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Wolfgang Sartorius, Hans-Ulrich Weth et al. (Hrsg.): Teilhabe statt Ausgrenzung

Rezensiert von Prof. Dr. Karin Cudak, Hannah Maiwald, 06.11.2025

Cover Wolfgang Sartorius, Hans-Ulrich Weth et al. (Hrsg.): Teilhabe statt Ausgrenzung ISBN 978-3-7841-3760-5

Wolfgang Sartorius, Hans-Ulrich Weth, Sebastian Kirsch (Hrsg.): Teilhabe statt Ausgrenzung. Wie kommen Menschen in prekären Lebenslagen zuRecht? Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2025. 167 Seiten. ISBN 978-3-7841-3760-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
Reihe: Lebenslagen. Wohnungslosigkeit.

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Thema

Wohnen ist grundlegendes und ein global, auf alle Menschen zutreffendes Bedürfnis und ein Menschenrecht. Qua Wohnen werden Zugänge zu allen übrigen Lebensbereichen vorstrukturiert (Zugang zu Informationen über einen Internetanschluss, Versorgung, Hygiene, Soziales usw.). Wohnqualität wirkt sich im Umkehrschluss auf Gesundheit, Zugang zu Bildung, zu politischer, rechtlicher und sozialer Teilhabe aus.

Öffentlich-medial steht Wohnen häufig als „Markt“ in der Kritik. Debattiert werden Problemimmobilien, Wohnraummangel, aber auch ungerechte Mietpreise und -verhältnisse. Der empathische und menschenrechtliche Blick auf betroffene Menschen, die Dynamiken des Wohnungslos-Werdens sowie komplex-strukturelle Ursachen und individuelle Effekte von Wohnungslosigkeit scheinen jedoch weniger diskursiv verhandelt zu werden. Eher erscheinen wohnungslose Menschen in der Öffentlichkeit als ‚Fremde‘ und die Ursachen gesellschaftlich-multipler Problemlagen werden den betroffenen Menschen oftmals selbst zugeschrieben, wie es etwa im Narrativ der „freiwilligen Obdachlosigkeit“ durchscheint.

Im Jahr 2025 sind dem Statistischen Bundesamt zufolge ca. eine halbe Millionen Menschen in Deutschland von Wohnungslosigkeit betroffen. Manche von ihnen können in Unterkünften der jeweiligen Kommunen untergebracht werden, andere in Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe. Viele wohnungslose Menschen leben jedoch auch – übergangsweise – bei Freund:innen oder Familienangehörigen, darunter auch mehrere tausend Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig stehen zahlreiche Immobilien leer. Diese Widersprüche sind nicht leicht zu durchdringen.

Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit 2024 „Gemeinsam für ein Zuhause“, herausgegeben vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, stellt die Überwindung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit als komplexe Herausforderung dar und schlägt 31 Maßnahmen auf Bund-, Länder- und Kommunalebene vor, darunter die Schaffung von Wohnraumangeboten und die Verbesserung der Rahmenbedingungen dafür, präventive Maßnahmen (u.a. Wohngeld für Haushalte mit geringem Einkommen und sozialpädagogische Unterstützungsangebote für junge Menschen) sowie die Stärkung der Gesundheitsversorgung (insbesondere der Zugang zur Krankenversicherung).

Der vorliegende Band Teilhabe statt Ausgrenzung blickt – aus der Perspektive der Praxis(-forschung) der/zur Wohnungsnotfallhilfe während der Corona-Zeit – auf konkrete Lebens- und Teilhabesituationen von Menschen, die in extremer Armut leben. Durchgeführt wurde das Projekt von der Erlacher Höhe, einem Verbund diakonischer Einrichtungen und Sozialunternehmen mit 19 Standorten in sieben Landkreisen in Baden-Württemberg, mit Sitz in Stuttgart.

