Murach Michael: Die Kunst sich im Krisenfall zu behaupten, ohne es dabei mit sich selbst oder mit dem Anderen zu verderben
Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 31.03.2026
Murach Michael: Die Kunst sich im Krisenfall zu behaupten, ohne es dabei mit sich selbst oder mit dem Anderen zu verderben. Das Gefängnis als Lehranstalt. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2025. 210 Seiten. ISBN 978-3-95853-922-8. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Thema
In seiner persönlichen Rückschau hinterfragt der Autor die gesellschaftliche Sinnhaftigkeit unserer Gefängnisse und positioniert sich zum Zeitgeist-Thema um „Wut“, „Hass“ und „Gewalt“. Dazu nutzt er die obskure Welt hinter Mauern als generell aufklärende Lehranstalt für zwischenmenschliche Konfrontationen: Aus extremsten Verbrechen leitet er einen eigenen Erklärungsansatz für alltägliche Konflikte ab. Seine „Kleine Kollisionskunde“ orientiert sich an der wechselseitigen Achtung der Kontrahenten als Voraussetzung jeder „gesunden Streitkultur“ (Klappentext).
Autor
Michael Murach (*1942). Dipl.-Psych. und Psychologischer Psychotherapeut inner‑ und außerhalb des Gefängnisses: 1971 Mitbegründer der bundesweit ersten Sozialtherapeutischen Einrichtung in Berlin-Tegel; 1985 niedergelassener Psychotherapeut – parallel zur Gefängnisarbeit; 1986 Lehrbeauftragter – Strafvollzug – an den Universitäten Hannover und Frankfurt (Verlagsangaben).
Entstehungshintergrund
Vordergründig ist dies die Retrospektive eines langjährig mit Tätern psycho‑ und sozialtherapeutisch arbeitenden Psychologen, zugleich der „Versuch“ einer umfassenderen „Bilanz“, nämlich „mich mit mir selbst, mit meiner Familie und der Welt ringsherum auseinanderzusetzen. Und dabei eine halbwegs aushaltbare Position zu finden, zeitlebens unterwegs zwischen sog. ‚Ver-Strickten‘, sog. ‚Ver-Rückten‘ und sog. ‚Ver-Brechern‘“ (201).
Aufbau
Der Aufbau ist von Anlass und Absicht der Bilanz wie der professionellen Über-/Lebenspraxis hinter Gittern nicht zu trennen: Murach leitet ein mit Mitscherlichs Arbeit über den „Elementarvorgang“ eines „einfühlenden Denkens, arbeitet mit ausführlichen Zitationen und Kasuistiken (Kapitel 2 bis 9, 11 und 12). Diese sollen „diverse authentische Fallbeispiele genau dafür liefern, wie es real im Alltag aussehen kann, wenn dieser Elementarvorgang des Sich-Einfühlens unterbleibt bzw. misslingt. Welche fatalen Eskalationen sich insbesondere dann zusammenbrauen können, wenn diese Einfühlung, anderweitig ‚Empathie‘ genannt, nicht nur einseitig, sondern sogar wechselseitig misslingt“ (12).
Kapitel 10 liefert als „Kleine Kollisions-Kunde“ ein theoretisches Modell dieser heterogenen Praxis, in der „gleichsam aneinander vorbei ‚empathisiert‘“ wird.
Kapitel 13 greift auf das Titelbild – zwei sich gegenübersitzende Schwertkämpfer – und den japanischen ‚Weg des Schwertes‘ als achtsame Haltung, als Kunst, sich im Krisenfall zu behaupten, zurück; Kapitel 14 reflektiert zuvor referierte Interaktionen unter den Gesichtspunkten, der Budō-Haltung als der eines inoffensiven Schwertweges (s.u.).
Kapitel 15 über Tater und Oper, Taten, Schuld, Tod, Banalität des Bösen, Würde, Selbstwert, Scheitern enthält existenzielle „’Nachbetrachtungen‘ über die unselige Wirklichkeit unserer Gefängnisse“ (200).
