Franziska Bellinger, Christine Thon et al. (Hrsg.): Perspektiven auf Bildung in Europa
Rezensiert von Dr. Peter Schreiner, 18.08.2025
Franziska Bellinger, Christine Thon, Anke Wischmann (Hrsg.): Perspektiven auf Bildung in Europa. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 164 Seiten. ISBN 978-3-7799-7838-1. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
Thema
Der Sammelband bietet Beiträge zum Thema „Bildung in Europa“ aus nationaler und internationaler Perspektive. Der „Bildungsraum Europa“ mit spezifischen Europäisierungsprozessen wird ebenso thematisiert wie Bildungsprozesse im Kindes- Jugend- sowie (höherem) Erwachsenenalter. Die einzelnen Beiträge beschäftigen sich mit Politiken, Forschungsstrategien und Initiativen, aber auch mit der Beschreibung des Verlaufs von Bildung unterschiedlicher Akteur:innen.
Herausgeberinnen
Der Band wird herausgegeben von Franziska Bellinger, Juniorprofessorin für Mediendidaktik und Medienpädagogik an der Universität zu Köln, Christine Thon, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung an der Europa-Universität Flensburg und Anke Wischmann, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt empirische Bildungsforschung, ebenfalls an der Europas-Universität Flensburg.
Entstehungshintergrund
Gewidmet ist der Band ist Prof. Dr. Beatrix Niemeyer-Jensen als Festschrift. Sie ist seit 2014 Professorin für Erwachsenenbildung an der Europa-Universität Flensburg und im März 2023 in den Ruhestand getreten. Bis zu ihrer Emeritierung leitete sie den erziehungswissenschaftlichen Masterstudiengang „Bildung in Europa – Education in Europe“, dessen inhaltliche Ausrichtung im Bereich Forschung und Netzwerkbildung als einzigartig in Deutschland beschrieben wird und an dessen Einrichtung im Jahr 2014 Dr. Beatrix-Jensen wesentlich mitgewirkt hat.
Aufbau
23 Autor:innen zeichnen für 13 Beiträge verantwortlich, vier Artikel sind auf Englisch und neun auf Deutsch verfasst. Sie repräsentieren einen Bezugskreis für die zu Ehrende.
Nach einem einleitenden Editorial von zwei der drei Herausgeberinnen finden sich vier Teile, die jeweils drei bis vier Beiträge umfassen.
I. Bildung und Teilhabe im Kontext europäischer Politik
II. Bildung und Teilhabe im Kontext europäischer Politik
III. Europa als Fluchtpunkt von Bildungsprozessen
IV. Europa als Kontext wissenschaftlicher Diskurse über Bildung.
Die wohl irrtümliche Doppelung der Überschrift bei Teil I. und Teil II. wird im Editorial aufgelöst, indem Teil II. als „Diskussion zu Mobilitäten in Europa“ (S. 10) inhaltlich charakterisiert wird.
Inhalt
Die insgesamt 13 Beiträge thematisieren unterschiedliche Aspekte und Perspektiven von Bildung in Europa. Dabei stehen die Perspektive der „Teilhabe“ und von „Mobilität“ im Zentrum der ersten beiden Teile; die Bestimmung von Europa als „Fluchtpunkt von Bildungsprozessen“ (Teil III) und als „Kontext wissenschaftlicher Diskurse über Bildung“ (Teil IV) prägen die weiteren Teile. Eine explizite Vorgabe gab es für die Autor:innen nicht, so finden sich unterschiedliche Textsorten wie klassische wissenschaftliche Beiträge, Essays, dialogische sowie anekdotische Beiträge.
Beiträge in Teil I: Bildung und Teilhabe im Kontext europäischer Politik.
Marcela Milana & Borut Mikelic analysieren in ihrem Beitrag (A decade of European agendas on adult learning [2011 and 2021]: Shifts in the beliefs of the Council oft he European Union) anhand von drei Schlüsseldokumenten die Bedeutung der Erwachsenenbildung im Rahmen der EU-Bildungspolitik. In den Blick genommen werden die Entschließung des Rates zu einer erneuerten Agenda im Bereich der Erwachsenenbildung von 2011 und die Entschließung des Rates zu einer Neuen Europäische Agenda für die Erwachsenenbildung 2021–2030 aus dem Jahr 2021, die Schwerpunkte für die Erwachsenenbildungspolitik in Europa festlegt. Ziel ist es, bis 2030 Angebot, Förderung und Inanspruchnahme formaler, nichtformaler und informeller Lernangebote für alle zu verbessern, um Kompetenzen zu vermitteln, die zu einem integrativen und sozial gerechten Europa beitragen. Die Inhaltsanalyse beider Dokumente wird durch die Auswertung von 12 Experteninterviews ergänzt. Die Kodierung erfolgt anhand von Grundüberzeugungen (Deep core, Policy core) und weiteren Aspekten (Secondary aspects.) Mit diesem Schema können normative Aspekte, bildungspolitische Intentionen und ihre Implementierung erfasst werden.
