Christine Kröger, Susann Hößelbarth et al. (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit und Sozialtherapie
Rezensiert von Joschka Sichelschmidt, 15.09.2025
Christine Kröger, Susann Hößelbarth, Silke Birgitta Gahleitner, Christiane Alberternst (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit und Sozialtherapie - Zwischenmenschliche Beziehungen stärken – soziale Einbindung fördern. ZKS-Verlag für psychosoziale Medien (Höchberg) 2025. 1. Auflage. 262 Seiten. ISBN 978-3-69101-001-5. 34,90 EUR.
Thema
Klinische Sozialarbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten als wichtige behandelnde Profession im Gesundheitswesen (sozialtherapeutischer Zugang) professionalisiert. Das zur Rezension vorliegende Buch umfasst die Beiträge einer Fachtagung der Klinischen Sozialarbeit von Juni 2023 an der Hochschule Coburg zu der Thematik „die Bedeutung von Beziehungserfahrungen und sozialer Einbindung für Krankheit, Belastungsbewältigung, Genesung und Ausgestaltung sozialklinischer Unterstützungsprozesse“ (S. 14).
Aufbau
Das Buch besteht aus insgesamt 18 Beiträgen zu unterschiedlichen Schwerpunkten zur Thematik von Klinischer Sozialarbeit und Sozialtherapie – Zwischenmenschliche Beziehungen stärken – soziale Einbindung fördern. Diese sind inhaltlich in ein in die Thematik einführendes Kapitel und dann in drei unterschiedliche Schwerpunkte setzende Hauptkapitel unterteilt.
Begonnen wird mit einleitenden Überlegungen und einer kurzen Einführung in die Thematik von Christine Kröger, Susann Hößelbarth und Silke Brigitta Gahleitner (S. 9–22). Im Anschluss an die grundlegende Einführung in die Thematik sind die Beträge der unterschiedlichen Autor:innen in drei Hauptkapitel gegliedert.
Im ersten Kapitel (S. 23–114) werden theoretische und konzeptionelle Forschungsperspektiven Klinischer Sozialarbeit (z.B. Soziale Arbeit und Gesundheit, Beziehungen und Teilhabe, evidenzbasierte Klinische Sozialarbeit) vorgestellt.
Das zweite Kapitel (S. 115–190) richtet den Fokus auf die aktuelle Praxis der Sozialtherapie und es werden von Autor:innen verschiedene Ansätze vorgestellt.
Das dritte Kapitel (S. 191–238) richtet dann den Blick auf die professionellen Akteur:innen Klinischer Sozialarbeit und wie Qualifizierung, Vernetzung und Selbstfürsorge im komplexen Arbeitsfeld gelingen kann.
Das abschließende Kapitel (S. 239–254) bildet ein Interview zur Thematik „Sozialarbeiterische Beziehungsgestaltung im Kontext von Verlust, Sterben und Tod“.
Ab Seite 239 bis 262 werden die Autor:innen mit ihren Arbeitsfeldern und Qualifikationen dargestellt.
Inhalt
Einführendes Kapitel: Beziehungsarbeit als Kernaufgabe Klinischer Sozialarbeit und Sozialtherapie – einleitende Überlegungen
Klinische Sozialarbeit konnte sich in den letzten Jahrzehnten als Fachprofession im Gesundheitswesen strukturell ausdifferenzieren und auch etablieren. Mensch zu sein bedeutet, dass sich immer in komplexen zwischenmenschlichen Kontexten bewegt wird und unsere innere Repräsentation der Welt (und damit auch die Bewertung von Einflüssen auf das Leben) immer mit unseren biographischen Erfahrungen verknüpft ist. Christine Kröger, Susann Hößelbarth und Silke Brigitta Gahleitner beschreiben Klinische Sozialarbeit hierbei als eine „Beziehungsprofession unter besonders herausfordernden Bedingungen“ (S. 12), die Personen in „hochkomplexen Belastungskonstellationen adressiert“ (S. 12).
Kapitel 1: Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen und Forschungsperspektiven
Annett Kupfer und Frank Nestmann stellen den Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und Gesundheit vor (S. 25–53). Soziale Faktoren und die soziale Einbettung von Menschen bilden starke Prädiktoren für Gesundheit und Wohlbefinden. Gerade wenn Gesundheit und Krankheit unter salutogenetischer Sichtweise betrachtet werden, muss auch der Mensch ganzheitlich in seiner Lebenswelt und seiner sozialen Einbettung als Schutzfaktor vor Distress gesehen werden.
