Daniel Meis (Hrsg.): Nationaler Sozialismus in der Weimarer Republik
Rezensiert von Ronny Noak, 24.02.2026
Daniel Meis (Hrsg.): Nationaler Sozialismus in der Weimarer Republik. Parteien, Ideen, Protagonisten.
transcript
(Bielefeld) 2025.
258 Seiten.
ISBN 978-3-8376-7459-0.
D: 38,00 EUR,
A: 38,00 EUR,
CH: 46,40 sFr.
Reihe: Histoire - 225.
Thema
Auch wenn wir heute mit dem Nationalen Sozialismus vor allem den fast namensgleichen Nationalsozialismus verbinden, war der Begriff in den Jahren der Weimarer Republik viel verbreiteter. Nahezu alle politischen Strömungen hatten mindestens einen Flügel, der für sich beanspruchte zum nationalen Sozialismus zu gehören. Der vorliegende Band zeichnet nun diese Breite nach und führt damit in die Ideengeschichte der Zwischenkriegszeit ein.
Autor:in oder Herausgeber:in
Herausgegeben wird der Band von Daniel Meis. Dieser ist aktuell an der Universität Koblenz, Institut für Geschichte und hat die Vertretungsprofessur am Arbeitsbereich Neuere und Neueste Geschichte und ihre Didaktik inne. Zu den weiteren Autor*innen zählen u.a. Armin Pfahl-Traughber, der sich vor allem mit seinen Arbeiten zum Rechtsextremismus einen Namen gemacht hat und Leonie Eva Kanietzko, die Geschichtswissenschaften im Master an der Heinrich-Heine-Universität studiert.
Aufbau
Der Band beinhaltet elf Aufsätze von ebenso elf Autor*innen. Dabei ist der Band inhaltlich zweigeteilt. In den ersten acht Beiträgen wird jeweils eine politische Strömung (bspw. Sozialdemokratie, Kommunistische Partei, Nationalsozialismus, Konservative Revolution oder Gewerkschaftsbewegung) untersucht. Die letzten drei Aufsätze widmen sich hingegen Einzelpersonen. Diese sind Wichard von Moellendorff, das politische Dreieck Brüning-Straßer-Schleicher und final Lothar Erdmann.
Inhalt
Bereits der Untertitel des Sammelbandes gibt einen guten Überblick über den Inhalt. Parteien, Ideen, Protagonisten. Direkt in der Einleitung stellt Daniel Meis noch einmal klar, dass das Begriffspaar „nationaler Sozialismus“ in der Weimarer Republik mit unterschiedlichsten Inhalten von verschiedenen politischen Richtungen gefüllt wurde. Es war demnach nicht klar definiert, oder positiver formuliert „einfach überall anschlussfähig“ (S. 7). Umso überraschender ist dann der formulierte Anspruch des Sammelbandes „ein[en] Gesamtüberblick zum Thema“ (S. 9) vorzulegen.
Dabei gehen die Autor*innen auf unterschiedliche Wege vor. Exemplarisch wird hier der Beitrag von Stefan Vogt für einen linken nationalen Sozialismus herangezogen werden. Der Autor legt dabei eine Entstehungsgeschichte des Hofgeismarer Kreises aus dem Umfeld der Neuen Blätter für Sozialismus vor. Besondere Bedeutung hat für ihn dabei Hermann Heller, einer der wichtigsten Sozialdemokraten bei der Verteidigung der Weimarer Demokratie, der aber offenbar Mitte der 1920er Jahre vor allem um den Begriff des nationalen Sozialismus rang. Auch wenn sich die Arbeiterbewegung mit einer nationalen Kategorie schwer tat, verband die rechte Sozialdemokratie den Nationenbegriff mit dem Marxismus. Dies gelang vor allem über die Kategorie „nationaler Sozialismus“.
Wie die Verbindung von Nation und Sozialismus auf dem anderen Ende des politischen Spektrums vorgenommen wurde, zeigt Armin Pfahl-Traughber am Beispiel der sogenannten Konservativen Revolution. Hier griffen einige Akteure, u.a. Ernst Jünger und Oswald Spengler, den Begriff des nationalen Sozialismus auf. Dabei grenzten sie sich aber deutlich von den linken Vorstellungen ab und entwickelten eigene Vorstellungen. Dem Autor gelingt es mit seiner Darstellung auch zu belegen, dass es sich bei den rechten Akteuren um keinen Sozialismus im engeren Sinne handelt. In der Folge stellt der Autor weitere Analysekriterien zur Verfügung, die die Auffassung der Konservativen Revolutionäre hervorheben. Dazu gehört der Wesenskern der „Frontstellung gegen den politischen Liberalismus“ (S. 103). Schließlich kommt der Autor zu dem Fazit, dass im nationalen Sozialismus der rechten Protagonisten „ein nationales Bewusstsein, nicht aber eine soziale Klassenzugehörigkeit (…) wichtig sein“ (S. 113).
Diskussion
Die Jahre der Weimarer Republik sind sicherlich Jahre großer politischer Gräben und Gegensätze. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet der Begriff des „nationalen Sozialismus“ so weite Verbreitung fand. Es ist dem Band hoch anzurechnen, dass es wohl der erste Versuch ist, sich von allen Seiten dem Begriffspaar zu nähern. Dabei gelingt es den Autor*innen zu zeigen, dass der Begriff überall seine Verwendung fand. Gerade in den unterschiedlichsten Quellen wie Zeitschriften ist der Begriff, so erscheint es nach der Lektüre, omnipräsent. Umso wichtiger ist eine Einordnung, will man den Begriff verstehen. Genau diese Einordnung nehmen die Autor*innen vor, indem sie in der Regel zunächst seine Verbreitung aufzeigen, um anschließend eine Definition vorzunehmen. Dieses Schema lässt sich auf viele der Beiträge im Sammelband übertragen.
Was sagt die Beschäftigung mit diesem historischen Begriff nun aber über die Gegenwart aus? Dem gehen die Autor*innen nicht direkt nach, aber dennoch lässt sich herauslesen, dass es immer wichtig ist hinter die Bedeutung von Begriffen zu kommen. Denn in Zeiten in denen rechte Parteien beispielsweise die Forderungen der Friedlichen Revolution 1989/90 (Stichwort: „Vollende die Wende“) für sich beanspruchen zeigt sich, dass Worte und Begriffsinhalte immer wieder auf ihren jeweiligen Kontext geprüft werden müssen. Das gilt auch für den „nationalen Sozialismus“.
Fazit
Der Sammelband „Nationaler Sozialismus in der Weimarer Republik“ von Daniel Meis bietet eine differenzierte Analyse der ideologischen Grundlagen und historischen Entwicklungen national-sozialer Strömungen der Jahre 1918 bis 1933. Die Beiträge beleuchten sowohl theoretische Konzepte als auch gesellschaftliche und politische Kontexte sowie Ideengeber und ermöglichen dadurch ein vielschichtiges Verständnis des Phänomens. Insgesamt überzeugt der Band durch seine wissenschaftliche Tiefe und regt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart an.
Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Mailformular
Es gibt 28 Rezensionen von Ronny Noak.