Zentriert werden Wohnungs- und Obdachlosigkeit von Menschen, deren Lebensführung massiv eingeschränkt und deren Existenz stark gefährdet ist, da grundlegende Bedarfe nicht abgesichert sind und die – in dieser ohnehin bereits schwierigen Situation – in weiteren Lebensbereichen und Bedarfen ausgegrenzt werden. Der Band lässt die betroffenen Menschen selbst zu ihren (Über-)Lebenssituationen zu Wort kommen. Offenbart werden -begleitet durch fotografische Dokumentationen – mangelhafte Rückzugsmöglichkeiten und unsichere sowie unwürdige Raum- und Lebensverhältnisse gleichermaßen. Dadurch gerät auch die Gesellschaft in ihren Dys-/Funktionalitäten in den Blick.

Herausgeber und Autor:innen

Wolfgang Sartorius ist Diakon und Sozialarbeiter sowie Leitung der Erlacher Höhe. Außerdem ist er ehrenamtlicher Vorstand im Evangelischen Bundesfachverband Existenzsicherung und Teilhabe e.V. (EBET), hat einen Vorsitz im Ev. Fachverband Wohnungsnotfallhilfe und ist Mitglied im Verbandsrat des Diakonischen Werks Württemberg.

Prof. em. Hans-Ulrich Weth ist Jurist und Hochschullehrer i.R. für Recht, Verwaltung, Politikwissenschaft an der Ev. Hochschule für Sozialwesen, Reutlingen sowie an der Ev. Hochschule Ludwigsburg. Er ist Vorsitzender im Verwaltungsrat des Diakonieverbundes Dornahof & Erlacher Höhe e.V. und Mitglied im Fachausschuss Recht und Finanzierung des EBET e.V.

Sebastian Kirsch ist als Dipl. Theologe und Diakoniewissenschaftler in der Assistenz des Vorstands der Erlacher Höhe und als Teamleitung in der Wohnungsnotfallhilfe in Calw tätig. Zudem ist er Mitglied im Fachverband der Wohnungsnotfallhilfe des Diakonischen Werks.

Weitere Autor:innen des Buches sind:

  • Dr. Nadine Haandrikman-Lampen ist selbstständige Rechtsanwältin in einer Kanzlei für Mediation und Recht und vertritt in der Strafverteidigung überwiegend Klientel im Bereich der Opferhilfe und des Familienrechts. Zudem hat sie ein Zweitstudium in der Erziehungswissenschaft (Dipl. Pädagogin) absolviert.
  • Karl-Heinz Ruder war Stadtrechtsdirektor, Rechtsanwalt, sowie Leiter des Rechts- und Ordnungsamtes einer großen Kreisstadt und ist inzwischen in Pension.
  • Lara Malin Sartorius ist Germanistin und Medienwissenschaftlerin. Sie begleitete das Projekt der Erlacher Höhe im Zusammenhang mit ihrer Masterarbeit über Klassismus und Digitalisierung.
  • Jürgen Schneider ist Gründer des Armutsnetzwerks e.V. und beratend im Vorstand EBET e.V. tätig.
  • Michael Stiefel ist Vorstand des Armutsnetzwerks e.V.

Entstehungshintergrund

Der Band Teilhabe statt Ausgrenzung. Wie kommen Menschen in prekären Wohn- und Lebenslagen zuRecht? basiert auf einem wissenschaftlichen Praxisprojekt der Erlacher Höhe, welches im Rahmen der ESF-Förderung (2021-2022) zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung unter dem Aufruf Hilfesysteme für wohnungslose Menschen durchgeführt worden ist. Das Projekt mit dem Titel KontaktRäume aufbauen – Zusammenhalt schaffen verfolgte das Ziel, Wohn- und Lebenssituationen von Menschen in Wohnungsnot durch niedrigschwellige, vorrangig aufsuchende Arbeit durch die Erlacher Höhe in Baden-Württemberg zu verbessern. Dazu wurden projektbegleitend verschiedene Datentypen erhoben, darunter Befragungen der hilfesuchenden Personen (n=423), Interviews, Fall- und Fotodokumentationen. Die erhobenen Daten werden in dem vorliegenden Band beschrieben, analysiert und dokumentiert.