Der Capabilities Approach und das von Martha Nussbaum (z.B. 1999) beschriebene „gute Leben“ bildet nach Dieter Röh (S. 54–66) in seiner Beschäftigung mit der Frage des Zusammenhangs zwischenmenschlicher Beziehungen und Teilhabe sinnvolle Inhalte. „Soziale Arbeit [hat] eine Rolle als Instanz zur (Wieder-)Herstellung von Daseinsmächtigkeit“ (S. 64) wozu nach Dieter Röh daher neben den Themen wie Bildung, Sozialräumen der Menschen, gerechte Sozioökonomie auch die sozialen Beziehungen Aufgabenspektrum der Profession sind.
Julia Gebrande und Marion Mayer (S. 67–78) beschäftigen sich mit Fragen nach einer diskriminierungskritischen Haltung, bzw. Aufforderung an die Praxis von Klinischer Sozialarbeit. Dazu arbeiten die Autorinnen die heutigen Kernaufgaben Klinischer Sozialarbeit („Teilhabe, Partizipation und Möglichkeiten selbstbestimmter, autonomer Lebensführung“ (S. 67) heraus, fordern darauf aufbauend, dass sich diskriminierungskritische Fragen zu den Themen welche Personen von Angeboten angesprochen werden und wer nicht erreicht wird, aber möglicherweise dennoch passende Unterstützung benötigt.
Evidenzbasierte Forschung für Prozessplanung, konzeptionelle Weiterentwicklung und vor allem weitere Professionalisierung im Diskurs der Professionen muss auch in der Klinischen Sozialarbeit stattfinden. Stephan Dettmers (S. 79–89) stellt in seinem Beitrag die evidenzbasierte Praxis und das PICOT-Schema (S. 85) als sinnvoll in der Forschungsmethodik Klinischer Sozialarbeit zu implementierende Instrumente vor.
Andrea Zumbrunn, Nadja Hess, Maria Solèr und Simon Süsstrunk (S. 90–101) stellen das Forschungsprojekt ALIMEnt vor, welches „Akteure, Lebensweltkontext, Interventionskontext, Mechanismen, Entwicklung“ (S. 91) betrachtet und Schlussfolgerungen zu Interventions- und Unterstützungsmethoden zulässt – u.a. ergab sich, dass soziale Vernetzung von Subjekten ein großer Prediktor von Gesundheit gilt.
Beziehungsgestaltung als wichtiges Qualitätsmerkmal Klinischer Sozialarbeit wird nicht nur in der Forschung zu Klinischer Sozialarbeit als eine der förderlichsten Moderatoren des Gelingens von Hilfe und Unterstützung gesehen. Insbesondere im Feld der forensischen Sozialen Arbeit sind gelingende unterstützende professionelle Beziehungen für die Klient:innen ein supportives Element. Gernot Hahn, Jeanette Pohl, Andrea Kenkmann und Christian Ghanem (S. 102–113) stellen in diesem Zusammenhang verschiedene Studien zu forensischer Sozialarbeit im Kontext von Beziehungsgestaltung vor.
Kapitel 2: Sozialtherapie in der Praxis: Best Practice, Zugänge und Methoden
Helmut Pauls (S. 117–131) beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Frage nach einer Institutionalisierung Klinischer Sozialarbeit und wie eine Vernetzung in die Praxis möglich sein kann. Dazu stellt er die Entwicklung des IPSG (Institut für Psycho-Soziale Gesundheit) von der Ausgangssituation in den 1980er Jahren, über die Einbindung in die Hochschule bis hin zum aktuellen Stand (hier 2024) und des Einflusses des IPSG in den ambulanten Betreuungsleistungen vor.
Lebenssinn (S. 139), bzw. das Entwickeln eines solchen und damit einhergehend der Steigerung sozialer Ressourcen sieht Günther Wüsten (S-132-140) als wichtige Komponente Klinischer Sozialarbeit bzw. Sozialtherapie.