Das letzte (unnummerierte) Kapitel, ein „NACHdemBuchWORT“ ist Michael Murachs lebensgeschichtliche „Rückschau auf die 80 Jahre dieses Weges“ (201).
Inhalt
Täterarbeit hat immer mit Lebensgeschichte, Tathandlung und Ist-Zustand zu tun. Insofern geht es Murach um Explorationen, deren Einleitung er exemplarisch aufzeichnet (27) und sie inhaltlich am Beispiel der Strafgefangenen Benedict Gruber (Kapitel 5), Ercan Kayabasi (Kapitel 6) und R. Jagusic (Kapitel 7) im O-Ton nachvollziehbar macht. Um die „wesentliche juristische Abarbeitung der Straftat“ (30), um Fakten also geht es als Basis und Zielsetzung dieses Gesprächs. Im nächsten Schritt der biografischen und erlebnisbezogenen Erinnerungen geht es zugleich um die subjektiven Einstellungen, Befindlichkeiten, Erlebnisverarbeitungen, Beziehungsmuster, Handlungsmotive, innere Dialoge, Impulsmomente der Männer. Dass dabei offene Fragen nicht aufgelöst, Schweigen weder durch Erklärungen noch Nachhaken überbrückt, „Lüge und Wahrheit“ nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern „ineinander verwoben“ bleiben (35), verdeutlicht die sperrig-widersprüchlichen, brüchig-tastenden Aspekte dieser Diskurse.
Das zentrale Thema „Gefängnis“, der Strafvollzug zwischen Knastalltag und Schuldverarbeitung, wird in 13 „Mini-Lektionen“ (Kapitel 8) skizziert, illustriert, schlaglichtartig ausgeleuchtet. Denn „das Gefängnis ist eine Welt für sich“, ist „seine eigene Lehranstalt“ ohne dass es – abgesehen „von den vollzugsinternen Schulen“ für den Allgemeinen Vollzugs-Dienst (AVD) – eine „Ausbildungsstätte für das ‚Gefängniswesen‘“ gäbe (59). Nicht nur um den Lebens‑ bzw. Haftraum der „Wohn-Klos“ und um den „Vollzugsjargon“ (63) geht es, sondern eben auch um das, was darüber hinaus dieses Klima, diese Arbeits‑ und eben auch Lebenswelt mit Vollzugsmitarbeitern macht. Insofern führt Murach die Leser nach dem „Antrittsbesuch beim AL (Anstaltsleiter)“ (65-68) auf einen Kontrollgang zu Silvester (68-70), weiter zum „ALV, dem Vertreter des Anstaltsleiters“ (71-72), in den „’Tatort‘ Waschraum“ (73-75). Letztlich ploppt immer wieder die Frage auf: Ist das Gefängnis ein „Ort der ‚Verbüßung‘ oder Ort der ‚Behandlung‘“ (91-98).
Diese essenziellen Fragen, nicht nur der Verbüßung versus Behandlung, sondern der Entweder-Oder-Dichotomie als solcher arbeitet der Autor wie folgt ab: Er verdeutlich „Wut-Regeln“ als „Kleine Kollisions-Kunde“ und verdichtet dieses Thema zu einer „Theorie im Bierdeckel-Format“ (Kapitel 10).
Diskussion
Murach provoziert und irritiert. Er knackt Vor-Urteile. Dies beginnt mit dem Titelbild, das zwei sich gegenüber kniende Schwertkämpfer zeigt. Was dabei auf den ersten Blick als Kampfhandlung, als todbringende Aggression oder existenzielles Entweder-Oder, erscheint, erweist sich bei genauer Betrachtung als ein Ritual, das in den japanischen Kampfkünsten (Budō) als ‚reiho‘ bezeichnet wird. Es ist ein achtsames Grüßen des Anderen durch wechselseitiges Herstellen und zugleich Überbrücken eines Abstandes (Kobbé, 2018, 2–3).