Als Praxisprojekt wurden – während der Projektdurchführung – verschiedene Maßnahmen, wie aufsuchende Soziale Arbeit, Beratungsarbeit und Unterstützungsangebote der Wohnungsnotfallhilfe fortgeführt, weiterentwickelt und ausgebaut. Diese wurden über den Projektverlauf in ihrer Wirksamkeit untersucht und in entsprechenden Analysen in dem Band dokumentiert.

Die einzelnen Beiträge des Buches greifen unterschiedliche Perspektiven auf, darunter diejenige der Praxisforschung selbst, diejenige der (ehemals) hilfesuchenden Personen („Expert:innen in eigener Sache“) und diejenige des Rechtsbereichs. Handlungsleitend für den Band ist die Frage: Wie kommen Menschen in prekären Wohn- und Lebenslagen „zu Recht“ bzw. „zurecht“?

Einen spezifischen Kontext stellte während des Projektverlaufs die Corona-Pandemie und die damit einhergehende und zunehmende Marginalisierung von Menschen in prekären Wohn- und Lebenslagen dar. Ihre Teilhabesituation verschärfte sich in dieser Zeit, wie der Band eindrücklich dokumentiert, infolge der notwendigen, aber unzugänglichen digitalen Versorgung (fehlender Zugang zu digitalen Endgeräten bzw. unzureichende Fähigkeiten zur Nutzung), bei gleichzeitigen Kontaktbeschränkungen und fehlenden Zugängen zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Vielerorts schloss dies die betroffenen Menschen von grundlegenden Teilhabemöglichkeiten aus und verschärfte die ohnehin schwierige Lebenssituation weiter.

Aufbau und Inhalt

Das Buch Teilhabe statt Ausgrenzung ist in drei Schwerpunkte untergliedert. Das Praxisforschungsprojekt (Ausganspunkte, Methodik, Ergebnisse, Handlungsempfehlungen) bildet den ersten Fokus. Der zweite Fokus umfasst aufbereitete Interviewdaten und Fallbeschreibungen, in denen die betroffenen Menschen selbst zu Wort kommen und der dritte Fokus rahmt die Zusammenhänge und Kontexte aus einer rechtlich-fachlichen Perspektive.

Im ersten Fokus stellen Sebastian Kirsch und Lara Sartorius die Praxisforschung der Erlacher Höhe vor. Gefördert vom Europäischen Sozialfonds (ESF) hatte das Projekt „KontaktRäume aufbauen – Zusammenhalt schaffen“ eine Laufzeit vom 1,5 Jahren (Juli 2021 bis Dezember 2022). Auf die studienbasierte Darstellung der spezifischen Ausgangslage von Wohnungslosigkeit und ihre Bedingungen in Baden-Württemberg – gerade auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, den mit ihr verbundenen Kontaktsperren, wegbrechenden Versorgungsstrukturen und Einschränkungen von Öffentlichkeit – wird zunächst der Projekthintergrund erläutert.

Zu den Zielen des Projekts zählten, bestehende Hilfesysteme für wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen während der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten und fehlende Hilfe und Kontakte durch die Krisenzeit mittels digitaler Angebote zu ergänzen. Darüber hinaus sollte eine Verschlechterung der Lebenssituation von Wohnungslosigkeit betroffenen Personenkreises durch das Praxis- und Transferprojekt zu verhindert werden, indem die betroffenen Menschen in pandemiebedingten Notlagen in den jeweiligen Landkreisen des Tätigkeitsgebiets der Erlacher Höhe durch aufsuchende Beratungs- und Unterstützungsarbeit erreicht werden sollten. Auch ihre digitalen Kompetenzen sollten gestärkt und abschließend sollten Handlungsempfehlungen zur Überführung von bestehenden Angeboten in Regelangebote formuliert werden.

