Susanne Kreutzer, Jette Lange et al. (Hrsg.): Lehrbuch Geschichte der Pflege
Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 27.05.2025
Susanne Kreutzer, Jette Lange, Karen Nolte, Pierre Pfütsch, Sünje Prühlen (Hrsg.): Lehrbuch Geschichte der Pflege. Für Studium und Ausbildung. Springer (Berlin) 2025. 262 Seiten. ISBN 978-3-662-69825-9. D: 42,05 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.
Thema
Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um ein Lehrbuch zur Geschichte der Pflege, das sich an Studierende und Auszubildende richtet.
Herausgeber:innen und Autor:innen
Für die Herausgabe des Werkes zeichnen sich die folgenden fünf Personen verantwortlich: Prof. Dr. phil. Susanne Kreutzer, Hochschullehrerin für Ethik, Wissenschaftstheorie und Geschichte am Fachbereich Gesundheit der Fachhochschule Münster; Jette Lange, PhD Senior Lecture am Institut Pflegewissenschaft der IMC Fachhochschule Krems (Österreich); Prof. Dr. phil. Karen Nolte, Hochschullehrerin und Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg; Dr. phil. Pierre Pfütsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin des Bosch Health Campus Stuttgart; und Dr. phil. Sunje Prühlen, Historikerin und Lehrerin an einer Berufsfachschule für Pflege in Hamburg.
Neben den Herausgebenden, die alle über langjährige Forschungserfahrungen im Bereich der Pflegegeschichte verfügen und hierzu auch entsprechende Publikation in Form von Büchern, Buchbeiträgen und Fachartikeln veröffentlichten, haben an dem Lehrbuch Christoph Beyer, Elsbeth Bösl, Sabine Braunschweig, Urmila Goel, Nina Grabe, Maike Rotzoll, Sabine Schlegelmilch, Christoph Schwamm und Ulrike Winkler mitgewirkt, die ihrerseits in der historischen Pflegecommunity keine Unbekannten sind.
Entstehungshintergrund
Der Einleitung ist zu entnehmen, dass die Idee zu diesem Lehrbuch „eindeutig in Zusammenhang mit dem Pflegeberufegesetz steht und das Buch somit konkret für die neue Pflegeausbildung in Deutschland konzipiert wurde“ (S. 6). Ansonsten finden sich zur Entstehungsgeschichte beziehungsweise gegebenenfalls vorhandenen Einflussfaktoren in der Veröffentlichung keine weiteren Angaben.
Aufbau
Das Lehrbuch gliedert sich in die folgenden vier Teile,
- Einleitung (S. 1–20),
- Geschichte des Pflegeberufs (S. 21–126),
- Geschichte der Pflege im gesellschaftlichen Kontext (S. 127–206),
- Geschichte der Pflege im Kontext der Gesundheitsversorgung (S. 207–262),
die insgesamt 17 Beiträge vereinen.
Der erste Teil des Buches, der mit einer grundlegenden Einführung in die pflegehistorische Forschung eröffnet wird, vereint zwei Beiträge:
- „Konzept und Relevanz des Buchs“ (S. 3–7) von Susanne Kreutzer, Jette Lange, Karen Nolte, Pierre Pfütsch und Sünje Prühlen
- „Einführung in die pflegehistorische Forschung“ (S. 9–20) von Sünje Prühlen und Jette Lange.
Der zweite Teil des Buches, in dessen Mittelpunkt die Geschichte des Pflegeberufs steht, vereint sechs Beiträge:
- „Pflege und (De-)Professionalisierung“ (S. 23–46) von Susanne Kreutzer, Pierre Pfütsch und Jette Lange
- „Internationale Einflüsse auf die Entwicklung der Pflege“ (S. 47–64) von Jette Lange und Susanne Kreutzer
- „Entwicklung der Kinderkrankenpflege“ (S. 65–76) von Christoph Schwamm und Karen Nolte
- „Entwicklung der Altenpflege“ (S. 77–87) von Nina Grabe
- „Entwicklung der Psychiatriepflege“ (S. 89–106) von Pierre Pfütsch, Sabine Braunschweig und Karen Nolte
- „Pflege im Nationalsozialismus“ (S. 107–126) von Maike Rotzoll und Christof Beyer.
