Inke Hummel, Lea Wedewardt et al.: Haltung zeigen für demokratische Werte
Rezensiert von Nicole Leinenbach, 29.07.2025
Inke Hummel, Lea Wedewardt, Fea Finger, Anja Cantzler, Anna Evers u.a.:Haltung zeigen für demokratische Werte in Kita, Ganztag und Schule. Klett Kita GmbH (Stuttgart) 2025. 96 Seiten. ISBN 978-3-96046-344-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
Thema
„Demokratie ist die einzige Staatsform, die gelernt werden muss“, darauf machte der Soziologe Oskar Negt bereits 2004 aufmerksam. Die Brisanz und Dringlichkeit haben sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert. Im Gegenteil: in Zeiten zunehmender Polarisierung und dem Erstarken populistischer Kräfte, wird es immer wichtiger, dass Menschen „Haltung zeigen für demokratische Werte.“ So lautet auch der Titel des Sammelwerkes und es richtet sich an Fachkräfte in Kita, Ganztag und Schule.
Im Juni 2025 im Klett-Kita-Verlag Stuttgart erschienen, behandelt es ein hoch aktuelles Thema, das die Gesellschaft an vielen Stellen beschäftigt und dabei auch nicht vor der frühen Bildung Halt macht. Denn „pädagogische Arbeit ist politisch – ob wir wollen oder nicht“ (S. 6).
Autor:in oder Herausgeber:in
Mehrere Autor:innen haben Beiträge zum Sammelwerk beigetragen. Alle haben einen pädagogischen Hintergrund als Kindheits- oder Sozialpädagog:innen, Psycholog:innen oder Erzieher:innen. Viele sind im Arbeitsfeld als Bildungsreferent:in, Dozent:in oder Speaker:in bekannt. Auch renommierte Autorinnen wie Inke Hummel und Anja Cantzler, die durch zahlreiche Publikationen bekannt geworden sind, haben ein Kapitel beigetragen.
Entstehungshintergrund
Das Buch „Haltung zeigen für demokratische Werte“ ist eine Neuerscheinung und ergänzt das reichhaltige Angebot des Verlages zu den Themen Kinderrechte, Kinderschutz und Demokratiebildung.
Aufbau
Das Werk enthält acht Artikel verschiedener Autor:innen. Darüber hinaus gibt es Exkurse z.B. zu „Mythen der Pädagogik“ oder „diskriminierungsfreien Wortschatz.“ Weiterführende Literatur und der Hinweis auf Podcasts zum Thema bieten den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, sich entsprechend weiter zu informieren.
Jedes Kapitel ist ähnlich aufgebaut: nach einem einführenden Text, wird das jeweilige Thema genauer definiert, beschrieben und betrachtet und mit dem Arbeitsfeld in Verbindung gebracht. Fachbegriffe werden an den entsprechenden Stellen aufgegriffen und separat definiert. Jedes Kapitel enthält mehrere Reflexionsfragen, die im Team oder in der Selbstreflexion bearbeitet werden können. Ein passender Expuls rundet das Kapitel ab.
Inhalt
Das Sammelwerk behandelt das Thema demokratischer Bildung aufeinander aufbauend und verfolgt dabei stringent die Anforderungen an die Praxis und die daraus resultierenden Konsequenzen. An das Vorwort, das die Bildungseinrichtungen an ihre Verantwortung, Vorbild für demokratische Prinzipien zu sein erinnert, schließen sich folgende Kapitel an:
- Pädagogik ist politisch (Inke Hummel)
- Demokratie will gelernt sein (Fea Finger)
- Beziehung statt Härte (Kathrin Hohmann)
- Exkurs: Mythen der Pädagogik (Ramona Noll)
- Das demokratische Leitbild (Anja Cantzler)
- Orte der Vielfalt (Sebastian Lisowski)
- Demokratisches Vorbild sein (Sarah Bauer)
- Exkurs: Selbstmitgefühl als Grundlage für Toleranz (Nadine Köster)
- Mut und Solidarität sind ansteckend (Sandra Richter)
- Exkurs: Diskriminierungsfreier Wortschatz (Katharina Spangler)
- Diskriminierung begegnen (Lea Wedewardt)
- Exkurs: Was passiert, wenn wir nichts tun? (Anna Evers)
Bereits im ersten Kapitel weist Inke Hummel darauf hin, dass Bildungseinrichtungen, von Kita, über Schule und Ganztagsbetreuung politisch sind und die „gelebte pädagogische Haltung ideologiefrei, aber keinesfalls neutral ist“ (vgl. S. 14). Exklusion und Diskriminierung dürfen nicht ignoriert werden und es ist Pflicht und Verantwortung der Pädagog:innen dagegen vorzugehen.
