Volker Ladenthin: Zur Pädagogik Maria Montessoris
Rezensiert von Ingeborg Müller-Hohagen, 17.11.2025
Volker Ladenthin: Zur Pädagogik Maria Montessoris.
Lit Verlag
(Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2023.
218 Seiten.
ISBN 978-3-643-15406-4.
Reihe: Ladenthin, Volker: Die Reform der Pädagogik - Band 2. Impulse der Reformpädagogik - Band 36.
Autor
Volker Ladenthin, Prof. Dr.; ist emeritierter Professor für Systematische und Historische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist Teil einer von Professor Harald Ludwig herausgegebenen Reihe: Impulse der Reformpädagogik (Band 36).
Aufbau und Inhalt
Dieses Buch beschreibt die Pädagogik Maria Montessoris sehr genau und auf breiter theoretischer Basis. Im Zentrum steht das eingehende Studium der Schriften Montessoris (siehe Seite 11). Fragen des Zusammenhangs von Theorie und Praxis werden auf der theoretischen Ebene behandelt, allerdings ohne näheren Praxiseinblick.
Ausgegangen wird von einer Darstellung der Vorbilder Maria Montessoris, insbesondere Jean Jacques Rousseau, Jean Itard, Édouard Séguin.
Zentrale Themen der Montessori-Pädagogik werden erläutert:
- Ziel und Weg: Selbstbestimmung (S. 17ff)
- Polarisation der Aufmerksamkeit (S. 24ff)
- Sensible Phasen (S. 31ff)
- Materialien (S. 42ff)
- Vorbereitete Umgebung (S. 44ff)
- Die Rolle der Lehrenden (S. 47ff)
- Anschließend erläutert Ladenthin seine Sicht auf diese grundsätzlichen Themen:
- Bauplan oder Freiheit?
- Führung oder Selbstbestimmung?
- Ordnen oder Ordnung?
- Ethik der Gruppe oder des Kosmos?
Beispielhaft für die Gründlichkeit und Ausgewogenheit von Ladenthins Analysen kann hier das Kapitel zur Politik gelten, das heißt zu den heute kontrovers diskutierten Fragen rund um Montessoris Verhältnis zum italienischen Faschismus. Ohne dieses zu bagatellisieren, kritisiert er aber deutlich die an ihr geübte Kritik, insbesondere von Hélène Leenders, und meint, hier würde der jeweilige Kontext von Montessoris Aussagen oft zu wenig berücksichtigt. Sein Fazit lautet:
„Wenn sich Montessori mit der politischen Realität ins Benehmen setzt, sei das falsch; wenn sie es nicht tut, auch. Wenn sie eine eigene Pädagogik formuliert, sei das falsch; wenn sie anschlussfähig ist, auch“ (S. 146).
Diskussion
Das Buch von Volker Ladenthin habe ich gern gelesen. Es versammelt auf knappem Raum eine Fülle an Informationen über die Pädagogik Maria Montessoris, Quellen ihrer Entstehung, Einordnung in die Reformpädagogik insgesamt.
Man sollte aber vorher schon etwas über Montessoris Pädagogik wissen, wenn man zu diesem Buch greift. Volker Ladenthin hat diese Pädagogik exzellent beschrieben, es fehlen ihm aber wahrscheinlich praktische Erfahrungen und nähere Einblicke, wie Kinder und Jugendliche sich innerhalb dieser Pädagogik entwickeln. Insbesondere die Begeisterung und Freude am Lernen, die so oft an Montessori-Schulen zu sehen sind und die an staatlichen Schulen eher zu kurz kommen, wird nicht beschrieben.
In meiner Erfahrung als Lehrerin der Montessori-Schule München unter Professor Hellbrügge (14 Jahre), als Rektorin der Montessori-Schule Wertingen (9 Jahre) und als Vorstand des Montessori Landesverbandes Bayern (14 Jahre) habe ich viele Jahre erleben dürfen, dass Maria Montessori wichtige Hinweise dazu gibt, wie Kinder und Jugendliche mit Freude lernen können.
Allerdings auf der theoretischen Ebene hebt der Autor dies durchaus hervor, wenn er schreibt (S. 22f):
„In Übereinstimmung mit Itard stellt sie an gleicher Stelle fest: ‚Die ‚Entwicklung‘ kann nicht gelehrt werden.“ Er führt dies fort: „Unterricht und Erziehung sind, so verstanden, keine Belehrung und Normierung, sondern die Stimulation bzw. Nichtbehinderung dieser Grundkraft.“
Fazit
Das Buch bringt viele wichtige Informationen zur Montessori-Pädagogik und zu ihrer weiteren Einbettung. Allerdings fehlt ihm ein Zugang zur gelebten Praxis.
Doch es reflektiert in profunder Weise das Verhältnis von Theorie, Sprache, Geschichte zum Bereich der Praxis. Wem es hier mit Blick auf die Montessori-Pädagogik und auch allgemeiner um vertiefte Einsichten geht, dem kann dieses Buch nur empfohlen werden.
Rezension von
Ingeborg Müller-Hohagen
Erste und Zweite Staatsprüfung für das Lehramt an Volksschulen; Diplom für Montessori-Pädagogik; Rektorin i.R.; Lehrbeauftragte für Montessori-Pädagogik an den Universitäten Augsburg und Passau
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