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Hannah Winkler: Positive Pädagogik in der Kita

Rezensiert von Alexandra Großer, 16.12.2025

Cover Hannah Winkler: Positive Pädagogik in der Kita ISBN 978-3-451-00904-4

Hannah Winkler: Positive Pädagogik in der Kita. Kindergarten heute praxis kompakt. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2025. 48 Seiten. ISBN 978-3-451-00904-4. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 16,25 sFr.

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Thema

Hannah Winkler erläutert in dieser praxisorientierten Broschüre kurz und bündig die Grundlagen der positiven Pädagogik. Mit ihren Praxisbeispielen und Reflexionsimpulsen lädt sie die Leser*innen ein ihren Alltag zu hinterfragen. Sie zeigt Wege auf, wie die Kita zu einem Ort wird, an dem sich alle, pädagogische Fachkräfte, Kinder und Eltern, wohlfühlen. Sie erklärt, wie positive Pädagogik im Alltag umgesetzt werden kann, was sie bewirkt. Dabei geht es nicht darum nur die guten Gefühle zu verstärken, sondern alle Gefühle, auch die unangenehmen wahrzunehmen, und die Bedürfnisse hinter den Gefühlen zu erkennen.

Autor:in

Hannah Winkler ist Sozialpädagogin, Autorin und Referentin zu Themen der Frühpädagogik. Sie arbeitete als pädagogische Fachkraft in Krippen, Kindergarten und Hort und war als Redakteurin bei der Fachzeitschrift kindergarten heute tätig.

Aufbau

Die Broschüre enthält vier Kapitel mit Unterkapiteln sowie einen Anhang mit einem Interview mit der Leiterin Liana Schulz der Kita JuLKinder in Berlin. Jedes Kapitel beginnt mit einem Praxisbeispiel, welches im Text als auch durch Reflexionsimpulse aufgegriffen wird. Zudem wird jedes Kapitel mit Impulsfragen zum Thema eingeleitet. Zeichnungen, Fotografien aus dem Alltag und farbig abgesetzte Kästen lockern den Text auf. An den Seitenrändern befinden sich farblich gestaltete runde Kreise, die auf Praxisbeispiele, Literatur, Zitate, Tools, Links und Definitionen aufmerksam machen.

Inhalt

1. Einführung in die Positive Pädagogik

Hannah Winkler führt zunächst in die Entstehungsgeschichte der Positiven Pädagogik ein, die ursprünglich für das Schulsystem entwickelt wurde. Inzwischen verbreitet sich dieser Ansatz mehr und mehr in Kindertageseinrichtungen. Beeinflusst wird die Positive Pädagogik durch Erkenntnisse verschiedener Bezugswissenschaften, wie beispielsweise aus „Medizin, Ethik, Philosophie, Soziologie, Human- und Neurobiologie“ (S. 6) sowie Pädagogik und positiver Psychologie. Oft wird der positiven Pädagogik vorgeworfen nur die guten Gefühle zu beachten (vgl. S. 7). In der positiven Pädagogik geht es jedoch um alle Gefühle und die dahinterliegenden Bedürfnisse. Es geht darum, die als unangenehm empfundenen Gefühle wahrzunehmen, deren unbefriedigenden Bedürfnisse dahinter zu verstehen und mit diesen lernen umzugehen. Für die als angenehme empfundenen Gefühle gilt, diese zu verstärken. Die Autorin geht in diesem Zusammenhang konkret auf das „Bedürfnis nach Selbstbestimmung“ in Bezug auf die Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci ein und führt mit dem „Fit-Prinzip“ (S. 10) nach Remo Largo die Grundbedürfnisse und Kompetenzen im Zusammenhang mit der Umwelt weiter aus.

