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Nina Spröber-Kolb, Michael Kölch: Depressionen

Rezensiert von Sebastian Kron, 28.07.2025

Cover Nina Spröber-Kolb, Michael Kölch: Depressionen ISBN 978-3-17-034693-2

Nina Spröber-Kolb, Michael Kölch: Depressionen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 178 Seiten. ISBN 978-3-17-034693-2. 29,00 EUR.
Reihe: Klinische Psychologie und Psychotherapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Verhaltenstherapeutische Interventionsansätze.

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Thema

Eine Depression ist ein Störungsbild, welches sich durch eine enorme, innere Antriebslosigkeit, einem manifesten Interessenverlust und zum Teil einer deutlichen, innerpsychischen Unruhe bemerkbar macht. Sie steht oftmals mit traumatischen Erfahrungen, internal-kausalattribuierende Zuschreibungen, irrrationale Gedanken zum Selbst und verstärkende, negative Intrusionen in Verbindung.

Depressionen im Kindes- und Jugendalter sind oft mit diversen Ängsten verknüpft und können sich auf pathogenetischer Ebene in das Erleben und Verhalten der jungen Wesen manifestieren. Oft rühren sie aus Misserfolgen, Verlusterfahrungen, Bindungsmisstrauen und Versagensängsten. Begleitet werden sie im Schulalter von Mobbing- und Ausgrenzungserfahrungen, die ein Bindungsmisstrauen verfestigen. Auch der Selbstwert ist beeinträchtigt.

Autor:innen

Frau Prof. Dr. Nina Spröber-Kolb ist Psychotherapeutin in eigener Praxis in Neu-Ulm.

Herr Prof. Dr. Michael Kölch ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universität Rostock.

Frau Prof. Dr. Tanja Legenbauer ist in einer Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamm der Ruhr-Universität Bochum tätig.

Entstehungshintergrund

Depressionen sind zu einem „Massenphänomen“ geworden. Besonders erschreckend ist der hohe Anteil von Kindern und Jugendlichen, die von Depressionen betroffen sind. Anhaltende Sorgen um die Zukunft, Leistungsdruck, Mobbingerfahrungen und Einsamkeit sind Stressoren unserer heutigen Jugend. Wohin führt dieser Ärger, wenn er im Verborgenen bleibt? Er wird sich im Rahmen psychischer Beeinträchtigungen manifestieren und das Leben der Kinder und Jugendlichen nachhaltig prägen, sich auf die physische Gesundheit ebenso auswirken, wie auf die psychische.

Unsere heutige Gesellschaft ist im Wandel. Dabei dürfen die Menschen in ihrer Entfaltung und ihrem Leben nicht vergessen werden, die in ihr aufwachsen. Harte und weiche Standortfaktoren bilden wichtige Parameter für ein gelingendes Leben, sich entsprechend für eine soziale, bildungsspezifische und gesundheitlich gute Infrastruktur einzusetzen wird immer fundamentaler.

Aufbau

Das Buch dient als Überblickswerk, thematisiert das Störungsbild, ätiologische Modelle und Interventionsmöglichkeiten sowie die aktuelle Forschung zur Behandlung. Der Fokus liegt dabei vorwiegend bei verhaltenstherapeutisch orientierten Sichtweisen.

Inhalt

Das Kapitel Erscheinungsbild, Entwicklungspsychopathologie und Klassifikation verdeutlicht praxisnah das Abgrenzen einer schlechten Stimmungslage oder pubertären Desorganisation von einem depressiven Störungsbild. Es verdeutlicht depressive Stimmungslagen anhand entwicklungspsychologischer Parameter und ordnet depressives Erleben und Verhalten in einen altersspezifischen Rahmen ein. Diagnostisch hangelt sich das Werk an aktuellen Manualen entlang und thematisiertdie reale Einordnung des Störungsbildes. In diesem Zusammenhang wird das Abgrenzen einer depressiven Erkrankung von einer disruptiven Stimmungsdysregulationsstörung diskutiert. Thematisiert werden außerdem Gemütsveränderungen im depressiven Kontext in Kombination mit suizidalen Neigungen und Vorstellungen.

Das Kapitel Epidemiologie, Verlauf und Folgen beschreibt die Verbreitung depressiven Leidens. Der Verlauf der Erkrankung wird anhand sozio-lebensweltbezogener und demografischer Parameter bestimmt. Depressionen im Kindes- und Jugendalter können das psychosoziale Verhalten beeinflussen und Persönlichkeitsstörungen sowie Suchterkrankungen begünstigen.

