Carolin Genz, Olaf Schnur et al. (Hrsg.): WohnWissen
Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 05.09.2025
Carolin Genz, Olaf Schnur, Jürgen Aring (Hrsg.): WohnWissen. 100 Begriffe des Wohnens. JOVIS Verlag GmbH (Berlin) 2024. 336 Seiten. ISBN 978-3-98612-038-2. D: 38,00 EUR, A: 38,00 EUR.
Eine kleine Recherche zu „Wohnen“ als Einstieg
In der Publikation „WohnWissen“ geht es darum, die Vielschichtigkeit des Wohnens zu erkunden. Fragt sich jemand, warum vielschichtig? Na, ich denke, das dürfte wohl klar sein, schließlich dreht sich alles oder mindestens vieles in unserer Gesellschaft ums Wohnen: „Angespannte Wohnungsmärkte, wachsende Obdachlosenzahlen, klimatische Veränderungen, ein steigendes Armutsrisiko aufgrund von Inflation, demografischer Wandel und veränderte Wohnbedürfnisse“ (S. 11), um nur einige Aspekte zu nennen. Wer die Nachrichten einschaltet, hat normalerweise nach wenigen Minuten ein Thema identifiziert, welches sich ums Wohnen dreht. Ich habe mir mal den Spaß erlaubt in einer gängigen Suchmaschine „wohnen“ einzutippen und auf „News“ zu klicken. Der letzte gefundene Beitrag ist 21 Minuten alt und behandelt das Thema „Wohnen in der Schule: Mietwohnungen in Damshagen gehen weg wie geschnitten Brot“. Damit ist vieles gesagt: Mitwohnungen in der Schule „gehen weg wie geschnitten Brot“, der Mieter*innenandrang ist also hoch. Und warum steht eine Schule überhaupt leer und wird als Wohnraum vermietet? Damit wären wir bei den Stichworten „Gemeinwohl“ (S. 70 f.) und „(Integrierte) Stadtentwicklung“ (S. 98 f.). Oder doch eher bei „Kleinstadt“ (S. 104 f.), „Ländliches Wohnen“ (S. 118 f.) und „Leerstand“ (S. 120 f.) bzw. „LeerstandsMELDER“ (S. 122 f.)? Vielleicht handelt es sich beim Wohnen in der Schule aber auch um „Marktmechanismen“ (S. 128 ff), „Quartiersentwicklung“ (S. 156 f.), „Transformation“ (S. 200 f.) und „Umbaukultur“ (S. 204 f.). Wahrscheinlich geht es um alles ein bisschen.
Die zweite Nachricht, die bei meiner kleinen Suchmaschinenrecherche angezeigt wird, ist 6 Stunden alt und trägt die Überschrift „Ärger um Büro-Hochhäuser im Berliner Gleisdreieckpark: Kommen doch noch Wohnungen in der Urbanen Mitte?“. Der Zeitungsartikel ist anhand seiner Überschrift nicht eindeutig zuzuordnen, aber wenn man reinliest, erkennt man schnell worum es geht: Ein Immobilienentwickler plant Hochhäuser ohne Wohnungen (nur Büros) zum Ärger von Anwohner*innen. Der Senat will prüfen. Ist auch hierzu etwas im Glossar „WohnWissen“ zu finden? Schauen wir einmal nach: Sicher werden wir fündig unter B wie „Bauen, Bauen, Bauen“ (S. 20 f.) und „Bezahlbarkeit“ (S. 24), aber auch unter D wie „Dialog(un)fähigkeit“ (S. 44 f.), unter K wie „Kapital“ (S. 102 f.) und möglicherweise auch unter S wie „Spekulation“ (S. 178 f.).
Allein aufgrund dieser kurzen Mini-Recherche ergibt sich ein Netz an Interessen und entsprechenden Interessenvertreter*innen und ein Sammelsurium an Themen und Aspekten. Die Publikation „WohnWissen“ greift diese und ähnliche Themen auf und bereitet sie in Form eines Glossars auf. Die Leser*in geht gemeinhin ähnlich vor. Sie interessiert sich für ein Thema und blättert in die intellektuelle Aufbereitung des Themas durch die Autor*innen.
Vorstellung der Herausgeber*innen
Als Herausgeber*innen von „WohnWissen: 100 Begriffe des Wohnens“ sind Carolin Genz, Olaf Schnur und Jürgen Aring sowie der vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. genannt.
Jürgen Aring ist Geograph und Stadtplaner. Carolin Genz ist Stadtforscherin mit Expertise in Geografie, Anthropologie und Urban Design. Olaf Schnur ist Professor für Stadt- und Quartiersforschung und hat 2013 den „Goldene(n) Globus“ für die beste Lehrveranstaltung im Fachbereich Geographie der Eberhard Karls Universität Tübingen für die Vorlesung „Siedlungsgeographie“ erhalten. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle – nachträglich.
