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Roland Stein, Hans-Walter Kranert (Hrsg.): Aus der Schule in Beruf und Arbeit

Rezensiert von Lars Weiser, 04.09.2025

Cover Roland Stein, Hans-Walter Kranert (Hrsg.): Aus der Schule in Beruf und Arbeit ISBN 978-3-17-042374-9

Roland Stein, Hans-Walter Kranert (Hrsg.): Aus der Schule in Beruf und Arbeit. Teilhabeperspektiven bei sonderpädagogischem Förderbedarf. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 200 Seiten. ISBN 978-3-17-042374-9. 37,00 EUR.

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Thema

Der Sammelband behandelt die Übergänge von Schule zu Beruf und Arbeit für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Im Fokus stehen die Chancen und Barrieren beruflicher Teilhabe sowie die Frage, wie schulische und außer-schulische Maßnahmen diese Übergänge unterstützen können. Dabei werden historische Entwicklungen und gesellschaftliche Normen von Arbeit betrachtet, die bestimmte Tätigkeitsformen privilegieren und andere marginalisieren. Das Buch leistet somit einen Beitrag zur Diskussion über inklusive Berufsbildung und die Weiterentwicklung von Unterstützungsstrukturen für benachteiligte Jugendliche.

Herausgeber

Das Buch wird herausgegeben von Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Roland Stein, der an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg den Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen innehat, sowie Hans-Walter Kranert von der Don Bosco Berufsschule in Würzburg.

Entstehungshintergrund

Der Band entstand vor dem Hintergrund, dass Erwerbsarbeit gesellschaftlich als zentrale Lebensform gilt, während andere Tätigkeitsformen oft marginalisiert bleiben. Für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist der Zugang zu beruflicher Bildung und Arbeitsmarkt häufig erschwert. Das Buch untersucht, welche Perspektiven beruflicher Teilhabe sich nach der Schulzeit eröffnen und wie Übergänge schulisch und außer-schulisch begleitet werden können, um eine Lücke im sonderpädagogischen Diskurs zu schließen.

Aufbau

Der Band beginnt mit einer Einführung von Roland Stein und Hans-Walter Kranert, in der die Bedeutung von Teilhabe an Beruf und Arbeit für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf skizziert wird. Anschließend wird das Konzept der Teilhabe als Weg und Ziel erläutert, um die theoretische und praktische Relevanz der Thematik zu verdeutlichen.

Der Band gliedert sich in zwei Hauptteile: Der erste Teil widmet sich der theoretischen Fundierung. Hier werden unterschiedliche fachliche Perspektiven auf die Teilhabe an Beruf und Arbeit dargestellt, darunter ethische, soziologische, psychologische, pädagogische, heil- und sonderpädagogische sowie sozialpolitische und rechtliche Aspekte. Ziel ist es, die Komplexität und Interdisziplinarität des Themas aufzuzeigen und theoretische Grundlagen für die Praxis abzuleiten.

Der zweite Teil fokussiert die Praxis. In diesem Abschnitt werden Unterstützungsbedarfe verschiedener Zielgruppen junger Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf thematisiert, darunter Personen mit Lernbeeinträchtigungen, geistigen, körperlichen, sensorischen oder kommunikativen Einschränkungen sowie Personen im Autismus-Spektrum. Vorgestellt werden Maßnahmen, Modelle und Strategien, die den Übergang von Schule in berufliche Bildung und Erwerbsarbeit erleichtern sollen. Den Abschluss bildet eine zusammenfassende Perspektive auf bestehende Chancen und weitere Bedarfe für einen chancengerechten Arbeitsmarkt.

Inhalt

Der Sammelband bietet eine Vielzahl von Beiträgen, die unterschiedliche Perspektiven auf berufliche Teilhabe und Unterstützungsbedarfe junger Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf beleuchten. Aufgrund der Breite des Bandes werden im Folgenden exemplarisch drei Beiträge skizziert, um die Relevanz und Vielfalt der behandelten Themen zu verdeutlichen. Dabei wird nicht der gesamte Inhalt wiedergegeben, sondern ein Überblick über ausgewählte Aspekte und Impulse gegeben, die den Praxisbezug und die theoretische Tiefe des Werks besonders deutlich machen.

