Niko Kappe: Generation TikTok
Rezensiert von Prof. Dr. Johann Bischoff, 26.08.2025
Niko Kappe: Generation TikTok. Keine Angst vor Social Media und KI - Wie wir unsere Kinder in die digitale Zukunft begleiten. Goldegg Verlag (Wien) 2025. 224 Seiten. ISBN 978-3-99060-477-9. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR, CH: 20,00 sFr.
Autor
Niko Kappe ist Grundschullehrer in Berlin, TikToker, Journalist und Video-Creator und Influencer, so die Hinweise im Klappentext seiner o.g. Publikation. Er verkündet, tiefgreifende Zusammenhänge bezüglich der „TikTok“ relevanten Themen geben zu können, sowie gesellschaftliche Hintergründe zu verdeutlichen. Zudem sei er umfassend informiert über bestehende Plattformen und der Wirkungsweise spezifischer Algorithmen im Untersuchungsgegenstand „TikTok“. Als Zielgruppe definiert er für seine Publikation Eltern und Jugendliche und sieht darin einen positiven Gegenentwurf zu den weit verbreiteten kritischen Publikationen zur Thematik „Social Media“ für Kinder – das macht neugierig!
Zudem kann mit seiner Publikation eine Chance gesehen werden, ein Eintauchen in die „Influencer-Szene“ bzw. den Denkstrukturen der „Influencer“ zu ermöglichen.
Thema
Kappes Intention ist es, mit der Publikation Orientierung in einer digitalen Welt zu bieten, auf einer Ebene, die keine Ratgeberfunktion übernehmen möchte. Sein erster „Posting-Versuch“ mit einer banalen Aussage erreichte für ihn überraschend 250.000 Aufrufe, daraus schloss er, dass Soziale Medien ein enormes Potenzial für Bildungsinhalte bieten könne. Unterstützung bekommt Kappe vom Lehrer und Bildungsinfluencer Bob Blume, der in seinem Geleitwort einen sinnvollen und pragmatischen Umgang mit Social Media fordert. Kappe beschreibt in seinem „kurzen Disclaimer“ (Haftungsausschluss) eine Spaltung unserer Gesellschaft, die Social Media transparent machen könne. Er fordert, die Mechanismen durchschaubar zu machen, insbesondere die Algorithmen, die unser Miteinander beeinflussen. Darin sieht er eine pädagogische Aufgabe: Kinder zu qualifizieren, Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein durch einen bedachten Umgang mit Social Media herbeizuführen.
Es soll geprüft werden, ob die Publikation dazu Hilfe bieten kann.
Mit der Publikation beabsichtigt Kappe zudem, insbesondere den Eltern gesellschaftspolitische und pädagogische Hinweise geben zu können, die einen Beitrag zur gesellschaftlichen und damit auch zur kulturellen Teilhabe ermöglichen können.
Aufbau und Inhalt
Die Publikation gliedert sich in zehn Kapitel, beginnend mit einem Geleitwort (Blume) und Disclaimer (Kappe), es folgen dann die aufgeführten Kapitel.
Die einzelnen Kapitel stellen sich wie folgt dar:
- Die große Angst
- Eine Kindheit ohne Smartphone gibt es nicht!
- Fake News über Digital Natives
- Medienkompetenz ist kein Allheilmittel
- Hör sofort auf, von Digitalisierung zu reden!
- Unsoziale Netzwerke & die unsichtbare Hand
- Parasoziale Aktivitäten
- Die TikTokisierung des Journalismus – wir werden (manchmal) falsch informiert
- Politscher Rage-Bait – Politik für Klicks schadet der Demokratie!
- Die Verantwortung der Generation TikTok
Es folgen Danksagung und Literaturverzeichnis.
Die vorliegende Publikation kann nicht mit wissenschaftlichen Kriterien rezensiert werden, belegbare Aussagen sind somit kaum vorfindbar, das ist auch wohl vom Autor nicht intendiert worden. Die Argumentation erfolgt subjektiv geprägt, mit häufigem Wechsel der Abstraktionsebene. Das ist z.B. festzuhalten bei seinen gewählten „journalistischen Formen“, wie Interview, sehr allgemeine Aussagen oder Deskription der von KI erhobenen Informationen. Es soll gleichwohl nicht unterstellt werden, dass das teilweise sprunghafte Argumentieren eine „Hinterlassenschaft“ der „TikTok“ – Ästhetik ist. Die informelle Anrede in der Publikation wird wohl eingesetzt, um Vertrautheit zur Zielgruppe auszudrücken, ist sie auch passend bezüglich der Zielgruppe „Eltern“?