2. Die Defizitbrille ablegen

Die Autorin macht zunächst darauf Aufmerksam, dass wir alle einen „unsichtbaren Rucksack mit uns“ (S. 15) tragen, indem sich all unsere Erfahrungen, Überzeugungen, Glaubenssätze und „Erwartungen – an uns und an die Menschen in unserem Umfeld“ (ebd.) befinden. Zugleich wirken in uns „innere Antreiber“, die ebenso unser Verhalten beeinflussen. Hannah Winkler zeigt zurecht auf, dass wir die Inhalte unseres Rucksacks an die Kinder weitergeben. Durch Reflexion können wir jedoch beeinflussen, welche unserer Glaubenssätze wir weitergeben, durch welche Brille wir schauen, wenn wir die Verhaltensweisen von Kindern beurteilen. Wir haben alle gelernt durch die Defizitbrille zu gucken. Die Autorin plädiert dafür diese Defizitbrille abzulegen und auf das zu schauen, was Kinder bereits können, was sie gerade lernen. „Lernen setzt auch voraus, sich ausprobieren zu dürfen und Fehler zu machen“ (S. 18). Die Autorin plädiert dafür mit Fehlern konstruktiv umzugehen. Die Gefühle der Kinder zu verbalisieren und mit ihnen Alternativen überlegen, um Lösungen zu finden. Es geht darum die Resilienz von Kindern im Alltag zu fördern, die Belastungen ausfindig zu machen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Im Alltag gibt es unzählige Situationen, in denen sich Kinder anders Verhalten als wir es erwarten. Sie zeigen Verhaltensweisen, die in uns Stress auslösen, die wir nicht „gutheißen“ (S. 21). Hannah Winkler weist zum einen daraufhin, dass wir einen „Entscheidungsspielraum“ (ebd.) haben und zum anderen es darum geht den guten Grund für das Verhalten der Kinder zu finden. In Praxisbeispielen zeigt sie anschaulich, wie wir bei gleichen Verhaltensweisen von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich reagieren.

3. Wohlbefinden stärken

Kinder haben ein Recht darauf unglücklich zu sein (vgl. S. 25). Mit dem Recht unglücklich sein zu dürfen, schenken wir uns und Kindern, „die Freiheit [allen] Gefühlen Raum zu geben und zu entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen“ (ebd.). Im Eingangsbeispiel wird eine Eingewöhnung beschrieben, in der das Kind sehr trauert. Oft genug versuchen wir Kinder von ihrer Traurigkeit abzulenken. Damit sprechen wir Kindern ihre Gefühle ab, anstatt diese „anzusprechen […] auszuhalten“ (ebd.) und die Kinder in „diesen Momenten zu begleiten“ (ebd.). Hannah Winkler erläutert, wie es gelingen kann, dass Kindertageseinrichtungen das Wohlbefinden von Kindern und pädagogischen Fachkräften stärken. Dazu gehört die eigenen Bedürfnisse zu achten als auch die eigenen Stärken im Alltag mit den Kindern zu leben. Es geht darum bei Dingen, die uns wichtig sind, mitentscheiden zu können, Selbstwirksamkeit zu erleben, die eigenen Grenzen zu kennen, zu wahren, zu kommunizieren und miteinander Lösungen zu finden. Kinder lernen von uns Erwachsenen. Wenn Kinder erfahren, dass Erwachsene permanent über ihre Grenzen gehen, sie tagtäglich unzufriedener in die Kita gehen, ihre Bedürfnisse vernachlässigen und ihre Aufgaben mehr und mehr als Pflichterfüllung und ohne Freude verrichten, dann erleben sie, „dass das eigene Wohlbefinden zweitrangig ist“ (S. 26) und die Kita kein Ort für Wohlbefinden ist. Damit pädagogische Fachkräfte wieder aus der Opferrolle finden und handlungsfähig bleiben, zeigt Hannah Winkler fünf Strategien, die helfen eine positive Haltung zu entwickeln.

