Marcus Schnuck: Changemanagement in der Kita
Rezensiert von Alexandra Großer, 19.12.2025
Marcus Schnuck: Changemanagement in der Kita. Veränderungsprozesse aktiv und nachhaltig gestalten. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2025. 144 Seiten. ISBN 978-3-451-03594-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 23,80 sFr.
Thema
Kindertageseinrichtungen unterliegen einem kontinuierlichen Wandel. Veränderungen gehören zum Alltag einer Kindertageseinrichtung dazu. Jedes Jahr kommen neue Kinder und Eltern in die Kita, Teamzusammensetzungen verändern sich und damit auch die pädagogische Praxis. Veränderungen entstehen auch durch den Umzug in neue Häuser und/oder neuere pädagogische Ansätze. Das Buch beschreibt praxisorientiert wie Veränderungsprozesse in der Kita gestaltet und gesteuert werden, wie diese mit dem Qualitätsmanagement und Konzeptionsweiterentwicklung zusammenhängen und verbunden werden.
Autor
Marcus Schnuck ist gelernter Erzieher, studierter Soziologe/Pädagoge (M. A.). Er ist anerkannter systemischer Berater und Supervisor (SG). Er arbeitet freiberuflich als Supervisor und coacht und berät Führungs- und Leitungskräfte sowie Teams bei Veränderungsprozessen.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel mit Unterkapiteln. Jeder Kapitelbeginn enthält Stichpunkte zum Inhalt des Kapitels. Im Text selbst finden sich Grafiken, Tabellen, grau abgesetzte Kästen mit Erklärungen, Praxisbeispielen, Grundlagen, Definitionen.
Inhalt
1. Wissensgrundlagen zum Change-Management
Zunächst erklärt der Autor, dass es für den Begriff Change-Management „keine einheitliche Definition“ (S. 8) gibt. Für das Buch legt er die Definition von Keller zugrunde. Gleichzeitig unterscheidet der Autor zwischen Change-Management und Organisationsentwicklung und grenzt diese voneinander ab. Seine Erklärungen verbindet Marcus Schnuck mit Praxisbeispielen. Er stellt fest, dass Kindertageseinrichtungen einem kontinuierlichen Wandel unterliegen, beispielsweise durch mehr Partizipation der Kinder im Alltag als auch im Team oder durch „den Ausbau von Betreuungsplätzen“ (S. 12). Von Veränderungsprozessen betroffen sind die Menschen als auch die „Strukturen (Abläufe, Regeln und Regelungen, Verantwortlichkeiten, etc.)“ (S. 14). Im Mittelpunkt von Veränderungsprozessen stehen für den Autor die Kinder. Sie sind mit ihren Eltern, neben den Mitarbeiter*innen, die indirekten bzw. direkten Hauptbetroffenen. Des Weiteren macht der Autor deutlich, dass Veränderungsprozesse „zirkulär [sind] […]. die in Schleifen [verlaufen], bei denen es vorwärts, rückwärts und seitwärts geht“ (S. 15). Es gibt vielfältige Anlässe, die zu einem Veränderungsprozess führen. Diese können von Außen, beispielsweise durch den Träger an die Einrichtung herangetragen werden oder sich von Innen heraus, beispielsweise durch Veränderungen im Team, ergeben (vgl. S. 17).
2. Grundlogik der Gestaltung von Veränderungsprozessen
„Das Ziel von Veränderungsprozessen ist die Bewältigung von jeweils konkreten Problemen“ (S. 33). Am Anfang des Veränderungsprozesses steht die gemeinsame Vision einer Zukunft, in der zunächst alles möglich erscheint, die zum Träumen einlädt. Auf die Vision folgt die Erarbeitung eines gemeinsamen Leitbilds. Diese beiden Aspekte bieten im Veränderungsprozess, der in Schleifen verläuft und oft zu Unsicherheiten führt, Orientierung. Marcus Schnuck beschreibt die einzelnen Phasen des Veränderungsprozesses zunächst linear, wohlwissend, dass dieser zirkulär, in Schleifen verläuft sowie mit Umwegen als auch Rückschritten verbunden ist. Aus den Visionen und dem Leitbild lassen sich Ziele entwickeln, sowie Maßnahmen ableiten, die in der Umsetzung dieser münden. Zur Gestaltung eines Veränderungsprozesses zieht der Autor das Phasenmodell nach Schiersmann und Thiel heran, welches er mit seinen Wirkprinzipien beschreibt. Im Anschluss führt Marcus Schnuck die Gelingensfaktoren aus, die es in Veränderungsprozessen zu beachten gilt. Ein besonderes Augenmerk legt er auf die Themen Widerstände und Emotionen. Anhand der Change-Kurve zeigt er die verschiedenen Reaktionen von Teammitgliedern auf Veränderungen auf. Es gilt aus Betroffenen Beteiligte zu machen, indem sie an der Gestaltung des Change-Prozesses beteiligt werden. Doch nicht nur die Mitarbeitenden können im Veränderungsprozess beteiligt werden, sondern auch die Kinder der Einrichtung. Der Autor führt dazu in den Kinderperspektivenansatz „Achtung Kinderperspektive“ (S. 75) ein. Ein weiterer Fokus liegt auf der Rolle der Leitung im Change-Prozess. Sie ist es, die durch den Change-Prozess führt, die Mitarbeitenden motiviert und Visionen lebendig werden lässt. Marcus Schnuck weist daraufhin, dass die Leitung dies nicht allein machen muss. Sie kann und darf sich dafür externe Beratung und Unterstützung holen.
