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Karen Briesen: Die Pflege von Menschen mit Behinderung

Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 20.08.2025

Cover Karen Briesen: Die Pflege von Menschen mit Behinderung ISBN 978-3-86321-748-8

Karen Briesen: Die Pflege von Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus. Ethische Konflikte der Diakonissen im Katharinenhof Großhennersdorf und ihre Relevanz für die heutige Pflegepraxis. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2025. 131 Seiten. ISBN 978-3-86321-748-8. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 23,61 sFr.
Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 134.

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Thema

Vor dem Hintergrund der unbeschreiblichen Gräueltaten, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung verübt wurden, spürt die vorliegende Studie den ethischen Konflikten und Handlungsspielräumen nach, denen Diakonissen der Pflege- und Behinderteneinrichtung Katharinenhof in Großhennersdorf zwischen 1933 und 1945 ausgesetzt waren. Zugleich wird nach der Bedeutung der entsprechenden Erkenntnisse für die heutige Pflegepraxis gefragt und deren Relevanz im Kontext aktueller politischer Entwicklungen diskutiert.

Autorin

Karen Briesen, Jahrgang 1969, ist Pflegewissenschaftlerin, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Praxisanleiterin. Als Expertin für evidenzbasierte Pflege setzt sie sich – unter anderem als aktives Mitglied der Sektion Historische Pflegewissenschaft im Deutschen Verein für Pflegewissenschaft e.V. (DVP) – für den Transfer der Wissenschaft in die Pflegepraxis und für die Weiterentwicklung des pflegehistorischen Diskurses ein.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf der Bachelorarbeit, die von der Autorin im Mai 2024 im Studiengang Pflege (Schwerpunkt Praxisentwicklung) an der Evangelischen Hochschule Dresden (ehs) unter dem Titel „Handlungsspielräume der Diakonissen im Katharinenhof in Großhennersdorf 1933-1942“ vorgelegt wurde. Die Drucklegung erfolgte mit Unterstützung der Ewald-Meltzer-Stiftung (Diakoniewerk Oberlausitz gGmbG, Großhennersdorf).

Aufbau

Nach dem Vorwort (S. 9–10), der „Einleitung“ (S. 13–16) und einen Überblick zur „Methodik“ (S. 17–24) gliedert sich das Buch in die Kapitel „Historischer Kontext“ (S. 25–33), „Die Diakonissen im Katharinenhof in Großhennersdorf“ (S. 35–75), „Zum Gedenken an die Opfer der Euthanasie“ (S. 77–79), „Ergebnisse“ (S. 81–85), „Diskussion“ (S. 87–92) und „Fazit“ (S. 93–94), an die sich das Literaturverzeichnis (S. 95–103), das Verzeichnis der genutzten Archivalien (S. 105–107) sowie ein Anhangsverzeichnis (S. 109) mit dem Anhang (S. 110–131) anschließt.

Inhalt

Prof.in Dr. phil. Anja Katharina Peters, unter deren Obhut die Abschlussarbeit entstand, hat zu der Studie ein Vorwort beigesteuert, in dem sie vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen darauf hinweist, „dass der Kampf wider menschenfeindliche Ideologien noch lange nicht ausgestanden“ ist. Zugleich betont sie die Notwendigkeit, dass sich Pflegefachpersonen – ausgehend vom Ethikkodes des International Council of Nurses (ICN) – „mit den historischen und gegenwärtigen Dimensionen von Menschenfeindlichkeit […] auseinandersetzen“ (S. 9). Eine professionelle Pflege mit einer gefestigten Identität und einem ebensolchen Habitus benötige die berufshistorische Forschung aus der Pflegewissenschaft als Anamnese und Analysegrundlage.

Einleitend macht Karen Briesen darauf aufmerksam, dass während der NS-Zeit 223 Bewohner, Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder, aus dem Katharinenhof Großhennersdorf zum Sterben nach Pirna Sonnenstein und nach Großschweidnitz deportiert wurden; von allen Großhennersdorfer Heimbewohnern hätten nur 27 Männer das „Dritte Reich“ überlebt, weil sie kräftig genug waren, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Ihre Studie setze sich daher mit der Frage auseinander, wie dies alles geschehen konnte und welche Rolle die Diakonissen im Katharinenhof Großhennersdorf einnahmen. Gleichzeitig solle ihre Arbeit „eine Mahnung sein, die Möglichkeit ähnlicher Ereignisse wie die Verbrechen des Nationalsozialismus in der Zukunft nicht zu unterschätzen“ (S. 13). Die aktuelle politische Situation in Deutschland, in der Rechtsextremismus allgegenwärtig ist und eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt immer mehr Stimmen gewinnt, unterstreiche die besondere Bedeutung, dass professionell Pflegende die Ursachen für das ambivalente Verhalten zwischen Konformität und Widerstand der Pflegepersonen in der Zeit des Nationalsozialismus erkennen und bewerten können: „Ein tiefgreifendes Verständnis der Pflegegeschichte ist entscheidend, um uns für gegenwärtige Herausforderungen zu sensibilisieren, politische Gefahren wie extremistische Strömungen aufmerksam zu beobachten, kritisch zu hinterfragen und uns klar gegen Rechtsextremismus zu positionieren“ (S. 14). Es müsse das Anliegen der Pflegeprofession sein, jungen Menschen historisches Wissen und eine emotionale Betroffenheit so zu vermitteln, dass sie eine moralische Sensibilität entwickeln und soziale und politische Verantwortung in der Gegenwart übernehmen können.

