Steffi Thon: Konflikte sind Wachstumsmomente
Rezensiert von Prof. Dr. Matilde Heredia, 23.07.2025
Steffi Thon: Konflikte sind Wachstumsmomente.
AV1 Pädagogik-Filme
(Kaufungen) 2025.
26,00 EUR.
198-VO-PF-54-KSW
DVD-Nummer 46505725
52 Minuten.
Thema
In dieser DVD wird im Rahmen eines Pädagogik-Talks das zentrale Thema „Konflikte“ behandelt, wobei der Fokus auf den Chancen liegt, die Konflikte als Wachstumsmomente im pädagogischen Alltag von Kindertageseinrichtungen bieten. Konflikte gehören zum Leben, besonders im pädagogischen Alltag. Dies bildet den Ausgangspunkt für das Video und das Gespräch zwischen Hergen Sasse und Wencke Töpfer, das in diesem Video gezeigt wird.
Entstehungshintergrund
Diese neue DVD-Produktion von AV1 gehört zur Reihe „Pädagogik-Filme“ und wurde von Steffi Thon produziert. Die Kamera führten Sven Veidt, Steffi Thon und Lena Friesen. Für Marketing und Vertrieb war Lisa Zenker verantwortlich.
Das Interview mit dem Konfliktexperten Hergen Sasse führt Wencke Töpfer in einer ruhigen und einladenden Atmosphäre. Die Sprache ist klar, ruhig und verständlich und bietet vielfältige Möglichkeiten, sich fachlich mit den Themen Kommunikation, Konflikte und dem Umgang mit Konflikten im pädagogischen Alltag auseinanderzusetzen – nicht nur für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, sondern für Teams aus dem Bereich Pädagogik und Soziales insgesamt.
Aufbau und Inhalt
Die Hauptstruktur der DVD „Konflikte sind Wachstumsmomente“ ist klar und sehr übersichtlich, was eine gute inhaltliche Orientierung ermöglicht. Die Nutzung als DVD-Medium erlaubt vielfältige Einsatzmöglichkeiten, auch offline.
Insgesamt bietet die DVD drei Hauptbereiche: Filmstart, Kapitelauswahl und einen Trailer mit dem Titel „Die Magie der Worte“. Diese klare Struktur ermöglicht es, je nach Bedarf in die DVD einzusteigen. Beim Filmstart erfolgt eine Einführung in die Thematik: Die Gesprächspartner sind auf dem Weg zum Interviewort, nehmen Platz und führen die Zuschauer in das Gespräch ein.
Im Bereich Kapitelauswahl ist das Interview in insgesamt acht Unterkapitel unterteilt, die die verschiedenen Phasen von Konflikten sowie zentrale Aspekte wie Kommunikation im Konflikt, die Bedeutung von Wut in Konfliktsituationen, Techniken zur Konfliktlösung und das Ende eines Konflikts genauer beleuchten.
Im Trailer wird ein kurzer Ausschnitt aus einer weiteren DVD-Produktion von AV1 gezeigt, die thematisch zu „Konflikte sind Wachstumsmomente“ passt. Im Trailer „Die Magie der Worte – oder wie achtsame Sprache das Selbstbild stärkt“ wird ein Gespräch mit der Kindheitspädagogin Lea Wedewardt zum Thema achtsame Sprache sowie bedürfnisorientierte und achtsame Kommunikation mit Kindern – frei von Sprachgewalt und Adultismus – geführt.
Inhalte
Die DVD beginnt mit einem kurzen Einstieg in das Interview. Im Filmstart betreten die AV1-Moderatorin Wencke Töpfer und der Interviewpartner Hergen Sasse den Aufnahmeort KUHnstwerk in Hannover, begrüßen sich und die Zuschauer und führen kurz inhaltlich in das Interview ein.
