Doris Bischof-Köhler, Norbert Zmyj: Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend
Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 11.09.2025
Doris Bischof-Köhler, Norbert Zmyj: Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend. Bindung, Empathie, theory of mind. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. 470 Seiten. ISBN 978-3-17-039404-9. 49,00 EUR.
Autor:innen
Prof. Dr. Doris Bischof-Köhler forschte und lehrte an den Universitäten Zürich und München und ist Trägerin des Deutschen Psychologiepreises.
Professor Dr. Norbert Zmyj hat den Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Technischen Universität Dortmund inne.
Thema
Gegenwärtig überwiegt die Tendenz, Entwicklungspsychologie unter kognitiver Perspektive zu betrachten und zu lehren. Motivationale und emotionale Verarbeitungsprozesse führen in solchen Ansätzen eher ein Schattendasein, obwohl sie als Bestandteile der sozialen Kognition und ihrer Auswirkungen auf das Handeln unverzichtbar sind. In diesem Lehrbuch werden diese Komponenten stärker als üblich in die Betrachtung einbezogen und das integrative und systemische Zusammenspiel aller beteiligten Faktoren herausgearbeitet.
Aufbau und Inhalt
Das Buch umfasst 18 Kapitel, die zwei Themenkreisen zugeordnet werden können, der motivationalen und emotionale Entwicklung (Kap. 1–9) und der Entwicklung sozialkognitiver Fähigkeiten und ihre Auswirkungen auf die soziale Interaktion, Empathie und Theory of Mind (Kap. 10–18).
Im 1. Kapitel (Phylogenese und Ontogenese) werden grundlegende Begriffe erörtert und systematisiert sowie der evolutionäre Bezugsrahmen und die Orientierung an der Adaptivität in der Darstellung verdeutlicht. Wichtig für das weitere Verständnis ist auch die Einführung der drei Niveaus der Verhaltensorganisation (prärational, protorational und rational) und ihrer Bedeutung in Phylogenese und Ontogenese.
Das 2. Kapitel (Prärationale Entwicklung) befasst sich mit den ersten 18 Monate der kindlichen Entwicklung, orientiert sich hauptsächlich an Piagetschen Konzepten, berichtet aber auch über neuere Experimente und Beobachtungen.
Mit dem Ende der sensumotorischen Phase nach 18 Monaten endet auch die prärationale Phase. Es folgt die Besprechung der protorationalen Ebene. Es werden mentales Vorstellen und Probehandeln möglich, die Sprachentwicklung gewinnt an Bedeutung (3. Kapitel: Der Beginn rationalen Denkens).
Für die nachfolgenden Kapitel ist das Zürcher Modell der sozialen Motivation von zentraler Bedeutung. Die Grundbegriffe und die Rolle der Emotionen werden einleitend im 4. Kapitel besprochen. Anschließend wird die Geschichte der Theoriebildung zum Bindungsmotiv, die Funktion der Bindung, Bindung als Sicherheitssystem im Rahmen des Zürcher Modells und Theorien zur Erklärung des Lächelns dargestellt.
Das 5. Kapitel befasst sich mit dem Erregungssystem. Neugier und Furcht sind dabei zentrale Themen, u.a. werden die Interaktion von Sicherheit und Erregung, Arten der Exploration und die Funktion des spielerischen Raufens herausgearbeitet.
Ein drittes Motivsystem wird im 6. Kapitel angesprochen, das Autonomiesystem. Dieses interagiert wiederum mit dem Sicherheits- und Erregungssystem. Die Theorien der Entwicklung des Selbsterkennens und des Ichbewusstseins, Wiederannäherungskrise und Trotzverhalten werden dargestellt.
Da Aggression bei den frühen Autonomiebestrebungen des Kindes eine Rolle spielt; wird dieses Thema im 7. Kapitel ausführlicher besprochen. Problematisch wird aus evolutionsbiologischer Sicht die Definition über die Schädigungsabsicht gesehen. Eingehend wird die ethologische Perspektive sowie Ursachen aggressiven Copings in der Ontogenese erläutert.