Der dritte Teil des Buches, der sich mit der Geschichte der Pflege im gesellschaftlichen Kontext auseinandersetzt, vereint fünf Beiträge:
- „Pflege und Geschlecht“ (S. 129–143) von Karen Nolte und Christoph Schwamm
- „Krankenpflege und Religion“ (S. 145–162) von Susanne Kreutzer und Karen Nolte
- „Pflege und ihre Interessenvertretungen“ (S. 163–178) von Susanne Kreutzer
- „Pflege und Migration“ (S. 179–192) von Urmila Goel,
- „Pflege im Film“ (S. 193–206) von Sabine Schlegelmilch.
Der vierte Teil des Buches, der sich mit der Geschichte der Pflege im Kontext der Gesundheitsversorgung beschäftigt, vereint die folgenden vier Beiträge:
- „Pflegende und Gepflegte“ (S. 209–222) von Karen Nolte
- „Pflege und andere Gesundheitsberufe“ (S. 223–233) von Pierre Pfütsch und Karen Nolte
- „Rehabilitation und Pflege“ (S. 235–249) von Elsbeth Bösl und Ulrike Winkler
- „Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege“ (S. 251–262) von Pierre Pfütsch und Jette Lange.
Inhalt
Einleitend weisen Susanne Kreutzer, Jette Lange, Karen Nolte, Pierre Pfütsch und Sunje Prühlen darauf hin, dass Pflegegeschichte im Rahmen der theoretischen Pflegeausbildung und des Pflegestudiums tendenziell eher eine untergeordnete Rolle spielt und bisher bestenfalls als separater Teil am Anfang des jeweiligen Bildungsgangs stand. Im Zuge der Neustrukturierung durch das Gesetz über die Pflegeberufe („Pflegeberufegesetz“) und der damit zusammenhängenden Einführung der Rahmenlehrpläne für den theoretischen Unterricht seitens der Fachkommission würden jetzt pflegehistorische Inhalte durch die situationsorientiert angelegten Curricularen Einheiten (CE) in die Ausbildung integriert. Vor diesem Hintergrund möchten die Herausgebenden des vorliegenden Lehrbuchs, wie sie im Hinblick auf dessen Konzept und Relevanz schreiben, einerseits „einen Überblick über relevante historische Inhalte in der Pflege auf dem aktuellen Stand der Forschung“ vermitteln und andererseits „Online-Materialien zur Verfügung“ stellen, anhand derer Pflegegeschichte in den unterschiedlichen Einheiten und im Studium gelehrt werden kann. Die meisten der hier behandelten Themen würden dabei direkt an Inhalte der CEs der Rahmenlehrpläne anknüpfen. Der Anspruch des vorliegenden Buches gehe aber über die dort hinterlegten pflegehistorischen Bereiche hinaus, indem hier mit der Pflegegeschichte verbundene Reformer:innen, wie z.B. Agnes Karll, die Auseinandersetzung um Arbeitsbedingungen, die jüdische Pflegegeschichte oder die gesellschaftliche und politische Organisation der Pflege thematisiert werde. Pflege als Frauenberuf werde um die historisch relevante Entwicklung von einer geschlechterdifferenzierten Tätigkeit eben zu diesem Frauenberuf ergänzt. All diese Themen hätten auch aktuelle Bezüge und seien sowohl im beruflichen Kontext als auch hinsichtlich der Professionalisierung wichtig. Wörtlich halten sie hierzu weiter fest: „Ein solides Wissen um vergangene Entwicklungen innerhalb der Pflege fördert ein kritisches berufliches Selbstbewusstsein und eine reflexive Identität von Pflegefachpersonen“ (S. 4).
In ihrem Beitrag, „Einführung in die pflegehistorische Forschung“ (S. 9–20) machen Sünje Prühlen und Jette Lange darauf hin, dass die Forschungsthemen der Pflegegeschichte sehr vielfältig sind. Anschließend an ihre Überlegungen zum Sinn der Pflegegeschichte, Informationen zu Quellen und Quellengattungen, Hinweisen zum historischen Arbeiten sowie didaktischen Überlegungen machen sie – völlig zu Recht – darauf aufmerksam, dass langfristig die Pflegegeschichte in allen Studiengängen und im Rahmencurriculum einen wichtigen Platz einnehmen sollte, da der Umgang mit der eigenen Berufsgeschichte und die Arbeit mit Quellen nicht nur die Medienkompetenz stärkten und die Fachkompetenz erweiterten, sondern beides auch das eigene Berufsverständnis fördere und ein differenziertes pflegerisches und pflegepolitisches Selbstbewusstsein fördere: „Daher darf die Pflegegeschichte in Zukunft kein Nischendasein mehr führen, sondern sollte zu einem wichtigen didaktischen Inhalt werden, der mit unterschiedlichen Methoden zielgruppenorientiert in die Ausbildung und das Studium integriert werden kann“ (S. 19).