Nach einer kurzen Vorstellung des Interviewpartners, Hergen Sasse – Heilerziehungspfleger, Konflikt- und Deeskalationstrainer sowie Autor des Buches „Konflikte lösen: schwierige Situationen im Kita-Alltag meistern“ (2023) – folgt das erste Kapitel „Konflikte & ihre Entstehung“. Hier wird ein fachlicher Einstieg in die Thematik „Konflikte im pädagogischen Alltag“ gegeben. Konflikte sind herausfordernd; wir haben nicht gelernt, angemessen damit umzugehen, obwohl sie zum Alltag gehören. Die Definition sowie die Merkmale, die Entstehung und mögliche Ursprünge von Konflikten werden in Anlehnung an Friedemann Schulz von Thun beschrieben und den Zuschauern klar und prägnant vermittelt.
Der Interviewpartner Hergen Sasse beschreibt seinen beruflichen Bezug zum Thema Konflikt und gibt einen ersten Einblick in die Konfliktarbeit in der pädagogischen Praxis. Anhand von Praxisbeispielen werden die Unterscheidung zwischen Konflikt und Streit sowie mögliche Hintergründe der Entstehung von Konflikten erläutert. Die zentrale Rolle der Kommunikation im Zusammenhang mit Konflikten wird deutlich hervorgehoben. Ebenso wird klar zwischen Konflikt, Streit und der Vermeidung von Konflikten unterschieden.
Im zweiten Kapitel „Beziehung vor Inhalt“ wird die Rolle von Beziehungen und Beziehungsgestaltung im Kontext von Kommunikation und Konfliktlösung erläutert. Ohne eine respektvolle Beziehung und die Berücksichtigung der Emotionen der Konfliktbeteiligten ist eine inhaltliche und nachhaltige Lösung sowie die Vermeidung neuer Konflikte nicht möglich. Die zentrale Bedeutung der Beziehungsarbeit in Teams, beispielsweise durch Teambuildingmaßnahmen, steht hier im Mittelpunkt.
Anhand eines konkreten Praxisbeispiels, das die Interaktion zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einem Kind mit herausforderndem Verhalten zeigt, wird die Unterscheidung zwischen Beziehungs-, Kommunikations- und Konfliktebene verdeutlicht. Die Bedeutung der Beziehungsarbeit im pädagogischen Alltag von Kindertageseinrichtungen wird dabei besonders hervorgehoben. Der Interviewpartner Hergen Sasse lädt dazu ein, zu reflektieren, wie Beziehungsgestaltung im pädagogischen Alltag umgesetzt werden kann und wie dadurch die Beziehung vor den Inhalt der Kommunikation und mögliche Konflikte in den Vordergrund gestellt werden sollten.
Im dritten Kapitel „Haltung & Glaubenssätze“ werden Haltung und Glaubenssätze im Hinblick auf Konflikte beleuchtet. Aspekte wie Misstrauen und Sozialisationserfahrungen in Bezug auf Glaubenssätze und Konflikte in Teams von Kindertageseinrichtungen werden thematisiert und reflektiert. Zudem werden die eigenen Gedanken als mögliche Quelle von Konflikten betrachtet; eine zentrale Aussage ist dabei: „Meine Gedanken beeinflussen die Art und Weise, wie ich meinem Gegenüber begegne.“
Der Interviewpartner Hergen Sasse beantwortet die Fragen der Interviewerin Wencke Töpfer zum Thema Haltung und Glaubenssätze. Er lädt dazu ein, Glaubenssätze, die die Lösung von Konflikten behindern, zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Sich mit früheren Erfahrungen und eigenen Glaubenssätzen zu beschäftigen, ist Voraussetzung, um Konflikte erfolgreich lösen zu können. Die eigenen Glaubenssätze und die Kommunikation können mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg oder durch gezielte Teamarbeit hinterfragt und verbessert werden.
In einem fließenden Übergang werden im vierten Kapitel „Sicherheit & Beziehung“ diese beiden zentralen Elemente der Konfliktbearbeitung erläutert. Aus der Perspektive von Hergen Sasse braucht es einen sicheren Raum und ein gutes Miteinander. Die Gesprächspartner fassen zusammen, dass eine offene Fehler- und Feedbackkultur innerhalb von Kita-Teams unabdingbar ist, um Konflikte erfolgreich zu lösen.
