Johannes Eick, Anatolij Rakhkochkine et al. (Hrsg.): Interdisziplinäre Perspektiven
Rezensiert von Dr. phil. Stefan Hoffmann, 04.09.2025
Johannes Eick, Anatolij Rakhkochkine, Stefan Schäfer (Hrsg.): Interdisziplinäre Perspektiven auf internationalen Jugendaustausch.
Beltz Juventa
(Weinheim und Basel) 2025.
159 Seiten.
ISBN 978-3-7799-7806-0.
D: 44,00 EUR,
A: 45,30 EUR.
Reihe: Fahren, reisen, begegnen.
Thema
Der Sammelband ist in der Reihe „Fahren.Reisen.Begegnen. Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Kinder und Jugendliche unterwegs – Camp and Mobility Studies“ des Beltz Juventa Verlages erschienen. Er trägt den Titel „Interdisziplinäre Perspektiven auf internationalen Jugendaustausch“.
Die Herausgeber:innen machen im Vorwort das Anliegen des Bandes deutlich, dass die Pluralität der Angebote der internationalen Bildung sich auch in den daran beteiligten Professionen widerspiegelt (S. 7), die wiederum eigenen pluralen Förder- und Kontextbedingungen unterliegen. Einer der Akteure, der „einen zentralen Ort des interdisziplinären Austauschs im Bereich der internationalen Jugendbildung“ (S. 8) bietet, ist das 1989 gegründete Netzwerk „Forschung und Praxis im Dialog – Internationale Jugendarbeit“ (FPD). Analog der Tagung, deren Ergebnis der vorliegende Band ist, hat der Sammelband zum Ziel: „eine fachliche Diskussionsplattform zur Interdisziplinarität im internationalen Jugendaustausch zu bieten und so zur weiteren Durchdringung dieses Arbeits-, Diskurs- und Forschungsfeldes beizutragen“ (s.9).
Zentrale Fragestellungen des Buches sind:
- Aus welcher Perspektive beschäftigen sich Disziplinen mit welchen Aspekten des internationalen Jugendaustausches?
- Welche empirischen Gegenstände und theoretischen Grundannahmen werden herangezogen?
- Was zeichnet die forschungsmethodischen Zugänge der jeweiligen Disziplin aus?
- Welches spezifische disziplinäre Wissen wird dadurch generiert?
Die gegebenen Antworten und Beiträge im Band sollen (S. 9)
- Eine intensivere Auseinandersetzung mit Interdisziplinarität im Fachdiskurs anregen
- Nachwuchswissenschaftler:innen mögliche Anknüpfungspunkte zeigen
- Weitere wissenschaftliche Akteur:innen zum Diskurs einladen
Die Autor:innen schlagen in ihren Beiträgen eine Brücke zwischen Praxis und Wissenschaft, indem sie eine „wohlwollende Zugewandheit“ (S. 11) zur Praxis internationaler Bildung als auch zu den Theoremen der jeweiligen Disziplinen „zum Ausdruck bringen“ (ebd.). In der Synopse der Beiträge wird deutlich, welchen vielfältigen Beitrag Wissenschaft zur Praxisentwicklung leistet und welche Handlungsschritte davon ausgehen können. (ebd.).
Herausgeber:innen
Der interdisziplinäre Anspruch des Bandes drückt sich nur bedingt in der Herausgeberschaft des Tagungsbandes aus. Eick ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FUAS, Rakhkochkine hat als Professor den Lehrstuhl für Pädagogik inne und Schäfer ist Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.
Entstehungshintergrund
Die durch das Netzwerk FPD initiierte Fachtagung „Interdisziplinäre Perspektiven auf Internationale Jugendarbeit“, die im Dezember 2022 stattfand, war Ursprung für diese Veröffentlichung: „der vorliegende Band versammelt die Tagungsbeiträge und erweitert diese zugleich durch Beiträge weiterer, im Feld der internationalen Bildung tätige Wissenschaftler: innen“ (S. 9)
Aufbau und Inhalt
Der Band umfasst 159 Seiten und besteht aus 10 Beiträgen, die nach einer kurzen Einführung präsentiert werden. In der Einführung werden die in den Kapiteln repräsentierten Perspektiven benannt: es werden bildungstheoretische, soziologische, psychologische, politik- und geschichtsdidaktische, sozialarbeiterische und politische Fragstellungen in den zwischen 8 und 21 Seiten umfassenden Beiträgen bearbeitet.
Den Inhalt der 10 Kapitel des Sammelbandes in dieser Rezension in all seiner angelegten Multidisziplinarität und Perspektivpluralität nachzuzeichnen, kann nur schwer gelingen. Der Anspruch eines interdisziplinären Blicks wird durch
- Zwei Beiträge aus bildungstheoretischer Sicht
- Einen soziologischen Beitrag
- Einen Beitrag mit psychologischer Verortung
- Ein empirischer Beitrag
- Ein Politik- und Geschichtsdidaktischer Beitrag und
- Drei Beiträge mit sozialarbeiterischer und sozialpädagogischer Perspektive
geschaffen.
