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Tobias Hensel: Von der Schule in die Kinder- und Jugendpsychiatrie

Rezensiert von Prof. Dr. Christopher Romanowski-Kirchner, 02.09.2025

Cover Tobias Hensel: Von der Schule in die Kinder- und Jugendpsychiatrie ISBN 978-3-7799-8567-9

Tobias Hensel: Von der Schule in die Kinder- und Jugendpsychiatrie - und zurück? Bildungs- und Übergangsverläufe im Spannungsfeld von Kontinuität und Diskontinuität. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 465 Seiten. ISBN 978-3-7799-8567-9. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR.
Reihe: Bildung und Erziehung im Abseits.

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Thema

Die vorliegende Monografie beschäftigt sich mit dem Phänomen der Übergänge zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Schule. Mit Blick auf die Bedeutung von Kontinuitäten und der diesbezüglichen Gestaltung von Übergängen in einem für Betroffene typischerweise von Brüchen geprägten Lebensabschnitt muss der pädagogische und sozialarbeiterische Blick neben dem familiären Feld auch auf die Übergänge im schulischen Bereich mit seinen teilhabeermöglichenden und -verwehrenden Momenten gerichtet sein. Tobias Hensel bringt so etwas Licht in ein bisweilen dunkles Feld, das für die Sonderpädagogik, aber auch für die Prozessgestaltung Sozialer Arbeit im Kontext der Jugendhilfe relevant werden kann.

Autor:in

Dr. Tobias Hensel, war zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg. Er arbeitet als Sonderpädagoge in Hamburg.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist gleichzeitig die im Jahre 2022 an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg eingereichte und angenommenen Dissertation des Autors.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in 6 Kapitel. Nachdem in der Einleitung (1.) sehr ausführlich in die Grundthematik psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter als gesellschaftliche Herausforderung sowie in das beforschte Feld eingeführt wird, wird anschließend das durchaus herausfordernde Forschungsdesign beschrieben und begründet (2.). Um die Breite der möglichen Forschungszugänge zu klären, wird 3. die explorative Voruntersuchung dargestellt. Im 4. Kapitel, daran anschließend, theoretische Vorannahmen zu Bildungsverläufen und (Dis)Kontinuitäten in diesen Prozessen eingeführt und der Forschungsstand zu Übergängen zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Schule dargelegt. Im 5. Teil werden die Erkenntnisse der Hauptuntersuchung beschrieben, um im 6. Teil die wesentlichen Erkenntnisse für die weitere Analyse und Praxis dieser Übergänge zu diskutieren.

Inhalt

Bereits zu Beginn der Einleitung wird die Relevanz der Thematik verdeutlicht. Betroffene, „Grenzgänger“ (Groen & Jörns-Presentati 2018) zwischen den funktional differenzierten Institutionen Schule, Psychiatrie (und nicht selten Jugendhilfe), haben Herausforderungen auf mehreren Ebenen zu bewältigen und sind sowohl von psychischen als auch u.a. schulischen Teilhabeherausforderungen betroffen. In einer Gesellschaft, in der Teilhabe in bedeutendem Maße über Bildungsressourcen und Erwerbsarbeit hergestellt wird, steigt die Gefahr mit Brüchen im Bildungsverlauf „ins Abseits zu geraten“ (S. 15). Diese allgemeine Ausgangslage und die Tatsache, dass zu den Übergängen zwischen „Regelschule(n)“ und Klinik(en) im deutschen System kaum Erkenntnisse vorliegen, bilden den Hintergrund der Fragestellung nach den Übergängen „von der KJP in die allgemeine Schule“ (S. 16) und der „weitere[n] schulische[n] Laufbahn“ (ebd., Einfügung: CRK) der betroffenen Heranwachsenden.