3. Die pädagogische Konzeption als Instrument zur Steuerung von Veränderungsprozessen
Zu Beginn erläutert der Autor die Grundlagen einer Konzeption und ihre Aufgaben. Die Konzeption beschreibt demnach den Konsens eines Teams und den Weg, den man zur Umsetzung der theoretischen Grundlagen in der Praxis wählt. Die „Konzeption verbindet Theorie und Praxis“ (S. 90) und beschreibt, „was man tut und was man lässt“ (S. 91). Marcus Schnuck kritisiert die bestehenden Modelle zur Konzeptionsentwicklung (vgl. ebd.). Diese gehen oft linear vor und missachten die Zirkularität des Konzeptionsentwicklungsprozesses, die der Autor anschließend beschreibt. Eine Besonderheit an der zirkulären Konzeptionsentwicklung ist die Umsetzung der fertig verschriftlichten Punkte, die in einem Abstand von ein paar Wochen reflektiert werden. Hat sich dieser Punkt im Alltag bewährt, wird er „in die Konzeption aufgenommen“ (S. 94). Damit erfährt die Konzeption eine praxisorientierte und reflektierte Überarbeitung beziehungsweise Weiterentwicklung.
4. Das Qualitätsmanagement als Instrument zur Steuerung von Veränderungsprozessen
Eingangs legt der Autor Ziel und Funktion des Qualitätsmanagements dar und stellt fest, dass Qualität „durch Menschen und ihre Handlungen hergestellt wird“ (S. 107). Ziel des Qualitätsmanagements ist die Reflexion, Weiterentwicklung und Verbesserung der fachlichen Arbeit. Dies geschieht mittels Qualitätsmanagementprozessen. Der Autor stellt hier den PDCA-Zyklus nach Edward Deming vor. Der darin besteht zu planen, umzusetzen, zu überprüfen und anzupassen (vgl. S. 110). Anschließend zieht er Parallelen zum „phasenorientierten Prozessmodell“ (S. 111). Nachfolgend stellt er einen Zusammenhang zwischen „dem Qualitätsmanagement und der pädagogischen Konzeption“ (S. 112) her, der „grundsätzlich darin [besteht], dass beide auf die Qualitätsentwicklung und die Kontrolle der Qualität abzielen“ (ebd.). In der Praxis, so der Autor, lassen sich beide Systeme ohne Mehraufwand gut miteinanderverbinden.
5. Konzeptionsentwicklung und QM zusammen denken, um Veränderung praxisnah zu gestalten
Zunächst geht Marcus Schnuck auf die zwei Wege ein, die im Qualitätsmanagement beschritten werden. Im Top-down-Verfahren geben beispielsweise der Träger, mit einem Trägerleitbild oder einer Rahmenkonzeption, oder Behörden vor, was in der Einrichtung umgesetzt wird. Das Bottom-up-Verfahren orientiert „sich an den Prinzipien der Organisationsentwicklung“ (S. 116) und findet im Dialog mit allen Beteiligten statt. Dabei spielt die pädagogische Konzeption eine bedeutende Rolle. Der Autor weist daraufhin, „dass die pädagogische Konzeption den Fokus auf das richtet, was man machen möchte“, während der Schwerpunkt im Qualitätsmanagement auf das gerichtet ist, „was man tatsächlich macht“ (S. 117). Marcus Schnuck sieht zwischen pädagogischer Konzeption und Qualitätsmanagement eine gute Ergänzung (vgl. ebd.). Abschließend zeigt der Autor, die Vorteile auf, die in der Verbindung von Change-Management, Qualitätsmanagement und Konzeptionsentwicklung beziehungsweise ihrer Weiterentwicklung liegen.