Nach Erläuterung der methodischen Vorgehensweise, werden vier landkreisspezifische Auswertungsberichte der Erlacher Höhe (Rems-Murr-Kreis, Calw-Nagold, Freudenstadt und Hohenlohe-Franken) präsentiert. Sie umfassen u.a. Beschreibungen zu den jeweiligen Umsetzungsschwerpunkten der einzelnen Abteilungen, deskriptive Datenanalysen (u.a. zur Geschlechterstruktur, Staatsbürgerschaft und Projektzugang der hilfesuchenden Personen), Beschreibungen der ordnungsrechtlichen Unterkunftsstruktur in den betreffenden Kommunen und die Entwicklungen der Teilhabesituationen der hilfesuchenden Personenkreise (u.a. der Lebenslage, der materiellen Ausstattung, der Wohnsituation). Dabei wird stets auch die jeweilige Situation zu Projektbeginn im Vergleich zur Situation zu Projektabschluss dargestellt.

Die Befunde legen u.a. die Notwendigkeit nahe, bestehende niedrigschwellige, aufsuchende lokale Hilfsangebote als eine wichtige Säule des Gemeinwesens in regelfinanzierte Angebote umzuwandeln. Bezogen auf ordnungsrechtliche Unterkünfte legen die Autor:innen nahe, bestehende Standards zu erhöhen, um die jeweilige Verweildauer in den Unterbringungsmöglichkeiten zu reduzieren und Unterstützungsangebote vor Ort zu schaffen. Zusätzlich werden landkreisspezifische Empfehlungen formuliert und die erhobenen Daten in einem Anhang dokumentiert (Expert:inneninterviews und Befragungsdaten).

Im zweiten Fokus werden Interviewdaten mit Expert:innen in eigener Sache und Fallberichte zu Wohn- und Lebenslagen unter prekären Bedingungen plastisch, differenziert systematisiert aufbereitet. Vielschichtige Zusammenhänge sind in Form von sieben Fallberichten dokumentiert:

Jürgen Schneider und Michael Stiefel (beide Armutsnetzwerk e.V.) beleuchten im 1. Beitrag – aus menschenrechtlicher Perspektive – die Erfahrungen von Menschen in ordnungsrechtlicher Unterbringung. Trotz aller Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten der Menschen, eine die Erfahrungen, dass es meistens schreckliche und gewaltvolle Erfahrungen seien, u.a. durch mangelnde Rückzugsräume, hygienische und materielle Mängel, Lärmbelastung und Konflikte unter den betroffenen Menschen. Oft führe die ordnungsrechtliche Unterbringung zu einer weiteren Prekarisierung der Lebenssituation und die betroffenen Menschen verharrten teilweise über Jahrzehnte in dieser Mangelsituation. Beobachtet wurden aus der Praxis, dass teilweise in den Unterbringungseinrichtungen quasi rechtsfreie Räume entstanden seien. Vor diesem Hintergrund fordern die Autoren die Kommune als verantwortliche Instanz ein, u.a. auch bei der Einbindung der betroffenen Menschen in die Konzeptentwicklung:

„Es sei kein Wunder, dass Menschen aus den Notunterkünften ins sogenannte Leben nicht mehr gut reinkommen. Wenn das Leben als Wohnungslose:r ihnen nicht schon tiefreifenden Schaden zugefügt hat, gibt die Notunterkunft ihnen den Rest. Sie ist Endstation für viele Menschen.“ (S. 111)

Der 2. Bericht greift die Erfahrungen von Herrn R. auf, untergebracht ebenfalls in einer ordnungsrechtlichen Wohnform. Eindrückliche Zitate von der Schockreaktion von Herrn R., der die Aufnahme in der Obdachlosenunterkunft reflektiert, wurden hier verschriftlicht.

