Maike Rönnau-Böse, Klaus Fröhlich-Gildhoff: Resilienz im Kita-Alltag
Rezensiert von Alexandra Großer, 19.09.2025
Maike Rönnau-Böse, Klaus Fröhlich-Gildhoff: Resilienz im Kita-Alltag. Was Kinder stark und widerstandsfähig macht.
Verlag Herder GmbH
(Freiburg, Basel, Wien) 2025.
128 Seiten.
ISBN 978-3-451-03520-3.
D: 24,00 EUR,
A: 24,70 EUR,
CH: 26,00 sFr.
Reihe: Supplement.
Thema
In verschiedenen Bildungsplänen wird Resilienz als ein Förderschwerpunkt benannt. In ihrem Buch beschreiben Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff wie Kitas sich zu einer resilienzförderlichen Einrichtung entwickeln. Im Mittelpunkt steht dabei das Kind mit seinen Eltern und Lebensumfeld. Das Autorenteam vermittelt die Grundlagen von Resilienz und zeichnet mit seinen Bausteinen Schritt für Schritt nach, wie Kindertageseinrichtungen eine „nachhaltige Resilienzförderung in ihrer Einrichtung“ (S. 9) etablieren.
Autor:innen
Prof. Dr. Maike Rönnau-Böse ist Professorin für Pädagogik der Kindheit, Prodekanin am Fachbereich III Pädagogik und Supervision, Studiengangsleiterin Bachelor Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg und Co-Leiterin des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ). Ihrer Arbeitsschwerpunkte sind Resilienz, Gesundheitsförderung, Spieltherapie und Zusammenarbeit mit Eltern.
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff war von 2002 bis März 2020 Professor der Evangelischen Hochschule Freiburg. Er ist Gründer des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) und war bis August 2025 Leiter des Instituts.
Aufbau
Das Buch enthält mit Vorwort und Einleitung fünf Kapitel mit Unterkapitel. Die Kapitel sind didaktisch so aufgebaut, dass die Leser*innen, in einem grün abgesetzten Kasten, in zusammengefassten Stichpunkten den Inhalt der Kapitel erfahren. Die meisten Kapitel enthalten am Ende der einzelnen Kapitel, in einem blau abgesetzten Kasten Tipps für die Praxis. In den Kapiteln selbst finden sich umrandete Kästen mit Wichtiges im Überblick sowie Grafiken.
Inhalt
Einführung des Resilienzbegriffs
Damit von Resilienz gesprochen werden kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. „Es besteht eine Risikosituation [und] diese Risikosituation wird von der betreffenden Person bewältigt“ (S. 12). Das Autorenteam bietet zunächst einen Überblick zu den verschiedenen Definitionen von Resilienz sowie der Resilienzforschung. Zu Beginn der Forschungen lag der Fokus auf den Risikofaktoren, später rückten die einzelnen Schutzfaktoren in den Blick. Inzwischen weiß man, dass Schutzfaktoren „nicht einfach das Gegenteil von Risikofaktoren“ (S. 17) sind, sondern Risikofaktoren und „Schutzfaktoren in einer gegenseitigen Wechselwirkung [zueinander] stehen und Resilienz das Ergebnis des Zusammenwirkens beider Faktoren ist“ (ebd.). Im Anschluss gehen Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff auf die Resilienzfaktoren ein, die Kinder in der Beziehung mit ihrer Umwelt und durch die erfolgreiche Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben erwerben (vgl. S. 19). Insgesamt konnte Maike Rönnau-Böse sechs Kompetenzen ausmachen, die als Resilienzfaktoren zählen und die bei Kindern gefördert und unterstützt werden können:
- Selbst- und Fremdwahrnehmung
- Selbststeuerung
- Selbstwirksamkeit
- Soziale Kompetenz
- Adaptive Bewältigungskompetenz und
- Problemlösen (vgl. S. 20).
Kitas als Sozialisationsinstanzen und gesundheitsförderliche Orte für Kinder und Eltern
Anhand der KiGGS-Studie, weisen die Autoren nach, dass in 2017 „17 % der Kinder psychische Auffälligkeiten“ (S. 23) zeigten und es viele Kinder mit „erheblichen gesundheitlichen Belastungen gibt“ (ebd.). Kindertageseinrichtungen kommt als Bildungsinstitutionen die Aufgaben zu präventiv zu arbeiten, um Auffälligkeiten entgegenzuwirken (vgl. S. 24). Insgesamt haben Kindertageseinrichtungen ein großes Aufgabenspektrum zu bewältigen. Ein besonderes Augenmerk legt das Autorenteam auf die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Eltern. Aus den vielfältigen Aufgaben, die pädagogische Fachkräfte zu bewältigen haben, ergibt sich, dass Kitas wichtige „Sozialinstanzen sowie Lern- und Lebensorte für Kinder und ihre Eltern“ (S. 25) sind. In diesem Zusammenhang steht ebenfalls die Vernetzung und Kooperation mit anderen Institutionen im Lebensumfeld der Kinder und Eltern im Fokus. Am Ende des zweiten Kapitels zeigen Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff auf, welche verschiedenen Präventionsmaßnahmen es gibt.