Ein Beitrag im ersten Teil des Sammelbands ist „Soziologische Perspektiven“ von Mario Schreiner. Er behandelt die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen, wobei der Fokus auf der Erwerbsarbeit als zentrale Instanz sozialer Inklusion liegt. Teilhabe wird dabei nicht nur auf Arbeit bezogen, sondern umfasst auch soziale Beziehungen, Bürgerrechte und kulturelle Teilhabe. Schreiner beschreibt, dass Teilhabe in einzelnen Lebensbereichen gleichzeitig vorhanden oder eingeschränkt sein kann, was eine dynamische Betrachtung von Inklusion und Exklusion ermöglicht. Darüber hinaus diskutiert der Beitrag die Entstehung von Behinderung im Zusammenspiel von individuellen Beeinträchtigungen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter Bezug auf die ICF der WHO. Teilhabe hängt demnach sowohl von persönlichen Faktoren als auch von der Möglichkeit ab, Barrieren abzubauen und Beeinträchtigungen auszugleichen. Abschließend werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland dargestellt, darunter die UN-Behindertenrechtskonvention, das Bundesteilhabegesetz (BTHG) und das Gesetz für einen inklusiven Arbeitsmarkt. Dabei werden die Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Beeinträchtigungen, die Rolle von Werkstätten für behinderte Menschen und die bestehenden Strukturen zur beruflichen Teilhabe beschrieben.

Ein weiterer Beitrag des Sammelbands ist „Sozialpolitische Perspektiven“ von Harald Ebert. Er beschäftigt sich mit der beruflichen Bildung und sozialen Teilhabe junger Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Der Beitrag untersucht, wie sozialpolitische Rahmenbedingungen, inklusive gesetzliche Regelungen wie die UN-Behindertenrechtskonvention, die Inklusion in Bildung und Arbeitswelt unterstützen können. Ebert behandelt zunächst die gesellschaftliche Grundlage von Teilhabe, wobei die Menschenwürde als zentraler Maßstab für alle jungen Menschen hervorgehoben wird. Er beschreibt, dass Bildung und Erziehung als Mittel dienen, Benachteiligungen auszugleichen und jungen Menschen Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen. Der Beitrag geht dabei auf die historische und gegenwärtige Rolle des Sozialstaats ein, der über Transferleistungen und Unterstützungsangebote soziale Teilhabe fördern soll. Zentrale Aspekte sind die Differenzierung nach Förderbedarf und die Spannungsfelder zwischen sozialrechtlich erforderlicher Kategorisierung und dem Anspruch auf inklusive, nichtdiskriminierende Bildung. Hierbei wird auch das Spannungsfeld zwischen allgemeinen inklusiven Maßnahmen und spezifischen sonder- und heilpädagogischen Unterstützungsangeboten diskutiert. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der beruflichen Qualifizierung. Ebert stellt unterschiedliche Modelle vor, die jungen Menschen den Zugang zum Arbeitsleben ermöglichen sollen, darunter die duale Ausbildung, die Teilzeitberufsausbildung, die Vermittlung von Qualifizierungsbausteinen und die Ausbildung in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Dabei wird betont, dass Qualifizierungswege individualisiert und differenziert gestaltet werden müssen, um sowohl den Bedürfnissen der Lernenden als auch den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Abschließend werden sozialpolitische und bildungspolitische Perspektiven diskutiert, die eine Weiterentwicklung inklusiver beruflicher Bildung vorsehen. Die Modelle zielen darauf ab, allen jungen Menschen unabhängig von Lebenslage, Förderbedarf oder Beeinträchtigungen eine qualifizierte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen.

