Marcel Lewandowsky: Was Populisten wollen
Rezensiert von Ronny Noak, 25.02.2026
Marcel Lewandowsky: Was Populisten wollen. Wie sie die Gesellschaft herausfordern - und wie man ihnen begegnen sollte. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2024. 336 Seiten. ISBN 978-3-462-00672-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Thema
Wurde vor Jahren noch vom globalen Siegeszug der Demokratie ausgegangen, befinden sich mittlerweile immer mehr Staaten unter dem Druck von Populist*innen. Der Erfolg Giorgia Melonis in Italien, Donald Trumps in den USA oder der Alternative für Deutschland (AfD) in Deutschland setzen selbst gestandene Demokratien unter Druck. Der vorliegende Band unternimmt nun den Versuch die Strategie der Populist*innen zu entschlüsseln und daraus Hinweise für eine erfolgreiche Gegenstrategie zu entwickeln.
Autor:in
Der Autor Marcel Lewandowsky studierte u.a. Politikwissenschaft und Neuere Geschichte. Anschließend folgte eine akademische Karriere mit Promotion und Habilitation. Diese führte ihn schließlich zu einer Professur an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen – neben dem Populismus – in der Erforschung von Parteien und Parteiensystemen und der demokratischen Regression und autoritären Regimen.
Aufbau
Der Band ist in sechs inhaltliche Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel ist mit dem Titel „Was Populisten unter Demokratie verstehen: wahre Demokraten“ überschrieben. Darunter sind sieben Unterkapitel gefasst. Der zweite Abschnitt „Wen Populisten für das Volk halten: Identität und Scheinkonsens“ beinhaltet sogar acht Unterkapitel die u.a. die Überschriften „Wir sind das Volk 2.0“ und „Echte Männer sind rechts“ tragen. Kapitel drei lautet „Wie Populisten sich inszenieren: Widerstand“. Das folgende Kapitel ist überschrieben mit „Wie Populisten das System verändern: wir Alleinherrscher“. Auf knapp 30 Seiten folgen fünf Unterkapitel. Das vorletzte Kapitel trägt den Namen „Wer Populisten wählt: Wir hier unten“. Abgeschlossen wird der Band mit dem wichtigen Abschnitt zu „Was wir gegen Populisten tun können: die Stunde der Pluralisten“.
Inhalt
Marcel Lewandowsky unternimmt in seinem Buch den Versuch die Überschneidungen und Gemeinsamkeiten populistischer Bewegungen herauszukristallisieren. Dabei geht es ihm vor allem um die Strategien, die ideologischen Gemeinsamkeiten und die übergreifenden Ziele. Dabei arbeitet er sich weniger an einzelnen Personen ab, die stellvertretend für die Vorhaben der Populist*innen stehen könnten, sondern untersucht gesamte Bewegungen und Parteien. Er möchte offenbar den Wesenskern und damit eine politische Theorie des Populismus erarbeiten.
Als Wesenskern des Populismus arbeitet der Autor dabei die Spaltung des Volkes durch Populist*innen in das Volk mit einem „wahren einheitlichen Volkswillen“ (S. 55) und einer politischen Klasse und Elite, die – so die Populist*innen – „im Dunklen, geheim und unkontrolliert“ (S. 53) operiert und sich damit vom vermeintlichen Volkswillen immer weiter entfernt. Was ergibt sich nun aus dieser Forderung? Die Populist*innen behaupten, sie allein würden den „wahren“ Volkswillen vertreten. Daraus leiten sie den Anspruch ab, im Namen des Volkes zu sprechen und dabei demokratische Errungenschaften wie Gewaltenteilung zu umgehen.
In den folgenden Kapiteln will Lewandowsky zunächst die politische Theorie des Populismus herausarbeiten. Dabei geht es ihm vor allem darum zu zeigen, wo der Populismus die Demokratie gefährdet. Inhaltich lassen sich vier Punkte herausstellen: mehr direkte Demokratie, die schon erwähnte Ablehnung politischer, wissenschaftlicher oder öffentlicher Eliten, die Komplexitätsreduktion mit dem Versuch auf umfassende Probleme eigene Antworten zu geben und die Einschränkung bzw. der Ausschluss von Minderheiten. Rechtspopulisten – im Vergleich zu Linkspopulisten – gehen von einem homogenen Volk aus, welches ethisch oder kulturell möglichst einheitlich sein soll.
