Lea Dohm: Stark im Wandel
Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Warnke, 19.11.2025
Lea Dohm: Stark im Wandel. Wie wir die psychische Gesundheit der Zukunft gestalten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025. 192 Seiten. ISBN 978-3-525-46290-4. D: 25,00 EUR, A: 26,00 EUR.
Thema
Wie kann psychische Gesundheit in einer Welt mit Krisen, wie z.B. der COVID-19-Pandemie, Kriegen und ökologischen Krisen, geschützt und gefördert werden? Die Krisen sind komplex und Informationen erreichen uns über Social Media und andere Nachrichtenzugänge nahezu ständig (inklusive etwaiger Desinformationen). Fachkräfte, die sich mit psychischer Gesundheit befassen sind auf zwei Ebenen gefordert. Einerseits gilt es, sich selbst vor Überlastung zu schützen und resilient zu sein. Anderseits ist es das professionelle Ziel, die psychische Gesundheit der beruflichen Zielgruppe/n, die ebenfalls diesen Herausforderungen ausgesetzt sind, zu bewahren respektive zu fördern.
Das Buch beschäftigt sich mit Krisenresilienz sowie der Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung bzw. Berufspraxis. Neue Wege, um sowohl die eigene psychische Gesundheit, als die der Klient*innen sowie nachfolgender Generationen langfristig zu sichern, sollen aufgezeigt werden.
Autorin
Lea Dohm ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Sie ist Mit-Initiatorin von Psychologists for Future e.V. (https://www.psy4 f.org/), Transformationsberaterin bei der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) e.V. sowie Kolumnistin bei ZDF heute/​Terra X.
Aufbau
Das rund 180-seitige Buch umfasst 14 Kapitel. Es gibt Fallbeispiele, Übungen zur Reflexion und Definitionskästen. Die Verfasserin benennt im Personenverzeichnis 17 weitere Personen, die sie durch Gespräche, Diskussionen und Gedanken beim Schreiben unterstützt haben (sog. „Kurz-Autor*innen“). Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis.
Inhalt
Kapitel 1 Beginn: Kapitel 1 führt ins Thema ein und gibt Hinweise für die Lektüre. In den nachfolgenden Kapiteln 2 bis 5 werden die Wechselbeziehungen zwischen aktuellen globalen Herausforderungen und psychischer Gesundheit analysiert. Darüber hinaus werden das Verhältnis zwischen individueller Identität („Ich“) und kollektiven Strukturen („Wir“) sowie die Rolle psychologischer Berufe dargestellt. Einflüsse externer Rahmenbedingungen auf psychische Prozesse werden thematisiert. Weiterhin wird der Zusammenhang zwischen der Klimakrise und mentalem Wohlbefinden aufgezeigt. Ergänzt wird dies um die Betrachtung (struktureller) Privilegien.
Kapitel 2 Krankmachendes – globale Herausforderungen bedingen psychische Belastung: Das Kapitel beschäftigt sich mit den Themen Arbeitswelt und Kapitalismus, Klimakrise, Hitze sowie Vulnerabilität. Es beginnt mit der Darstellung eines Fallbeispiel aus der psychologischen Praxis (Sarah, Mutter von zwei Kindern, Tätigkeit als Pflegekraft im Schichtdienst). Zur Selbstreflexion gibt es u.a. eine Aufgabe/​Skalendarstellung zu äußeren Einflüssen (z.B. Familie, Beruf, Care-Arbeit, Wohnsituation, politische Lage) auf das persönliche psychische Wohlbefinden. Definitionskästen gibt es z.B. zu Armut sowie Planetary Health.
Kapitel 3 Transformation als Aufgabe der Psy.-Berufe: Das Kapitel fokussiert die Themen Bedeutung gemeinschaftlichen Handelns sowie die Rolle von professionell Tätigen als Change Agents. Es geht der Frage nach, wie Engagement psychische Gesundheit fördert.