Hergen Sasse erläutert in diesem Kapitel das „Konflikthaus“, das er gemeinsam mit Kathrin Hohmann entwickelt hat, und betont, dass eine tragfähige Beziehung und ein Raum der Sicherheit unverzichtbar sind, damit Konflikte im Team offen angesprochen und bearbeitet werden können. Leider wird dieser Aspekt des sicheren Raums im Praxisalltag oft vernachlässigt, so Hergen Sasse. Sicherheit entsteht durch klare Regeln, geeignete Kommunikationsstrukturen und einen respektvollen Umgang miteinander. Nur so fühlen sich Teammitglieder sicher genug, Konfliktaspekte zu thematisieren und gemeinsam als Team Lösungen zu entwickeln.
Der Raum der Sicherheit wird häufig vom Team selbst mit eigenen Ideen gestaltet, je nachdem, was gebraucht wird – beispielsweise durch einen klaren Ablauf, Rückzugsräume oder Ähnliches. Teams können für sich passende Räume der Sicherheit definieren. Auch die Rolle der Kitaleitung als Führungskraft wird in diesem Zusammenhang thematisiert. Hier wird ein Bezug auf die Bedürfniswächter:innen nach dem Riemann-Thomann-Modell hergestellt. Kurzum: Es geht um einen partizipativen Zugang zur Konfliktlösung.
Im fünften Kapitel „Kommunikation im Konflikt“ wird im Fachgespräch auf Konflikte und Konfliktlösungen zwischen Fachkräften und Kindern eingegangen. Anhand eines konkreten Praxisbeispiels werden zentrale Aspekte herausgestellt, die zu einer gelungenen Kommunikation in diesem Arbeitsbereich beitragen. Durch Videoaufnahmen und Reflexion können nichtsprachliche Momente der Interaktion besonders gut erfasst werden. Achtsamkeit ist hierbei zentral. „Durch Achtsamkeit können wir kleine kommunikative Initiativen besser wahrnehmen“, so Hergen Sasse.
Auch in diesem Zusammenhang werden Partizipation und die „AgressionsAcht“ aus dem sam-concept© hervorgehoben, um auf die Kommunikationsbedürfnisse der Kinder qualitativ eingehen und eine gelungene Kommunikation mit Kindern im pädagogischen Alltag gestalten zu können. Am Ende dieses Kapitels wird eine nützliche Empfehlung für die Arbeit, auch im Krippenbereich, ausgesprochen: „Zur Konfliktprävention sollte Partizipation auf einem nichtsprachlichen Niveau ermöglicht werden, z.B. durch Bildkarten.“ Kinder erhalten dadurch die Möglichkeit, ihre eigenen Emotionen und Bedürfnisse zu vermitteln, ohne in Frustration zu geraten.
Im sechsten Kapitel „Wut ist gut“ legt der Interviewpartner den Fokus auf das Thema Wut: „Wut ist immer dann konstruktiv, wenn sie andere nicht verletzt“, so Hergen Sasse. Auf die Frage von Wencke Töpfer nach der konstruktiven Ebene der Wut bietet Hergen Sasse eine alternative Perspektive, die für die Praxis sehr hilfreich sein kann. In der Wut verbirgt sich eine immense Kraft, und es ist wichtig, diese in Konfliktlösungsprozesse einzubeziehen und idealerweise ins Positive zu kanalisieren.
Im siebten Kapitel „Techniken zur Konfliktlösung“ werden konkrete Methoden vorgestellt, die zur Lösung von Konflikten beitragen können. Einige dieser hilfreichen Techniken, wie aktives Zuhören, Ich-Botschaften oder Gewaltfreie Kommunikation, werden praxisnah aus der Perspektive der Konfliktlösung erläutert. Dabei werden sowohl die Vorteile als auch die möglichen Grenzen der verschiedenen Techniken kurz und verständlich aufgezeigt.