Auch wenn der Großteil des Buches den rechten Populismus behandelt, widmet der Autor auch einige Sätze dem Linkspopulismus, was dem Anspruch, eine Gesamtgeschichte des Populismus zu schreiben, entspricht. Dass der linke Populismus insgesamt aber eine untergeordnete Rolle spielt begründet sich schlicht mit seiner fehlenden globalen Wirkmacht und Bedeutung oder wie Lewandowsky kurz sagt: „Die Luft ist raus.“ (S. 133).
Im fünften Kapitel zeigt sich, dass der Autor nicht nur die Protagonist*innen des Rechtspopulismus, sondern auch die Wähler*innen derselben in den Blick nimmt. Sowohl mit empirischer Basis als auch mit einem Gedankenexperiment wird in die Motive von Wähler*innen eingetaucht. Dabei wird unter anderem herausgestellt (und dies scheint in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterzugehen), dass die Einstellung der Wähler*innen dem Populismus vorausgeht. Er schafft also nicht seine Wähler*innen. „Typisch ist nicht, dass die Wähler der Populisten von deren Strategien verführt werden, sondern sie werden von ihnen dort abgeholt, wo sie stehen.“ (S. 223)
Bis zu dieser Stelle geht es dem Autor vor allem um die Strategie und Erfolge des Populismus. Im letzten Kapitel wendet sich nun die Blickrichtung, denn der Autor zeigt, wie dem Populismus demokratisch begegnet werden kann. Um sich in dieses Kapitel hineinzudenken, fasst der folgende Absatz die im Buch erläuterten Strategien perfekt zusammen: „Kurzfristig sollte das Ziel sein, Taktiken zu vermeiden, die den Rechtspopulisten eher nützen als schaden. Mittelfristig braucht es eine erneuerte politische Kultur unter den Parteien, aber auch im Umgang mit der populistischen Rechten. Und langfristig muss die Politik darauf hinarbeiten, das Vertrauen und die Zuversicht der Bürger zu stärken – auch in Krisenzeiten.“ (S. 235).
Diskussion
Der Rechtspopulismus scheint aktuell omnipräsent. Sowohl national als auch international bedroht er die demokratische Ordnung und dabei scheint er von Erfolg zu Erfolg zu eilen. Im aktuellen Stadium kommt Lewandowskys Analyse daher genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn wer den Populismus verhindern will, muss ihn verstehen. Insofern ist die vorliegende Zustandsbeschreibung gerade aufgrund ihrer geweiteten Perspektive nahezu unerlässlich.
Denn Lewandowsky gelingt es die Gefahr des Populismus weder zu dramatisieren noch zu verharmlosen. Er baut keine übergroße und unbesiegbare Chimäre für Demokratien auf, sondern untersucht den Populismus empirisch bezüglich seiner Erfolgsbedingungen. Ihm gelingt dabei eine umfassende analytische Auseinandersetzung.
Dem Autor gelingt es seine Feststellungen mit praktischen Beispielen zu belegen, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. Hervorzuheben ist auch die Verständlichkeit des Buches. Der Autor kann erfolgreich seine Gedankengänge darstellen ohne dabei in eine akademische Fachsprache abzugleiten.
Für alle Leser*innen, die einen umfassenden Überblick vor allem über den Rechtspopulismus und seine Bedrohung für die Demokratie suchen, kann dieser Band eine erste Anlaufstelle sein. Wer verstehen will, wie sich der Populismus entwickelt und trotz seiner jeweils nationalen Besonderheit eine gemeinsame Erfolgsgeschichte sein konnte, dem sei dieser Band empfohlen.
Auch wenn beim Lesen eine depressive Stimmung ob der vermeintlichen Erfolgsgeschichte des Rechtspopulismus auftreten kann, so schafft hier das abschließende Kapitel Abhilfe. Denn Lewandowsky lässt den oder die Leser*in nicht etwa ratlos zurück. Er überzeugt mit einer umfassenden Gegenstrategie, der dringend eine empirische Überprüfung zu wünschen ist. Denn wer versteht, was Populist*innen wollen und warum sie Zuspruch erhalten, kann demokratisch angemessen darauf reagieren.
Fazit
„Was Populisten wollen“ besticht durch eine sachliche, differenzierte und gut verständliche Analyse des Populismus. Marcel Lewandowsky gelingt es, ein komplexes politisches Phänomen präzise zu erklären, ohne es zu dramatisieren oder zu verharmlosen. Das Buch leistet damit einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis aktueller politischer Entwicklungen und stärkt die reflektierte Auseinandersetzung mit Demokratie und erhöht somit deren Resilienz.
Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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