Es liegt ggf. eine Publikation vor, die es erleichtert, Hinweise zu unterschiedlichen Komponenten der komplexen Thematik Social Media zu bekommen. Die einzelnen Kapitel werden nachfolgend vorgestellt.
Im ersten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit Kritikern der vollen Verfügbarkeit der Sozialen Medien (insbesondere „TikTok“), insbesondere für die Zielgruppe Kinder. Herausgegriffen wurde die Publikation „Digitale Demenz“ vom renommierten Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer. Kappe interpretiert die Aussagen als die Zugrundlegung falscher Untersuchungsmethoden (Bias) und spricht auch weiteren Untersuchungen zur Thematik „TikTok“ methodische Schwächen zu.
Das zweite Kapitel wird geleitet von der These (Behauptung) „eine Kindheit ohne Smartphone gibt es nicht“, dieser Status wird bei den Aussagen (Allgemeinplätze) beibehalten, eingestreut (auch in anderen Kapiteln) sind Hinweise auf bekannte Wissenschaftler (z.B. Bourdieu), aber ohne zu erwartende Ausführungen (name dropping). In diesem Kapitel wird auf eine echte Medienkompetenz verwiesen, die eine sinnliche Wahrnehmung bei Kindern implizieren soll. Es folgt ein Gespräch mit einer Lehrerin, die ebenfalls als Bildungsinfluencerin im Bereich Social Media aktiv ist, Kappe interviewte sie wohl, um Praxisnähe seiner Aussagen zu dokumentieren. Er fasst die Aussagen zusammen mit dem Hinweis, dass es Eltern wichtig sein solle, ihre Kinder zu unterstützen, dass sie ihre Identität in der digitalen Welt bewusst und selbstbestimmt entwickeln können. Kinder müssen lernen, wie Social Media, Algorithmen und Datenschutz funktionieren.
Im dritten Kapitel setzt sich Kappe erneut mit falschen Untersuchungsmethoden oder stereotypen-Bias auseinander im Zusammenhang mit „fake news“. Medienkritische Urteile über die sog. „Generation Z“ (Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden und die erste Generation darstellen, die vollständig in einer digitalen Welt aufgewachsen sind, sie gelten als technikaffin), will Kappe nicht akzeptieren, als Beispiel führt er an, dass behauptet wird, dass die sog. „TikTok“ Generation nur eine Aufmerksamkeitsspanne von nur noch acht Sekunden erwarten lässt. Er differenziert Aufmerksamkeit in „selektive Aufmerksamkeit“, „geteilte Aufmerksamkeit“ und „Daueraufmerksamkeit“. Diese unterschiedlichen Formen der Aufmerksamkeit dürfen nicht verwechselt werden, so Kappe. Er stellt dann ChatGPT eine Frage, ob künstliche Intelligenz gefährlich werden könne. Die KI – Antwort beruhigt Kappe, sie erläutert zumindest Fragen, die Kappe in seiner Publikation aufgeworfen hat: KI verwendet komplexe Berechnungen, um vorherzusagen, welche Antwort am wahrscheinlichsten richtig und hilfreich ist. Gefolgt wird nur nach Mustern und Regeln, die zuvor einprogrammiert wurden. Wie Fake News erkannt werden können, beantwortet in der Publikation der TikToker Asllani, seine Email-Adresse ist auch angegeben, um ggf. Fragen zu Fake News klären zu können. Er berichtet in Kappes Publikation: Fake News werden eingesetzt, um Emotionen auszulösen, Wut, Angst, Ekel. Während seriöse Nachrichten sachlich gestaltet werden, wollen Fake News genau das Gegenteil erreichen, sie spielen mit Gefühlen, um den „User“ länger auf der Plattform zu halten. Emotionalität sei die Hauptwaffe, die Fake News so gefährlich macht. Asllani rät dazu, immer die Quellen zu prüfen (!) und bei Zitaten darauf zu achten, dass sie nicht aus dem Kontext gerissen wurden.