In ihrer Forschungsarbeit, die neben der zeitgenössischen Literatur auch auf der Auswertung zahlreicher Primärquellen – darunter auch Patient:innen-Akten und Erinnerungsberichte – diverser Archive basiert, untersucht die Autorin die Handlungsspielräume der aus den Mutterhäusern Borsdorf und Aue des Kaiserwerther Verbandes stammenden Diakonissen hinsichtlich ihrer individuellen Entscheidungen und Handlungen im Pflegealltag im Kontext der nationalsozialistischen Politik. Ausgehend von der Hypothese, dass kein oder nur bedingt aktiver Widerstand seitens der Diakonissen zu finden ist, lautete ihre zentrale Forschungsfrage: „Inwieweit zeigten die Diakonissen im Katharinenhof in Großennersdorf in der Zeit des Nationalsozialismus ambivalentes Verhalten in Bezug auf Konformität und Widerstand, und wie beeinflusste diese Ambivalenz ihr Handeln?“ (S. 23).

Nach einer prägnanten Einführung in den Forschungskontext stellt Karen Briesen zunächst die Methodik ihrer Arbeit vor, an die sich die Geschichte der Entwicklung der Kaiserswerther Diakonie, und damit das Pflegeverständnisses der Diakonissen der damaligen Zeit, anschließt. In diesem Zusammenhang stellt sie auch die Persönlichkeit des ärztlichen Leiters des Katharinenhofes, Dr. Ewald Meltzer, vor, dessen ethisch-moralischen Werte maßgeblich das Verhalten und Handeln der Diakonissen prägte. Im Zentrum der weiteren Darstellung stehen sodann die ethischen Dilemmata und moralischen Herausforderungen, denen die Diakonissen im Katharinenhof in der NS-Zeit gegenüberstanden, insbesondere im Zusammenhang mit der Pflege ihrer Patient:innen, die von den rassenideologischen Grundsätzen des Nationalsozialismus betroffen waren.

Abschließend diskutiert die Autorin die Erkenntnisse ihrer Studie hinsichtlich ihrer Relevanz für die heutige Pflegepraxis im Kontext aktueller politischer Entwicklungen.

Ergänzt wird die Darstellung durch eine „Anlage“ mit 11 historischen Dokumenten, die tiefe Einblicke in die zeitgenössischen Verhältnisse erlauben.

Diskussion

Während der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) war nicht nur die Medizin, sondern auch die berufliche Krankenpflege stark von der NS-Ideologie geprägt. Krankenschwestern und -pfleger wurden dabei zu (aktiven) Akteur:innen in einem System, das auf Rassenwahn und der Aussonderung von Menschen mit Behinderungen basierte. Die Ausbildung des Pflegepersonals und dessen Handeln waren stark von Gehorsam und der Ideologie der „Volksgesundheit“ geprägt, was zur aktiven Beteiligung an Verbrechen wie Zwangssterilisationen, Patiententötungen und der Umsetzung des „Euthanasieprogramms“ führte.

Vor diesem Hintergrund hat Karen Briesen die Pflege von Menschen mit Behinderung während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in den Blick genommen, wobei sie am Beispiel Katharinenhof Großhennersdorf den ethischen Konflikten und Handlungsspielräumen der dort tätigen Diakonissen im Pflegealltag jener Zeit nachspürt. Das Interesse an dem Forschungsthema ergab sich für die Autorin nicht zuletzt durch die gegenwärtige politische Lage in Deutschland, die ihres Erachtens „klare Standpunkte und ein aktives Handeln“ erfordert. Denn nur durch die Kenntnisse der Vergangenheit könnten Situationen in der Gegenwart verstanden und ein kritisches Berufsverständnis entwickelt werden.

