Jörg Maywald: Kindeswohl in der Kita
Rezensiert von Alexandra Großer, 30.12.2025
Jörg Maywald: Kindeswohl in der Kita. Leitfaden für die pädagogische Praxis. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2025. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-03525-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 26,00 sFr.
Thema
Kindertageseinrichtungen haben einen Schutzauftrag und sind dazu angehalten Kindeswohlgefährdungen bei bekannt werden gewichtiger Anhaltspunkte den zuständigen Stellen zu melden. Jörg Maywald geht in seinem Buch auf die rechtlichen Grundlagen zum Kinderschutz ein. Anhand von Beispielen zeigt er Formen von Kindeswohlgefährdungen auf, erläutert gewichtige Anhaltspunkte und wie pädagogische Fachkräfte diese erkennen. Pädagogische Fachkräfte erfahren, wie sie bei bekannt werden einer Kindeswohlgefährdung in der Familie der Kinder vorgehen und welche Möglichkeiten der Prävention pädagogische Fachkräfte haben.
Autor
Prof. Dr. Jörg Maywald hat Soziologie, Psychologie und Pädagogik in Berlin, Amsterdam und Paris studiert, ist Mitbegründer des Berliner Kinderschutz-Zentrums. Von 1995 bis 2021 war er Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind, von 2002 bis 2022 Sprecher der National Coalition Deutschland – Netzwerk zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention. Seit 2011 ist er Honorarprofessor an der Fachhochschule Potsdam.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in insgesamt acht Kapitel mit Unterkapitel. Das achte Kapitel ist ein Interview mit Dipl. Psychologin Elke Nowotny, der ehemaligen Vorsitzenden des Kinderschutzzentrums Berlin. Jedem Hauptkapitel ist eine Seite vorgeschaltet, die auf die Themen des Kapitels hinweist. In den Texten selbst finden sich farblich abgesetzte Kästen mit Gesetzen, Informationen, Fallbeispielen und Tabellen.
Inhalt
1 Was ist Kindeswohl?
Obwohl der Begriff Kindeswohl in verschiedenen Gesetzen genannt wird, gibt es bis heute keine Definition, was unter Kindeswohl zu verstehen ist. Juristisch gesehen handelt es sich um einen unbestimmten Rechtsbegriff, „der sich einer allgemeinen Definition entzieht und daher der Interpretation im Einzelfall bedarf“ (S. 9). Jörg Maywald formuliert zunächst eine Arbeitsdefinition, um anschließend die Grundbedürfnisse von Kindern zu erläutern. Dazu bedient er sich verschiedener Modelle. Des Weiteren erörtert er das Verhältnis zwischen Kindeswohl und Kindeswille, welche in Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention sowie in § 1626 des Bürgerlichen Gesetzbuchs berücksichtigt wird. Zugleich erklärt er, wie Kindeswohl, Kindeswille und Elternrecht zusammenhängen. Kinder sind heranwachsende Menschen, die „ein Recht auf Kindheit, auf einen Schon- und Spielraum [haben], in dem Verantwortlichkeit wachsen und eingeübt werden kann“ (S. 18). Der Autor weist darauf hin, dass Eltern Verantwortung für das Wohl der Kinder haben. Anschließend geht er auf den Begriff Kindeswohlgefährdung ein, der ebenso wie der Begriff Kindeswohl, ein unbestimmter Rechtsbegriff ist.
2 Eine kurze Geschichte der Kinderrechte
In diesem Kapitel beschreibt Jörg Maywald den Wandel des Bildes vom Kind sowie die Entwicklung der Kinderrechte weltweit und in Deutschland. Anhand des Rechts auf gewaltfreie Erziehung erläutert der Autor den „Bewusstseinswandel in Deutschland“ (S. 29) gegenüber Kindern. Noch im Jahr 1900 hatte ein Vater und Ehemann das Recht seine Kinder und Ehefrau körperlich zu züchtigen. Bis 1928 galt dies für die Ehefrau, für Kinder galt dieses Recht noch bis 1958. Doch erst im Jahr 2000 wurde das Gewaltverbot in der Erziehung gesetzlich in § 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs verankert. Damit wurde das Grundrecht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung umgesetzt.