Fea Finger behandelt in ihrem Beitrag das Recht auf Partizipation und macht auf das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern aufmerksam. Adultismus ist in dieser Beziehung immer vorhanden: die Reflexion und das konkrete Bemühen der Fachkräfte, adultistische Verhaltensweisen zu reduzieren, steht im Mittelpunkt des Kapitels. Dabei räumt sie mit einem verbreiteten Missverständnis auf, nämlich dass Partizipation nicht bedeutet, dass Kindern jederzeit und unmittelbar alles recht gemacht wird. „Partizipation bedeutet vielmehr, Strukturen zu schaffen, die es ermöglichen, dass jedes Kind für sich selbst entscheiden kann, ohne dass alles drumherum ins Wanken gerät“ (S. 23). Durch „echte Teilhabe“ spüren Kinder Gleichwürdigkeit und erfahren Selbstwirksamkeit. Schritt für Schritt erlangen Kinder ein demokratisches Grundverständnis. Diese Haltung erfordert von den Erwachsenen mehr Kraftanstrengungen, denn sie erleben, dass ihr Handeln hinterfragt wird. Merkmal und Grundprinzip einer demokratischen Gesellschaft.
Sandra Richter macht in ihrem Beitrag darauf aufmerksam, dass Mut und Solidarität ansteckend sind. Unser aller Verantwortung ist es, „das Haus der Demokratie zu schützen“ (vgl. S. 66), da es durch „Populismus, Hass, Hetze und Diskriminierung“ (ebd.) ins Wanken gerät. Sie beschreibt wie Schweigen und Untätigkeit, Unrecht legitimieren und die Lerneffekte für Betroffene und Kinder, die solche Situationen miterleben. Da Menschen ihr Umfeld sehr genau beobachten, erlangen sie Kenntnisse zum vorhandenen „Meinungsklima“ (S. 67). Richter orientiert sich an der „Theorie der Schweigespirale“ von Elisabeth Noelle-Neumann und skizziert das Phänomen, das aktuell in allen Gesellschaftsschichten beobachtbar ist. Populismus und Diskriminierung erfahren kaum Widerrede und die jeweiligen Vertreter der Positionen werden lauter, fordernder und dominanter, da sie sich als Mehrheit wahrnehmen. Dies führt wiederum dazu, dass die Gegenstimmen leiser werden. Haltung zeigen bedeutet also Verantwortung übernehmen und Position beziehen, um Vorbild zu sein für die Demokraten von morgen.
Was passiert, wenn das nicht geschieht, schildert Anna Evers in ihrem Exkurs. Ihr flammender Appell warnt vor einer Rückkehr zur autoritären Erziehung und dem Verlust von Kinderrechten und Vielfalt. Die Gefahr einer Gesellschaft, die Gehorsam und Anpassung verlangt, besteht in Frustration und Aggression, die sich zumeist gegen die verhassten Minderheiten wendet und nach und nach eine gespaltene Gesellschaft erzeugt, in der Angst, Unterdrückung, Intoleranz und Misstrauen herrschen. Wenn Kinder Erfahrungen machen, dass sie gesehen und gehört werden, einen „Wertekompass“ erleben, der „Vielfalt, Mitgefühl und Respekt als zentrale Pfeiler“ (S. 85) ausweist und in einem demokratisch geprägten Umfeld in Familie, Gesellschaft und Bildungseinrichtungen aufwachsen, dann siegt die Demokratie und hat Bestand.