Im 8. Kapitel wird das Autonomiesystem in drei Teile aufgeteilt: Macht-, Geltungs- und Selbstwertmotivation. Besonders besprochen wird die Entwicklung von Rangordnungen und das Konzept der Aufmerksamkeitsstruktur („Ansehen“ als Zeichen eines hohen Ranges).
Nach der Besprechung der drei sozialen Motivsysteme in den vorhergehenden Kapiteln geht es im 9. Kapitel um individuellen Entwicklungsbesonderheiten der Motivationsregulation, um Bindung und ihre Folgen. Ausgehend von der Ainsworthschen Fremden Situation werden die klassischen Themen der Bindungstheorie (Bindungsqualitäten, mütterlicher Stil, Langzeitfolgen und Fehlentwicklungen) erörtert.
Mit dem 10. Kapitel wenden sich Doris Bischof-Köhler und Norbert Zmyj den sozial-kognitiven Kompetenzen und ihren Auswirkungen zu. Sie verbleiben zunächst im ersten Lebensjahr eines Kindes, bei den Anfängen der sozialen Kognition, und erläutern den Unterschied zwischen Gefühlsansteckung und Empathie und beschäftigen sich mit den Spiegelneuronen und frühen Formen der sozialen Bezugnahme (Social Referencing, Joint Attention).
Das 11. Kapitel beginnt mit der sozialen Intelligenz bei Menschenaffen (auf dem protorationalen Niveau). Im Weiteren werden Theorieansätze zur Empathieentwicklung diskutiert. Es wird dabei ein Zusammenhang mit der Selbstobjektivierung hergestellt (so ist das erste Auftreten in der Entwicklung mit dem Erkennen im Spiegel korreliert). Damit ist die Basis für zwei weitere Voraussetzungen für Empathie gelegt: Ich-Andere-Unterscheidung und synchrone Identifikation mit dem Anderen.
Im 12. Kapitel werden die motivationalen Folgen der Empathie behandelt, wobei prosoziale und sozial-negative Konsequenzen (z.B. Schadenfreude) unterschieden werden. Es werden Faktoren, die prosoziale Intervention beeinflussen, besprochen sowie Einflüsse auf die Empathieentwicklung (z.B. die Bindungsqualität) herausgestellt.
Anschließend wird im 13. Kapitel die Entwicklung der Nachahmung dargestellt und bei der eigentlichen Nachahmung zwischen einer prozess- und ergebnisorientierten Form unterschieden.
In den folgenden Kapiteln wird die Weiterentwicklung sozialkognitiver Mechanismen behandelt. Im ersten Teil des 14. Kapitels geht es um Theorien zum Fremdverständnis. Es werden verschiedene Aspekte und zugehörige Konzepte (Nachahmung und Rollenübernahme, Dezentrierung, Egozentrismus und Perspektivenübernahme) diskutiert. Weiter geht es in diesem Kapitel ausführlich mit der Theory of Mind. Ein zentrales Paradigma ist das Paradigma der „false beliefs“ und die Reflexion auf Bezugssysteme. Theory of Mind wird oft als „Psychologie des gesunden Menschenverstandes“, als „naive Theorien über Ursachen des Verhaltens“ definiert. An dieser Stelle wird das ebenso wie der der Begriff „Mentalisierung“ als zu global und nichtssagend kritisiert. „Enthusiasten“ sehen schon frühe Kennzeichen einer Theory of Mind im ersten Lebensjahr (implizite Theory of Mind, z.B. bei Social Referencing), „Skeptiker“ zählen erst Mechanismen der sozialen Kognition ab dem vierten Lebensjahr, mit dem wichtigen Kriterium des „false Belief“ (Verständnis, dass eine Person eine falsche Meinung bezüglich eines Sachverhalts haben kann). Es werden die Ergebnisse von Experimenten, die als Belege für ein implizites Verständnis interpretiert werden können, sowie auch alternative Erklärungsansätze ausführlich diskutiert. In diesem Kapitel wird auch die Entwicklung der Perspektivenübernahme und von Überzeugungen höherer Ordnung bis zur Adoleszenz beschrieben sowie das Verständnis für Intentionalität, Kausalität und Absichtlichkeit.