Im vierten Kapitel beschäftigt sich Kappe mit Medienkompetenz und beschreibt vier Dimensionen, die identisch sind mit den schon etwas betagten Dimensionen von Dieter Baacke (Medienkritik, Medienkunde, Medienwirkung, Mediengestaltung), ein Hinweis auf Dieter Baacke erfolgt nicht. Folgend wird eine Reformidee aus den USA vorgestellt, Deeper Learning, das analytisches Denken, komplexe Problemlösungen und Teamwork offeriert, das sog. „4 K Lern-Modell“. Andreas Schleicher stellte den Ansatz 2013 in Deutschland vor mit der Intention, Digitalisierung von Bildung im Fernunterricht zu optimieren. Kappe befragt dazu Nina Mülhens, die „kritisches Denken“ als konstitutiv beschreibt. Sie beschreibt Kreativität und Teamarbeit als wesentliche Komponenten des „4 K Modells“. Es folgt eine weitere Deskription eines Gesprächs mit Tobias Jost, einem Karriereexperten und TikToker. Wieder wählt er die informelle Form der Anrede, um Informationen des „4 K Modells“ in der Praxis zu erfahren. Über Medienkompetenz im Schulalltag berichtet in der Publikation folgend Nina Toller, eine Lehrerin und Bloggerin. Auch ihre Email-Adresse wird ausgewiesen. Sie macht deutlich, dass es wichtig sei, eine Balance zwischen digitalen und traditionellen Lehrmethoden zu finden. Sie sieht die Zukunft des Unterrichts in einer hybriden Form, die die Vorteile beider Welten – digital und analog – vereint. Social Media als Werkzeug für Gutes beschreibt ein Lehrer einer Brennpunktschule, der sich für den Einsatz der sozialen Medien im Unterricht stark macht.
Das fünfte Kapitel wendet sich explizit an die Zielgruppe Eltern und fordert sie auf, ihre pädagogischen „Aufgaben“ wahrzunehmen, um Kinder auf eine digitale Welt vorzubereiten. Dazu wird ein pseudo historischer Exkurs thematisiert und Hinweise gegeben, wie Kappe mit Hilfe von „TikTok“ erfolgreich wurde – jeder kann zu Ruhm kommen, jeder kann auf Sendung sein. Ohne kontextuelle Bezüge werden dann noch Habermas, Weinberger und Stalder genannt, gleichwohl geht Kappe auf die Kultur der Digitalität ein. Diese ist geprägt durch drei zentrale Handlungsformen: Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Die Orientierung in der digitalen Welt im Beziehungskontext, das Schaffen kollektiver Erlebnisse und die Ordnung in einer Informationsflut sind unbestritten relevante Komponenten in einer Social Media Welt. Algorithmen werden als Gatekeeper beschrieben, die auf der Basis von Nutzerverhalten Inhalte kuratieren und damit personalisierte Erfahrungen schaffen.
Im sechsten Kapitel wird der Erfolg von „TikTok“ thematisiert. Referenzialität greife laufend bestehende Inhalte der Nutzer auf, remixen und interpretieren sie stets neu. Die ständigen Neuinterpretationen führen dann in den kreativen Pool und mache aus der Plattform ein ständig wachsendes Netzwerk an Ideen und Interpretationsweisen. „TikTok“ fördere somit diesen kreativen Prozess, indem es Werkzeuge bereitstelle, die das Remixen und Zitieren von Inhalten einfach mache, so Kappe. Gemeinsames Schaffen und Teilen von Inhalten sei der Kern des Erlebnisses. Die Algorithmizität sorge dafür, dass jede Nutzerin/Nutzer personalisierte Erfahrungen machen könne. Die soziale Komponente von „TikTok“ wird von Kappe auch kritisch gesehen. „TikTok“ will auf jeden Fall unterhalten, was geliefert wird, ist sekundär. „TikTok“ hat einen leistungsstarken Algorithmus, der das Nutzungsverhalten in Echtzeit analysiert. Und liefert damit genau die individuellen Informationen, die auf die Interessen der Nutzer zugeschnitten sind. Kappe konstatiert, dass „TikTok“ sekundenschnell eine möglichst interessante „For-You-Page“ kuratiert, der Zugang könne kaum niedrigschwelliger sein. „TikTok“ verrate indes nicht genau, wie der Algorithmus funktioniere, er soll dafür sorgen, dass Nutzer möglichst lange auf der App bleiben und „TikTok“ süchtig werden, so Kappe – eben eine perfektionierte Personalisierung. Jedes Wischen und Klicken fördere die Perfektionierung, Kappe beschreibt es wie das Ausfüllen eines Fragebogens. Gesammelt werden dazu Daten, welche Videos angeschaut oder auch nicht angeschaut werden, welche ein Herz bekommen, welche Inhalte gespeichert oder kommentiert werden und welchen anderen Accounts gefolgt werden. Je häufiger die App genutzt wird, desto persönlicher wird die individuelle „For-You-Page“. Die großen „Player“ im Netz haben nur ein Ziel, so beschreibt es Kappe, Geld zu verdienen.