Bausteine zur Förderung von Resilienz
In diesem Abschnitt beschreibt das Autorenteam in fünf Bausteinen, wie Leitungen und Teams ihre Kita zu einer resilienzförderlichen Kita entwickeln.
Baustein 1 beschreibt die Leitbild- und Zielentwicklung mit der SWOT-Analyse im Team.
In Baustein 2 fordert das Autorenteam die pädagogischen Fachkräfte auf zunächst eine Ist-Analyse auf resilienzförderliche Komponenten im Alltag durchzuführen. Sowie die verschiedenen Programme, die in der Kita durchgeführt werden einer Prüfung zu unterziehen, ob und wie sie bereits die Resilienz der Kinder fördern. In manchen Kitas reicht „eine Umstrukturierung des Alltags“ aus (S. 39) in anderen Kitas „sollten dagegen ganz neue Angebote eingeführt werden“ (ebd.). Entscheidend bei der Resilienzförderung und als auch Basis der Resilienzförderung ist die positive „Beziehung der pädagogischen Fachkraft zu dem Kind“ (S. 40). Zur Förderung der Resilienz führen Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff einige Präventions- und Resilienzförderprogramme aus. Darunter auch PRiK – Prävention und Resilienzförderung in der Kindertagesstätte, welches sie mit den sechs Schutzfaktoren und Zielen ausführlicher darstellen.
Mit Baustein 3 widmen sich Autor und Autorin der Zusammenarbeit mit den Eltern. Pädagogische Fachkräfte haben hier die Aufgabe die „familiären Schutzfaktoren“ (S. 54) der Familie zu unterstützen. In einem Infokasten führen sie vier Basiskompetenzen auf, die Eltern haben sollten. Kitas können Eltern dabei unterstützen diese zu entwickeln bzw. „(wieder) zu entdecken“ (S. 55). Neben Reflexionsimpulsen zur Zusammenarbeit mit Eltern geben sie Einblick in den Elternkurs „Eltern stärken in Kitas“ (S. 64).
In Baustein 4 gehen Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff auf den Bereich der Netzwerkbildung ein. Sie erläutern, wie „Netzwerke die Resilienzförderung unterstützen, welche Chancen und Vorteile gute Netzwerke“ (S. 67) bieten und wie diese aufgebaut werden können. Unterschieden werden:
- „Netzwerke der Kita mit anderen Institutionen
- Netzwerke für Kinder und deren Eltern
- Netzwerke für Eltern untereinander und
- Netzwerke für Kinder untereinander“ (S. 69).
Für den Aufbau von Netzwerken formuliert das Autorenteam allgemeine Anforderung und geht beispielhaft auf den Aufbau von Netzwerken zwischen Kita und einer Beratungsstelle sowie Netzwerken unter Eltern ein.
Baustein 5 beschäftigt sich mit der Überprüfung und Auswertung der Maßnahmen und Angebote. Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff erläutern, dass die „Wirkung und Effekte einer Intervention bzw. eines Programms“ (S. 75) von vielen Faktoren abhängt, „die einen Einfluss auf das Geschehen haben“ (ebd.). Sie raten pädagogischen Fachkräfte daher „das Geschehen mit einem ganzheitlichen Blick zu erfassen“ (ebd.), indem das Angebot anhand von Beobachtungsverfahren als auch mit Fragebögen vor, während und nach dem Angebot evaluiert wird. Anhand des Kinderkurses zur Resilienzförderung zeigen sie beispielhaft die Evaluation vor und nach dem Kurs auf. In diesem Zusammenhang gehen sie näher auf den Beobachtungsbogen PERiK – Positive Entwicklung und Resilienz im Kindergartenalltag, der vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz entwickelt wurde, ein. Im Anschluss daran erklären sie, wie die Evaluationen genutzt werden können, um individuelle Stärkeprofile für Kinder zu formulieren. Als Beispiele finden sich zwei Stärkeprofile von Kindern in blauen Kästen. Ebenso kann die Zusammenarbeit mit Eltern durch schriftliche Befragung und „Interviews oder Diskussionsrunden“ (S. 81) evaluiert werden.
Förderung von Resilienz und seelischer Gesundheit im Fachkräfte-Team
Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff gehen in diesem Abschnitt sehr allgemein auf die körperliche und seelische Gesundheit pädagogischer Fachkräfte ein. Anhand verschiedener Studien zeigen sie auf, dass sich die Belastungen pädagogischer Fachkräfte anhand verschiedener Faktoren erhöht haben. Zu den Faktoren gehören beispielsweise Personalmangel, Zeitdruck, die Arbeit mit den Kindern beziehungsweise Eltern, Einkommen und Rahmenbedingungen sowie körperliche Belastungen. Während die Datenlage der Studien hier ein einheitliches Bild zeigen, scheint die Datenlage „zum Stresserleben und zu Burnout-Symptomen uneinheitlich“ (S. 87). Was sich jedoch in allen Studien zeigt, ist die hohe Arbeitszufriedenheit der pädagogischen Fachkräfte mit ihrem Beruf. Das Autorenteam unterscheidet bei den „Maßnahmen zur Gesundheitsförderung“ (S. 91) zwischen verhaltensbezogenen und verhältnisbezogenen Maßnahmen. Mit einem Impuls zur Analyse zur Gesundheitsförderung in der Einrichtung endet der Abschnitt.