Diskussion
Marcus Schnuck denkt von der Praxis aus. Dieser Gedanke zieht sich mit der Kita Sonnenschein durch das ganze Buch. Anhand dieser Beispielkita verdeutlicht er praxisnah verschiedene Aspekte des Change-Managements, des Qualitätsmanagements und der Konzeptionsweiterentwicklung, die er zusammendenkt. Zunächst beschreibt er jedes System für sich, führt in die Grundlagen ein und definiert deren Ziele und Absichten. In weiteren Schritten zeigt er die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Prozessen auf und ihre verbindenden Elemente. Besonders bemerkenswert ist die zirkuläre Sichtweise auf die verschiedenen Prozesse, vor allem auf die Konzeptions(weiter)entwicklung. Konzeptionsentwicklung zirkulär zu betrachten und Punkt für Punkt umzusetzen und auf die Umsetzbarkeit als auch Optimierung zu prüfen, bringt eine neue Perspektive in die Praxis der Konzeptionsentwicklung ein. Diese wurde bisher linear gedacht und bearbeitet. Die Zirkularität der beschriebenen Prozesse im Changemanagement, im Qualitätsmanagement und Konzeptionsentwicklung beziehungsweise Weiterentwicklung stellt das verbindende Element dar. So lässt sich dann auch die Konzeptionsweiterentwicklung für die Ergebnisdokumentation im Qualitätshandbuch nutzen und die Change-Prozesse für die Konzeptionsweiterentwicklung. Ohne das für die Kita ein Mehraufwand entsteht, da alles mit allem verbunden ist. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Qualitätsmanagement und pädagogischer Konzeption. Während im Qualitätsmanagement der IST-Stand betrachtet wird ist die Konzeption Zukunftsorientiert und hält die zu erreichenden Ziele fest.
Dem Autor gelingt es Leitungen einen praxisnahen Leitfaden für Veränderungsprozesse an die Hand zu geben. Er nimmt sie mit auf die Veränderungsreise, weist auf Gelingensfaktoren hin und auf Stolpersteine, die am Wegesrand liegen. Er macht deutlich, dass Change-Prozesse auch den Sinn in der Arbeit wieder hervorheben können, der manchmal verloren erscheint. In Kapitel eins wird der Nutzen von Sinn und das Sinn erleben ausführlich dargestellt.
Durch seine systemische Sichtweise nimmt er, als indirekt oder direkt Betroffene von Veränderungsprozessen, auch die Kinder der Kita in den Fokus und erklärt mit dem Kinderperspektivenansatz, wie Kinder zum Veränderungsprozess und zur Qualitätsentwicklung beitragen können. Es ist diese Perspektive, die in der vorhandenen Literatur oft nicht berücksichtigt wird und leider auch zu wenig in der Praxis. Damit wird deutlich, dass es in Veränderungsprozessen nicht nur um die Partizipation der Mitarbeitenden geht, sondern eben auch von den Kindern, die ebenso von Veränderungen betroffen sind.
Wer bei Change-Management von großen Veränderungen ausgeht findet hier ebenso Antworten, wie bei den alltäglichen kleinen Veränderungen, die sich aus der alltäglichen Arbeit ergeben, wie beispielsweise die Forderung nach mehr Partizipation der Kinder in der Kita.
Indem Marcus Schnuck den Veränderungsprozess mit der Konzeptionsweiterentwicklung und dem Qualitätsmanagement verbindet, führt er Leitungen und Führungskräfte nicht nur in Change-Prozesse ein, sondern auch in die Prozesse der Konzeptionsentwicklung und des Qualitätsmanagements.
Durch die Beispielkita werden die theoretischen Prozesse lebendig. Damit fällt der Transfer in die eigene Arbeit und möglichen sich ergebenden Veränderungen leichter.
Fazit
Das Buch nimmt Leitungen und Führungskräfte an die Hand und führt sie praxisorientiert durch die kleinen alltäglichen als auch großen Veränderungsprozesse einer Kita. Es hilft zu verstehen worin die Stolpersteine bestehen und welche Widerstände Veränderungen auslösen. Es beschreibt ebenso weshalb es sich lohnt auch die Erfolge genauer zu betrachten.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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