Die Einleitung führt dabei auch in die quantitative Relevanz von psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter ein und nutzt die bekannten Daten zur Versorgungsentwicklung sowie die epidemiologischen Annäherungen. Tobias Hensel betont dabei den zentralen Aspekt im schulischen Feld: Trotz der mittlerweile nicht mehr ganz so „neue[n] Morbidität“ (Schlack 2004, Einfügung: CRK) scheint es keine relevanten Maßnahmen, ja nicht einmal potenziell wirkmächtige Diskurse zu geben, die das Thema Übergänge zwischen Klinik und Schule in den Blick nähmen. Ebenso wenig scheint der professionelle Ort der Klinikschule nachvollziehbar beforscht zu sein. Dies überrascht vor dem Hintergrund der zuvor erörterten Relevanz psychischer Diagnosen und der im weiteren Verlauf der Arbeit formulierten Bedeutung der Gefährdungen der Teilhabe in der Interaktion zwischen – allgemein ausgedrückt – abweichenden Handlungsmöglichkeiten Betroffener und den „Normalitätserwartungen“ (S. 29) der Institutionen. Kooperationsprozesse, wie sie in der Jugendhilfe – und auch hier insbesondere mit der KJP – seit Langem diskutiert und gefordert werden, spielten im Kontext von Klinik- und Regelschule offenbar kaum eine Rolle. Dementsprechend zielt die leitende Fragestellung auf das Erleben und Bewerten des Übergangs zwischen Klinik(schule) und Regelschule aus Sicht der Fachkräfte und der Jugendlichen ab (S. 33). Den Abschluss des einleitenden Kapitels bilden die Darstellung der methodologischen Herausforderungen aufgrund der Diffusität des Feldes der Klinikschulen und der Übergangsmöglichkeiten sowie darauf fußende Begründung eines mehrphasigen Forschungsprozesses. Dabei wird bereits eine erste Problemdiagnose, nicht nur für den Forschungsprozess, sondern auch für die Praxisgestaltung gegeben: Hensel stellt fest, dass die Unübersichtlichkeit des Praxisfeldes Klinikschule selbst für die Verantwortlichen in der Praxis eine Hürde darstellt. Höchste Zeit, möchte man beim Lesen feststellen, dass diese langfristig teilhabewirksamen Prozesse in den Blick geraten.

In Kapitel 2 wird das Untersuchungsdesign genauer dargelegt. Neben den beforschten Subjekten, den von diesen Übergängen betroffenen Heranwachsenden, sowie professionellen Akteur:innen, spielt die vorhandene Struktur eine Rolle, die die Interaktionen zwischen Betroffenen und den professionellen Akteur:innen rahmt. Dementsprechend werden die Klinikschulen, die Schullandschaft und die weiteren Bildungsangebote in Hamburg genauer beschrieben. Die beiden folgenden Unterkapitel stellen eine grundlegende Darlegung forschungsethischer Aspekte und Überlegungen zur explorativen Studienphase dar. Folgend wird das methodische Vorgehen genau beschrieben, wobei ein durchaus aufwändiger Forschungsprozess mit unterschiedlichen Phasen und Zugängen deutlich wird, der sich über die angesprochene Diffusität des Feldes begründet. Beschrieben wird ein zunächst exploratives Vorgehen, um den Gegenstand der Untersuchung im unklaren Handlungsfeld für die Hauptuntersuchung weiter zu differenzieren. Dafür wird eine Dokumentenanalyse mit Praxisdokumenten durchgeführt, die durch das Bildungs- und Beratungszentrum Pädagogik bei Krankheit zur Verfügung gestellt wurden. Die jeweiligen Dokumentarten werden zunächst vorgestellt, dann über die Dokumentenart, Kontext und Glaubwürdigkeit bewertet und schließlich hinsichtlich zentraler Fragen nach darin erkennbaren Übergangsverläufen, Akteur:innen, förderliche und schwierige Übergangsbedingungen ausgewertet. Den zweiten Hauptzugang bildeten qualitative Interviews. Auch hier wieder ein phasisches Vorgehen beschrieben: In der explorativen Voruntersuchung wird auf explorative Interviews zurückgegriffen. Dabei werden jeweils unterschiedliche Akteur:innen interviewt (vgl. S. 89), um das Feld aus der Perspektive der Handelnden weiter zu erschließen. Diese Erkenntnisse dienen der Entwicklung von Schlussfolgerungen für die stärker zentrierte Fragestellung und der Entwicklung eines diesbezüglich sinnhaften Samplings. In der Hauptuntersuchung wird auf das leitfadengestützte, problemzentrierte Interview zurückgegriffen. Schließlich wird als Auswertungsmethode eine Form der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring beschrieben, bevor das Kapitel mit einer Reflexion des realen Forschungsprozesses zum Sample und zu ethischen Fragen abgeschlossen wird.

