Kathrin Hohmann, Lea Wedewardt: Bedürfnisorientierte Pädagogik (BoP)
Rezensiert von Alexandra Großer, 26.09.2025
Kathrin Hohmann, Lea Wedewardt:Bedürfnisorientierte Pädagogik (BoP) verstehen, einordnen, anwenden. Klett Kita GmbH (Stuttgart) 2025. 128 Seiten. ISBN 978-3-96046-351-1. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Klett Kita Fachwissen.
Thema
Die Autorinnen vermitteln in ihrem Buch die Grundlagen der Bedürfnisorientierten Pädagogik (BoP). Sie stellen fest, dass die BoP eine Haltung ist, kein Konzept. Praxisnah erläutern Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt die bedürfnisorientierte Haltung und erläutern praxisnah, wie die bedürfnisorientierte Pädagogik in Kindertageseinrichtungen etabliert und gelebt werden kann.
Autor:innen
Kathrin Hohmann studierte Erziehung und Bildung im Kindesalter (BA) und soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Familie (MA). Sie betreibt den Blog, www.kindheiterleben sowie den gleichnamigen Podcast. Sie führt im Podcast vom niedersächsischen Institut für frühe Bildung (nifbe) „Auf die ersten Jahre kommt es an“ Experteninterviews und ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Bo-Akademie, Beraterin, Referentin und Autorin.
Lea Wedewardt ist Kindheitspädagogin, Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Bedürfnisorientierten Pädagogik (BoP). Sie betreibt den „Kita Podcast“ für bedürfnisorientierte Pädagogik und ist Fort- und Weiterbildnerin sowie selbstständige Evaluatorin für Interaktionsqualität im Kommunalen Netzwerk für Qualität in Kitas.
Aufbau
Das Buch ist farblich dezent gestaltet. Es enthält farblich abgesetzte Kästen mit Wissensimpulsen und Definitionen sowie farblich ansprechende Grafiken. Aufgebaut ist das Buch in vier Kapitel mit Unterkapiteln, einem Vorwort und einem Ausblick. Weiterführende Materialien zur Implementierung der Bedürfnisorientierten Pädagogik und zur Vertiefung können per Code auf der Seite des Verlags heruntergeladen werden.
Inhalt
1. Grundlagen der Bedürfnisorientierten Pädagogik (BoP)
Die Autorinnen erläutern, dass die Bedürfnisorientierte Pädagogik kein Konzept ist, sondern eine Haltung, deren Basis „das humanistische Menschbild“ (S. 10) ist, vertreten durch „Carl Rogers mit der humanistischen Psychologie und […] Marshall B. Rosenberg mit der Gewaltfreien Kommunikation“ (ebd.). Neben den vier Grundpfeilern der BoP beschreiben die Autorinnen acht Grundsätze des Menschenbilds, auf denen die BoP beruht. Im Mittelpunkt stehen das Wohlbefinden der Kinder und der pädagogischen Fachkräfte. Da die BoP oft missverstanden wird, räumen Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt mit einigen Mythen der bedürfnisorientierten Pädagogik auf.
2. Die Grundpfeiler der BoP
Das Fundament der bedürfnisorientierten Pädagogik bilden das Gewaltbewusstsein und die Kinderrechte. Die vier Grundpfeiler, die die BoP tragen sind:
- Gefühle
- Bedürfnisse
- Grenzen
- Selbst-Ich
Nachfolgend beschreiben die Autorinnen die einzelnen Säulen der BoP ausführlicher. Zunächst geben Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt einen Überblick über ausgewählte Gefühls- und Emotionstheorien, als auch wie Emotionen entstehen und sich Gefühle entwickeln. Die beiden Autorinnen betonen, wie wichtig die Emotionsbegleitung der Kinder durch pädagogische Fachkräfte ist. Dazu gehört, sich selbst gut zu reflektieren. Denn manch heftige Gefühle, die pädagogische Fachkräfte im Alltag mit Kindern bei sich erleben, können aus der Kindheit stammen. Um Kinder gut begleiten zu können, brauchen pädagogische Fachkräfte einen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen sowie ein vielfältiges Gefühlsvokabular.
Eine weitere Säule der BoP stellen die Bedürfnisse dar. Die Grundlage dazu bilden folgende Theorien:
- die Sexualtheorie nach Freud,
- die Bedürfnispyramide nach Maslow,
- die Bindungstheorie nach Bolwby,
- das Konzept psychischer Grundbedürfnisse nach Epstein,
- die Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci,
- die Konsistenztheorie nach Young und
- die Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg (vgl. S. 44 f).
