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Susanne Altmeyer, Björn Enno Hermans et al.: Systemische Therapie trifft EMDR

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 09.07.2025

Cover Susanne Altmeyer, Björn Enno Hermans et al.: Systemische Therapie trifft EMDR ISBN 978-3-608-89329-8

Susanne Altmeyer, Björn Enno Hermans, Sebastian Baumann: Systemische Therapie trifft EMDR (Leben Lernen, Bd. 350). Theorie und Praxis einer Synthese. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2025. 238 Seiten. ISBN 978-3-608-89329-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Reihe: Leben lernen - 350. .

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Thema

Die Autorin und die Verfasser des Vorworts sind vertreten repräsentativ die dritte Generation deutscher Systemiker:innen. Ihr Ansatz folgt einer pragmatischeren Agenda als die der Gründungsväter, die streng mit konstruktivistischem Paradigma unterwegs waren (z.B. Helm Stierlin, Paul Watzlawick). Vertreter:innen dieser Generation ist es gelungen, den systemischen Verstehens- und Handlungszugang zum beherrschenden Konzept im Bereich der Erziehungshilfe zu installieren und darüber hinaus die systemische Therapie als Richtlinienverfahren (ab 2019 für Erwachsene, seit 2024 auch für Kinder und Jugendliche) in der Vertragspsychotherapie zu etablieren. Systemische Therapien sind in der Regel lange Kurztherapien (z.B. maximal 15 Stunden verteilt auf einen Zeitraum von zwei Jahren). Sie sind damit mindestens kurzfristig das für die Sozialgesetzbücher V und VIII das kostengünstigste Therapieverfahren, welches sich pragmatisch in fast jedem Setting (z.B. im Zwangskontext) umsetzen lässt. Oft finden nur wenige Sitzungen statt. Susanne Altmeyer hat bisher zwei Monographien vorgelegt, EMDR Intensivtherapie (2024) und das hier zu besprechende Werk.

Autor:innen

Dr. med. Susanne Altmeyer, Jg. 1964, Fachärztin für Neurologie und für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie leitet die Klinik und Tagesklinik für psychosomatische Medizin, Psychotraumatologie und EMDR eines privaten Klinikbetreibers in Westdeutschland, sie ist Lehrtherapeutin und war im Vorstand der DGSF. Sie lehrt an verschiedenen Systemischen Instituten und hat selbst eins gegründet.

Vorwort von Björn Hermanns, er ist Prof. f. Klinische Psychologie und Psychotherapie an der MSH Medicalschool Hamburg und war Caritas-Direktor im Bistum Essen und Vorsitzender der DGSF sowie Sebastian Baumann; er ist Psychologischer Psychotherapeut (Systemische Therapie) und Co-Herausgeber der Reihe psychische Störungen systemisch behandelt im Carl Auer Verlag.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel. Nach einem einführendem Dialog von Hermans und Baumann gibt die Autorin in ihrem Vorwort einen Einblick in die Genese der Begegnung von EMDR und systemischer Therapie. Es folgt als

1. Kapitel ein Überblick über die systemische Therapie. Auf knapp 35 Seiten werden nicht nur die Entstehung des Verfahrens, sondern auch die methodologischen Voraussetzungen geklärt. Es folgen Menschenbild und therapeutische Grundhaltung, wie

  • Lösungs- und Ressourcenorientierung
  • Kontext- und Musterorientierung
  • Kund:innen- und Auftragsorientierung
  • Kooperations- und Beziehungsorientierung
  • Neugier und Kreativitätsorientierung
  • Allparteilichkeits- und Neutralitätsorientierung
  • Salutogenesekonzept [1]

Im Anschluss werden Wirkfaktoren und generische Prinzipien (in der Erkennung von Mustern in lebendigen Systemen) in der systemischen Therapie erläutert. Es geht um das Fallkonzept und die Gestaltung von Therapiekontext und Therapieprozess, Interventionsmethoden und Werkzeuge (z.B. zirkuläres Fragen, paradoxe Verschreibungen, Skulpturen oder Zeitlinien). Systemische Therapie ist außerordentlich strukturiert.