Im zweiten Teil des Buches beleuchtet Kristina Schmidt die beruflichen Perspektiven von Menschen mit geistiger Behinderung. Sie beginnt mit der schulischen Situation, in der Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zunächst durch ihre besonderen Förderbedarfe und die Kategorisierung innerhalb des Bildungssystems gekennzeichnet sind. Dabei wird deutlich, dass Förderschulen weiterhin stark frequentiert werden, während die Zahl der Schüler*innen in inklusiven Schulen zunimmt. Die schulische Förderung konzentriert sich häufig auf lebenspraktische Fähigkeiten, während der Erwerb eines anerkannten Schulabschlusses erschwert werden kann. Die Berufsorientierung erfolgt über praxisnahe Maßnahmen wie begleitete Praktika, Kooperationen mit Ausbildungsbetrieben, Berufsschulen und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sowie individuelle Teilhabeplanverfahren, die die Integration in das Arbeitsleben vorbereiten. Schmidt analysiert anschließend die Teilhabeperspektiven im Übergang Schule-Beruf. Auf Grundlage gesetzlicher Regelungen wie dem Berufsbildungsgesetz, dem SGB III und SGB IX sowie der UN-Behindertenrechtskonvention wird deutlich, dass Menschen mit Behinderungen grundsätzlich das gleiche Recht auf Arbeit und Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt besitzen. In der Praxis erfolgt der Übergang jedoch häufig automatisiert in die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM), wodurch strukturelle Benachteiligungen entstehen, insbesondere durch fehlende Schulabschlüsse. Die Autorin beschreibt verschiedene Teilhabeoptionen: die klassische WfbM, ausgelagerte Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, Inklusionsbetriebe, Unterstützte Beschäftigung sowie das Budget für Arbeit und Ausbildung. Sie zeigt dabei die Unterschiede in Konzept, Zielsetzung und Integrationsgrad auf: Während die WfbM traditionell einen geschützten Rahmen bietet, zielen Inklusionsbetriebe und Unterstützte Beschäftigung auf eine weitgehend selbstbestimmte Integration in reguläre Arbeitsplätze ab. Das Budget für Arbeit und Ausbildung bietet zudem die Möglichkeit, individuelle Fördermaßnahmen zu finanzieren und Übergänge aus der WfbM heraus zu erleichtern. Abschließend diskutiert Schmidt kritisch die derzeitige Praxis: Viele Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung werden kaum in Entscheidungen über ihre berufliche Zukunft einbezogen und erhalten unzureichend Informationen über alternative Wege auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie plädiert für modularisierte Ausbildungsangebote, unabhängige Teilhabeberatung und eine stärkere Einbindung der Jugendlichen in Entscheidungsprozesse, um selbstbestimmte berufliche Teilhabe zu ermöglichen.

Diskussion

Die Publikation überzeugt durch die gelungene Verbindung von theoretischen Grundlagen und praxisnahen Beispielen zum Thema Übergänge von Schule zu Beruf für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Zahlreiche renommierte Autor:innen tragen zu einer fundierten wissenschaftlichen Basis bei, die durch die kompakte Länge von unter 200 Seiten gut lesbar ist und sich sowohl an Fachpersonen als auch an Studierende und Praktikerinnen richtet. Besonders hervorzuheben ist die umfassende Perspektive: Neben schulischen Maßnahmen werden auch außer-schulische Unterstützungsstrukturen, rechtliche Rahmenbedingungen sowie gesellschaftliche Normen und historische Entwicklungen von Arbeit berücksichtigt. Dies macht deutlich, wie bestimmte Tätigkeitsformen privilegiert und andere marginalisiert werden und welchen Einfluss dies auf die Chancen beruflicher Teilhabe hat.

Die gesellschaftliche Relevanz des Bandes ist unbestritten. Durch die Darstellung von Barrieren und Chancen für Jugendliche mit Förderbedarf liefert das Buch wertvolle Impulse für den Diskurs über Chancengleichheit, Inklusion und gerechte Teilhabe am Arbeitsleben. Besonders positiv fällt die differenzierte Betrachtung autistischer Jugendlicher auf, deren Übergänge in das Berufsleben besondere Anforderungen an Unterstützungsmaßnahmen stellen. Hier zeigt die Publikation, dass neben fachlichen Kompetenzen vor allem die Förderung sozialer Fähigkeiten, die individuelle Anpassung der Rahmenbedingungen und die Sensibilisierung von Arbeitgeber*innen entscheidend sind, um eine gelingende Integration zu ermöglichen.

Ein konstruktiver Aspekt ist, dass der Band stark auf bestehende Angebote und Strukturen fokussiert. Visionäre oder experimentelle Ansätze für inklusive Berufsbildung werden nur begrenzt thematisiert. Dennoch bietet die detaillierte Analyse bewährter Modelle eine wertvolle Orientierung für Praxis und Politik und regt gleichzeitig dazu an, über zukünftige Verbesserungen nachzudenken, insbesondere hinsichtlich Flexibilität, Individualisierung und Abbau möglicher Stigmatisierung.

Fazit

Der Sammelband bietet eine fundierte Verbindung von theoretischen Grundlagen und praxisnahen Beispielen zu den Übergängen von Schule zu Beruf für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Er beleuchtet Chancen und Barrieren beruflicher Teilhabe differenziert, zeigt bewährte Unterstützungsstrukturen auf und leistet einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs über Inklusion und Chancengleichheit.

Rezension von
Lars Weiser
M.A. (Studiengang: Bildung und Soziale Arbeit), Promotionsstudent Universität Siegen. Vorherige Rezensionen unter Lars Lucas
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Es gibt 2 Rezensionen von Lars Weiser.

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ISSN 2190-9245