Im 3. Bericht werden das Gefühl von Unsicherheit gegenüber den Mitbewohnenden und die mangelhaften hygienischen Zustände der Unterkunft von Herrn G. zentriert. Ähnliche Erfahrungen werden im 4. Bericht von Frau A. in einer ordnungsrechtlichen Unterkunft deutlich. Darüber hinaus berichtet sie einerseits von Gewalt und Angst unter den Bewohnenden, anderseits wird aber auch das Gefühl von Zusammenhalt unter ihnen betont.

Ein 5. Fallbeispiel wird aus dem Blickwinkel einer alleinerziehenden Mutter, Frau G., aufgegriffen, der eine ordnungsrechtliche, völlig unzumutbare Unterbringung zugeteilt wird, gemeinsam mit ihrem 8-jährigen Kind. Dabei dokumentieren E-Mail-Zitate von Frau G. – einschließlich zahlreicher eingebauter weinender Emojis – den furchtbaren Zustand der Unterbringung. Die Schilderung der Ortsbegehung durch die Wohnungsnotfallhilfe objektiviert die Eindrücke von Frau G., welcher schließlich durch die Intervention der Notfallhilfe ein geeigneter Wohnraum vermittelt werden konnte.

Der 6. Fall ist als Interview mit Herrn T. dokumentiert: Durch ein Hochwasserereignis 2021 habe er seine Wohnung verloren und sei daraufhin seitens der Kommunalverwaltung in eine Obdachlosenunterkunft, einem „Abrisshaus“, wie er sagt, überführt worden. Dort habe er zwei Jahre gelebt. Mittlerweile lebt er wieder in einer Mietwohnung. Im Interview wird er u.a. auch nach seinen Empfehlungen für das politische Handeln gefragt und danach, wie seine Erfahrungen bei der Wohnungssuche waren.

Der 7. Fall – ebenfalls ein Interview – greift die Sicht von Frau T. auf: Sie beschreibt, wie sie mit ihrer Familie, bestehend aus ihrem depressiven und erwerbsarbeitslosen Mann, sowie vier Kindern im Alter von 3, 5, 13 und 15 Jahren, in einer ordnungsrechtlichen Unterkunft im ländlichen Raum – mit völlig unzureichender Infrastruktur – gelebt habe. Sie schildert ihre damalige Situation in vielschichtiger Weise als prekär: Schulden, Leben ohne Internet, schlechte ÖPNV-Verbindung, ohne Bildungsinfrastruktur und ärztlicher Versorgung im Ort. Dies stehe im Widerspruch zu den Anforderungen seitens der Gesellschaft mobil und stets erreichbar und verfügbar zu sein, z.B. für Therapiebesuche des jüngsten, beeinträchtigten Kindes, sowie für die kommunalen Hilfen und Dienste. Auf die Frage, was Frau T. am dringendsten benötige, antwortet Frau T. u.a. einen Internetanschluss und Möglichkeiten zu Telefonieren. Dies stelle die Voraussetzung dafür da, die digitalen Portale der Schulen ihrer Kinder nutzen zu können und hier schlicht nicht abgehängt zu sein. Gerahmt wird das Interview von fachlichen und beschreibenden Einordnungen seitens einer Fachkraft der Wohnungsnotfallhilfe. Mittlerweile konnte, wie hier nachzulesen ist, ein Mietshaus für die Familie infolge der stattgefundenen Sozialberatung und der Unterstützung durch die Wohnungsnothilfe gefunden werden.

Im Fokus 3 werden drei Beiträge von Expert:innen aus dem Rechtsbereich vorgestellt, die jeweils wichtige Anstöße zur Verbesserung des Rechtszugangs des betreffenden Personenkreises geben. Besonders während des Pandemieverlaufs sei deutlich geworden, dass Menschen in prekären Lebensverhältnissen auf Barrieren bei der Herstellung von Kontakten zu geeigneten Ansprechpersonen und beim Aufbau bzw. bei der Aufrechterhaltung von sozialen Kontakten gestoßen seien, weshalb für niedrigschwellige Soziale Arbeit vor Ort, u.a. durch aufsuchende Arbeit, Digitalisierung von Angeboten sowie für regelfinanzierte Angebote plädiert wird.