Im 2. Kapitel erfahren wir nun in einem ziemlich straffen Kompendium die wesentlichen Kontextvariablen des EMDR. Beginnend von Francine Shapiros zufälliger Selbstbeobachtung, dass ihr die innere Bewältigung schwieriger Ereignisse besser gelang, nachdem alternierende horizontale Augenbewegungen ihre mentale Verfassung verändert hatten. Sie leitet eine rege Forschungstätigkeit zu diesem Zusammenhang an und entwickelt schließlich die Methode des „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“. Für diese Methode wird ein eigenes Vokabular entwickelt; die Behandlungsvorgänge werden manualisiert und ein reger Weiterbildungsmarkt nach den Regeln des aktuell angesagten Neoliberalismus entsteht [2]. Shapiros neurobiologische Hypothesen ließen sich nicht empirisch belegen; nach ihrem Tod entdeckten jedoch andere Wissenschaftler:innen ein neurobiologisches Korrelat: Laut AIP-Modell (adaptive information processing) wird auf neurozellulärer Ebene darüber entschieden wie mit bestimmten Informationen umgegangen wird, mit dem Ziel belastende Erfahrungen zu verarbeiten, sodass die Person nicht mehr leidet. Das geschieht, indem Fragmente eines eigentlich zusammenhängenden Geschehens voneinander getrennt in unterschiedlichen Netzwerken „abgespeichert“ werden. Das Fallkonzept des EMDR gibt nun ein genau einzuhaltendes „Protokoll“ vor, wie die jeweiligen Ereignisse bearbeitet werden können. Nach diesem sehr strukturierten, gerahmten Vorgehen ist das Arousal gemindert und es stehen der traumatisierten Person wieder weitgehend normale Erinnerungswege offen und damit eben auch der Weg des Vergessen oder genauer des Verdrängens.

Im 3. Kapitel imaginiert Altmeyer eine Madame Systema (älter und quirlig) und einen etwas formalen Herrn EMDR (jünger aber Anzugträger), die sich (das erste Mal) begegnen und ihre Erfahrungen zusammenbringen. Im übertragenden Sinn stellt die Autorin also mit den Leser:innen eine Skulptur auf und nimmt sie damit gewissermaßen mit in ihre systemische Methodenwelt.

In den nun eher auf der Ebene einer Klinischen Theorie angesiedelten Systematisierungsversuchen integriert Altmeyer sowohl systemische Therapie als auch EMDR entlang der 8 Dimensionen

 die laut Günter Schiepek (2011) für die Realisierung von Selbstorganisationsprozessen in lebendigen Systemen essenziell sind. Das sind die sogenannten „generischen“ Prinzipien: Herstellen von Stabilitätsbedingungen (1)/Erkennen von Mustern des Relevanten Systems (2)/Sinnbezug (3)/Kontrollparameter identifizieren und Energetisierung ermöglichen (4), Destabilisierung – Erkennen und Gestalten von Phasen der Instabilität (5), „Kairos“-Passung mit psychischen und sozialen Prozessen in der Zeit (6), Zielorientierung – Symmetriebrechung ermöglichen (7), Restabilisierung – Etablierung neuer Strukturelemente (8).

Was Wunder, diese allgemeinen Prinzipien der Veränderung lebendiger Systeme, lassen sich gut auf Systemische Therapie und EMDR anwenden, aber eben auch auf zeitgenössische Psychoanalyse, kognitive Therapie und vielleicht auch auf alle methodischen Konzepte der Organisationsentwicklung und Supervision soweit sie die Bezeichnung verdienen.

Im 4.,5.,6. Kapitel fächert Altmeyer nun explizit auf, wie es sich mit im weitesten Sinne „traumatisierten“ Menschen innerhalb der unterschiedlichen Phasen der jeweiligen Therapien arbeiten lässt und welche Konsequenzen verschiedene Diagnosen, oder sollte ich besser sagen, Störungen nach sich ziehen. Für eine Systemikerin geradezu grotesk, begrüßt sie offenbar den Übergang von ICD 10 zu ICD 11, als würde der ICD 11 die klinische Realität besser abbilden. Altmeyer problematisiert nicht, dass neben dem Wegfall von Krankheitsbildern im Zuge der political correctness neue diagnostische Kategorien definiert wurden und wir es z.B. mit tausenden neuen „Autisten“ zu tun bekommen.

Neben dieser methodologischen Kritik verdienen die Schlusskapitel Anerkennung. Anhand zahlreicher Fallvignetten lässt die Autorin lebendig werden, wie die Behandlungen in ihrer Klinik ablaufen. Dieser authentische Eindruck würde mich veranlassen, geeignete Patienten dorthin zu schicken.