Mathias Berg und Michael Vogt (S. 141–153) beschäftigen sich damit, wie sich Partnerschaften und Familien über die Lebensspanne dynamisch zeigen. Gerade im Kontext von Klinischer Sozialarbeit und dem Fokus der Arbeit mit Klient:innen in Multiproblemlagen oder -konstellationen, ist wichtig zu beachten, wie prägend das primäre soziale Umfeld für Stabilität ist.
Linda Peschel-Bauer (S. 154–167) stellt in ihrem Beitrag die Arbeitsweise der HPTA (Heilpädagogisch-Therpeutischen Ambulanz) vor. Die HPTA arbeitet aufsuchend und sozialtherapeutisch und das Ziel der Arbeit soll sein, dass die Klient:innen in der eigenen Lebenswelt unterstützt und gestärkt werden, sodass eine strukturierte Lebensführung wieder möglich wird.
In der Arbeit mit Klient:innen mit Essstörungen ist die Gestaltung von tragfähigen und stabilen Beziehungen herausfordernd. Anna Hofer, Enikö Schradi, Cäcilia Hasenöhrl, Lena Wiegrebe, Isabell Pleynert und Eva Wunderer (S. 168–178) analysieren die Situation von Menschen mit Essstörungen (sprachliche Stigmatisierungen und Zuschreibungen, soziale Ansteckung, aber auch soziale Unterstützung) und beschreiben eine Haltung in der therapeutischen Begleitung dieser Gruppe von Klient:innen Klinischer Sozialarbeit.
Johannes Lohner (S. 179–189) untersucht in seinem Beitrag einen Zusammenhang zwischen traumatischen Erlebnissen in der Entwicklung von Menschen und Gewaltstraftaten. Darüber hinaus wird neben der sensiblen traumatischen Bearbeitung auch die herausfordernde Arbeit mit den Gewalttätern beschrieben.
Kapitel 3: Fachkräfte im Fokus: Weiterqualifizierung, Vernetzung und Selbstfürsorge
Sozialtherapie als ein mögliches methodisches Handlungskonzept Klinischer Sozialarbeit diskutieren Christine Kröger, Dario Deloie und Silke Brigitta Gahleitner (S. 193–204). Die mehrstufige Weiterqualifizierung zur Sozialtherapeut:in wird ausgehend vom Weiterbildungscurriculum der DGSA (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit) Sektion Klinische Sozialarbeit vorgestellt. Von den Autor:innen wird die Notwendigkeit eines dreigliedrigen Unterstützungssystems für Klient:innen, um „medizinische, psychologische und soziale Therapieansätze“ (S. 199) gesehen.
Lisa Große und Michaela Heinrich-Rohr (S. 205–214) beleuchten in ihrem Artikel Wege der Promotion in Sozialer Arbeit. Dabei wird auf aktuelle Herausforderungen, strukturelle Ressourcen und auch die Frage danach, ob sich eine Promotion im Fachgebiet der Sozialen Arbeit überhaupt lohnt, eingegangen.
Globalisierung und die damit einhergehenden positiven wie auch negativen gesellschaftlichen, sozialpolitischen und professionsbezogenen Folgen und Herausforderungen werden von Karsten Giertz, Lisa Große, Saskia Erhardt und Sebastian Ertl (S. 215–225) analysiert. Die letzten globalen Krisen zeigten deutliche Auswirkungen auf die individuellen Alltage und Belastungen der Menschen. Klinische Sozialarbeit, welche den Menschen in seiner biopsychosozialen Vernetzung mit der Welt betrachtet, muss sich in einer solchen Welt sinnstiftend verorten, um v.a. auf einer sozialpolitischen Ebene Veränderungen in den Versorgungsstrukturen angehen zu können.
Pia Keller und Romina Lindner (S. 226–238) stellen eine Befragung der Mitarbeiter:innen des IPSG zur Förderung und Stabilisierung psychosozialer Gesundheit (hier als Schwerpunkte: Lebenszufriedenheit, Erfolgserleben, soziale Unterstützung) vor. Grundlegend ist gerade in der Mitarbeiter:innenführung und auch der psychosozialen Hygiene in Teams oder in Unternehmen der wichtige Faktor zu beachten, dass auch die Mitarbeitenden komplexe biopsychosoziale Lebewesen mit einer eigenen Lebenswelt sind.