4. Positive Lernumgebungen schaffen

Zunächst erklärt die Autorin auf, wie durch flexibles Mobiliar, die Räume immer wieder neugestaltet und damit an die veränderten Bedürfnisse und Interessen der Kinder angepasst werden können, als auch, weshalb Räume flexibel gestaltbar sein sollten. In ihren weiteren Ausführungen nimmt sie das Team in den Fokus. Sie zeigt auf, wie Kitateams ihre Zusammenarbeit kreativer gestalten können. Sie hinterfragt Arbeitsabläufe im Tagesablauf sowie die Dienstplangestaltung und zeigt auf, wie dieser bedürfnisorientiert gestaltet werden kann. Einen weiteren Fokus legt die Autorin auf die Sprache, die wir im Alltag nutzen. Wie oft verwenden wir Sätze, die das Wort ‚Nicht‘ enthalten? Die Autorin lädt ein die eigenen Werte zu reflektieren, den Alltag auf ‚Nein-Sätze‘ zu analysieren und diese in „Ja-Botschaft[en] zu verwandeln“ (S. 41). Ein weiteres Augenmerk legt Hannah Winkler auf die Zusammenarbeit mit Eltern. Sie gibt Anregungen, wie sich diese entspannter gestalten lässt. Zum Schluss stellt sie noch Strategien vor, die für „mehr Spaß und weniger Stress“ (S. 45) sorgen und eine positive Atmosphäre in der Kita schaffen.

Diskussion

Hannah Winkler gelingt es theoretische Grundlagen kompakt, verständlich und praxisnah zu vermitteln. Mit ihren Reflexionsfragen regt sie die Selbstreflexion pädagogischer Fachkräfte an sowie die Auseinandersetzung mit den zuvor beschriebenen theoretischen Grundlagen, die sie mit der Praxis verknüpft. Immer wieder bezieht sie sich bei ihren Ausführungen und Impulsen auf die Praxisbeispiele, die die Texte begleiten. Hannah Winkler wechselt immer wieder die Perspektiven zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie hält den Leser*innen damit immer wieder den Spiegel vor, indem sie Situationen umkehrt und fragt, was wäre, wenn ein Erwachsener dies mit uns tun würde. Beispielsweise die Freundin unser Essen weggeräumt hat, weil wir uns zur Verabredung verspätet haben oder uns die Kollegin im Flur anrempelt, während wir eine mit Flüssigkeit gefüllte Tasse in der Hand halten. Es ist der Perspektivwechsel, der immer wieder stutzen lässt und zur (Selbst-)Reflexion führt. Der die goldene Regel, ohne erhobenen Zeigefinger, hervorhebt, ohne sie explizit zu nennen. Die Autorin schafft es, die Herausforderungen, die pädagogische Fachkräfte tagtäglich zu bewältigen haben, den Stress, den Frust, all die Gefühle, die damit einhergehen zu benennen, wahrzunehmen, zu würdigen und gleichzeitig neue Perspektiven zu eröffnen. Hannah Winkler macht Mut die eigenen Überzeugungen, die eigene Sicht auf Kinder, das eigene Verhalten zu hinterfragen und zu verändern. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen zur positiven Pädagogik stehen das Kind und die pädagogische Fachkraft. Sie lädt zur Selbstreflexion ein, Abläufe und Dienstpläne zu hinterfragen und kreativ damit umzugehen. Es braucht Mut sich auf diesen Perspektivwechsel von ‚das haben wir schon immer so gemacht‘ auf kreatives und neues Denken, weg von alten Denkmustern, einzulassen. Was im Text positiv und leicht daherkommt, ist viel Veränderungsarbeit und bedeutet ein sich einlassen auf unbequeme Impulse, auf Veränderungen. Hannah Winkler geht kleinschrittig vor, Schritt für Schritt zeigt sie, wie kleine Veränderungen im Alltag, großes bewirken können. Eines wird hier sehr deutlich Positive Pädagogik ist keine „Happyologie“ (S. 7), sondern ein pädagogischer Ansatz der Umdenken, Perspektivwechsel, Veränderung fordert und erfordert, damit Wachstum und Wohlbefinden geschehen kann.

Fazit

Hannah Winkler gelingt es in diesem Heft die positive Haltung und Atmosphäre der positiven Pädagogik klar, verständlich und praxisorientiert zu vermitteln. Wertschätzend und Achtsam nimmt sie pädagogische Fachkräfte mit vielen Praxisimpulsen und Reflexionsfragen mit auf diesen Veränderungsprozess.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 91 Rezensionen von Alexandra Großer.

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ISSN 2190-9245