Auch das Kapitel Komorbidität und Differenzialdiagnostik beginnt mit praxisnahen Beispielen. Es gibt Auskunft über Komorbiditäten in den unterschiedlichen Entwicklungsschritten und diskutiert das Abgrenzen einer solchen Diagnose von bipolaren affektiven Störungen, disruptiven Affektdysregulationsstörungen, Anpassungsstörungen, sozialen Angststörungen, spezifischen Phobien und Persönlichkeitsstörungen. Depressionen zeigen sich im Kindes- und Jugendalter oft mit einer hohen Reizbarkeit, schnelle Stimmungswechsel, Antriebs-, Motivations- und Konzentrationsstörungen. Auch Essstörungen können durch ein verringertes Selbstbild und einem eingeschränkten, selbstbezogenen Erleben begünstigt werden. Probleme in der Schule und im Eindenken komplexer Sachverhalte sind die Folge. Auch Anpassungsstörungen, somatische Erkrankungen und Majore Depression können Begleiterscheinungen einer depressiven Verstimmung sein und ein Chronifizierungsleiden im Kindes- und Jugendalter zur Folge haben. Depressionen werden oft von Schlafstörungen und Angstreaktionen begleitet.

Im Kapitel Diagnostik und Indikation wird der Prozess der verhaltenstherapeutischen Diagnostik thematisiert. Im Zuge dessen geht es darum, Differenzialdiagnosen auszuschließen und ein verhaltenstheoretisches Störungsbild zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik zu erschließen (S. 35). Darüber müssen Korrelationen lebenswelt- sowie lebensfeldspezifischer Missstände (Verlust des Ausbildungsplatzes, Mobbing in Schule und Kita) erkannt und ein eventueller Zusammenhang zur Störung diskutiert werden. Darüber hinaus geben ggf. andere Befunde Aufschluss über ein kritisches Erleben und Verhalten. Zu Beginn der therapeutischen Arbeit ist eine gelingende Beziehungsgestaltung fundamental. Im Rahmen des Erstgespräches geht es um die Diskussion von Ressourcen, von persönlichen Eigenschaften und der erste Versuch eine Ziele- und Maßnahmenübersicht zu erschließen. Neben der Stärkenanalyse muss ein möglicher, suizidaler Hintergrund weitestgehend ausgeschlossen werden. Hier unterscheiden die Autor*innen zwischen der Abklärung akuter Suizidalität sowie suizidaler Gedanken und Absichten. Darüber hinaus ist die Entwicklungsgeschichte Teil der verhaltenstherapeutischen Diagnostik. Hier ist es fundamental das Erleben und Verhalten zu diagnostizieren und dem jeweiligen Entwicklungsschritt zugehörig zu erfassen. Kommen Verhaltensweisen oder charakterliche Strukturen des Temperaments dem Entwicklungsschritt zuteil? Liegen familienanamnetische Determinanten vor, die Rückschlüsse auf eine familiär bedingte depressive Störung zulassen? Dies muss im Rahmen der makroanalytischen (Rahmenbedingungen der psychischen und sozialen Dysfunktion) und mikroanalytischen Ebene (Dysfunktionalität der kleinsten problemauslösenden Einheit) abgeklärt werden. Im Rahmen der diagnostischen Abklärung werden außerdem Screening- und Interviewmethoden thematisiert und dienen als Ausgangspunkt der Aufstellung eines Behandlungsplans und einer angemessenen diagnostischen Abklärung mit einer genauen Zielstellung. Abschließend diskutieren die Autor*innen die gewonnenen Erkenntnisse anhand eines Praxisbeispiels.

In einem weiteren Kapitel Konzepte zur Entstehung und Aufrechterhaltung von depressiven Störungen werden Störungsmodelle strukturiert. Thematisch aufgegriffen werden:

  • Risiko- und Schutzfaktoren und Diathese-Stress-Modell (unterschieden wird zwischen biologische, soziale und psychische Risiko- und Schutzfaktoren)
  • Chronotypen und Schlafstörungen
  • Modell der Entwicklungsaufgaben (definiert das Bedürfnis oder das Ausbleiben einer erfolgreichen Bewältigung der Entwicklungsaufgaben, um stressbetonte Phasen der Entwicklung problemfrei zu bewältigen)
  • Genetische und neurobiologische Faktoren (beschreiben die psychobiologische/​medizinische Perspektive der Entstehung einer depressiven Episode)
  • Psychologische Faktoren der Entstehung: a.) kognitive Faktoren und Theorien: internal kausalattribuierende Zuschreibung von Denkmustern mit dem Risiko der Verfestigung von negativen Intrusionen hergeleitet aus dem Modell der erlernten Hilflosigkeit; b.) Charakteristika und Qualität der Bindungen und Beziehungen; c.) Verstärkerverlusttheorie: beschreibt das Ausbleiben eines zuvor positiv erlebbaren Verhaltens und die daraus resultierende Wirkung durch den Verlust positiver Verstärkung; d.) Dysfunktionale Emotionsregulation: beschreibt komplexere Zusammenhänge zwischen persönlichkeitsbezogenen und kognitiven Faktoren, die zu einer Dysfunktionalität des Erlebens von Emotionen und dem unmittelbaren Zusammenhang diese nicht ausreichend bewusst erlebbar zu machen
  • Erklärungsmodelle der dritten Welle der Psychotherapie: a.) Schematherapeutisches Erklärungsmodell: basiert auf der Grundannahme des Ausbleibens menschlicher Bedürfnisse – Selbstwert/​Anerkennung, Bindung, Lustgewinn und Spontanität, Autonomie/​Selbstwirksamkeit/​Selbstbestimmung, Konsistenzerleben/​Identitätserleben/​Struktur und Grenzen; b.) Metakognitives Erklärungsmodell: beschreibt den Einfluss triggernder Gedanken auf das unmittelbare Erleben; c.) Integrative Modelle: sehen verschiedene Faktoren und verschiedene Denkansätze in einem kausalen Zusammenhang.