Kapitel 4: Zum Abschluss – Sozialarbeiterische Beziehungsgestaltung im Kontext von Verlust, Sterben und Tod
Das abschließende Kapitel bildet ein von Larissa Steinle (S. 241–254) geführtes und hier transkribiertes Interview mit Johanna M. Hefel, welche einen Vortrag zum Thema sozialarbeiterische Beziehungsgestaltung im Kontext von Verlust, Sterben und Tod auf der Fachtagung Klinische Sozialarbeit an der Hochschule Coburg gehalten hat. Die „Integration von Verlust, Sterben und Tod in den Alltag sowie die Bewusstseinsbildung“ (S. 251) sind für die professionstheoretische Ausdifferenzierung Klinischer Sozialarbeit wichtig, um individuelle Transformationsprozesse handlungssicher begleiten zu können.
Diskussion
Die unterschiedlichen Beiträge in dem zur Rezension vorliegenden Buch sind die schriftlich ausgearbeiteten Beiträge einer im Jahr 2023 an der Hochschule Coburg stattgefunden Fachtagung Klinischer Sozialarbeit.
Das Thema Gesundheit und soziale Unterstützung ist seit langer Zeit bereits Schwerpunkt in der Forschung und Praxis Klinischer Sozialarbeit. Beziehungserfahrungen und Beziehungsdynamiken, die Kunst sich in bestehende Gesellschaften integrieren zu können und die individuelle Lebensführung in den Lebensführungssystemen (vgl. Sommerfeld et al. 2011) dürfen in dieser Thematik aber nicht unbeachtet gelassen werden.
Die in diesem Buch von verschiedenen Autor:innen präsentierten theoretischen Konzepte, Forschungsdesigns und Implikationen für die berufliche Praxis (der Fokus liegt hierbei auf den Klient:innen Klinischer Sozialarbeit und auch den professionell tätigen klinisch tätigen Personen) sind in einem hohen sprach- und wissenschaftlichen Niveau verfasst, lassen sich aber dennoch gut lesen und die Themen werden prägnant präsentiert, ohne die Materie zu weit zu fassen.
Ein Kritikpunkt für mich ist das als Letztes Kapitel angefügte Interview zwischen Larissa Steinle und Johanna M. Hefel. Inhaltlich ist dieses sehr interessant und es werden für die Praxis Klinischer Sozialarbeit auch sinnvolle Implikationen angesprochen. Einzig die hier publizierte Form als Interview wirkt auf mich irritierend. Meiner Meinung nach wäre es sinnvoller gewesen die Inhalte in reine Textform auszuformulieren und in die bestehenden Kapitel einzuordnen.
Fazit
Mit dem vorliegenden Werk wird ein kompakter Überblick über eine wichtige Komponente in der sozialpsychischen Versorgung gegeben. Soziale Einbindung und Unterstützung als ein wichtiger Faktor für gesamtgesellschaftliche Gesundheit war und wird ein wichtiges Thema innerhalb der Sozialarbeitswissenschaft bleiben. Aus wissenschaftlicher Perspektive (und das wird auch von den Autor:innen deutlich angesprochen) muss das Feld der gesundheitsbezogenen Klinischen Sozialarbeit noch weiter erforscht und vor allem muss eine Implikationen in die Praxis stattfinden (vgl. Sommerfeld et al. 2011; kohärenter Wissenskorpus). Für Praktiker:innen Klinischer Sozialarbeit ist dieses Buch interessant zu lesen, weil es genau diesen Theorie-Praxis-Transfern versucht und für rein wissenschaftlich interessierte Leser:innen werden interessante Forschungsgedanken und -konzeptionen dargestellt.
Literaturverzeichnis
Nussbaum, M. C. (1999). Gerechtigkeit oder das gute Leben. Suhrkamp. Frankfurt.
Sommerfeld, P.; Hollenstein, L.; Calzaferri, R. (2011). Integration und Lebensführung. Ein forschungsgestützter Beitrag zur Theoriebildung der Sozialen Arbeit. VS Verlag. Wiesbaden.
Rezension von
Joschka Sichelschmidt
M.A. Erziehungswissenschaften, M.A. Klinische Sozialarbeit, B.A. Sozialpädagogik/Psychologie, klinisch arbeitender Pädagoge in einem intensivpädagogischen Setting
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