3 Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen?
Der Autor stellt in diesem Kapitel die wichtigsten gesetzlichen Rechte vor, die das Wohl des Kindes schützen. Diese bilden die Grundlage zum Schutzauftrag pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen bei Kindeswohlgefährdung. Angefangen bei der UN-Kinderrechtskonvention bis zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung im Kinder- und Jugendhilfegesetz.
4 Formen von Kindeswohlgefährdung und wie pädagogische Fachkräfte sie frühzeitig erkennen
Anhand von Fallbeispielen zu den häufigsten Formen von Kindeswohlgefährdung erläutert Jörg Maywald Schritt für Schritt die Handlungsmöglichkeiten pädagogischer Fachkräfte und wie sie Eltern für Hilfsangebote motivieren können. Besprochen werden Beispiele zu
- Körperlicher Gewalt (S. 46f)
- Vernachlässigung (S. 50f)
- Seelische Gewalt (S. 53f)
- Sexueller Missbrauch (S. 58f)
- Suchtabhängigkeit der Eltern (S. 62f)
- Psychisch erkrankte Eltern (S. 67f)
- Hochkonflikthafte Trennung der Eltern (S. 75f) und
- Miterleben Häuslicher Gewalt (S. 80f).
Ebenso bespricht er die Risiken, die für das Kind bestehen und wie pädagogische Fachkräfte anhand vorgestellter Impulsfragen zu mehr Informationen kommen als auch, welche Hilfen sie Eltern anbieten können.
5 Gefährdungen – Ursachen und Folgen
In diesem Kapitel geht der Autor auf die verschiedenen Risikofaktoren ein, „die sich wechselseitige verstärken und […] die Entstehung von Gewalt und andere Gefährdungen begünstigen“ (S. 88). Im Anschluss erläutert er, welche Folgen Gewalt auf Kinder haben kann.
6 Präventiver Kinderschutz
Neben dem Kinderrechtsansatz und den „vier grundlegenden Prinzipien“ (S. 97) auf denen dieser beruht, geht Jörg Maywald auf die Wichtigkeit der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern ein. Bereits im Aufnahmegespräch sollten pädagogische Fachkräfte auf die besondere Beziehung zwischen Kita und Eltern hinweisen und ihre gemeinsame Verantwortung zum Wohl der Kinder. Ein weiterer Baustein, den der Autor benennt, sind die präventiven Angebote für Kinder. Neben Präventionsprogrammen gehören dazu die Individualität der Kinder zu stärken, sie in der Wahrnehmung ihrer Gefühle und bei Emotionsregulierung zu unterstützen sowie die Beteiligung der Kinder im Alltag. Des Weiteren benennt er die Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte. Neben dem Wissen über Gefährdungen und dem Schutz der Kinder vor diesen gehört hier auch das Wissen vor „Fehlverhalten und Gewalt durch Fachkräfte“ (S. 100) und dem „Schutz der Kinder“ (ebd.) dazu. Zum Schutz der Kinder empfiehlt der Autor lokale Netzwerke zu nutzen, sich gegenseitig über Angebote und Aufgaben zu informieren sowie „Verfahren im Kinderschutz abzustimmen“ (S. 101). Damit haben pädagogische Fachkräfte Informationen zur Hand, die „Eltern in Not- und Krisensituationen“ (ebd.) unterstützen.
7 Kindeswohlgefährdung – wie reagieren?
In diesem Kapitel stellt der Autor Interventionsstrategien und Verfahrensweisen vor, die pädagogische Fachkräfte unterstützen besonnen zu handeln. Zunächst sollte bei gewichtigen Anhaltspunkten eine Risikoeinschätzung stattfinden. Jörg Maywald zählt verschiedene Faktoren auf, die bei einer Einschätzung berücksichtigt werden sollen. Bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung kann die KiWo-Skala (Einschätzskala Kindeswohlgefährdung in Kindertageseinrichtungen) sowie der „Wahrnehmungsbogen für den Kinderschutz© – Version: Klein- und Vorschulkinder (0 – 7 Jahre)“ (S. 107) helfen (vgl. S. 107). Im Anschließend erläutert der Autor die Schritte des Verfahrensablaufs nach § 8a SGB VIII. Er geht hier auch darauf ein, wann eine Strafanzeige sinnvoll sein kann. Des Weiteren finden pädagogische Fachkräfte Ausführungen zur Gesprächsführung mit betroffenen Kindern, ebenso einen Gesprächsleitfaden für Gespräche mit Eltern, „die ihr Kind vernachlässigen oder im Gewalt antun“ (S. 122). Ein wichtiger Punkt ist die Reflexion eigener Gewalterfahrungen.