Das siebte Kapitel beschreibt parasoziale Aktivitäten, somit auf eine einseitige, nicht reziproke Beziehung zwischen einer Person und einer Medienfigur – eine persönliche Beziehung zur Medienfigur besteht faktisch nicht. Kappe beschreibt, dass Attraktivität, Sympathie und eine vermutete Glaubwürdigkeit die Komponenten sind, die parasoziale Aktivitäten fördern. Erfolge erzielen Influencer, weil sie gekonnt unser Bedürfnis nach sozialer Anerkennung ansprechen und uns glauben lassen, dass unser „wahres Selbst“ auch unser Ideal sein sollte. Hinweise zu einem „guten Social Media“ gibt in der Publikation der Lehrer Emmanuel Krüss, Grundschullehrer aus Hamburg, der darin eine Förderung und Pflege der sozialen Beziehungen sieht. Aber es müsse Kindern Medienkompetenz beigebracht werden, damit sie mit den digitalen Inhalten kritisch umgehen können. Rassismus und rechtspopulistische Parolen müsse man Einhalt gebieten, dazu sei Medienkompetenz konstitutiv.
Das achte Kapitel erinnert Kappe dem Leser/der Leserin daran, dass die klassischen Medien ihre Macht verloren haben. Redakteure, Verlegerinnen und Kritiker hatten zuvor die Entscheidungsfreiheit gehabt, über Inhalte zu entscheiden, die neuen „Gatekeeper“ seien die Algorithmen, die auf der Basis des Nutzerverhaltens Inhalte kuratieren und somit personalisierte Erfahrungen schaffen würden. Gleichwohl räumt er ein, dass fundierte journalistische Recherchen eine wichtige Säule unserer Gesellschaft seien. Kritische Aspekte, die in den Sozialen Medien immer wieder thematisiert werden, insbesondere bei „TikTok“, fallen in den Bereich „Challenges“ (Mutprobe, Herausforderung). Weshalb inhaltlich ausführlich über diesen Aspekt berichtet wird, kann ich aus meiner Sicht nicht nachvollziehen. Kappe beschreibt, dass hier auch die Presse besorgter reagieren würde als Eltern. Er konstatiert, dass Mutproben wichtig seien für die Entwicklung junger Menschen. Räumt aber auch ein, dass Soziale Medien häufig zweifelhafte Mutproben erst populär machen würden.
Das neunte Kapitel verrät doch interessante Details über die Spezifik der Sozialen Medien am Beispiel „TikTok“. Er beschreibt, dass äußerst populär sog. „Rage-Bait“ sind. Vielleich lässt sich das mit „Wutköder“ übersetzen. Das Ziel, mit den „Botschaften“ Wut und starke Emotionen auszulösen, gelingt auch m.E. insbesondere dem AFD Politiker Krah sehr gut. Die Algorithmen Sozialer Medien priorisieren diese Beiträge und schaffen es, dass häufig auch die von Kappe beschriebenen Zielgruppen mit Empörung und Wut reagieren und motiviert werden, sich einzumischen. Algorithmen beziehen keine politische Position – Hauptsache Engagement – Rait-Bait funktioniere so. Kappe resümiert, dass die Vereinfachung komplexer Themen und die Jagd nach „Likes“ und Reichweite, der Demokratie schadet. Algorithmen personalisieren Inhalte unseres bisherigen Verhaltens, sie zeigen somit, was dem ungefilterten Weltbild entspricht, die „Echokammer“ sei somit das Ergebnis unseres eigenen Handelns. Algorithmen berechnen die Wahrscheinlichkeit einer Interaktion. Kritisch betrachtet werden sollte, ob die sog. „Echokammern“ tatsächlich die Meinungen der Menschen formen können. Das Beispiel Krah macht aber auch deutlich, wie politische Botschaften immer weiter vereinfacht, pauschalisierend und radikalisierend wirken können.
