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Nadiya Kroshka: Deine innere Mutter

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 01.08.2025

Cover Nadiya Kroshka: Deine innere Mutter ISBN 978-3-608-40203-2

Nadiya Kroshka: Deine innere Mutter. Wie du lernst, dir das zu geben, was du brauchst. Schattauer (Stuttgart) 2025. 224 Seiten. ISBN 978-3-608-40203-2. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

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Thema

Die individualpsychologische Analytikerin Nadiya Kroshka verfasst entlang des Konzepts der inneren Mutter, das ursprünglich auf Sandor Ferenczi (1909) zurück geht, einen Selbsthilfeleitfaden der ängstlichen, depressiven oder selbstwertverunsicherten Menschen hilft, ihre innere Regulation zu finden oder zu verbessern. In Anknüpfung an Luise Redemann, einer Pionierin der psychodynamischen Traumatherapie, schlägt die Autorin eine Reihe von Imaginationen und anderen Übungen vor, die Menschen, die Erfahrung einer guten „innere Mutter“ ermöglichen und diese zur Selbstfürsorge und zur Nachbeelterung einsetzen können.

»Meine Reise zur inneren Mutter begann in einer Supervisionssitzung während meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin. Ich war wütend auf die Mutter einer Patientin, empört über ihre destruktiven Muster. Doch dann sagte meine Supervisorin einen Satz, der mich und meine therapeutische Arbeit nachhaltig veränderte: Sie dürfen die Mutter der Patientin nicht töten. Egal wie destruktiv sie war und wie wütend Sie sind. Sie sollen der Patientin helfen, eine gute innere Mutter aufzubauen.«

Autorin

Nadiya Kroshka ist in der Ukraine geboren und erlebte als Kind noch die Sowjetunion. Nach Studienbeginn an der pädagogischen Universität Melitopol. [1]

Entstehungshintergrund

Die Autorin beschreibt ihr Engagement als Option für früh (vorsprachlich) beziehungstraumatisierte Menschen: Diese könnten vor allem von einem psychoanalytischen Ansatz profitieren. Traumatische Beziehungserfahrungen (toxische Introjekte) ließen sich nur mit Strategien bearbeiten, die auch die unbewussten Bindungsrepräsentationen angemessen berücksichtigten. Gleichzeitig öffnet sie mit dem Selbsthilfeleitfaden eine Perspektive für Menschen außerhalb von und zusätzlich zu individuellen therapeutischen Prozessen. 

Aufbau/​Inhalt

Das Konzept der inneren Mutter 

Eine Typologie dysfunktionaler Mutterschaft wird entworfen: Die unterstützende/fürsorgliche Mutter, die unzureichend fürsorgliche Mutter, die kalte Mutter, die ängstliche Mutter, die nicht schützende Mutter, die ablehnende Mutter. Objektbeziehung und Bindung als miteinander verwandte Konzepte und ihre jeweiligen Implikationen werden erläutert. Entscheidend ist dabei, dass die innere Mutter eine Selbsthervorbringung des Subjekts ist und kein Abbild der realen Person. Das Kind kann sich nur so mit seiner Mutter identifizieren wie es diese versteht, nicht wie sie tatsächlich ist. Es handelt sich um ein metaphorisches Konzept.Destruktives mütterliches Verhalten [2] kann einerseits extrem nachteilige Folgen für die psychische Entwicklung der Kinder haben und wird auch so verinnerlicht. Gleichwohl ist es für die psychische Regulation wichtig, innere Helfer zu haben, die sich im »Raum« des therapeutischen Prozesses etablieren. Diesen Konflikt zu bearbeiten, zu lösen ist die Herausforderung in der Psychotherapie von Menschen mit solchen Erfahrungen und vor allem, wenn diese verstörenden Erfahrungen in der frühesten Lebenszeit datiert sind und keinen sprachlichen Ausdruck haben finden können. Die Bewältigungsstrategien dieser nicht mentalisierten Überwältigungen sind oftmals ebenso destruktiv wie Selbstentwertung, Selbstverletzung, Sucht, Suizidalität und müssen im Schutz der therapeutischen Beziehung, mit einem berühr- aber nicht zerstörbaren Übertragungsobjekt zu reiferen Strategien weiterentwickelt werden.

Die innere Mutter verstehen und eine Beziehung zu ihr aufbauen 

Das umfangreichste Kapitel enthält nun praktische Aufgaben, die helfen (sollen), ein toxisches Mutterintrojekt zu entgiften, umzuwandeln. Soll dieser Prozess erfolgreich sein, muss er eine emotionale Erfahrung darstellen, Trauerarbeit ermöglichen und zu einer inneren Wahrheit führen: Mutter, ich verstehe jetzt, warum Du so schrecklich warst. Das könnte nicht durch Umdeuten ersetzt werden – ja selbst ein Vorangehen der Therapeutin auf diesem Weg würde sicher zum Behandlungsabbruch führen. Nadiya Kroshka zeigt anhand zahlreicher Übungen und Imaginationsaufgaben, wie dieser Weg verlaufen kann.