8 „Kinderschutz braucht Kinderschützer – und die notwendigen Ressourcen“
Im Interview empfiehlt Elke Nowotny pädagogischen Fachkräften Konfliktgespräche mit Eltern, in denen es um den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung geht, zu üben und mit Kolleg*innen gut vorzubereiten. Beim Üben geht es darum auch Formulierungen zu üben und deren Resonanz in einem zu beachten.
Angesprochen wird auch noch einmal das Thema eigene Gewalterfahrungen als Kind, die es zu reflektieren gilt, um damit umgehen zu können, um eigene Anteile im Konfliktgeschehen zu erkennen. Des Weiteren kommt auch das Thema Gewalt durch Fachkräfte in der Kita zur Sprache und was bei Grenzüberschreitungen zu tun ist.
Diskussion
Jörg Maywald schreibt klar und verständlich über juristische Zusammenhänge, erläutert, was Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung ist und beschreibt ausführlich, was pädagogische Fachkräfte bei einer Gefährdung des Kindeswohls tun können, welche Aufgaben sie haben und wie Gespräche gelingen. Kindeswohl, Kinderrechte sind die Themen Jörg Maywalds für die er sich engagiert, für die er brennt. Dieses Engagement ist in seinem Buch deutlich zu erkennen. Neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen bekommen pädagogische Fachkräfte Hintergrundwissen zu verschiedenen Formen der Gewalt, den Anhaltspunkten und welche Folgen dies für die Kinder beziehungsweise für das Kind hat.
Jörg Maywald mahnt zu ruhigem und besonnenem Handeln, auch wenn es schwer auszuhalten ist, dass ein Kind von seinen Eltern oder anderen Personen aus dem familiären Umkreis Gewalt erfährt. Das gehandelt werden muss, macht er immer wieder deutlich. Anhand seiner Fallbeispiele zu den verschiedenen Formen der Gewalt, beschreibt er exemplarisch jeden Schritt und wer welche Aufgaben hat. Er stärkt auf der einen Seite pädagogische Fachkräfte in ihrem Handeln als Kinderschützer*innen und gleichzeitig die Rolle der insofern erfahrenen Fachkraft, die immer hinzuziehen ist, auch bei ‚mulmigen Bauchgefühlen‘.
Nebenbei erläutert er, wann es sinnvoll ist eine Strafanzeige zu stellen und welche Konsequenzen dieser Schritt hat.
Indem er die Geschichte und seiner Entwicklung zum heutigen Bild von Kindern skizziert, wird deutlich, welch langer Weg es war zum Gewaltverbot und weshalb tradierte Erziehungsvorstellungen noch immer wirken, die zu Gewalterfahrungen führen.
Ein wichtiges Thema, welches er anspricht und auch im Interview nochmals zur Sprache kommt, ist die Selbstreflexion eigener Gewalterfahrungen. Die Erfahrungen mit Gewalt, als auch die Einstellungen, die wir zu Gewalt haben, haben Einfluss auf den Umgang mit Eltern, nicht nur im Elterngespräch, als auch im Umgang mit den Kindern, die Gewalt erfahren. Diesem Kapitel hätte es gutgetan, hier noch auf einige Aspekte einzugehen, die aufgrund eigener Gewalterfahrungen wirken können und im Umgang mit Eltern eine Rolle spielen.
Pädagogische Fachkräfte erhalten mit dem Buch umfassende Informationen zu Vorgehensweis, Interventionen und Hintergrundwissen rund um das Thema Kindeswohl.
Fazit
Ein Standardwerk zum Kindeswohl in der Kita, welches in keiner Kita-Bibliothek und Fortbildung respektive Weiterbildung zum Kinderschutz fehlen sollte.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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