In dem Fokus beziehen sich die Autor:innen Nadine Haandrikman-Lampen, Karl-Heinz Ruder und Hans-Ulrich Weth auf rechtliche Zugänge, Bestimmungen und Empfehlungen im Kontext von prekarisierten Wohn- und Lebensverhältnissen. Nadine Haandrikman-Lampen stellt in ihrem Beitrag die Zugänglichkeit zu Recht als eine Dimension sozialer Ungleichheit dar. Auf dieser Basis berichtet sie von ausgewählten Problemlagen, die sich hier für die Menschen in multiplen Problemlagen ergeben können. Im Zentrum stehen dabei – neben der grundsätzlichen Schwierigkeit, geeignete Rechtsbeistände respektive Jurist:innen zu finden, die sich den Rechtsbelangen der Menschen annehmen – die Beantragung von Beratungs-, Prozesskosten- und die Verfahrenskostenhilfe für die betroffenen Menschen sowie die Vermittlung von relevanten Wissensbeständen für die jeweiligen Fachkräfte im Bereich der Hilfe in prekären Wohn- und Lebenslagen.

Im zweiten Abschnitt analysiert Karl-Heinz Ruder die hierarchisierende Differenzierung zwischen obdachlosen Menschen in ‚freiwillige‘ und ‚unfreiwillige‘ Obdachlosigkeit, welche während des Entscheidungsverfahrens zur Unterbringungsform zum Tragen kommt. Er kritisiert dabei das unfreiwillige Obdachlosigkeit, bedingt durch das geltende Polizeirecht, besonders bei den Unterscheidungen nach Übergangsformen, Unterbringungspflichten und die örtlich variierende kommunale Praxis bevorzugt behandelt werde.

Hans-Ulrich Weth fokussiert abschließend im dritten Beitrag die Zusammenhänge zwischen Wohnungsnotfallhilfe und Polizei. Er stellt die jeweiligen Rechte und Pflichten bei polizeilichen Ermittlungsmaßnahmen umfassend dar und bietet zudem wertvolle Hinweise für die Praxis in sozialen Diensten und kommunalen Einrichtungen. Darüber hinaus wird auf ethische Aspekte, wie die Verpflichtung zur Verschwiegenheit sowie Zutritts- und Durchsuchungsmöglichkeiten und -rechte der Unterbringungen durch die Polizei informiert.

Diskussion

Der Sammelband Teilhabe statt Ausgrenzung gliedert sich sinnvoll in drei Teilbereiche mit einem wissenschaftlich-kontextualisierenden, einem lebensweltbezogenen und einem rechtlich-handlungsorientierenden Fokus. Die Grundlagen für die Publikation stellt die praktische Arbeit, die persönliche Betroffenheit und ein damit verknüpftes Praxis-Transfer-Projekt dar. Auf diese Weise werden die unterschiedlichen Lebenssituationen und -erfahrungen von Menschen in prekären Wohnverhältnissen sowie die damit verbundenen Herausforderungen für sie, für die Praxis und die Kommunen sowohl wissenschaftlich-fachlich als auch in empathisch-advokatorischer Weise zentriert. Eine solch mehrperspektivische Aufarbeitung der Problemzusammenhänge indiziert Handlungsspielräume für die Soziale Arbeit und gibt handlungsorientierende Hinweise für die Fachkräfte, die in dem Feld tätig sind.

Ein zentraler Befund der Autor:innen lautet: Aufsuchende Hilfsangebote seien vor allem in Krisenzeiten noch weiter – als ohnehin schon – marginalisiert worden, wodurch Menschen in prekären Wohnverhältnissen teilweise noch stärker ausgegrenzt, zurückgelassen und in ihren grundlegenden Teilhaberechten limitiert worden seien.