Das dritte Kapitel ist den Ergebnissen der explorativen Voruntersuchung gewidmet und erscheint nicht nur wichtig, um die weitere Bildung der Stichprobe und die Zuspitzung der bereits vorab beschriebenen Forschungsfrage nachzuvollziehen. Sondern gibt gerade für Außenstehende über statistische Daten, aber auch kurze historische und aktuelle Einschübe zur Entwicklung und Funktion der beteiligten Institutionen, einen ersten Einblick in die Situation des Feldes. Gerade die Beschreibungen der Hamburger Bildungs- und Beratungszentren für den Kontext einer Sonderbeschulung bereits seit dem vorangegangenen Kapitel ermöglicht beim Lesen den Vergleich mit den zumindest ähnlichen und im Detail doch etwas anderen Strukturen in anderen Bundesländern. Beschrieben werden Statistiken zu den Herkunftsschulformen, der Klassenstufen und der Aufenthaltsdauer, bevor der Übergang zurück in die Regelschule thematisiert wird, der sich durch die Exploration als „dominante Problemstellung“ (S. 132) gezeigt hat. Hier wird auch erstmals herausgearbeitet, dass Schulabsenz, bzw. die Unterbrechung und zuweilen institutionell bedingte Verzögerung des Schulbesuches ein gewichtiges Problem in der Bildungslaufbahn Betroffener darstellt. Gezeigt wird außerdem, dass dies auch für Betroffene in teilstationären Angeboten gilt und dass das Misslingen dieses Übergangs schließlich bis zum Abbruch der Schullaufbahn (mit allen weiteren Folgen) führen kann. Im weiteren Verlauf des Kapitels werden Übergangsverläufe und die beteiligten Akteur:innen beschrieben. Zuletzt werden Unterschiede in den Ausgangslagen in der Übergangsbewältigung verdeutlicht, bevor die Ergebnisse der Voruntersuchung für die anschließende Hauptuntersuchung, wobei die Dichotomie von Kontinuität und Diskontinuität aufgrundlage der referierten Erkenntnisse zentral gesetzt wird.

Kapitel 4 nun nähert sich der Kontinuitätsthematik im Kontext KJP und Schule zunächst über die bisweilen sehr übersichtliche Studienlage und verdeutlicht das Desiderat. Viel Raum nimmt dabei die Frage nach dem „Normallebenslauf“, bzw. den Normalitätserwartungen im Kontext institutionalisierter Lebensläufe ein, wobei der Fokus auf die Institution Schule gelegt wird. Dargelegt werden auch Erkenntnisse zur sozialen Benachteiligung in der Bewältigung solcher Erwartungen im Zusammenhang mit der bekannten Ungleichverteilung von Ausschlussrisiken und Benachteiligung von Heranwachsenden in prekären Lebenslagen. Dies trifft auch für KJP-Betroffene zu, die sich in diesen Übergängen in einer Situation befinden, für die es offenbar kaum tradierte institutionelle Antworten gibt. Dies wird auch im Unterkapitel zu Übergängen im Schulsystem genauer beleuchtet. Hier wird der Zusammenhang zwischen schulischem Dropout und psychischen Störungen im Sinne bio-psycho-sozialer Prozesse zwischen individuellem Geschehen des Leidens, der im akuten Prozess verminderten kognitiven Ressourcen und der sozialen und institutionellen Antworten und Konsequenzen erörtert. Dabei scheinen individuell begleitete Prozesse der Re-Integration in relevante Teilsysteme nicht zu den typischen Antworten der Institutionen zu gehören, was die Exklusionsrisiken für Betroffene erhöht.

