nicht nur genutzt um sich der eigenen Position und Überlegenheit zu vergewissern, sondern auch um sich von der demokratischen Erinnerungskultur deutlich abzugrenzen. Die Autor*innen des Bandes können in verschiedene Milieus eintauchen und dabei immer wieder zeigen, dass Holocaustleugnung, Verharmlosung des NS und Relativierungen rechter Verbrechen zum Wesenskern der Ideologie und des öffentlichen Auftretens gehören. Es ist positiv herauszustellen, dass sich die Beiträge gegenseitig ergänzen, da so die ganze Bandbreite rechtsextremer Geschichtsmythen gezeigt werden kann. Zudem zeigt sich einmal mehr, warum es sich lohnt mit dieser Geschichtsverdrehung auseinanderzusetzen. Denn häufig liefern die Autor*innen die Argumente mit, warum eine demokratische Erinnerungskultur stark abzugrenzen ist von jenen Phänomenen, die im Band untersucht werden. Der Band ist daher vor allem für jene Leser*innen zu empfehlen, die sich mit den historischen und aktuellen Angriffen auf die Demokratie(geschichte) befassen und nach Argumenten für eine offene Gesellschaft und Geschichtswissenschaft suchen.
Fazit
Das Buch zeigt überzeugend, dass rechter Geschichtsrevisionismus kein Randphänomen ist, sondern ein zentrales ideologisches Werkzeug zur politischen Mobilisierung und zur Infragestellung demokratischer Erinnerungskultur. Besonders überzeugend ist die systematische Analyse seiner Formen, Felder und ideologischen Grundlagen, die die strategische Anpassungsfähigkeit rechter Akteure deutlich macht. Insgesamt leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis aktueller rechter Diskurse und unterstreicht die Notwendigkeit historischer Aufklärung und gesellschaftlicher Wachsamkeit.
Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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