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Michael Noack, Felix Manuel Nuss (Hrsg.): Handwörterbuch Sozialraumorientierung

Rezensiert von Prof. Dr. Marcel Pietsch, 05.02.2026

Cover Michael Noack, Felix Manuel Nuss (Hrsg.): Handwörterbuch Sozialraumorientierung ISBN 978-3-7799-7658-5

Michael Noack, Felix Manuel Nuss (Hrsg.): Handwörterbuch Sozialraumorientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 507 Seiten. ISBN 978-3-7799-7658-5. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.

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Thema

Sozialraumorientierte Soziale Arbeit steht seit mehreren Jahrzehnten im Vordergrund fachlicher Diskurse Sozialer Arbeit. In Deutschland prägt sie vor allem seit dem Ende des 20. Jahrhunderts im Kontext einer sich aktualisierenden Gemeinwesenarbeit und Kinder- und Jugendhilfe bedeutende Teile der Praxis – dies mittlerweile auch z.B. in der Altenhilfe, Gesundheitshilfe und Eingliederungshilfe. Ihre Verbreitung lässt sich als Antwort auf die zunehmende Forderung nach lebensweltbezogenen, partizipativen und ressourcenorientierten Unterstützungsformen betrachten. Eine aktuelle Herausforderung für Praxis und Wissenschaft kann dabei die Vielfalt an koexistierenden Paradigmen innerhalb eines sich mittlerweile komplex entwickelnden Diskurses darstellen. Das vorliegende, in Form eines Sammelbands gestaltete Handwörterbuch Sozialraumorientierte Soziale Arbeit soll daher als umfassende Orientierungshilfe für Studierende, Praktiker:innen und Wissenschaftler:innen dienen, indem verschiedene Stränge und Schwerpunktsetzungen zusammengeführt werden.

Herausgeber

Herausgegeben wird das in erster Auflage erschienene Handwörterbuch von Michael Noack und Felix Manuel Nuss. Michael Noack ist Professor für Methoden der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein. Seine Arbeitsschwerpunkte sind methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit, sozialräumliche Organisations- und Netzwerkentwicklung sowie Evaluations- und Einsamkeitsforschung. Felix Manuel Nuss ist Professor für Fachwissenschaft Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit, Sozialer Arbeit und Schule und philosophischen und ethischen Grundlagen mit dem Schwerpunkt auf Existenz- und Zeitphilosophie.

In den über 100 Beiträgen sind 96 Autor:innen aus der Wissenschaft und Praxis beteiligt.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber verweisen auf die schnelle und vielseitige Entwicklung der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit, was sich mit Risiken einer unübersichtlichen Diskurslandschaft, unscharfen Begriffsnutzung und ungenauen Anwendung des Ansatzes in Verbindung bringen lässt. Dabei wird erstens ein „unverbundenes Nebeneinander“ statt „konsensfähigen Diskurs“ (Noack & Nuss 2026: 9) in der Theoriediskussion Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit beobachtet. Zweitens beschreiben die Herausgeber die bislang unzureichende Verknüpfung des Fachkonzepts Sozialraumorientierung mit anderen relevanten Diskurslinien und Fachbegriffen. Mit dem Handwörterbuch sollen folglich neue Brücken geschlagen werden, um Sozialraumorientierte Soziale Arbeit „dialogisch und aufeinander bezogen weiterzudenken“ (Noack & Nuss 2026: 10).

Aufbau und Struktur

Das umfassende Handwörterbuch (inklusive Anhang 507 Seiten) gliedert sich in sechs zentrale, strukturgebende Themenbereiche bzw. Hauptkapitel: (1) Historische Verortungen, (2) theoretische und konzeptionelle Orientierungen, (3) Haltungen, (4) Methodische Ansätze, (5) Handlungsfelder und (6) Querschnittsthemen. Entlang der Themenbereiche finden sich alphabetisch geordnet die kompakten, grundlegenden Beiträge verschiedener Autor:innen, in denen die multiplen Praxis-, Theorie- und Forschungsbezüge Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit behandelt werden. Zu den am Handwörterbuch Beteiligten gehören u.a. bekannte Autor:innen des Fachgebiets wie Ulrich Deinet, Christian Reutlinger, Fabian Kessl, Gaby Reinhard, Wolfgang Hinte, Stefan Godehardt-Bestmann und Oliver Fehren. Die Anzahl der Beiträge variiert dabei pro Hauptkapitel, was zu unterschiedlichen Gewichtungen der Themenbereiche im Gesamtwerk beisteuert. Während im Themenfeld zu Haltungen vier vollständige Beiträge (d.h. nicht allein Querverweise) gesammelt sind, finden sich unter den Methodischen Ansätzen 16 Beiträge und bei den Querschnittsthemen sogar 36 Beiträge. Überwiegend behalten die Beiträge einen sehr kompakten Umfang von vier bis fünf Seiten. Dabei werden durch eine weitere Substrukturierung neben definitorischen Begriffsklärungen zumeist die theoretischen Zusammenhänge sowie konkrete Praxisbezüge in die sozialräumliche Soziale Arbeit behandelt. Mit Blick auf den Aufbau lässt sich zudem der an die Einleitung/​Editorial anschließende Einführungsbeitrag von Wolfgang Hinte zu Geschichte, Prinzipien und Aspekten regionaler Prozesse im Fachkonzept Sozialraumorientierung gesondert hervorheben.

