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Finn Zwißler: Gewaltschutzgesetz

Rezensiert von Ute Wellner, 15.08.2006

Cover Finn Zwißler: Gewaltschutzgesetz ISBN 978-3-8029-3793-4

Finn Zwißler: Gewaltschutzgesetz. So wehren Sie sich erfolgreich gegen Nötigung, Stalking und Mobbing. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2005. 128 Seiten. ISBN 978-3-8029-3793-4. 9,95 EUR.
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Einstieg

Gewalt hat viele Facetten. Leider ist eine davon die in unserem Nahbereich: Gewalt, die ausgeht von vertrauten Personen, Menschen, mit denen man zusammenlebt, mit denen man zusammen lernen soll oder auch arbeitet. Vertrauen, Fürsorge, Verantwortung und auch Liebe wären sicher Substantive die hier Anwendung finden sollten. Dass dem nicht so ist und die Tendenz zur Gewaltbereitschaft eher im Steigen als im Fallen begriffen ist, ist nicht nur bekannt, sondern hören wir täglich aus den Medien. Mit den vorhandenen Gesetzen sind Taten im häuslichen Bereich oder auch Stalking nicht zu sanktionieren gewesen. Der Gesetzgeber hat reagiert und 2002 das Gewaltschutzgesetz in Kraft gesetzt. Demnächst wird das Strafgesetzbuch um einen speziellen Stalkingparagraph (§ 238StGB) ergänzt. In vielen Fällen, auch in den Beispielen des Buches, sind die Betroffenen Frauen und Kinder. Natürlich gibt es auch Gewalt gegen Männer, meist ausgeübt von Männern seltener von Frauen. Gewalt erfahren auch Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben und das Alter bietet  leider auch keinen Schutz. Die Beziehungsgeflechte sind vielfältig.

Inhalt

Sechs Themen, Adress- und Literaturhinweise und ein Findex bietet die Schnellübersicht an. Sie führt zum jeweiligen Thema und über die Kapitelüberschrift u.a. zur Lösung. Mein Weg ging über Mobbing (3), zu Stalking (2) und anschliessend zum Thema häusliche Gewalt (1). Zum Schluß habe ich nacheinander die Kapitel Gewalt gegen Kinder und Jugendliche (4), zwischen ihnen (5) und Nötigung im Straßenverkehr (6) gelesen. Gestartet war ich mit dem Adress- und Literaturverzeichnis. Ersteres führt alle wichtigen bundesweit vertretenen Stellen auf die Hilfsangebote für betroffene Menschen anbieten. Das Literaturverzeichnis ist mir eindeutig etwas dürftig ausgefallen. Hier hätte ich, auf Nachfrage, eine vollkommen andere Zusammenstellung angeboten. Hilfesuchende können m.E. mit den genannten Büchern wenig anfangen.

Zum Thema Mobbing wird ein detailliertes Inhaltsmenü angeboten. Angefangen mit der Definition  (gute Beispiele) und dem Beginn von Mobbing, über die verschiedenen Ansprechpartner wie Arbeitgeber und Betriebsrat, hin zum eigenen Tun der betroffenen ArbeitnehmerInnen. Ein Schnelldurchgang durch eine sehr komplexe mit rechtlichen Handcups gespickte Materie. Es werden wichtige Hinweise gegeben, z.B. sollten Betroffene bei der Inanspruchnahme der Agentur für Arbeit überlegen, eine außerordentliche Eigenkündigung auszusprechen oder auch bei der Nutzung des Leistungsverweigerungsrechts.  Wobei die Beweisführung oder das Glaubhaftmachen der Vorfälle absolut zu knapp ausgeführt werden. Gerade dies ist entscheidend, ob Betroffene erfolgreich sind oder nicht. Und leider nicht erst vor den Gerichten.

Als eine Handlung des Mobbings wird die sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz genannt und auf die Spezialregelung des Beschäftigtenschutzgesetzes eingegangen. Hier findet keine saubere Trennung statt. Selbst wenn einige (vorrangig) männliche Autoren sexuelle Belästigung als Unterpunkt von Mobbing ansehen, findet das Gesetz dort keine Anwendung. Ein spezielles Mobbinggesetz gibt es nur in Frankreich. Betroffene Frauen werden mit den hier zu findenden Ausführungen wenig darüber erfahren, wie sie zukünftig wieder in Ruhe arbeiten können. Anmerken möchte ich noch, dass mir der Gleichstellungsbeauftragte als Anlaufstelle (siehe S. 91) doch aufgestossen ist. Seit dem Bundesgleichstellungsgesetz von 2001 gibt es nur noch weibliche Gleichstellungsbeauftragte!