In den Beiträgen des zweiten bis vierten Teils, deren Vorstellung im Einzelnen den Rahmen der hier vorliegenden Rezension sprengen würde, wird die Geschichte des Pflegeberufs, die Geschichte der Pflege im gesellschaftlichen Kontext und die Geschichte der Pflege im Kontext der Gesundheitsversorgung thematisiert, wobei es um die Beantwortung unter anderem folgender Fragen geht: Worauf beruht das professionelle Berufsverständnis von heute? Gibt es einen Unterschied zwischen der konfessionellen und weltlichen Krankenpflege? Wie sah das Verständnis von Pflege und Medizin früher aus? Wie entwickelte sich die Pflegeausbildung in Deutschland? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind zwischen dem pflegerischen Handeln zu früheren Zeiten und heute erkennbar? Welche Rolle spielen die Rehabilitation, Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege?
Neben der Entwicklung der Altenpflege, der Psychiatriepflege und der Pflege im Nationalsozialismus werden auch die Themen Pflege und Geschlecht, Krankenpflege und Religion, Pflege und ihre Interessenvertretungen, Pflege und Migration sowie Pflege im Film in den Blick genommen.
Diskussion
In der Vergangenheit spielte die Pflegegeschichte im Rahmen der theoretischen Pflegeausbildung und des Pflegestudiums eine eher untergeordnete Rolle. Bezeichnend hierfür ist auch, dass es im Rahmen der Akademisierung im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte nicht gelungen ist, entsprechende Lehrstühle einzurichten. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die Zahl der im deutschsprachigen Raum vorliegenden Lehrbücher zur Geschichte der Krankenpflege sehr stark begrenzt und zudem nicht mehr aktuell ist. Lange Zeit leistete die „Geschichte der Pflege des kranken Menschen“ von Prof. Dr. med. Eduard Seidler (1929-2020), die erstmals 1966 erschienen und bis 2018 – nun (gemeinsam mit den Autor:innen Karl-Heinz Leven und Susanne Ude-Koeller verfasst) unter dem Titel „Geschichte der Medizin und der Krankenpflege“ – in der achten, erweiterten und überarbeiteten Auflage vorlag, wertvolle Dienste. 2005 veröffentlichten der Krankenpfleger und Pflegehistoriker Dr. päd. Horst-Peter Wolff (1934-2017) und die Krankenschwester Jutta Wolff ihr Lehrbuch „Krankenpflege: Einführung in das Studium ihrer Geschichte“ (Frankfurt am Main 2008), eine Überblicksdarstellung mit dem Forschungsstand von 2005, das 2011 in zweiter Auflage (Nachdruck) erschien. Vor diesem Hintergrund wurde von den am Thema Interessierten eine entsprechende Veröffentlichung schon seit längerer Zeit mit großer Spannung erwartet.
Da das Curriculum zum neuen Pflegeberufegesetz vorsieht, die geschichtlichen Hintergründe der Pflege praxisnah im theoretischen Unterricht aufzuarbeiten, ist es sehr zu begrüßen, dass nun ein neues – von kompetenter Seite verfasstes – „Lehrbuch Geschichte der Pflege“ vorliegt, das sich gleichermaßen an Lehrende im Pflegestudium und in der generalistischen Ausbildung richtet.
Die Veröffentlichung, die in gedruckter Form und als E-Book erscheint, bietet einen Überblick über die relevanten pflegegeschichtlichen Inhalte, stellt hierzu historische Quellen zur Verfügung und zeigt auf, wie diese in die Lehre integriert werden können. Die einzelnen Beiträge, ebenso wie die darüber hinaus online (kostenlos) zur Verfügung stehenden Materialien, auf die unter verschiedenen Links zugegriffen werden kann, haben Gegenwartsbezüge, wodurch die Relevanz des jeweiligen Themas, sei es nun der Fachkräftemangel, das Spannungsfeld von Pflege und Medizin, das Pflegeverständnis, die Beziehung zu den Gepflegten, das gesellschaftliche Bild von Pflege oder Migrant:innen in der Pflege, für die heutige Situation in der Pflege erkennbar wird.