In einem Schaubild fassen die Autorinnen, die körperlichen und seelischen Bedürfnisse zusammen. Es gilt zwischen Wünschen und Bedürfnissen zu unterscheiden. Um sich Bedürfnisse zu erfüllen, verwenden Erwachsene und Kinder unterschiedliche Strategien. Es gilt herauszufinden, welche Bedürfnisse sich hinter den Strategien beziehungsweise Wünschen verstecken. Wenn ein Kind beispielsweise mit Sand wirft, kann dies das Bedürfnis nach Ruhe sein, nach Kontakt oder Entwicklung und Lernen (vgl. S. 56). Hinter jedem Wunsch steht ein Bedürfnis. Nicht jeder Wunsch kann und sollte erfüllt werden. Es ist jedoch wichtig, das Bedürfnis hinter dem Wunsch zu erkennen, dieses wahrzunehmen, zu würdigen und „über kurz oder lang“ (S. 57) zu befriedigen. Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt weisen in diesem Zusammenhang daraufhin, dass Kinder erst lernen müssen „Bedürfnisse aufzuschieben“ (ebd.). Oft werden Kindergartenkinder hier überschätzt. „Aus neurowissenschaftlicher Sicht“ (S. 58) schaffen es Kinder noch nicht ihre Gefühle zu regulieren und ihr Verhalten zu beeinflussen (vgl. ebd.).
„Der dritte Grundpfeiler betrifft die Wahrnehmung und Achtung von Grenzen“ (S. 59). Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt klären zunächst, ob Kinder Grenzen brauchen. Sie erklären, weshalb diese Frage beziehungsweise diese Aussage, je nach Interpretation, die Beachtung von Bedürfnissen darstellt oder machtvolles und damit grenzverletzendes Handeln. Sie zeigen auf, welche Grenzen es gibt und wie pädagogische Fachkräfte die Grenzen der Kinder wahren als auch ihre eigenen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Grenzbereiche, die sich „je nach Bedürfnisverfassung“ (S. 62) verkleinern oder vergrößern. Dadurch entscheidet jeder Mensch für sich „wo eine Grenze beginnt“ (ebd.). Sie zeigen auf, dass der Bereich der Grenzverletzungen fließend und es schwierig ist „subtile Formen der Grenzverletzung zu erkennen“ (S. 65). Im pädagogischen Alltag ist es wichtig, dass Fachkräfte ihre Bedürfnisse und Grenzen kennen, wahrnehmen, reflektieren und kommunizieren.
Ein weiterer Grundpfeiler der BoP ist das Selbst-Ich. Dieser Grundpfeiler „ergänzt die zunächst entwickelten drei Grundpfeiler. […] Er umfasst alle Reflexionsanteile und Selbstregulationsanteile der pädagogischen Fachkraft, die sie selbst betreffen“ (S. 73). Es geht um die biografische Selbstreflexion. Denn wir alle tragen einen „Emotionalen Rucksack“, wie Vivian Dittmar (2018) „die unverarbeiteten Gefühle aus der Vergangenheit“ (S. 75) nennt, mit uns herum. Bei der biografischen Selbstreflexion geht es um all die Erfahrungen, die wir mit Beziehung, mit uns selbst und als Kinder, gemacht haben, um all die unverarbeiteten Gefühle. Es geht auch um das eigene „Selbstwertgefühl und die eigene Regulationskompetenz“ (S. 78). Durch die biografische Selbstreflexion werden wir uns unseres Selbst bewusst.
3 Ein Praxisbeispiel
Anhand einer Szene einer Eingewöhnungssituation erläutern die Autorinnen die Grundposition der bedürfnisorientierten Pädagogik. Zunächst fokussieren sie die unterschiedlichen Perspektiven der betroffenen Personen: Kind, pädagogische Fachkraft und Vater. In der Analyse verbinden sie die Grundsätze der BoP mit den jeweiligen Akteur*innen und deren Bedürfnisse. Sie zeigen, wie diese methodisch in der Praxis begleitet werden können. In ihren Ausführungen beziehen sie sich auf das Eisbergmodell, die Gleichwürdigkeit und das große UND sowie die Fehlerfreundlichkeit.
4 Die Implementierung der Bedürfnisorientierten Pädagogik (BoP)
In diesem Kapitel finden pädagogische Fachkräfte allgemeine Überlegungen zur Implementierung der BoP im Team. Die Etablierung der bedürfnisorientierten Pädagogik ist ein Prozess, der Zeit in Anspruch nimmt. Die Autorinnen beschreiben nachfolgend die Implementierung der bedürfnisorientierten Pädagogik in sieben Schritten. Dazu bedienen sie sich der Metapher eines Hauses. Grundlage ist die „erfolgreiche Veränderung im Team“. Sie bildet das Fundament. Die Bearbeitung der „fünf Module“ (S. 108) sind die Zimmer. Durch sie wird die BoP im Alltag der Einrichtung verankert. „Das Dach sichert die Nachhaltigkeit und sorgt für eine langfristige Verankerung der BoP in der Einrichtung“ (ebd.). Sie zeigen auf, dass in einem Veränderungsprozess Widerstände normal sind und dazugehören und wie sich diese bei Teammitgliedern zeigen. Ziel ist die Verankerung der BoP als gelebte Haltung im pädagogischen Konzept der Einrichtung.