Ausgehend von der Hypothese, keinen oder nur sehr bedingten Widerstand zu entdecken, hat Karen Briesen „teilweise überraschende Antworten“ gefunden. Demnach zeigten die Diakonissen im Katharinenhof ein ambivalentes Verhalten in Bezug auf Konformität und Widerstand. Einerseits hätten sie sich den Anforderungen und Zwängen des Regimes angepasst, andererseits habe es jedoch auch Momente des Widerstands oder der stillen Opposition gegenüber den nationalsozialistischen Ideologien und Programmen gegeben: „Die Diakonissen standen vor einem Dilemma zwischen dem Druck, sich den politischen Vorgaben anzupassen, um ihre Arbeit fortsetzen zu können, und dem Wunsch, ihren moralischen Überzeugungen treu zu bleiben und den ihnen anvertrauten Menschen zu helfen“ (S. 85). Diese Ambivalenz habe zu unterschiedlichen Handlungsweisen geführt, die – je nach den individuellen Umständen und Überzeugungen der Diakonissen – „von völlig Konform, über angepasst bis zu widerständigem Verhalten“ reichten. Die Pflege und das Auftreten der Diakonissen gegenüber den Kindern sei jedoch durchweg von Respekt, Liebe und Würde geprägt gewesen. Trotz der schwierigen Umstände und der grausamen Anforderungen des Regimes hätten die Diakonissen ihre Menschlichkeit erhalten und sich für das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder eingesetzt. Ihre ethischen Prinzipien und ihre Hingabe zur Pflege und Betreuung seien, unabhängig von den äußeren Umständen, beständig geblieben.

Unterdessen verbleibt die Autorin nicht nur bei der historischen Aufarbeitung, sondern diskutiert die Bedeutung ihrer Erkenntnisse für die heutige Pflegepraxis sowie deren Relevanz im Kontext aktueller politischer Entwicklungen. Die Erfahrungen der Diakonissen zeugten davon, welche Einflüsse politische Ideologien und Strukturen einzelner Institutionen auf die Pflege haben können. Von daher sei es jetzt umso wichtiger, immer wieder an jene Verbrechen der NS-Diktatur zu erinnern, um nicht zu vergessen und um aufzuklären und zu sensibilisieren, damit sich solche Unmenschlichkeit nicht wiederholen kann. Die aktuelle politische Situation in Deutschland zeige, dass ein beachtlicher Anteil der Bevölkerung bereit ist, eine gesichert rechtsextreme Partei zu wählen und somit aktiv für Diskriminierung und Rassismus zu stimmen beziehungsweise diese Verstöße gegen unser Grundgesetz in Kauf zu nehmen. Sodann hält Karen Briesen wörtlich weiter fest: „Aus den historischen Ereignissen müssen wir aber Lehren ziehen und verstehen, dass es starke selbstbewusste Pflegefachpersonen braucht, um sich für die ethischen Grundsätze der Pflegeprofession einzusetzen, Verantwortung zu übernehmen und jederzeit danach zu handeln. Es braucht Stärke und ein professionelles Selbstverständnis, um den rechtsextremen Äußerungen von Kolleg:innen und Vorgesetzten im pflegerischen Alltag entgegenzutreten und sich eindeutig zu positionieren“ (S. 89).

In jeder Beziehung zuzustimmen ist auch der Forderung der Autorin, in der Pflegeausbildung und im Pflegestudium die Pflegegeschichte im Rahmenplan des Curriculums zu etablieren, um durch Kenntnis und Aufarbeitung der Vergangenheit, Situationen in der Gegenwart richtig einordnen zu können und zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann schließlich dazu beitragen, sich der professionellen Identität bewusster zu werden, die alltägliche Pflegepraxis zu hinterfragen und die Grundwerte der Ethik, Fürsorge, Selbstfürsorge und Solidarität zu stärken. Von daher lautet das abschließende Fazit von Karen Briesen: „Die Auseinandersetzung aller Pflegefachpersonen mit der historischen Entwicklung der Pflege (von Anfang an in der Ausbildung oder Studium) und der aktuellen politischen und pflegepolitischen Situation in Deutschland ist von entscheidender Relevanz, um unsere Profession zu sensibilisieren, politische Gefahren wie extremistische Strömungen zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Die Stärkung des Selbstbewusstseins und der Eigenverantwortlichkeit der Pflegeprofession wird dazu beitragen, dass Pflegefachpersonen nach ihren moralischen Überzeugungen und entsprechend dem ICN-Ethikkodex klare Positionen beziehen und verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen zu können“ (S. 94).

Insgesamt betrachtet hat Karen Briesen mit ihrer Studie über „Die Pflege von Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus“ einen wichtigen Beitrag zur Pflegegeschichte geleistet. Die Veröffentlichung ihrer Arbeit ist dabei umso mehr sehr zu begrüßen, als es die Autorin nicht nur bei einer soliden historischen Aufarbeitung des Themas belässt, sondern ihre Leserschaft aktiv dazu anregt, über die eigene Rolle und Berufsverständnis zu reflektieren. Insofern ist dem Buch nicht nur unter den Pflegefachpersonen eine weite Verbreitung zu wünschen.

Fazit

Die Lektüre des Buches sei zunächst allen empfohlen, die in den verschiedensten Einrichtungen für Menschen arbeiten, die auf Unterstützung angewiesen sind. Darüber hinaus gehört es in die Hände gesundheitspolitischer Entscheidungsträger, die durch das aktuelle Gesundheitssystem oder durch die Fortschritte der medizinischen Forschung herausgefordert sind.

Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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Es gibt 203 Rezensionen von Hubert Kolling.

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ISSN 2190-9245