Das fünfte Kapitel stellt schließlich die Ergebnisse der Hauptuntersuchung dar. Eingangs werden die Bildungsverläufe der interviewten Jugendlichen in kurzen Fallvignetten vorgestellt, die interessante Einblicke in Verlaufskurven samt Eskalationsphasen bieten. Als fallübergreifendes Merkmal werden die nun mehrfach angesprochenen Diskontinuitäten in den schulischen Bildungsverläufen beschrieben und unterstützend bezogen auf bestimmte Aspekte (regelmäßiger Besuch, unregelmäßiger Besuch, Klinikbeschulung, reduzierter Umfang etc.) grafisch dargestellt. Zur weiteren Einordnung der interaktionalen Prozesse beschreibt Hensel in einem nächsten Schritt die institutionellen Handlungsabläufe zu drei Zeitpunkten (vor, während und nach dem KJP-Aufenthalt), inklusive der Herausforderungen, die in diesen Phasen allgemein und bezogen auf schulische Aspekte hervortreten. Herausgestellt wird dabei erneut die fehlende Systematisierung und Individualität der Übergangsverläufe. Anschließend werden die beschriebenen Diskontinuitäten in den drei Phasen noch einmal sehr ausführlich als Folge der institutionellen Rahmenbedingungen mit Ankerbeispielen beschrieben, bevor letztlich die Reibungsmomente der institutionellen Strukturen im Übergang von KJP und Schule erörtert werden. In diesem Zusammenhang wird Schule als System dargestellt, das durch bestimmte Mechanismen kontinuierliche Prozesse (Kontinuität von Benotung, Inhalt, Anwesenheit, Zeit, etc. vgl. S. 320 ff.) als Voraussetzung für ein erfolgreiche Bewältigung etabliert. Dabei spielen auch die im Schulkontext handelnden Subjekte (Lehrende und Lernende) durch die Internalisierung und Reproduktion dieser Logiken selbst eine Rolle (z.B. S. 332). Schließlich werden die institutionellen Logiken der KJP in ihrer Relevanz für den Übergang beschrieben. Hier wiederholen sich in den Aussagen bekannte Muster der Wahrnehmung von und Interaktion mit Psychiatrie durch Erfahrene und betroffene Akteur:innen. Deutlich werden Reibungspunkte, die tatsächliche Übergänge schwierig machen, weil die Differenz der Welten zu groß erscheint. So etwa, wenn vonseiten Lehrender die Psychiatrie als Reparaturbetrieb ausgegangen wird, an dessen Ende Schüler:innen wieder funktionieren (vgl. S. 368). Oder wenn die harte Differenz zwischen einem schützenden Spezialumfeld und dem Alltag thematisiert wird. Ein Ankerbeispiel entspricht nahezu im O-Ton einer Interviewpassage einer Studie des Rezensenten im Kontext Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie (Romanowski-Kirchner 2021, S. 289). Hier scheinen also überindividuelle Erfahrungen von KJP im Vergleich zur „echten Welt“ (O-Ton, ebd.) deutlich zu werden, die dann zum Problem reifen können, wenn keine bewältigbaren Prozessphase des Übergangs hergestellt wird.

Den Schluss bildet die Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse für die weiteren Analysen der Übergangs- und Bildungsverläufe. Zum einen wird die Relevanz der Verlaufsperspektive entlang der Erfahrungen und Ausführungen zum eigenen Material in den Mittelpunkt gerückt. Kontinuitäten und Diskontinuitäten sind keine einmaligen Fragen und können in unterschiedlichen Phasen, mehrmals im Verlauf, Bedeutung erlangen. Dementsprechend wird das Begriffspaar als Schlüsselheuristik sowohl für die Erforschung von Übergängen im pädagogischen Kontext vorgeschlagen.

Diskussion

Tobias Hensel hat eine notwendige Studie vorgelegt, die endlich auch Innensichten und interaktionale Prozesse zu Übergängen zwischen Schule und KJP sichtbar macht und so das Feld für weitere Studien und praxisbezogene Auseinandersetzungen aufschließt. Hervorzuheben ist auch, dass unter anderem die ansonsten nicht selten marginalisierte Perspektive der betroffenen Heranwachsenden eingebracht wird. Und wenngleich hier natürlich die Hamburger Situation im Fokus steht, scheint es sich – gemessen an den süddeutschen Erfahrungsausschnitten des Rezensenten zu diesen Übergängen und Studien am Schnittpunkt mit lediglich anderem Fokus (Romanowski-Kirchner 2021) – durchaus um allgemeine Herausforderungen in diesem Schnittpunkt zu handeln.