Diskussion
In diesem Buch legen Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt dar, worum es sich bei der bedürfnisorientierten Pädagogik handelt, welche ihre Ziele sind und was die BoP nicht ist. Sie ermutigen pädagogische Fachkräfte, den Weg, den sie mit der bedürfnisorientierten Pädagogik eingeschlagen haben, weiterzugehen. Sowie sie pädagogische Fachkräfte ermutigen, sich für eine gewaltbewusste, feinfühlige, bedürfnisorientierte Pädagogik einzusetzen. Die bedürfnisorientierte Pädagogik „ist kein kurzfristiger Trend, sondern die Zukunft einer Pädagogik, die echte Bedarfe erkennt und darauf reagiert“ (S. 100). Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt beziehen in ihren Ansatz der BoP die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse ein und entwickeln die BoP stets weiter. Die bedürfnisorientierte Pädagogik ist ein beziehungsorientierter pädagogischer Ansatz, der die Interaktionsqualität und Bedürfnisse aller Akteure im Blick hat. Die bedürfnisorientierte Pädagogik ist ein zukunftsweisender Ansatz, eine Haltung, die pädagogische Fachkräfte als Entwicklungsbegleiter*innen stärkt und ermöglicht, herausfordernden Verhaltensweisen bei Kindern bedürfnisorientiert zu begegnen.
Die Autorinnen räumen gleich zu Beginn ihrer Ausführungen mit den Mythen, die sich rund um die BoP ranken, auf. Denn in den sozialen Medien wie auch in verschiedenen Blogs und Diskussionen wird die bedürfnisorientierte Pädagogik verkürzt und damit oft verzerrt dargestellt. Wenig beachtet wird in diesen Diskussionen und Beiträgen, dass in der BoP die Grenzen aller, pädagogischer Fachkräfte und Kinder, wahrgenommen und beachtet werden und pädagogische Fachkräfte durchaus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung nachkommen und damit auch Grenzen setzen. Es ist die Art und Weise, die den Unterschied macht. Ob Grenzen machtvoll, grenzverletzend und willkürlich durchgesetzt werden oder ob Grenzen, auch zum Schutz der Kinder, gewahrt und geachtet werden und wie diese kommuniziert werden. Oft genug wird die bedürfnisorientierte Pädagogik mit einem laissez fairen Erziehungsstil gleichgesetzt. Wer hier Argumente sucht und erfahren möchte, was bedürfnisorientierte Pädagogik ist und was nicht, findet hier wissenschaftlich fundierte Antworten.
Mit dem Buch erhalten pädagogische Fachkräfte einen fundierten, praxisnahen Einblick in die Grundlagen der BoP. Sie erfahren, wie sie die bedürfnisorientierte Pädagogik in der Kita verankern. Ziel der Autorinnen ist es, die BoP als Ansatz und Haltung in den Kitas zu etablieren. Dabei wissen sie um die Herausforderungen, mit denen Pädagogen tagtäglich zu tun haben. Doch gerade dabei kann die BoP helfen und die Lösung „für die aktuellen pädagogischen Herausforderungen“ (ebd.) sein. Eine besondere Herausforderung für pädagogische Fachkräfte, Leitungen und Teams in den Kitas dürfte die veränderte Sichtweise und damit die Veränderung der eigenen Haltung sein, die die Auseinandersetzung mit der bedürfnisorientierten Pädagogik mit sich bringt. Es braucht die Bereitschaft zur Veränderung und Selbstreflexion, die für manch pädagogische Fachkraft auch schmerzhaft sein kann. Der Weg, der Veränderung und die Verankerung der bedürfnisorientierten Pädagogik, die die Interaktionsqualität die Bedürfnisse von Kindern, pädagogischen Fachkräften und Familien im Fokus hat, ist ein Prozess zu einem kindgerechten, gewaltbewussten, achtsamen Miteinander, den es lohnt zu gehen.
Fazit
Die Autorinnen vermitteln in diesem Buch kurz und bündig wissenschaftlich fundiertes Grundlagenwissen. Praxisnah und fundiert erläutern sie die BoP an einem Praxisbeispiel und beschreiben Schritt für Schritt den Weg der Implementierung in der Kita. Ein Buch, das pädagogische Fachkräfte ermutigt, sich auf den Weg der BoP zu machen beziehungsweise den bereits beschrittenen Weg der bedürfnisorientierten Pädagogik weiterzugehen.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
Website
Mailformular
Es gibt 103 Rezensionen von Alexandra Großer.