Kapitel 4 Von der Isolation zur Verbundenheit – Intersubjektivität und Intentionalität als Grundlage eines neuen Wir-Gefühls: Das Kapitel beschreibt – nach einem Ausflug in die Tierwelt zu „Ratten“ – die Fähigkeit (sowohl von Ratten als von Menschen) sich an ihre Umwelt anzupassen und so ihr Überleben zu sichern – die Neuorientierung der Psychoanalyse in den 1970ern hin zu therapeutischen Beziehungen (intersubjektive Wende) und die Erkenntnis, dass der Sozialraum einen prägenden Einfluss hat.
Kapitel 5 Rahmenbedingungen – äußere Einflüsse, die auf unsere Psyche wirken: Das fünfte Kapitel widmet sich äußeren Einwirkungen auf die Psyche, wie z.B. die Abhängigkeit der Resilienz von Individuen von einer systemischen Resilienz. Aber auch Rahmenbedingungen wie Rechtspopulismus, Fake News, Patriachat und Künstliche Intelligenz werden diskutiert.
Kapitel 6 Ein biopsychosozialökologisches Modell – die verflochtenen Grundlagen von Gesundheit und Krankheit: Im sechsten Kapitel wird das bekannte und etablierte biopsychosoziale Modell um die ökologische Komponente erweitert. Die Autorin konstatiert: „Auch wenn die Forschung eindeutig dafür spricht, dass äußere Krisen unsere psychische Gesundheit verschlechtern (vgl. Clayton et al., 2021), bildet sich dies kaum inhaltlich in Beratungen und Behandlungen ab. Patient*innen thematisieren äußere Krisen nur selten, stattdessen dominieren weiterhin Themen wie individuelle Symptombelastungen, Paar- oder Familienkonflikte.“ (S. 69)
Kapitel 7 (Dooming-Kapitel – Herausforderungen und schlechte Nachrichten) und Kapitel 8 (Sunshine Kapitel – Ermutigendes, positive Entwicklungen, Hoffnung und Zuversicht) sind Sonderkapitel. Die Autorin möchte dazu einladen, eigene Hoffnung und Ängste ins Bewusstsein zu holen. Dies erfolgt mittels „Einschätzungen aus der fachlichen und interdisziplinär benachbarten Gemeinschaft zur Zukunft der Erde, unserer Gesellschaft und der psychischen Gesundheit von vielen.“ (S. 98) Dazu nutzt Lea Dohm die Aussagen von „Kurz-Autor*innen“. Den Autor*innen wurden Fragen gestellt. „Was glaubst du, wie die ganzen äußeren Krisen schlechtestenfalls weitergehen? Was hätte das für Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen und den Berufsstand?“ (S. 98, Hervorhebungen im Original)
Kapitel 9 Zurück zum Ich – psychische Gesundheit und jede*r Einzelne: In diesem Kapitel geht es um Ruhezeiten, einen zeitweiligen Rückzug (passend dazu das Titelbild des Buchs: Die Schlange, die sich regelmäßig häutet, dafür Ruhe benötigt und letztlich in dieser Zeit verletzlich ist). Auch in diesem Abschnitt gibt es Fragen zur Selbstreflexion, so z.B. „Hat dein Nachrichtenkonsum Auswirkungen auf deinen Stresslevel oder gab es in der Vergangenheit Zeiten, in denen das der Fall war?“ (S. 117); „Wie hat sich dein Mitgefühl im Laufe der Zeit (Kindheit bis heute) verändert?“ (S. 122)
Kapitel 10 Wertewandel – ethische Überzeugungen und psychische Gesundheit: Der Zusammenhang zwischen unseren Werten und unserem Handeln wird in diesem Kapitel aufgegriffen. Lea Dohm führt Werte gemäß des Public Interest Research Centre auf. Beispielhaft seien genannt: Selbstbestimmung (z.B. Freiheit, Neugier, Kreativitiät), Blick aufs Ganze (z.B. Toleranz, Einheit mit der Natur, Gleichheit, Welt in Frieden), Gemeinsinn (z.B. Hilfsbereitschaft, Verantwortung), Sicherheit (z.B. Gesundheit, familiäre Sicherheit, soziale Ordnung); Macht (z.B. soziale Anerkennung, Reichtum, Autorität) und Abenteuer (z.B. Wagemut, Abwechslung im Leben). Die Autorin konstatiert: „Ein Wertewandel ist einer der Zentralschlüssel für die vielen, vielen Türen zu einer sicheren, gesundheitsfördernden Zukunft. Und er ist ganz wesentlich von uns allen, insbesondere von den sprechenden Berufsgruppen, beeinflussbar.“ (S. 129)
Kapitel 11 (Psychische) Gesundheit im Wandel – nachhaltige Gesundheitsförderung braucht mehr Prävention: Kapitel 11 diskutiert die Aufwertung von Prävention und die Rolle der sprechenden Medizin bei der Behandlung somatischer Erkrankungen. Es wird der Frage nachgegangen, was gesellschaftlich psychische Gesundheit fördert.