Diskussion
Das vorgestellte Buch widmet sich einem gesellschaftlich wichtigen Thema: der Erhaltung der Demokratie und der Verantwortung der Bildungseinrichtungen. Es baut thematisch aufeinander auf und ein roter Faden ist gut erkennbar: von den Anforderungen, die sich aus Gesetzen, Kinderrechten und Bildungsplänen ergeben, über die Erläuterung von Wirkmechanismen von Diskriminierung und Populismus und präventiven Möglichkeiten durch Leitbilder und Konzepte, bis hin zu konkreten Maßnahmen, entschieden einzustehen.
Die Artikel sind flüssig geschrieben und gut lesbar. Sie motivieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen und stets weiterzulesen. Für die Auseinandersetzung sind die Reflexionsfragen am Ende jedes Kapitels hilfreich und regen die Fachkräfte an, in den Dialog zu treten. Die Hinweise auf weiterführende Literatur, Links und Podcasts zum Thema sind unterstützend.
Leider etwas zu sehr an der Oberfläche bleibt das Kapitel zum demokratischen Leitbild. Es führt an, dass die Entwicklung eines Leitbildes von allen Teammitgliedern getragen werden sollte, jedoch das Konkrete bleibt außen vor. Die Leitbildentwicklung und die Formulierung von Selbstverpflichtungserklärungen sind Prozesse, die schwierig sind: es wird um Vereinbarungen, Regelungen, Worte und Maßnahmen gerungen und dann muss es noch gelebt werden. Dieser schwierige, aber wichtige Prozess wird in dem Kapitel leider nur angekratzt.
Insgesamt fällt auf, dass sich das Buch stark an die Fachkräfte richtet und sie sich ihrer Vorbildwirkung bewusstwerden. Vernachlässigt wird, dass auch Leitungen eine große Verantwortung haben, damit die Pädagog:innen für demokratische Werte einstehen können: das Führungsverständnis und -verhalten der Leitungsebene muss ebenfalls von einem demokratischen Grundverständnis geprägt sein, indem Mitbestimmung, Toleranz, Achtung, Vielfalt und Wertschätzung selbstverständlich sind. In einer demokratischen Teamkultur erleben die pädagogisch Tätigen ihre Gleichwürdig- und Selbstwirksamkeit, die sie aus diesem Klima heraus an die Kinder weitergeben können.
Auch die Verantwortung der jeweiligen Träger bleibt im Sammelband unbeleuchtet. Das demokratische Grundverständnis muss auf allen Ebenen handlungsleitend sein und einen roten Faden darstellen. Damit die Bildungseinrichtungen ihrer hohen Verantwortung nachkommen können, braucht es starke Leitungen und Träger, verantwortungsvolle Fachkräfte und eine Politik, die gute Bedingungen schafft für die wichtige Aufgabe täglich Haltung zu zeigen für demokratische Werte.
Fazit
Der Sammelband „Haltung zeigen für demokratische Werte“ ist ein lesenswertes und praxisnahes Fachbuch für Pädagog:innen von der frühen Bildung bis zur weiterführenden Schule. Es appelliert eindrücklich an die pädagogisch Tätigen, ihrer Verantwortung und Vorbildfunktion gerecht zu werden und einzustehen für Demokratie und Vielfalt – jeden Tag.
Quellenangaben
Evers A. (2025): Was passiert, wenn wir nichts tun? In: Haltung zeigen für demokratische Werte; S. 84–85; Stuttgart: Klett Kita GmbH
Finger F. (2025): Demokratie will gelernt sein; In: Haltung zeigen für demokratische Werte; S. 19–27; Stuttgart: Klett Kita GmbH
Hummel I. (2025): Pädagogik ist politisch; In: Haltung zeigen für demokratische Werte; S. 9–17; Stuttgart: Klett Kita GmbH
Richter S. (2025): Mut und Solidarität sind ansteckend; In: Haltung zeigen für demokratische Werte; S. 65 -71; Stuttgart: Klett Kita GmbH
Rezension von
Nicole Leinenbach
Sozialpädagogin, Bildungs- und Sozialmanagement B. A., Leitung Fachberatung Bezirk Saarland, Caritasverband f. d. Diözese Trier e. V.
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