Die Kapitel über Stalkingund Häusliche Gewalt sind identisch aufgebaut: es gibt eine Einführung, um was es sich dabei überhaupt handelt und wo die Betroffenen Hilfen bekommen können. Einzelne Stalkinghandlungen erfüllen z.B. Straftatbestände, sind aber erst im Zusammenhang betrachtet Stalking. Beschrieben werden die verschiedenen Möglichkeiten über Polizei, Gerichte, RechtsanwälteInnen sowie Beratungsstellen und Frauenhäuser Rat , Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Was kann die Betroffene selber tun, um Abhilfe zu erreichen? Was muss sie tun, damit offizielle Stellen tätig werden können und wo werden nach Kenntnis der Gewaltsituation öffentliche Stellen automatisch tätig? Zwißler stellt sowohl die zivilrechtlichen wie die strafrechtlichen Möglichkeiten dar und in einen Zusammenhang. Deutlich wird so, wo diese Rechtsgebiete ineinander greifen. Anforderungen und Anordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz werden kurz und verständlich dargestellt, z.B. die Wohnungszuweisung, das Betretungs- und Näherungsverbot, Kontaktverbote sowie das Räumungs- oder Veräußerungsverbot der bisher gemeinsamen Wohnung. Begleitende Maßnahmen und Folgeentscheidungen nennt der Autor, wie Schadensersatz, Schmerzensgeld, Anpassung des Mietvertrages oder das Einrichten einer Geheimnummer. Die entsprechenden Paragraphen sind abgedruckt und es gibt viele Beispiele. Häusliche Gewalt kennt viele Beziehungsgeflechte, das wird spätestens nach dem Überfliegen der Kapitelüberschriften deutlich. Betroffene können entsprechend  der persönlichen Konstellation weiterblättern und finden für sich ein abgeschlossenes Kapitel zum Thema. Zwißler  wollte es den Lesenden ermöglichen, je nach Problemsituation einzusteigen. Das ist gelungen, lästiges Blättern und Suchen entfallen. Bei einer Suche ist dann der Findex hilfreich.

Um Gewaltgegen Kinder und Jugendliche und ihr Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches geht es im vierten Kapitel. Die Bekämpfung von Vernachlässigung, körperlicher und seelischer Mißhandlung sowie sexuellen Mißbrauch ist in besonderem Maße schwierig. Es werden Hinweise gegeben eine mögliche Gefahr zu erkennen und evtl. erforderliche Maßnahmen zu ergreifen. Der Begriff  "aufgespürte Anzeichen" von Vernachlässigungen etc. löste bei mir innere Widerstände aus, denn was könnte das konkret alles sein? Eigenreflektion, Analyse und Umsicht fordert der Autor.  Bei allem Tun ist zu berücksichtigen, dass Kinder ihre Eltern regelmässig lieben und vermeiden wollen, dass andere in die Beziehung eingreifen. Ein sehr sensibeles und komplexes Thema, das hier kurz und kompetent angerissen wird.

Gewaltzwischen Kindern und Jugendlichen: das Phänom, die Ursachen, Gewalt an Schulen, Formen, Maßnahmen von Gesellschaft und Staat und zum Schluß konkrete Maßnahmen der Opfer werden behandelt. Eine Checkliste für die Opfer und der Hinweis auf Selbstbehauptungskurse zur Stärkung der eigenen Person schliessen dieses Kapitel ab.

Nötigung im Straßenverkehr: Unterschiedlichste Situationen beschreibt Zwißler und es gibt kurze HInweise was VerkehrsteilnehmerInnen selber tun sollten, was besser nicht und wie Verkehrsverstösse geahndet werden können.

Diskussion

Der Titel des Buches "Gewaltschutzgesetz - so wehren sie sichÉ" und der Blick auf die Inhalte haben mich irritiert. Die Taten, gegen die ich mich hier erfolgreich wehren soll, nenne ich nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Gewaltschutzgesetz. Nur Gewaltschutz oder Schutz vor Gewalt wäre zutreffender gewesen, würde den Inhalt des Buches aber noch nicht korrekt widergeben. Der Untertitel als Obertitel wäre griffiger.

Kapitel 1und 2 sind langatmig  Der Ansatz des Autors ist begrüssenswert - nach Problemlage lesen, nicht blättern müssen. Mit einer anderen Darstellung wäre dies vielleicht  (Tabellen, Synopse, mind map) ebenso zu erreichen gewesen. Ich habe das Buch "in einem Rutsch" gelesen. Unterschiede bei den Lösungen aufgrund der unterschiedlichen Beziehung habe ich dabei manchmal fast überlesen. Peu ˆ peu miteinander verglichen, stellt man fest, wie sauber Zwißler hier beschreibt.

Hervorzuheben ist die Herausarbeitung der einzelnen Opfer-Täter-Konstellationen. Die Betroffenheit von MitbewohnerInnen einer Alters-Wohngemeinschaft findet zu diesem Thema üblicherweise eher weniger Berücksichtigung.

Fazit

Überzeugt hat mich das Buch nicht. Zuviele Themen sind angerissen. Ich empfehle es trotzdem eingeschränkt weiter.  Betroffene, die sich entsprechend ihrer persönlichen Beziehungs-Konstellation einen Überblick über Hilfen verschaffen wollen, finden diesen hier verständlich dargestellt.  Wer sich auf Gespräche bei Beratungsstellen und AnwältInnen  vorbereiten will, kann sich mit den hier angebotenen Möglichkeiten die notwendigen Fragestellungen erarbeiten.

Das innere Layout des Buches ist sehr ansprechend und die optische Aufbereitung erleichtert das Lesen und Finden. Ein Findex ist selbst in deutlich dickeren Werken nicht selbstverständlich. Er ist ausreichend ausführlich und stimmt!

Rezension von
Ute Wellner
Juristin und Mediatiorin,freiberuflich tätig in Personaltraining, Fortbildung und Mediation. Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und Gleichstellungsrecht, Diskriminierung am Arbeitsplatz (sexuelle Belästigung, Mobbing, AGG)

Es gibt 21 Rezensionen von Ute Wellner.

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Zitiervorschlag
Ute Wellner. Rezension vom 15.08.2006 zu: Finn Zwißler: Gewaltschutzgesetz. So wehren Sie sich erfolgreich gegen Nötigung, Stalking und Mobbing. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2005. ISBN 978-3-8029-3793-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3338.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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