Kapitel 12 Gemeinschaften der Zukunft – im Wandel vereint die psychische Gesundheit fördern: Die Autorin stellt fest, dass globale Herausforderungen sich durch Kooperation und gemeinsamer Verantwortung besser meister lassen. Beispielhaft werden die „Psychosozialen Co-Benefits klimapolitischer Maßnahmen“ eines Policy Briefs von Schulze, Kaifel & Dohm (2024) im Auftrag der Gesundheit Österreich GmbH benannt. Der Policy Brief umfasst sechs Empfehlungen. So z.B. „3. Priorisierung der psychosozialen Gesundheit der Bevölkerung im übergreifenden politischen Handeln, 4. Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit hinsichtlich der verschiedenen klimapolitischen Maßnahmen, Aufzeigen von zukunftsorientierten Jobperspektiven“ (S. 154).
Kapitel 13 Epilog: Der Epilog beinhaltet den Bericht einer klinischen Psychologin aus Kampala Uganda.
Kapitel 14 Zum Weiterlesen und Weitermachen: Im abschließenden Kapitel werden Buchempfehlungen gegeben und Initiativen, die aktiv sind im Themenfeld, aufgeführt.
Diskussion
Das Buch wird seiner Zielsetzung gerecht – es bietet eine sehr gute thematische Einordnung ergänzt um Fallbeispiele aus der psychologischen Praxis, Beispiele aus dem Tierreich und Reflexionsfragen. Besonders ist dabei auch das Zuwortkommenlassen der sog. Kurz-Autor*innen. Diese Verknüpfung macht das Buch zu einer lesenswerten Lektüre für professionell Tätige der beratenden Berufe. M.E. geht dies weit über die psychotherapeutischen Berufe hinaus – und umfasst auch weitere Berufe des Gesundheits- und Sozialwesens. Nicht nur als professionell Tätige ein lesenswertes Buch.
Das Werk verknüpft wissenschaftliche Erkenntnisse mit anschaulichen Fallbeispielen, politikwissenschaftlicher Analyse sowie Elementen der individuellen Ansprache in Form von Aufgaben und Reflexionsfragen zur Selbstbeobachtung. Dohms Expertise liegt in der klaren Vermittlung komplexer Systemzusammenhänge zwischen Klimaangst, Kapitalismuskritik, gesundheitssystemischer Versorgung und berufsethischer Verantwortung. Lea Dohm verzichtet auf belehrende Elemente, schreibt zugewandt und mit einer Prise Humor.
Fazit
„Stark im Wandel“ stellt einen Beitrag dar, der psychische Gesundheit im Kontext gesellschaftlicher Herausforderungen betrachtet und sich an alle richtet, die diesen Themenkomplex als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung verstehen. Das Buch bietet umfassende Einblicke in relevante Fragestellungen und beinhaltet Übungen zur Selbstreflexion, die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit fördern.
Rezension von
Prof. Dr. Andrea Warnke
Professorin für Soziale Arbeit, IU Duales Studium, Campus Bremen
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