Die Interviewpartnerin Wencke Töpfer geht in diesem Teil genauer auf die Perspektive der Kinder ein und fragt nach der Rolle und Anwendung von Techniken zur Konfliktlösung bei Kindern, die sprachlich noch nicht in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren. An dieser Stelle wird ein weiterer AV1-Film, „Die Magie der Worte“ mit Lea Wedewardt, der auch im Trailer vorgestellt wird, kurz erläutert. Anhand eines Praxisbeispiels aus diesem Film wird der Aspekt der Konfliktverhandlung mit Kindern anschaulich dargestellt.
Den Spielraum innerhalb von Konfliktverhandlungen zu vergrößern, ist hilfreich, um Konflikte zu lösen. „Je mehr Spielraum zwischen Minimal- und Maximalziel besteht, desto besser“, so Hergen Sasse. Besonders zu Beginn des Berufslebens als pädagogische Fachkraft ist es ratsam, sich der Möglichkeiten von Konfliktverhandlungen sowie der Einbeziehung der Kindergruppe bei der Lösungsfindung – wenn die Situation es zulässt – bewusst zu werden.
Im achten Kapitel wird das Ende eines Konflikts beleuchtet. Zu Beginn wird die Frage der Interviewerin behandelt, wie man vorgeht, wenn ein Konflikt nicht gelöst werden kann bzw. wenn sich eine der Parteien auf keine Lösung einigen kann oder möchte. Hergen Sasse ist der Ansicht, dass ein konstruktiver Umgang mit der Situation auch ohne eine Lösung möglich ist. In Arbeitskontexten sind Lösungen zwar notwendig, aber gerade deshalb kann ein Notausstieg aus Konflikten hilfreich sein, ohne dass die Beziehung oder der gegenseitige Respekt zwischen den Parteien darunter leiden. „In Konflikten muss es einen Notausstieg geben“, betont Hergen Sasse.
In diesem Kapitel wird außerdem die Frage nach gelungenen und professionellen Trennungen und nach dem Beenden von Konflikten aus der Perspektive von Kitaleitungen beleuchtet – im Sinne einer professionellen Haltung, wenn in Konflikten kein Konsens gefunden wird. Ein zentrales Merkmal von Professionalität zeigt sich im authentischen Umgang mit Situationen, in denen trotz Bemühungen keine Einigung erzielt werden kann und es dennoch einen angemessenen Umgang für alle Beteiligten braucht. Das Vertagen von Entscheidungen während der Bearbeitung von Konflikten kann sich im Team-Alltag oft als sinnvoll erweisen.
Diskussion
Die Thematik, Konflikte als Wachstumsmomente im pädagogischen Alltag von Kindertageseinrichtungen zu begreifen, wird in dieser DVD sehr gut beleuchtet. Ohne komplexe theoretische Grundlagen zu behandeln, wird ein verständlicher und klarer Zugang zur Thematik „Konflikte und deren Umgang im pädagogischen Alltag“ ermöglicht. Durch die Einbeziehung aller Akteur:innen in das Lernfeld, Konflikte als Wachstumsmomente zu verstehen, wird eine Brücke zur Reflexion und zum Handeln für alle Beteiligten in Konfliktsituationen geschlagen. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist sehr gut gelungen: Es werden kurze und anschauliche Beispiele aus der Praxis eingeführt, die einen klaren Zugang zum Themenfeld „Konflikte, Kommunikation und die darin existierenden Handlungsmöglichkeiten“ bieten. Obwohl das Interview häufig zwischen verschiedenen Ebenen der Kommunikation wechselt und sowohl die Kommunikation zwischen Erwachsenen als auch zwischen Erwachsenen und Kindern in den Fokus rückt, enthält es viele Reflexionsmomente, die als niedrigschwellige Zugänge zur Thematik für pädagogische Teams dienen können.
Fazit
Die DVD „Konflikte sind Wachstumsmomente“ zeigt, wie wichtig und notwendig es ist, Konflikten im pädagogischen Alltag nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie als Chancen für persönliches und fachliches Wachstum zu begreifen. Hergen Sasse gibt klare und präzise Antworten auf aktuelle Herausforderungen im pädagogischen Alltag und stellt Pädagog:innen eine hilfreiche Werkzeugkiste zur Verfügung.
Rezension von
Prof. Dr. Matilde Heredia
Professur für Kindheitspädagogik
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