Die systemische Therapie ist das übergeordnete Konzept und EMDR die spezielle Traumatherapie; in der Systematik des Werks wird auch von einer „Begegnung“ gesprochen. Die Privatklinik behandelt übrigens auch zu Lasten der gesetzlichen Versicherung, wenn diese zustimmt. Wohl überflüssig ist es anzumerken, dass im Rahmen der Pflichtversorgung ein solches Angebot an der Fallpauschale bzw. am Personalmangel scheitern würde.

Das 6. Kapitel vertieft den Einblick in die klinische Arbeit, wieder systemische Therapie im Dialog mit EMDR diskutierend, spezielle Aspekte wie Systemische Behandlung von transgenerational Traumatisierten, Systemische Behandlung von Kindern mit EMDR, oder systemische Therapie für Menschen aus Kriegsgebieten. [3]

Das 7. Kapitel berichtet über Nachklänge und Ausklänge, gefolgt vom Dank der Autorin für diejenigen, von denen sie gelernt, mit denen sie gearbeitet und die sie unterrichtet hat und auch an ihre Patient:innen die ihr diese Erfahrungen ermöglicht haben.

Diskussion

Der Text liefert keine Synthese von systemischer Theorie und EMDR, sondern veranschaulicht einen pragmatischen Umgang, der das expositionstherapeutische VT-inspirierte und neurowissenschaftlich begründete EMDR unter dem Vorzeichen eines Systemischen Paradigmas sinnvoll integriert. Ähnliche Bestrebungen gab es vor 25 Jahren u.a. durch Luise Reddemann und Ulrich Sachsse aus psychodynamischer Perspektive. Eine Synthese wäre methodologisch ein paradoxes Unterfangen, da die systemische Theorie bis heute einen radikalkonstruktivistischen Ansatz verfolgt, innerhalb dessen zirkuläre Kausalitäten die Bestimmung von Ursache und Wirkung überhaupt nicht zulassen. Die Psychotraumatologie folgt einem kausalen Verständnis der Realität und ist zudem parteiisch für die Opfer (vgl. Fischer und Riedesser 2000).

Die Beschreibung der klinischen Prozeduren ist dagegen stimmig und vermittelt einen lebendigen Eindruck in das Geschehen. Das Buch kann als eine Art Behandlungsmanual der Psychosomatischen Kliniken im Gezeiten Haus Schloss Eichholz in Wesseling bei Köln, privaten Fachkliniken für Psychosomatik und Traditionelle Chinesische Medizin: Traumaklinik, Tagesklinik und Kinder- und Jugendpsychiatrie, gelesen werden

Fazit

Die dargelegten methodischen Voraussetzungen unterliegen einer gewissen „postmodernen Beliebigkeit“. Wer dagegen eine Einführung in die Systemisch Fundierte Traumapsychotherapie sucht, wird zuverlässig bedient.

Literatur

Susanne Altmeyer (2024): EMDR Intensivtherapie. Stuttgart: Klett Cotta

Gottfried Fischer, Peter Riedesser (2000): Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Reinhardt

Francine Shapiro: EMDR. Grundlagen & Praxis; Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. 3. Auflage. Junfermann, Paderborn 2022,

Günter Schipek (2011) Neurobiologie der Psychotherapie, 2. Auflage, Stuttgart: Schattauer

Fritz B. Simon (1984) Die Sprache der Familientherapie: Ein Vokabular. Überblick, Kritik und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart: Klett-Cotta, 6. Auflage 2004

Helm Stierlin (1976): Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Eine Dynamik menschlicher Beziehungen. Frankfurt: Suhrkamp

Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson (1969): Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Hans Huber

Paul Watzlawick (1976): Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. München: Piper


[1] Das salutogenetische Paradigma von Aron Antonowsky begründet, hat natürlich bei seiner Entstehung keine Berührung zur systemischen Konzept. Es hier aufzuführen zeigt aber wie die Autorin wissenschaftliche Leistungen ihrem Verfahren hinzufügt. Tatsächlich steht alles unter einem postmodernen Verständnis als verbunden da.

[2] Die Methode wird nicht etwa über die akademische Kultur der Allgemeinheit zugänglich gemacht sondern über von Shapiro persönlich ausgewählten Akteuren über Privatinstitute in kostenpflichtigen Kursen vertrieben

[3] Dann notwendigerweise verdünnt weil die Ressourcen erlauben eine lege artis Behandlung nicht.

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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Es gibt 46 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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ISSN 2190-9245