Anja Heikkinen reflektiert in „Inclusive measures in exclusive frameworks“ ihre Erfahrungen bei der Etablierung von inklusiv ausgerichteten Forschungsprojekten und damit verbundener Netzwerke. „Research and development projects designed in educational and social sciences are overloaded with methodolocial discourses about their distinctive ontological, epistemological, and ethical positions and commitments in reaearch.“ (S. 25) Als Beispiele für eine wissenschaftstheoretische Reflexion zu quantitativer und qualitativer Forschung bezieht sie sich auf Re-enter und Reintegration Projekte, unterstützt im Rahmen des Socrates und Leonardo Programms und Projekte des Europäischen Sozialfonds (ESF) sowie des Horizon 2020 Programms. Die zentrale Kritik von Heikkinen lautet, dass es im Rahmen der thematisierten Projekte an Reflexionen mangelt im Blick auf ihr „ontological, epistemological, and political framing of their scale and context“ (S. 31). Machtstrukturen, die inklusive wie exklusive Prozesse auf vielfältigen Ebenen bestimmen, werden daher nicht in den Blick genommen.
Franziska Bellinger und Lukas Dehmel rekonstruieren in ihrem Beitrag den Medien(bildungs)begriff europäischer Bildungsinitiativen. Sie nehmen eine kritische Betrachtung der Verständnisse von Medien und Medienbildung vor, die sich in zentralen EU-Dokumenten wie dem „Digital Education Action Plan“ (2020) oder der bereits oben erwähnten neuen Agenda für die Erwachsenenbildung 2021–2030 finden lassen. Mit der Methode der Objektiven Hermeneutik (nach Ulrich Oevermann) können die „latenten Sinnstrukturen von Textsegmenten“ evoziert werden. Sie erkennen ein „stark technisch-funktionalistisch geprägtes Medienverständnis“ (S. 43) und eine entsprechende Verwertungslogik hinsichtlich digitaler Medien. Bellinger und Dehmel plädieren dafür, sich „von einem instrumentell-funktionalen Verständnis medienpädagogischer Professionalisierung zu lösen“ (S. 47), die technologische Entwicklung kritisch zu reflektieren und deren Bedeutung für die Medienbildung im Erwachsenenalter wahrzunehmen.
Die Beiträge in Teil II. (Bildung und Teilhabe im Kontext europäischer Politik) beschäftigen sich mit der Förderung von „Benachteiligten“ als Aufgabe von Berufsbildungssystemen in Deutschland und in der Schweiz (Katrin Kraus und Gabriele Molzberger), von Konsequenzen einer zunehmend europäisierten Projektförderung im Blick auf Innovation und Europäisierung am Beispiel des Projektes JUMP (Jobs durch aUstausch, Mobilität und Praxis [2016-2020] (Sandra Petersen und Sebastian Zick) sowie von Bildung für Europa „an den Rändern des Schulischen“ (Merle Hinrichsen, Saskia Terstegen und Merle Hummrich). Dabei wurden bundesweit Internetauftritte von 300 Sekundarschulen im Blick auf ihrer Positionierung zu Internationalisierung und Interkulturalität untersucht und ergänzend Interviews an vier ausgewählten Schulen durchgeführt.
Anke Wigger legt einen kurzen Praxisbericht aus der Arbeit der Volkshochschulen zu Deutschkursen für Zugewanderte vor. Durch hohe Zuwanderungszahlen hat sich daraus eine „gesamtgesellschaftliche Bildungsaufgabe“ entwickelt, denn Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Sie weist auf den Mangel an Lehrkräften für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache sowie die übermäßige Bürokratie im Sprachkurssystem hin.
Der Beitrag von Andrea Kleeberg-Niepage zu Lebens- und Sehnsuchtsorte in jugendlichen Zukunftsvorstellungen eröffnet Teil III. des Bandes zu Mobilitäten in Europa. Es geht um Zukunfts- und Europavorstellungen von Jugendlichen in der Bandbreite zwischen Europaorientierung und (Lokal-)Patriotismus. Bildet sich eine genuin europäisch orientierte Generation heraus? Auf der Basis zahlreicher Interviews mit Jugendlichen in Deutschland und Ghana lässt sich eruieren, dass das Thema Europa in den persönlichen Zukunftsvorstellungen weder deutscher noch ghanaischer Jugendlicher eine herausragende Rolle spielt. Ja, Europa ist kaum ein Thema.
Jürgen Budde und Michael Meier-Sternberg analysieren in Anlehnung an ikonologisch-ikonografische Verfahren Unterrichtsmöglichkeiten anhand eines Fotos, das eine soziale Unterrichtssituation darstellt (Lehrerin mit Weltkugel) und vom BMBF als „Werbung für ‚guten Unterricht‘“ (S. 111) verwendet wird.