Diese ‚Einleitung‘ setzt der Autor fort mit wiederholten Bezügen auf die ‚Kunst des Krieges‘ von Sun Tsu (* ~544 v.Chr.; † ~496 v.Chr.): Den Kampf nur dann vermeiden (und insofern ‚gewinnen’) zu können, wenn man gut vorbereitet und reflektiert nicht kämpft, ist eben mitnichten wokes Blabla, sondern Frage einer ebenso philosophischen wie alltagsvollzuglichen Praxis. Denn der Untertitel des Werkes über die Kriegskunst lautet „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft“ (Sun Tsu, 2011). Ihm geht es um eine innere Haltung zu anderen, mit sich selbst. Angesichts der Herausforderungen, Konfrontationen, Infragestellungen, Vereinnahmungen, Instrumentalisierungen, Deformationen nicht nur durch Täterklientele, deren Taten und Devianzen, sondern auch durch die blinden Routinen freiheitsentziehender Institutionen. Es geht ihm – siehe oben – darum, „eine halbwegs aushaltbare Position zu finden, zeitlebens unterwegs zwischen sog. ‚Ver-Strickten‘, sog. ‚Ver-Rückten‘ und sog. ‚Ver-Brechern‘“ (201).
Ebenso wenig, wie solch theoretisch-praktischen Plakatierungen psychologisch oder erkenntnistheoretisch (v)erklärt werden, kontextualisiert der Autor andere Sequenzen. Der „Nachruf auf eine Bestie“ (Kapitel 12) enthält „Auszüge aus dem gleichnamigen Dokumentarfilm (ZDF 1983) über den wegen mehrfachen Kindesmordes verurteilten Jürgen Bartsch“ in Form von Zitaten – diese einerseits von Anderen über ihn, dann wieder von Bartsch selbst über sich, sein So-Sein und So-Werden. Wenngleich dieser unkommentiert für sich sprechen soll, hier zumindest als Verweis auf den Wikipedia-Eintrag zur Person und die nachlesbare Literatur als Referenz (Föster, 1984).
Die Sammlung von Eindrücken (sich in den Therapeuten eindrückenden Erfahrungen), von Affekten und Effekten, von Subjekt(ivierung)en und Objekt(ivierung)en, von Vignetten und Selbstreflexionen ist eigenwillig, Der Stil dabei ist eher brüsk, eigen, unvermittelt-abgegrenzt, lakonisch, schnörkellos. Murach arbeitet mit unkonventionellen Vorgaben, mithin strukturierend, mit Gaben also, sprich, unterstützend, bereichernd, treffend. Derart arbiträre und zugleich plastische Selbstberichte finden sich – analog und doch ganz anders – allenfalls in den „Aufzeichnungen“ des „Windarztes und Apfelsinenpfarrers“ Deich (1973), per „Selbstzeugnis“ in den „Knastmemoiren“ von Scheu (1983).
Fazit
Der Reader gibt Einblicke in Innenwelten des Gefängnisalltags, der Strafgefangenen und des Autors als Vollzugspsychologem, in die ebenso banalen wie extremen Aspekte von Täterarbeit. Das Buch ist nicht nur exemplarische Skizze. Es ist auch bemerkens‑ und lesenswertes Fazit eines Berufslebens hinter Gittern, persönliche Rückschau auf 80 Jahre eines Lebenswegs.
Literatur
Deich, F. 1973. Windarzt und Apfelsinenpfarrer. Aufzeichungen eines Psychiaters. Freiburg: Herder.
Föster, M. (Hrsg.) 1984. Jürgen Bartsch, Nachruf auf eine ‚Bestie‘. Dokumente, Bilder, Interviews. Essen: Torso.
Kobbé, U. 2018. Schrift: Zeichen: Körper oder Das Symbol als „corpsifier“. Preprint. DOI: 10.13140/RG.2.2.28559.65448. Online-Publ.: https://www.researchgate.net/publication/328930414.
Mitscherlich; A. & Mitscherlich, M. 1977. Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München: Piper.
Scheu, W. 1983. In Haft. Zum Verhalten deutscher Strafgefangener. München: DTV.
Sun Tsu. 2011. Die Kunst des Krieges. Darmstadt: WBG
Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und
Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
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