Inhalt

Das Werk bietet grundsätzlich ein breites inhaltliches Spektrum an, was sich als plausible Reaktion auf die zuvor genannte Vielfalt an theoretischen Perspektiven, praktischen Handlungsansätzen und verbindenden Querschnittsthemen innerhalb der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit verstehen lässt. Kapitel 1 widmet sich einer Auswahl an geschichtlichen Hintergründen. Hierbei werden neben wegbereitenden Persönlichkeiten wie Jane Addams (Beitrag verfasst von Sven Steinacker), Saul Alinsky (Tobias Meier), Alice Salomon (Carola Kuhlmann) und Friedrich Siegmund-Schultze (Heinz-Elmar Tenorth) historische Entwicklungsprozesse wie die Nachbarschaftsheim-Bewegung (Markus Runge), Settlementbewegung (Felix Manuel Nuss) und Gemeinwesenarbeit der DDR (Lothar Stock und Felix Manuel Nuss) vertieft.

Das zweite Kapitel adressiert theoretische und konzeptuelle Orientierungsansätze einer Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit und bietet Einblicke in theoretisches Grundlagenwissen, beispielsweise zu Aneignung (Ulrich Deinet und Christian Reutlinger), Gemeinwesenarbeit (Oliver Fehren), Relationalität (Björn Kraus), Netzwerk (Felix Manuel Nuss und Werner Schönig), Sozialökologie (Michael Noack) oder Systemtheorie (Heiko Kleve). Auch der neben dem Fachkonzept Sozialraumorientierung zweite große Ansatz des Diskurses, die Sozialraumarbeit, findet hier seinen Platz und wird von den beiden Vertretern Fabian Kessl und Christian Reutlinger vorgestellt. Als besonders interessant kann für das zweite Kapitel der Beitrag von Helmut Lambers herausgestellt werden. Mit diesem erfolgt eine kompakte und nachvollziehbare Sortierung der bestehenden sozialräumlichen Ansätze, d.h. dem Fachkonzept Sozialraumorientierung und der Sozialraumarbeit, in den Theoriediskurs Sozialer Arbeit.

Im dritten Kapitel werden unter dem Gesichtspunkt Haltungen die Bezüge zur Antiexpertokratie (Felix Manuel Nuss), Intersektionalität (Jennifer Hübner), Partizipation (Judith Rieger) und Professionalität (Michael Noack und Felix Manuel Nuss) inhaltlich vertieft. Im letztgenannten Beitrag der Herausgeber wird ein allgemeines sozialarbeiterisches Professionalitätsverständnis nachvollziehbar mit der sozialräumlichen Dimension verknüpft.

Die in Kapitel 4 verorteten Beiträge zu methodischen Ansätzen behandeln sowohl Fragen zum allgemeinen Methodenverständnis als auch spezifische handlungsgestaltende Verfahren. Kennzeichnend ist dabei, dass neben Ansätzen, die originär in Sozialraumorientierter Sozialen Arbeit entwickelt wurden, auch Ansätze aus benachbarten Kontexten behandelt werden, die für Sozialraumorientierung bedeutsam sein können. Auf allgemeinerer Ebene werden z.B. Grundlagen zu Methoden (Michael Noack), Fallarbeit (Stefan Godehardt-Bestmann) und Öffentlichkeitsarbeit (Peter-Ulrich Wendt) vermittelt. Bei den konkreteren Verfahren wird beispielsweise auf die aktivierende Befragung (Janine Birwer), den Familienrat (Christian Schwarzloos, Biggi Stephan, Michael Delorette und Christine Haselbacher) und partizipativ-kollegiale Beratung (Delia Godehardt) eingegangen. Hervorzuheben ist, dass die fünf handlungsleitenden Prinzipien des Fachkonzepts Sozialraumorientierung in gesonderten Beiträgen aufgenommen wurden: Willensorientierung (Felix Manuel Nuss), Eigeninitiative und Selbsthilfe (Felix Manuel Nuss), Ressourcenorientierung (Franz-Christian Schubert und Alban Knecht), Zielgruppen- und bereichsgruppenübergreifendes Handeln (Gaby Reinhard) und Kooperation (Sven Steinacker).

Das fünfte Kapitel konkretisiert die Zusammenhänge der Sozialraumorientierung in einer Reihe grundlegender Handlungsfelder Sozialer Arbeit. Neben Hauptfeldern wie der Kinder- und Jugendhilfe (Tim Wersig), Altenhilfe (Christian Bleck und Grit Höppner) und Gesundheitshilfe (Melanie Oeben, Christine Manthei und Ann Marie Krewer) werden gesondert Felder und Angebote wie Eingliederungshilfe (Friedrich Dieckmann), Frühe Hilfen (Alexander Parchow), Mobile Hilfen (Friedemann Bringt und Heiko Klare) und Sozialpsychiatrie (Yvonne Kahl und Dieter Röh) aufgegriffen. Besonderes Augenmerk kann auf den Beitrag Suchthilfe gelegt werden, in dem es der Autorin Rita Hansjürgens auf nachvollziehbare Art und Weise gelingt, die Notwendigkeit eines lokal-kooperativen und sozialräumlichen Angebots in diesem Bereich zu skizzieren.