Zusammenfassende Schlussfolgerungen
Das Autorenteam resümiert nochmals die wichtigsten Punkte der Resilienzförderung. Neben den sechs Schutzfaktoren stellen sie nochmals grafisch den Weg zu einer resilienzförderlichen Kita dar.
Diskussion
Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff geben mit dem Buch einen guten Einblick in die Resilienzförderung von Kindern in der Kita. Pädagogische Fachkräfte erhalten eine wissenschaftlich fundierte Einführung in die „systematische Förderung der Resilienz“ und Entwicklung einer resilienzförderlichen Kita. Die Bausteine, die das Autorenteam ausführlich beschreiben, führen Kindertageseinrichtungen Schritt für Schritt an die Umsetzung heran. Aus systemischer Perspektive nehmen Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff die gesamte Kita und ihr Umfeld in den Fokus. Die Förderung der Resilienz bezieht sich nicht nur auf die Kinder in der Kita, sondern auch auf deren Eltern, ihr Lebensumfeld und die pädagogischen Fachkräfte.
Im vierten Kapitel Förderung von Resilienz und seelischer Gesundheit im Fachkräfte-Team bleiben sie bei den Maßnahmen sehr allgemein und verweisen auf weitere praxisorientierte Literatur zur Förderung von „Gesundheitsressourcen“. Nach der praxisnahen Beschreibung und den konkreten Impulsen zur Förderung der Resilienz in der Kita im Alltag, wurde hier die Chance vertan pädagogischen Fachkräften Praxisimpulse für die eigene Resilienz- und Gesundheitsförderung im Alltag an die Hand zu geben. Es wäre, gerade in einer überarbeiteten Auflage, wünschenswert gewesen, dieses Kapitel um praktische Impulse zu erweitern. Im Gesamtblick ist es richtig, dass die Kita ein umfassendes Gesundheitsmanagement etabliert, stellt doch die „Resilienz der Fachkräfte […] die Basis für eine gelingende Unterstützung der Kinder dar“ (S. 10) und damit die „Gesundheit der pädagogischen Fachkräfte“ (ebd.), wie das Autorenteam in der Einleitung betont. Dafür, dass die Gesundheit und Resilienz der pädagogischen Fachkräfte die Basis darstellen, sind die Faktoren für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung zwar benannt, bleiben jedoch, wie gesagt, zu allgemein. Sie sind mehr als Hilfestellung zur Analyse gedacht, um das bisherige Gesundheitsmanagement zu reflektieren und gezielte Veränderungen herbeizuführen. Dies erfordert die Einbeziehung aller Akteure auf der Organisationsebene der Kita.
Teils bekommen pädagogische viele Impulse und Ideen zur Umsetzung, gleichzeitig erfordert es von Leitungen und Teams sich mit dem Thema Resilienz auf allen Ebenen auseinanderzusetzen. Besonders hilfreich ist die Istanalyse, die am Anfang der Bausteine beschrieben ist. Denn in vielen Einrichtungen wird hier schon viel gemacht, ohne dass es den Fachkräften bewusst ist. Die Evaluationsmethoden, die das Autorenteam in Baustein 5 benennt, sind für viele Kitas nicht unbekannt, und sollten teilweise in der Praxis umgesetzt sein. Sind sie doch Teil des Qualitätsmanagements und der Beobachtung und Dokumentation in den Kitas. Auch das Stärkenprofil dürfte durch die gemeinsame Arbeit mit den Kindern am Portfolio bekannt sein. Mit den Ausführungen des Autorenteam rücken diese wieder mehr ins Bewusstsein.
Ihrem Ziel mit dem Buch „Fachkräfte im Bereich der frühkindlichen Bildung […] zu ermutigen, gezielt die seelische Widerstandskraft (Resilienz) bei Kindern in der […] Kindertageseinrichtung zu fördern“ werden die Autorin und der Autor gerecht. In den meisten Bildungsplänen zählen die sechs genannten Schutzfaktoren zu den Basiskompetenzen, in manchen Bildungsplänen, wie beispielsweise im bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan, zählt Resilienz zu den Basiskompetenzen, die in der Kita gefördert werden sollen. Mit dem Konzept des Autorenteams lässt sich zum einen überprüfen, welche Basiskompetenzen bereits wie gefördert werden, gleichzeitig werden diese mit der Umsetzung des Konzepts gefördert.
Fazit
Mit der ausführlichen und praxisorientierten Beschreibung zur Resilienzförderung der Kinder bekommen pädagogische Fachkräfte Impulse und Ideen an die Hand, wie sie diese individuell in ihrer Kita implementieren können.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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