Die einzelnen Beiträge, die in etwa den gleichen Umfang haben, verfügen jeweils über ein Inhaltsverzeichnis sowie eine übersichtliche Gliederung mit Einleitung, Fazit, Quellenangaben und Hinweise auf weiterführende Literatur. Zudem findet sich – mit einer Ausnahme („Pflege im Film“) – in jedem Kapitel eine exemplarische Quellenanalyse, welche sich auf eine oder mehrere Quellen bezieht. Zu den Online-Quellen gibt es kurze Einführungstexte und Fragen, die sich an der Gegenwart der Pflege und auch an nicht historisch geprägten Lehrinhalten des Curriculums orientieren. Ferner haben die Autor:innen selbst quellenkritische Fragen formuliert und Anregungen für Diskussionen entworfen. Um bestimmte Inhalte klarer herauszustellen und die Verständlichkeit zu erhöhen, wurde innerhalb der einzelnen Kapitel mit Gestaltungselementen gearbeitet, die wichtige Kernaussagen zusammenfassen oder vertiefte Informationen geben.
Ihrem selbst gewählten Anspruch, mit dem Lehrbuch „einen Überblick über die Geschichte der Pflege in Deutschland“ zu geben (S. 6), werden Susanne Kreutzer, Jette Lange, Karen Nolte, Pierre Pfütsch und Sunje Prühlen gerecht, wobei die jeweiligen Beiträge, bei denen auf einen Anmerkungsapparat mit Quellenbelegen und weiterführenden Erläuterungen verzichtet wurde, sehr klar auf die CEs der Rahmenlehrpläne zugeschnitten sind.
Einleitend machen die Herausgebenden zu Recht darauf aufmerksam, dass die Entwicklungen der Pflege in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu den Forschungsdesideraten zählt. Da es hier „nur punktuell tiefergehende pflegehistorische Untersuchungen“ gäbe, müssten „insbesondere Oral-History-Studien zeitnah durchgeführt“ (S. 4) werden. Dem kann nur zugestimmt werden, während hier einstweilen ein Hinweis auf die Studie von Prof. Dr. phil. Andrea Thiekötter „Pflegeausbildung in der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Beitrag zur Berufsgeschichte der Pflege“ (Frankfurt am Main 2006) sinnvoll gewesen wäre.
Die „Einführung in die pflegehistorische Forschung“ bietet einen Überblick zu den vielfältigen Forschungsthemen der Pflegegeschichte. Unverständlich ist unterdessen, warum hierbei die „pflegehistorische Biographieforschung“ unerwähnt bleibt. Dies ist umso schmerzlicher, als mittlerweile ein zehnbändiges „Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“ mit rund 1.500 Biogrammen vorliegt, auf das sich in dem Lehrbuch ebenso wenig ein Hinweis findet wie auf die inzwischen (2025) im 14. Jahrgang zweimal jährlich zugleich online und im Druck erscheinende Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege. Das wissenschaftliche Journal für historische Forschung der Pflegeberufe und der nicht-ärztlichen Berufe“, seit dem 10. Jahrgang (2021) unter dem Namen „Geschichte der Gesundheitsberufe. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe“ und seit der Ausgabe 2–2022 mit dem geänderten Untertitel „Historisches Fachmagazin für Pflege- und Gesundheitsberufe“: https://zeitschrift-geschichte.de/content/). Demgegenüber finden sich andere Literaturangaben, selbstredend von Werken der beteiligten Autor:innen, gleich mehrfach in den einzelnen Beiträgen.
Im Hinblick auf spätere Auflagen des Lehrbuchs wäre wünschenswert, wenn es mehr als nur zwei Abbildungen gäbe und vor allem wesentlich mehr pflegehistorisch relevanten Personen namentlich genannt würden.
Fazit
Das „Lehrbuch Geschichte der Pflege“ erlaubt es, die geschichtlichen Hintergründe der Pflege praxisnah im theoretischen Unterricht aufzuarbeiten.
Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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