Erkennbar wird in den Innensichten durch die Erfahrungen der Akteur:innen die Bedeutung von Kontinuitäten für Bewältigungsprozesse und die diesbezüglichen Ausschlussgefahren, die aufgrund kontingenter Phänomene, wie einer Erkrankung, zustande kommen können – zumindest wenn diese Mangels Erkenntnis oder Artikulation nicht durch die zuständigen Institutionen adressiert werden. Damit wird über die aggregierten Fallrekonstruktionen ein Mechanismus qualitativ verstehbar, der sich in den Statistiken der Reproduktion ungleicher Bildungschancen seit jeher zeigt (und auch ungleicher Gesundheitschancen, da diese Entwicklungspfade aus heutiger Sicht als komplexe Prozess der wechselseitigen Beeinflussung von bio-psycho-sozialen Ressourcen und Stressoren verstanden werden müssen).

Deutlich wird auch hier die Relevanz einer verlaufsorientierten Auseinandersetzung mit Kontinuitätserwartungen und Diskontinuitätsmustern und der Entwicklung von Antworten auf Probleme des Herausfallens aus diesen schulischen „Normalverläufen“. Dabei zeigt sich für diesen Bereich, was z. B. aus der Therapieverlaufsforschung und der Forschung zu Hilfeprozessen zwischen Jugendhilfe und KJP bekannt ist: Ebenso wie Krisenphasen im Kontext psychischer Erkrankungen im Therapiegeschehen als dynamische Prozesse mit Vor- und Rückschritten gesehen werden müssen (vgl. Hayes & Andrews 2020), müssen Angebote und Übergänge immer wieder daraufhin gestaltet und in „Passung“ gebracht werden, um Bewältigungsprozesse abzusichern und Ausschlüsse zu vermeiden (vgl. auch Romanowski-Kirchner 2021, S. 490). Hensels Untersuchung verdeutlicht u.a., wie bedeutsam dieses dynamische Verständnis auch für den bislang wenig beachteten Bereich zwischen Schule und KJP ist. Nicht zuletzt erhält man Einsichten in Strukturen und Prozesse von Klinikschulen und Übergängen, die ansonsten für Beteiligte der umliegenden Systeme relativ unklar bleiben.

Da die Frage nach Kontinuitätsvorstellungen sehr zentral gestellt wird: Bei den Ausführungen zur Annahme eines Normallebenslaufes war ich beim Lesen immer wieder gewillt mit Randnotizen auf die soziologischen Arbeiten zur Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten und Lebensläufe etc. zu verweisen, bei denen gleichwohl Vorstellungen von Normalverläufen etwa seit den 1980er Jahren als relativer Mythos verstanden werden. Jedoch darf man zum einen nicht überlesen, dass Hensel diese Fragen der Lebenslaufforschung explizit nicht in Gänze abhandeln will, sondern sich nachvollziehbarerweise auf die Normalitätserwartungen im Kontext schulischer Verläufe beschränkt, die ohne Zweifel existieren. Noch dazu in einer Institution, die bei aller Öffnung immer noch in sehr klaren Bahnen verläuft (siehe auch Kapitel 5). Zum anderen thematisiert er dies später in der Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Benachteiligung dann doch, wenn auch erst im Zusammenhang mit dieser spezifischen Thematik. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Akteur:innen wirft die Frage auf, an welchen Stellen unter den aktuellen Rahmenbedingungen Unterstützungsmechanismen greifen könnten, die die beschriebenen Ausschlüsse adressieren. Aus der Perspektive Sozialer Arbeit erscheint es naheliegend, hier auch deren kooperative Mitverantwortung zu betonen. D.h. die Gestaltung der Übergangsprozesse betrifft freilich die hier beschriebenen Teilsysteme – die KJP ebenso wie die Institutionen der Schul- und Sonderpädagogik. Aufgrund der operativen Beschränkungen funktional differenzierter Teilsysteme bräuchte es gerade für die Konstruktion einer gewissen Kontinuität in diskontinuierlichen Prozessen eine relationale Profession wie die Soziale Arbeit, die langfristig im Alltag Betroffener und begleitend zwischen den Systemen agiert und – qua Definition – Re-Integrationsprozesse, die auch durch funktionale Differenzierung erschwert werden, in Richtung einer gelingenderen Lebensführung zu unterstützen (vgl. z.B. Sommerfeld et al. 2011). In der Pflicht wäre an diesem Schnittpunkt tatsächlich auch die Jugendhilfe mit ihrem grundlegenden Auftrag (vgl. § 1 SGB VIII), z.B. durch kontinuierliches sozialarbeiterisches Case Management über die Übergänge hinweg, die faktisch z.B. innerhalb flexibler ambulanter Hilfen erfolgen könnte. Die institutionellen Möglichkeiten und konkrete Beispiele gäbe es, wobei man auch hier lange nach flächendeckenden Praxen sucht (auch Jugendhilfe hat regional sehr unterschiedliche Gesichter). Das ist natürlich nicht die Perspektive der Untersuchung, aber ein Zugang, der sich im Rahmen des aufgeworfenen Problems der Diskontinuität aufdrängt.