Der vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. beschäftigt sich, laut Website des Verbands, mit den Themen Bürgergesellschaft, Nachhaltigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Klickt man in die Ausschreibungen finden sich Projekte, wie „Nachhaltige Quartiersentwicklung als Handlungsfeld privatwirtschaftlicher Wohnungsunternehmen“, „Neue Beteiligung und alte Ungleichheit? Politische Partizipation marginalisierter Menschen“ und „Entwickeln. Finanzieren. Umsetzen – Stadtmachen auf digitalen Plattformen“. Das sei hier nur erwähnt, um einen Eindruck zu vermitteln, worum es in der Verbandsarbeit und letztendlich auch in der zu rezensierenden Publikation geht bzw. welche Einstellungen in den Texten mitschwingen.
Aufbau
Die Begriffe von A wie „Alltag“ (S. 16 f.) bis Z wie „Zelt“ (S. 234 f.), „Zielkonflikte“ (S. 236 f.), „Zuhause“ (S. 240 f.), „Zweckentfremdung“ (S. 242 f.) und „Zwischenwohnen“ (S. 244 f.) sind alphabetisch geordnet. Hinter jedem Begriff stecken meist ein oder zwei Seiten.
Im Anschluss gibt es Kunst: Eine Bilderserie mit Gegenständen, die so (un-)normalerweise im Wohnzimmer stehen, wie z.B. ein Zelt (S. 250 f.) und ein Einkaufswagen mit Fahrrad (S. 258 f.) – arrangiert und fotografiert von Jana Sophia Nolle. Nolle arbeitet seit 2017 an einem Projekt/Studie. „Die typologische Studie zeigt temporäre Behausungen von Obdachlosigkeit“ (S. 249). Einige ihrer Fotos sind in der Publikation „WohnWissen“ abgebildet. Das entsprechende Stichwort „Obdach- und Wohnungslosigkeit“ wird in der Publikation an anderer Stelle besprochen (S. 146 f.).
Es befinden sich weitere Bilder und Bildserien im Buch, bspw. von Abbruch-Stein-Geflechten (u.a. auf S. 271), von Karten und Bildern in verschiedenen Zeitebenen, aber immer am gleichen Ort: dem Moritzplatz Berlin (S. 290 ff.). Es gibt die Aufnahme einer Katze, fotografiert wahrscheinlich im Bad (S. 305). Von Seite 308 bis Seite 315 gibt es verschiedene Einfamilienhäuser zu sehen, fotografiert vom Architekturfotografen und ausgebildeten Architekten Robert Herrmann. Beim Blättern bin ich dann auf S. 322 erneut aufmerksam geworden. Eine Abbildung zeigt eine Einfahrt, womöglich in einer Garage. Das Foto wurde von innen nach außen aufgenommen. Links von der Einfahrt ist ein Spiegel montiert. Auf dem Spiegel sind Aufkleber angeheftet. Im Hintergrund, gespiegelt, sitzt ein Junge mit Wollmütze und Sonnenbrille – allerdings als Pappfigur. Optisch mutet das Foto an eine Standfotografie aus dem Thrasher-Skateboardmagazin an. Fotografiert hat es Zara Pfeifer.
Am Ende des Buches gibt es noch ein paar Worte zu der Mock-Up-Ausstellung „WohnWissen“, 2023 in der Open Factory des Eiermannbaus der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen in Apolda, sowie eine Danksagung an alle Beteiligten.
Ausgewählte Inhalte
Aus dem reichhaltigen Angebot soll nur ein Begriff ausgewählt werden, und zwar:
- Übersetzen (S. 229 f.)
Übersetzen ist wichtig, um die verschiedenen Aspekte von „WohnWissen“ zu verstehen und anderen nahe zu legen. Jede/r wohnt auf die eigene Weise und jede/r hat eine ganz eigene Meinung, ein ganz eigenes Wissen zu Wohnen, privat oder professionell. „Alle am Bauen und Wohnen beteiligten Akteur*innen handeln demnach auf Grundlage ihres individuellen Wissens, das sie aus ihren jeweiligen Praxiszusammenhängen schöpfen. Das Projekt WohnWissen Übersetzen bietet eine Plattform, um diese individuellen und oft nebeneinander bestehenden Wissensbestände zu verbinden“(S. 229). Übersetzen ist also die Grundlage, die beschriebenen Inhalte des Buches, aber auch „Gesetze, institutionelle Zuständigkeiten, Verfahren, Regulierungen, Satzungen etc.“ (S. 229) mittels Dispositiv-Ansatz (S. 229) (nach Foucault) bzw. mittels Assemblage-Ansatz (S. 229) (nach Gilles Deleuze und Félix Guattari) und mittels Raumproduktionsperspektive (S. 229) (nach Martina Löw) zu verdichten.