Das Kapitel Behandlung depressiver Störungen beschreibt Inhalte und wegweisende Strukturen eines psychotherapeutischen Antrags. Darüber hinaus werden therapeutische Herangehensweisen thematisiert:

  • Setzen wichtiger Therapieziele, Behandlungsschritte und Therapiesettings (beschreibt die konkrete Herangehensweise zum Erreichen der zuvor gesetzten Therapieziele im Konsens mit der Planung eines geeigneten Therapiesettings)
  • Therapiebaustein: Behandlungsaufklärung (beschreibt die Absprachen zwischen dem*der Therapeut*in und der zu behandelnden Person zum Therapieverlauf und zum Nutzen der einzelnen Schritte für den Erfolg der Therapie), Psychoedukation (beschreibt die Sensibilisierung für das eigene Krankheitsempfinden im Rahmen von Aufklärungsgesprächen zur Störung); Störungsmodell (sieht das naheliegendste Modell als wegweisenden „Anker“ der Therapie)
  • Therapiebaustein: Psychopharmakotherapie (beschreibt das Abwägen des Einsatzes einer medikamentösen Behandlung in Rücksprache und Vorstellung bei einem*einer Facharzt*ärztin)
  • Therapiebaustein: Kognitive Verhaltenstherapie (beschreibt das Abwägen einer geeigneten Therapieform, hier kognitive Verhaltenstherapie, mit dem Ziel psychische Leidensprozesse durch therapeutische Angebote zu reduzieren und ein Bild über die Erkrankung zu bekommen): Als konkrete Methodik zur Depressionsbehandlung beschreiben die Autor*innen das sogenannte GÜLKK-Modell (G: körperliche Gesundheit, Grundbedürfnisse und Körperreaktionen beachten; Ü: Überlebenshilfe in manifesten Krisen mit dem Ziel Formen der Emotionsregulation zu erlernen; L: Leben aktiv und sozial gestalten; K: Kennenlernen und verändern von ungünstigen Gedanken; K: Kompetentes Problemlösen erlernen und anwenden)
  • Therapiebaustein: Schematherapie (Fokussierung auf die kindlichen Bedürfnisse und Erlernen eines adäquaten Umgangs)
  • Therapiebaustein: Interpersonelle Psychotherapie (beschreibt ein zugeschnittenes Kurzzeitprogramm zur Beeinflussung zwischenmenschlicher Beziehungen und Problemen)
  • Therapiebaustein: Jugendhilfemaßnahmen und flankierende Maßnahmen (beschreibt den Einsatz von begleitenden Maßnahmen zur therapeutischen Behandlung)

Abschließend werden aktuelle Wirksamkeitsstudien der psychotherapeutischen Forschung und rechtliche Aspekte im Umgang mit herausfordernden Situationen, beispielsweise Suizidalität, vorgestellt. Im Anhang des Buches finden sich Arbeitsmaterialien für die Therapie von Kindern und jungen Erwachsenen.

Diskussion

Das Buch diskutiert den therapeutischen Umgang mit der zweithäufigsten Störung, nach Angststörungen, im Kindes- und Jugendalter. Die Soziale Arbeit kann von diesem Buch in zweierlei Möglichkeiten profitieren: Es erweitert nicht nur das therapeutische Grundverständnis im Umgang mit depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter sondern schärft auch den Grundgedanken psychosozial adäquate Parameter der Lebensführung etwaiger Alterskohorte im Rahmen einer solchen Erkrankung überblicksmäßig zu erfassen.

Die Autor:innen liefern in diesem Zusammenhang ein Werk, welches disziplinenübergreifend, dennoch fokussierend wertvolle Grundkenntnisse darstellt.

Fazit

Das Buch zeigt sich als wissensvermittelndes Überblicksmanual für ein verhaltenstherapeutisches Grundverständnis im Umgang mit depressiven Störungen. Es kann sich als wegweisend für all jene Berufsgruppen erweisen, die den Umgang mit diesem Störungsbild schärfen und Kenntnisse im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie/​-psychotherapie verfestigen möchten. Als kompaktes Werk erweist es sich als erklärend, betrachtend und (schnell) wissensvermittelnd.

Rezension von
Sebastian Kron
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Es gibt 31 Rezensionen von Sebastian Kron.

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ISSN 2190-9245