Im zehnten und abschließenden Kapitel beschreib Kappe die Verantwortung der Generation „TikTok“. Filter-Bubble [1] und Echokammern beschreiben bestimmte Dynamiken in der digitalen Welt, sie vereinfachen komplexe Prozesse, die sich aus dem Zusammenspiel von Algorithmen, dem menschlichen Verhalten und sozialen Dynamiken ergeben, so Kappe. Somit sei es konstitutiv, Medienkompetenz in allen Schulformen und der Erwachsenenbildung zu etablieren.
Zielgruppe
Die Beschreibung der Zielgruppe fällt nach Lesen der Publikation nicht eindeutig aus, primär können wohl Eltern der Generation „TikTok“ beschrieben werden, die Kappe motivieren möchte, sich mit Medienkompetenz zu befassen. Auch für die Generation „TikTok“ könnte die Lektüre interessant sein. Die Publikation eignet sich weniger für Lehrer und Medienpädagogen, diese Zielgruppe sollte doch lieber auf die Schriften der GMK (Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur) zurückgreifen, die sich dezidiert mit Medienkompetenzerwerb befassen.
Diskussion
Die Publikation gibt einen Überblick über die vielfältigen Aspekte der Wirkungsweise und Ästhetik der Sozialen Medien am Beispiel „TikTok“. Auch werden Hinweise zum sog. „Suchtfaktor“ dieser speziellen Form der Sozialen Medien gegeben. Konkrete Handlungsanweisungen können m.E. aber nicht ausgemacht werden – Kappe tendiert zwischen den Polen „Euphorie“ gegenüber dem Medium und „kritischer Distanz“. Medienkompetenzerwerb in Anlehnung an Baacke ist bei Kappe äußerst marginal ausgefallen und spiegelt nicht den Stand der aktuellen Diskussion wider. Als Lehrer wäre ggf. auch zu erwarten gewesen, dass Kappe didaktische Hinweise thematisiert hätte, ggf. mit Arbeitsbeispielen oder Übungen. Zentrale Aussagen werden zum Teil redundant in den einzelnen Kapitelpunkten vorgestellt, der Abstraktionsgrad der Aussagen wechselt erheblich in den Kapiteln.
Seine Intention ist es, mit seiner Publikation Orientierung in einer digitalen Welt zu bieten, nicht auf der Ebene einer Ratgeberpublikation. Er formuliert seinen Anspruch, die Mechanismen der digitalen Kommunikation bezogen auf „TikTok“ durchschaubar zu machen, insbesondere die Algorithmen, die unser Miteinander beeinflussen. Darin sieht er eine pädagogische Aufgabe des Lehrpersonals und der Eltern: Kinder medienpädagogisch zu qualifizieren, zu Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein anzuregen, durch einen bedachten Umgang mit „TikTok“. Kappe resümiert, dass die Vereinfachung komplexer Themen und die Jagd nach „Likes“ und Reichweite der Demokratie schade. Diese Forderungen sind unterstützungswürdig, nur kann nach der Rezension der Lektüre nicht erkannt werden, wo dazu konkrete Anregungen gefunden werden können. Auch seine Zielstellung, insbesondere Eltern zum gesellschaftspolitischen und pädagogischen Handeln zu motivieren, um einen Beitrag zur gesellschaftlichen und damit auch zur kulturellen Teilhabe zu ermöglichen ist lobenswert, nur handelt es sich um eine sehr allgemeine Wunschvorstellung.
Fazit
Die Publikation von Nico Kappe lässt erkennen, dass er möglichst viele Aspekte der Beschäftigung mit „TikTok“ ansprechen möchte, um die Komplexität dieser besonderen Form der digitalen Kommunikation zu betonen. Aus meiner Sicht sind aber die Ansätze dazu eher oberflächlich dargestellt worden und treffen selten punktuell den „Untersuchungsgegenstand“.
[1] Filter-Blasen: Eli Pariser beschrieb 2011 eine digitale Umgebung, in der Algorithmen Inhalte basierend auf unserem bisherigen Verhalten personalisieren.
Rezension von
Prof. Dr. Johann Bischoff
Professor für Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik an der Hochschule Merseburg
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