Theatrales Erkunden in der frühkindlichen Kulturellen Bildung ist das Thema von Miriam Baghai-Thordsen. Sie beschreibt das partizipative Musik-Theater-Projekt „Katze Bartputzer“ für Kindertagesstätten, indem auch „Europa“ als abstraktes Konstrukt wie auch als geografisches Gebilde spielerisch Kindern nahegebracht wird.
Teil IV. beinhaltet Beiträge zu „Europa als Kontext wissenschaftlicher Diskurse über Bildung“. In einem narrativ gehaltenen Beitrag beschreibt Terri Seddon aus ihrer australischen Perspektive heraus Aspekte und Merkmale der Zusammenarbeit mit Beatrix Niemeyer anhand von Begegnungen und gemeinsamen Projekten. Die dafür verwendeten Begriffe „Doing knowing“, als Erfahrung internationaler Konferenzen, die sich als ein Ort von „constituting an educational space through transnational knowledge building“ (S. 125), „Educational space“ als die Situations- und Kontextgebundenheit individuellen Lernens im jeweiligen Bildungsraum, „Respatialising education“ als räumliche Neuverordnung von Bildung aufgrund transnationaler Forschungserfahrungen. In diesem Beitrag wird die Arbeit von Beatrix Niemeyer-Jensen explizit gewürdigt. „Beatrix highlights the borderlands where doing knowing can flow, gather and make a difference to individuals, our worlds and the living Planet.“ (S. 133)
Christiane Hof, Michael Bernhard und Nina Sørensen: reflektieren Voraussetzungen, Bedingungen und mögliche Erträge eines vergleichenden Projektes zur Erwachsenenbildungsprogrammen in drei Ländern. Deutlich wird das komplexe Unternehmen der Übersetzung und die Kontextgebundenheit von Schlüsselbegriffen wie „Bildung“, „formation“ und anderer. Hingewiesen wird auf die Pluralität von Wissensbeständen und die polyphone Natur von Wissensproduktion. Der Sinn vergleichender Forschung wird u.a. in der Infragestellung je eigener Konzepte und Begriffe gesehen, die zu „shift and change“ (S. 139) führen können.
Christine Thon und Anke Wischmann entfalten in ihrem Beitrag Postkoloniale Forschung und Theoriebildung als kritischen Rahmen für den Zusammenhang von Europa und Bildung als Forschungs- und Lehrperspektive. Ausgangspunkt ist dabei „dass das Europa der Gegenwart nur aus seiner Geschichte heraus verstanden werden kann, die wesentlich eine Geschichte des Kolonialismus ist.“ (S. 147) Das der Europauniversität Flensburg zugrundeliegende Konzept wird aus dieser Perspektive kritisch hinterfragt. Unter Bezug auf das humboldtsche Bildungsverständnis und dem Ansatz von Spivak zur dekonstruktiven (Re)Lektüre von Quellentexten sollen Zugänge entstehen, „etablierte Traditionen und Formen von Texten, Themen und Fragen zu destabilisieren und zu desorganisieren, sie aufzurütteln und zu erschüttern.“ (S. 152) Die Dekonstruktion der spezifischen Weltgebundenheit von Bildung soll eine kritische postkoloniale Bildung ermöglichen.
Diskussion
Im Editorial wird die Relevanz von Europäisierungsprozessen für Kernthemen der Erziehungswissenschaft betont und auf die Notwendigkeit verwiesen, „die von Europa ausgehenden Prozesse der Angleichung von Bildungsaufträgen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive kulturspezifisch zu reflektieren sowie für die jeweilige lokale Bildungspraxis zu re-interpretieren.“ (S. 8) Dies leisten die Beiträge nur zum Teil. So wird der bisweilen verwendete Begriff einer „Europäisierung“ von Bildung in kaum einem der Beiträge weiter entfaltet. Die entsprechende politologische und sozialwissenschaftliche Diskussion wird im Beitrag von Petersen und Zick (s.o.) gestreift, die den Begriff im Titel verwenden, ihn allerdings ausschließlich auf eine „europäisierte Projektförderung“ beziehen und sich mit seiner Charakterisierung als „Innovation, Konvergenz und Irritation“ (S. 63) begnügen. Dabei bietet das fluide Konzept der Europäisierung auch kritische Perspektiven für Entwicklungen, die sich horizontal verorten lassen und nicht nur den vertikalen Blick von Europa auf die Mitgliedstaaten favorisiert.
Die Vielfalt an Beiträgen, Themen und Zugängen bietet ein reichhaltiges Wimmelbild, das allerdings keine verbindende Struktur oder konzeptionelle Anregungen für Prozesse einer Europäisierung von Bildung erkennen lässt.
Fazit
Als Festschrift zur Würdigung eines europäisch orientierten wissenschaftlichen Forschungs- und Berufslebens ermöglicht der Band vielfältige Einblicke in die Diskussion um Bildung in Europa, insbesondere hinsichtlich beruflicher Bildung und Erwachsenenbildung.
Rezension von
Dr. Peter Schreiner
Direktor i. R.
Comenius-Institut. Evangelische Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft e.V., Münster.
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