Die lebens- und alltagsweltlich strukturierten Erfahrungsberichte der Menschen in ordnungsrechtlichen Unterkünften verweisen dabei eindrücklich auf die Notwendigkeit, bestehende Hilfesysteme materiell und personell verlässlicher auszustatten und auf dieser Basis zu professionalisieren. Als alarmierend zu bewerten sind in diesem Zusammenhang die teilweise menschenrechtsgefährdenden Unterbringungsverhältnisse und die damit verbundenen prekarisierten Teilhaberechte in zentralen Lebensbereichen, wie Gesundheit, Sicherheit und Bildung. Eines vereint die Berichte: Sie alle dokumentieren das Gewordensein von (Über-) Lebenssituationen, Faktoren, die Wohnungslosigkeit begünstigen, prekäre Lebensbedingungen verstärken bzw. evozieren. Nachvollziehbar wird, welche Bedeutung Wohnungslosigkeit im Leben der Menschen – auf alle anderen Teilhabebereiche – hat. Das Fehlen an Wohnraum wird deutlich erkennbar als gravierende Verletzung menschlicher Würde und als gesellschaftspolitisches Problem. Der dritte Teil ergänzt mit dem rechtlichen Handlungsrahmen die vorherigen sozialarbeiterischen und persönlichen Berichterstattungen, wodurch das Buch einen profunden Einblick und einen umfassenden Überblick – entlang des regionalen Beispiels der Erlacher Höhe – bietet.

Die in dem Band präsentierten Inhalte sind für die Praxis äußerst relevant. Sie sind dabei selbstredend den jeweils spezifischen Bedingungen der Landkreise, Kommunen, Regionen und Zeiten anzupassen. Doch die Notwendigkeit des Ausbaus aufsuchender und verlässlich finanzierter Hilfsangebote können auch andernorts als wertvolle und unerlässliche gesellschaftliche Ressource des Gemeinwesens und in der Gesamtgesellschaft erachtet werden. Ungeachtet dessen, wirft das Buch die grundlegende Frage auf, wie Wohnen für alle qualitätsvoll erreichbar und als Grund- und Menschenrecht abgesichert werden kann. Zudem wird die Frage virulent, wie die Situation von ordnungsrechtlichen Unterkünften insgesamt verbessert werden kann.

Die Einblicke in die Wohnsituationen der betroffenen Menschen verdeutlichen diese Notwendigkeit nachdrücklich – gerade auch im Hinblick auf abzusichernde Hygienestandards, Digitalisierung bzw. einen gleichberechtigten Zugang zu Informationen und Bildung sowie zu Sicherheit. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern und ob die von den Autor:innen präsentierten Ziele, Hilfs- und Unterstützungsangebote sowie die Handlungsempfehlungen gegenwärtig in der Erlacher Höhe, also der Praxis vor Ort, angekommen sind.

Fazit

Von Wohnungsnot betroffenen Menschen kann durch die Lektüre des Bandes in menschlicher und empathischer Weise begegnet werden. Dies stellt aus unserer Sicht die ganz besondere Stärke des Buches dar, weshalb sich das Lesen des Buches lohnt. Dabei ist gerade das Zusammenspiel der vielfältigen Perspektiven wertvoll – nicht zuletzt als Beitrag für eine sachlich geführte Debatte zu Problemen des Verlierens, des Verlustes von Wohnraum, seiner Verknappung und seines Mangels sowie die damit verknüpften Probleme von Wohnungsnot und -losigkeit. Das Buch macht damit auch auf eindringliche Weise auf unzureichende, aber dringend notwendige strukturelle Veränderungen bestehender Wohnverhältnisse aufmerksam, die ein solidarisches Zusammenleben in der Stadtgesellschaft ermöglichen könnten.

Rezension von
Prof. Dr. Karin Cudak
FB Inklusion, Teilhabe & Soziale Arbeit | Stellv. Senatsbeauftragte für Studierende mit Beeinträchtigungen & chron. Erkrankungen | Fakultätsbeauftragte für Inklusion
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Hannah Maiwald
Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Standort Hildesheim, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
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ISSN 2190-9245