Im abschließenden sechsten Kapitel erfolgt eine inhaltliche Öffnung entlang verschiedener Querschnittsthemen, die zentrale Verbindungslinien zu Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit aufweisen. Die thematische Bandbreite verläuft dabei von Armut (Werner Schönig) über Digitale Räume (Thomas Ley), Sport (Nick Passau und Ulf Gebken) und sexualisierte Gewalt (Anja Teubert) hin zu Einsamkeit (Michael Noack) und Migration (Süleyman Gögercin). Besonders der Beitrag von Wolfgang Hinte kann Aufmerksamkeit auf sich ziehen, da in ihm die unterschiedlichen Finanzierungsformen von sozialräumlicher Praxis systematisch dargestellt und die Sinnhaftigkeit von Budgetlösungen diskutiert werden.

Diskussion

Mit dem Ziel einer Überwindung zurückliegender Differenzen konkurrierender Ansätze Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit bieten Michael Noack und Felix Manuel Nuss der Fachwelt ein informiertes, vielseitiges und dadurch lesenswertes Handwörterbuch an. Zu weiten Teilen gelingt dabei die anspruchsvolle Aufgabe, parallel geführte Diskurse durchaus übersichtlich zusammenzuführen. Genau in dieser Ermöglichung einer gemeinsamen, verbindenden Bühne koexistierender Denkrichtungen und Handlungsansätze lässt sich ein wesentlicher Neuheitswert des Buchs erkennen. Auch die Einflechtung vielfältiger und innovativ erscheinender Querverbindungen kann einen Türöffner zugunsten neuer Diskussionsthemen der Sozialraumorientierung darstellen. Dabei bleibt das Werk insgesamt sehr gut verständlich, in den aufeinander bezogenen Abschnitten nachvollziehbar und kann sich für verschiedene Zielgruppen aus Studierenden, Praktiker:innen, Wissenschaftler:innen und weiteren Interessiertenkreisen als hilfreich erweisen. Als gelungen lässt sich auch das hybride Format des Buchs bewerten, mit dem sowohl Schlüsselbegriffe kurzweilig auf den Punkt gebracht werden (Wörterbuch) als auch theoretische und praktische Schwerpunkte multiperspektivisch gespotlighted und vertieft werden (Sammelband).

Hieran lässt sich je nach Erwartungshaltung gleichzeitig Kritik festmachen. So fallen einzelne Beiträge (z.B. Sozialraum, Sozialarbeitswissenschaft) etwas ausführlich aus und können dadurch den klassischen Charakter eines pointierenden Fachlexikons übersteigen. Auch werden mehrere Begriffe und Konstrukte eingebunden, die auf den ersten Blick sehr allgemein statt sozialraumspezifisch wirken (Beispiele: Fallverstehen, Lebensführung, Sozialarbeitswissenschaft) – auch wenn in den dazugehörigen Beiträgen inhaltlich plausible Verknüpfungen hergestellt werden. Hier ließe sich die Frage eröffnen, wo genau die Grenzen an relevanten Bezügen und Querschnittsthemen Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit liegen sollen, d.h. ob in einem entsprechenden Übersichtswerk nicht eine annähernd endlose Themenvielfalt betrachtet werden müsste. Für eine zweite Auflage könnten an passenden Stellen konkretisierende Begründungen zur inhaltlichen Auswahl nutzenbringend sein. Ähnliches gilt für die aufgenommenen Handlungsfelder, die sich eher selektiv lesen und womöglich als erster Aufschlag einer größeren Betrachtung verstehen lassen.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass im bisherigen sozial(arbeits)wissenschaftlichen Literaturschatz kein vergleichbares Werk vorzuliegen scheint, das als Sammelband einen derart definitorischen Charakter aufweist und in gleicher Weise zur Weiterentwicklung Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit beizusteuern vermag.

Fazit

Das Handwörterbuch Sozialraumorientierte Sozialer Arbeit ermöglicht vielfältige und gleichzeitig kompakt gestaltete Einblicke in verschiedene Bedeutungsdimensionen Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit. Dadurch stellt es einen wichtigen Schritt in der dialogischen Weiterentwicklung sozialraumbezogener Praxis und Wissenschaft dar. Den eigenen Anspruch, koexistierende Ansätze der Sozialraumorientierung übersichtlich und verständlich in Verbindung zu bringen, kann es insgesamt in überzeugender Weise erfüllen.

Rezension von
Prof. Dr. Marcel Pietsch
Professor für Soziale Arbeit an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management | Hochschulzentrum Stuttgart
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Es gibt 1 Rezension von Marcel Pietsch.

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ISSN 2190-9245