Leserinnen und Leser werden ermutigt und konkret instruiert, welche emotionalen Muster eventuell eine bestimmte Muttererfahrung darstellen kann. Neben der Beschreibung von mütterlichen Introjekten kommen werden jeweils konkrete Übungsanleitungen besprochen. Die speziellen Erfahrungen der Autorin mit dem kustodial-repressivem System der Sowjetunion (Wegschließen) und ihre Erfahrungen als Migrantin kommen darin zum Ausdruck, dass sie die Erwartungen, die an diese Menschen gestellt werden selbst erlebt hat und im therapeutischen Prozess aufgreifen kann. Therapeut:innen denen diese Erfahrungen fehlen, gelingt oft nicht ihre Bedeutung zu verstehen. [3]

Was man von einer nicht perfekten Mutter lernen kann – und wie eine Therapie bei der Neubewertung der Lebenserfahrungen hilft

Dieses kurze Kapitel könnte auch benannt werden »vom Guten des Schlechten« – nur ist es keine Umdeutung à la Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ und auch nicht das „Danke liebe Mutter, ich gebe Dir die Ehre“ à la Bert Hellinger, derenTexte den Selbsthilfemarkt bis vor kurzen noch dominierten. Es wird auch hier ein empathischer Prozess beschrieben, der aus der Perfektionismusfalle führt.

Während die zitierte Literatur ziemlich spärlich ausfällt, bin ich durch einige der Lektüreempfehlungen bereichert.

Diskussion

Das Konzept der inneren Mutter wurde in den letzten Jahren immer mehr von Esoteriker:innen benutzt, um deren moralisierende Vorstellungen zu propagieren. Daraus entstanden dann gesellschaftspolitisch aufgeladene Konzepte wie die „Arbeit mit dem inneren Kind“. Nadiya Kroshkas Text ist persönlich und professionell erfahrungsgesättigt und weist auf Möglichkeiten der Bewältigung traumatischer Lebenserfahrungen hin. Gleichzeitig führt eine gelingende Psychotherapie oft zur Verbesserung der Beziehung mit den realen Eltern. Aaron Antonovskys Bericht zu einer Gruppe hochbetagter NS-Lagerüberlebender, die praktisch gesund waren und höchste Ausprägungen des „sense of coherence“ aufwiesen und gleichzeitig Anteilnahme zeigten am Schicksal ihrer Peiniger, trifft zu auch für Traumaopfer nach erfolgreicher Psychotherapie. Aus einer Traumafolgestörung kann posttraumatisches Wachstum entstehen. Ich vermute jedoch, dass man diese Perspektive nicht zu Beginn einer Behandlung eröffnen kann, um das Ergebnis nicht zu gefährden.

Als ein Defizit des Textes sehe ich den fehlenden Blick auf den realen und imaginierten Vater oder eine andere dritte Person. Frühe Triangulierung vermag es, das Baby vor emotionaler Vereinnahmung aber auch traumatischem Stress zu schützen und bietet eine Beziehungsalternative, wenn die Mutter überfordert ist. Natürlich ist ein liebevoller Vater kein Allheilmittel, zumal der gegebenenfalls auch übergriffig sein kann. Dennoch ist die emotionale Stabilisierung von Mutter und Baby/Kind durch eine dritte Person und damit die Triangulierung eine deutliche Erweiterung des Beziehungsraums. Menschen mit mehrheitlich dyadischen nahen Beziehungserfahrungen sind gefährdet psychisch zu erkranken oder auszubrennen, da z.B. das Arbeitsleben in Mehrpersonenkonstellationen angelegt ist und herausfordert insbesondere in Bezug auf die Selbstwertregulation.

Vielleicht handelt es sich an der Stelle aber nur um eine Beschränkung der Aufgabenstellung, die die die Autorin aktiv vorgenommen hat. Eine heilende Arbeit am mütterlichem Introjekt hat zweifellos einen bedeutenden Stellenwert. Letztlich muss eine solche Arbeit entlang eines Manuals oder zukünftig angeleitet durch KI, durch die konkrete Beziehungsarbeit an und in der Übertragung mit einem realen Menschen geleistet werden, um zu einem dauerhaften Ergebnis zu gelangen.

Fazit

Nadiya Kroshkas Text ist für Betroffene geschrieben – und zugleich profitieren Psychotherapeut:innen davon. Vor allem handelt es sich um ein ressourcenstärkendes Buch für solche Angehörige helfender Berufe, die ständig mit Traumaopfern, vernachlässigten und misshandelten Kindern zu tun haben.

Literatur

Aaron Antonovsky (1987): Unraveling the mystery of health. How people manage stress and stay well. Jossey-Bass, San Francisco, deutsch: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit in: Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis. Bd. 36

Thomas Abel (Hrsg. 2023): Handbuch der Objektbeziehungspsychologie, Gießen: Psychosozial

Christopher Bollas (2014): Der Schatten des Objekts. Das ungedachte Bekannte: Zur Psychoanalyse der frühen seelischen Entwicklung, Stuttgart: Klett-Cotta

Sandor Ferenczi (1909): Introjektion und Übertragung. In: Ferenczi, Sandor (1964): Bausteine zur Psychoanalyse Bd. 1 Theorie, Bern und Stuttgart: Hans Huber 1964

Bert Hellinger (1996) Ordnungen der Liebe. Heidelberg: Carl-Auer

Luise Reddemann (2004): Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie PITT. Das Manual. Pfeiffer, 6., vollständig überarbeitete Neuauflage 2011. Stuttgart: Klett-Cotta

Paul Watzlawick (1983): Anleitung zum Unglücklichsein, München: Piper


[1] im gegenwärtigen Krieg als Tor zur Krim russisch annektiert und schwer umkämpft

[2] Die erste Psychotherapeutin die diese Gratwanderung versuchte, war Frieda Fromm Reichmann, ihr in den 40er Jahren in der amerikanischen Emigration entwickeltes Konzept der schizophenogenen Mutter gilt zwar heute als widerlegt weil man der Schizophrenie eine neurobiologische Genese unterstellt, vor allem aber kann das Konzept als moralische Bewertung missverstanden werden.

[3] Nicht symbolisiertes Wissen vgl. Bollas 2014

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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Es gibt 47 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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ISSN 2190-9245