Der Beitrag zu „Übersetzen“ (S. 229 f.) wurde von Prof. Dr. Alexa Färber, Professorin für Europäische Ethnologie an der Universität Wien zusammen mit Prof. Dr. Dipl. Ing. Bernd Kniess, Professor für Urban Design an der Universität Hamburg und mit Lene Benz vom Architekturzentrum Wien und mit Florian Kossak, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Braunschweig und mit Sandra Voser von der Gebietsbetreuung Stadterneuerung Wien auf zwei Seiten formuliert.
Auch die Bereiche „Flucht“ (S. 66 f.) und „Grenzen“ (S. 84 f.), „Kommunikation“ (S. 110 f.) und „Krise“ (S. 116 und S. 117, allerdings leider leer), „Prekarität“ (S. 150 f.) und „Touristifizierung“ (S. 198 f.) interessieren mich spontan. Dass das Kapitel „Krise“ (S. 116 f.) ungeschrieben bleibt, kann ein Fehler sein, sehr wahrscheinlich ist aber das Feld zu groß für zwei Seiten und jede/r soll sich selbst etwas unter „Krise“ vorstellen – so soll es hier jedenfalls wohlwollend ausgelegt werden. Später fällt mir auf, dass „Gold“ (S. 80 f.) , „Luxus“ (S. 126 f.) und „Spiegel“ (S. 180 f.) ebenfalls leer geblieben sind.
Exkurs in die Krise
Da die „Krise“ (S. 116 f.) nicht ausgearbeitet wurde, möchte ich einen Vorschlag hierzu unterbreiten. In meiner Dissertation „Von obdachlosen Berber*innen bis zur digitalen Bohème. Erfahrungen, Erwartungen und Bewertungen nomadischer Lebensweisen“ beschreibe ich einen Lebensabschnitt ohne festen Wohnsitz als eine (auch) bewusste Entscheidung, die durch eine Krise ausgelöst wird. Diese Krise wird als ein zeitlich begrenzter Wendepunkt verstanden, der entweder zu einer Verbesserung oder einer Katastrophe führen kann. Das zugrundeliegende Modell beginnt mit einem Normalzustand des sesshaften Lebens. Eine innere Krise (z.B. Unwohlsein, Festgefahrensein in Beruf/Beziehung) oder äußere Krise (z.B. Wohnungsverlust durch welchen Grund auch immer) dient als Anlass, diesen Zustand zu verlassen und ein umherziehendes Leben zu beginnen. Die Entscheidung, dieses nomadische Leben dann irgendwann wieder zu beenden, wird ebenfalls durch eine Krise ausgelöst – beispielsweise durch das Gefühl, sich nicht mehr gehört oder ernst genommen zu fühlen. Die Rückkehr in ein sesshaftes Leben wird als Reintegration in die „bürgerliche Mitte“ beschrieben. Viele behalten sich jedoch die Option offen, jederzeit wieder aufzubrechen. Das ist eine auf wenige Zeilen zusammengefasste, auf Interviews gestützte These, die an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden soll, aber vielleicht Interesse wecken kann für die entsprechenden Seiten in einer möglichen Neuauflage der Publikation „WohnWissen“.
Diskussion
Die Publikation zeigt auf, wie vielfältig WohnWissen ist. Sie zeigt auf, wie hochkarätig daran geforscht wird. Sie zeigt auf, wie alles mit allem zusammenhängt und macht neugierig auf mehr. Das Mehr muss sich jedoch jede/r selbst holen, denn auf den wenigen Seiten kann jedes Thema nur angerissen werden. Meist wird auf Literatur verwiesen, immer auf andere Kapitel. Das Buch ist für interessierte Leser*innen zu empfehlen, die Anknüpfungspunkte für ihren Interessensbereich suchen, weniger für spezialisierte Leser*innen eines Spezialbereiches – dafür ist diese Publikation zu „allumfassend“ was die Bandbreite an Themen angeht. Oder, anders ausgedrückt: Die Themen gehen in die Breite statt in die Tiefe. Wenn die Publikation also unbedingt eine Bewertung braucht, so gebe ich eine gute Note für die Breite, eine mittelmäßige für die Tiefe.
Fazit
In der Publikation „WohnWissen“ wird der komplexe und vielschichtige Begriff des Wohnens anhand von Stichwörtern in einem Glossarformat untersucht. Sie bietet einen breiten Überblick über aktuelle Themen wie Wohnungsmärkte, Stadtentwicklung und soziale Aspekte – könnte manchmal jedoch mehr in die Tiefe gehen, was bei einem solchen Format natürlich schwierig ist (Stichwort: Eierlegende Wollmilchsau).
Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
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