Zuletzt sei auf die ausführliche Beschreibung des Forschungsprozesses hingewiesen – insbesondere der nachvollziehbaren Begründung und Reflexion der Schritte. Das Buch bietet meines Erachtens en passant so auch einen zusätzlichen Mehrwert für Studierende, für die gerade die sehr ausführlichen, reflexiven Prozessphasen qualitativen Forschens Neuland sind und in der Methodenliteratur wesentlich abstrakter bleiben als in einer so ausführlichen und jenseits von Dissertationen leider selten gewordenen Forschungsmonografie.

Fazit

Tobias Hensel bringt Licht in ein bisweilen überraschend dunkles (Übergangs-)Feld, dessen Gestaltung einen bedeutsamen Impact für die weiteren Prozesse der Lebensbewältigung, bzw. der (Nicht-)Teilhabe- und Autonomieentwicklung der Betroffenen haben kann (vgl. Romanowski-Kirchner 2021). Da es sowohl grundlegenden Einblick als auch konkrete Prozesse und Probleme entlang des empirischen Materials darlegt, ist es sowohl für Studierende als auch für Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Professionen und Disziplinen geeignet, die in diesem Feld agieren. Eine solch interprofessionelle Wahrnehmung der Ergebnisse wäre wünschenswert zumal man zahlreiche Hinweise für eine hilfreichere Gestaltung und Konzeptualisierung derartiger Phasen und Prozesse, sowie für weiterführende Forschungsfragen findet.

Literatur

Groen, Gunter; Jörns-Presentati, Astrid (2018): Grenzgänger. Kooperative Abstimmung von Hilfen für Kinder und Jugendliche zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Hayes, A.M.; Andrews, L. A. (2020): A complex systems approach to the study of change in psychotherapy. DOI: https://doi.org/10.1186/s12916-020-01662-2

Romanowski-Kirchner, Christopher (2021): Zwischen Alltag und Time-Out. Zum Nutzen der Hilfesituation zwischen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie. Weinheim & Basel: Beltz Juventa.

Sommerfeld, Peter; Hollenstein, Lea; Calzaferri, Raphael (2011): Integration und Lebensführung. Ein forschungsgestützter Beitrag zur Theoriebildung der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS.

Schlack, H. G. (2004): Neue Morbidität im Kindesalter – Aufgaben für die Sozialpädiatrie. Kinderärztliche Praxis, 75(5), S. 292-299. 

Rezension von
Prof. Dr. Christopher Romanowski-Kirchner
Professur für „Kasuistik und Methoden der Sozialen Arbeit“ an der Hochschule Coburg (Fakultät Soziale Arbeit)
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Es gibt 2 Rezensionen von Christopher Romanowski-Kirchner.

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ISSN 2190-9245