Der Selektionsvorteil, die Funktion der Theory of Mind ist nicht nur die Optimierung der sozialen Kognition, sondern auch eigene motivierte Zustände zu vergegenwärtigen (Kapitel 15). Dies hat Auswirkungen auf die Handlungsorganisation und führt zu grundlegenden Veränderungen. Eine „mentale Zeitreise“ im Sinne der Vorwegnahme zukünftiger Motive oder des Wiederauflebens vergangener Motive (z.B. als Vergeltung) wird möglich; es entsteht ein „Raum des hypothetisch Möglichen“. Es werden in einem Gebiet, das weitgehend Neuland ist, Untersuchungen zur Entwicklung exekutiver Funktionen (Bedürfnisaufschub, Selbstkontrolle) und zur mentalen Zeitreise (Motivmanagement, Vorausplanung) erörtert.
Im 16. Kapitel wird die Brücke zur sozial-emotionalen Entwicklung und dem Beziehungsverhalten geschlagen. Es setzt sich mit Entwicklungsphänomenen in dem Alter auseinander, in dem die klassische Psychoanalyse den Ödipus-Komplex angesiedelt hatte. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität und die Veränderung der Sicht der Familie (ausführlich mit eigenen Studien) werden beschrieben und diskutiert,
Das 17. Kapitel befasst sich mit der naiven Persönlichkeitstheorie und dem Selbstbild und beschreibt die Fremd- und Selbstwahrnehmung bis ins Jugendalter.
Abschließend werden Aspekte der Moralentwicklung dargestellt. Ein reziproker Altruismus setzt viele der besprochenen mentalen Fertigkeiten voraus (z.B. die Fähigkeit zur mentalen Zeitreise). Es werden die Ansätze von Piaget und Kohlberg kritisch besprochen und diese kognitivistischen Ansätze um relevante emotionale Komponenten, die Kenntnis moralischer Gefühle und die Empathie erweitert.
Diskussion
Das Buch spannt den weiten Bogen von der Geburt bis zur Adoleszenz, wobei der Schwerpunkt auf der frühen Kindheit und dem Kindergartenalter liegt.
Das Lehrbuch ist grundlagenwissenschaftlich orientiert; der Anwendungsaspekt spielt keine Rolle. Die theoretische Basis in diesem Buch ist die evolutionäre Perspektive; Theorien werden unter diesem Blickwinkel diskutiert und bewertet. Wichtig war es dabei, herauszuarbeiten, auf welchem Komplexitätsniveau die Erklärungen für Phänomene gesucht und diskutiert werden. Auch die umfangreichen Forschungsarbeiten von Doris Bischof-Köhler und Norbert Zmyj werden vorgestellt und verarbeitet.
Eine bedeutende Rolle für das Verständnis spielt dabei das Zürcher Modell der sozialen Motivation von Norbert Bischof. In die Graphiken, in denen das Modell veranschaulicht wird, muss sich die/der Leser:in hineinarbeiten.
Die Darstellung folgt einem klaren Aufbau, sie ist gründlich und fundiert. Das Gesamte wird nicht aus den Augen verloren; immer wieder werden Bezüge hergestellt und Querverweise zu anderen Kapiteln vorgenommen. Dies ist auch wichtig und hilfreich für Leser:innen, die nur einzelne Kapitel lesen wollen.
Fotos, Graphiken und Absetzungen im Text sowie eine Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels erleichtern die Arbeit mit dem Buch. Die graphische Gestaltung ist in dieser Auflage ansprechend und modern.
Die Kapitelaufteilung ist in der vorliegenden Ausgabe im Wesentlichen erhalten geblieben, nur die Kapitel 12, 13 und 14 sind etwas anders aufgeteilt.
Fazit
In diesem Buch wird ein Teilbereich der kindlichen Entwicklung umfassend, tiefgründig und auf dem neuesten Wissensstand dargestellt. Ein Lehrbuch, das nicht nur Wissen vermittelt. sondern auch zum Weiterdenken anregt.
Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
Mailformular
Es gibt 204 Rezensionen von Lothar Unzner.