Die Stärke des Buches ist, dass die meisten Autor:innen an konkreten Fragestellungen ihre Beiträge der internationalen Jugendarbeit (oder internationaler Jugendbildung wie der Begriff oft unkommentiert synonym verwendet wird) orientieren. Die Bezugsebenen und Fragestellungen sind dabei sehr klassisch: die Adressat:innen auf der einen Seite und die Professionellen und Träger auf der anderen Seite.
Auf der Ebene der Adressat:innen werden unter anderem folgende Fragestellungen reflektiert und diskutiert: Perspektiven der Horizonterweiterung, der kritischen Reflexion von Erfahrungen, Werten oder Zugängen junger Menschen im internationalen Jugendaustausch oder die pädagogischen und politischen Rahmenbedingungen, mit denen junge Menschen sich in einem internationalen setting auseinander setzen können.
Mit Blick auf die Professionellen und deren Träger im Feld der internationalen Jugendarbeit bieten die Autor:innen unter anderem Zugänge zur Reflexion deren pädagogischen Handelns oder der Trägerstrukturen und deren Aufträge mit historischen, pädagogischen oder politischen Zugängen.
Das Inhaltsverzeichnis und vor allem die recht kurz gehaltene Einführung bieten einen guten Überblick über die verschiedenen Perspektiven und regen zum Ansteuern der einzelnen Beiträge an.
Diskussion
Als Praktiker internationaler Jugendarbeit und Akademiker im Feld Sozialer Arbeit vermisse ich schmerzliche eine dritte Bezugsebene im Band. Nämlich die Sicht derer, denen junge Menschen aus den im Band fokussierten DACH Staaten angeleitet und begleitet begegnen: also die Sicht der host Nationen. Dies ist vor dem Hintergrund einer postkolonialen Diskussionsfolie in Praxis und Theorie mehr als angebracht. Auch in dieser dritten Ebene könnten sowohl die Adressat:innen als auch die Professionellen und Träger in den Blick rücken.
Ein weiterer Spannungsbogen, der abfällt, ist der der Interdisziplinarität. Vom Titel geleitet, habe mich auf mehr Spannungen mit anderen Disziplinen gefreut, die Anregung zum Diskurs in Theorie und Praxis bieten. Diese bleiben genauso im Hintergrund wie aktuelle Themen und Entwicklungen oder Perspektiven in der internationalen Jugendarbeit: bspw. der digitale Raum, der mit App Entwickelnden diskutiert werden könnte oder die Frage der Finanzierung, die mit Disziplinen des Sozialmanagement/​Fundraising einen Diskursraum betreten könnten oder einer ethischen Diskussion rund um Nachhaltigkeit genauso wie ein allgemein beobachtetes Erstarken des Extremismus, das aus politikwissenschaflicher Perspektive betrachtet werden könnte. Hier hatte ich mehr aktuellere Themen und spannungsreichere Disziplinen und Perspektiven erwartet.
Ein letzter Kritikpunkt ist die hohe Hürde der Zugänglichkeit zum Buch: es gibt keine Vorstellung der Autor:innen, die den Leser:innen einen leichten Zugang zu den Perspektiven und vertretenen Disziplinen bietet genauso wenig wie eine lesendenfreundliche Strukturierung der Perspektiven. Um sich die verschiedenen Perspektiven und Disziplinen anzueignen und sie einordnen zu können, muss sich der Leser:in auf Recherche begeben
Fazit
Dass der Tagungsband zweieinhalb Jahre nach der Tagung (Dezember 2022 bis Sommer 2025) erscheint, tut keinen Abbruch, denn er bietet sowohl Praktiker:innen als auch Wissenschaftler:innen einen guten Zugang zum Diskurs rund um internationale (Jugend) Bildung. Wer also eine anregende Perspektivsammlung von in der Anlage eher spannungslosen aber „wohlwollenden“ Texten sucht, ist hier genau richtig. Denn sowohl aus der Perspektive des Praktikers, der schon mehr als 20 internationale Jugendbegegnungen gestaltet hat, wie auch aus der Perspektive des Wissenschaftlers lassen sich inspirierende Texte finden, wie bspw. Abts Beitrag, der in kondensierter Weise aus psychologischer Sicht Hintergründe und Aufgaben des Jugendalters beschreibt, vor deren Hintergrund die internationalen Begegnungen stattfinden (S. 76-79).
Rezension von
Dr. phil. Stefan Hoffmann
Lehrt an verschiedenen Hochschulen, ist Praktiker der internationalen Jugendarbeit und begleitet derzeit Transformationsprozesse in der Sozialen Arbeit als systemischer Organisationsentwickler.
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