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Roland Reichenbach: Krise der Imagination

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 22.07.2025

Cover Roland Reichenbach: Krise der Imagination ISBN 978-3-8379-3378-9

Roland Reichenbach: Krise der Imagination. Zum Verlust von Urteilskraft und Gemeinsinn. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 170 Seiten. ISBN 978-3-8379-3378-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Reihe: Gegenwartsfragen.

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Thema

Ein Plädoyer für eine metaphorisch dreidimensionale Welt der schöpferischen Imagination – Länge, Breite, Tiefe –, wobei Breite und Tiefe (metaphorisch) oft verpasst werden. Wenn man nur auf eine Dimension fokussiert ist, wird die Fähigkeit zu kreativen Problemlösungen und zum Gemeinsinn beeinträchtigt.

Autor

Roland Reichenbach ist Professor für allgemeine Erziehungswissenschaft In Zürich mit Forschungsaufenthalten in Stanford, Montreal, Münster und Basel. Seine Schwerpunkte sind Bildungsphilosophie, Pädagogische Ethik und Politische Bildung.

Entstehungshintergrund

Ist die krisenhafte Wahrnehmung und Überbetonung von Unterschieden zwischen Individuen und Gruppen auf Kosten des Gemeinsinns (dritte Dimension).

Inhalt

Vorbemerkungen. (4 Seiten)

Imagination gebiert nicht nur Trugbilder (Einbildungen), sondern auch kreative Bilder der Hoffnung mit Blick auf die Zukunft und unterstützt den Möglichkeitssinn.

1. Das Volumen des Tages. (14)

Tage erscheinen uns lang oder kurz, inhaltlich reich oder leer – wir benutzen diese Bilder als Metaphern für die Vielfalt unseres alltäglichen Erlebens, für die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart in horizontaler Breite und für die Tiefe der Bedeutungen des Erlebens in vertikaler Hinsicht. Imaginationen ermöglichen nicht nur kreative künstlerische Gestaltungen, sondern auch in die Zukunft weisende Lösungen von Konflikten. Sie stärken die Urteilskraft und den Gemeinsinn. Der Verlust an vertikaler Sinnabsicherung (z.B. Religion) kann mit horizontaler Sinnproduktion (Emanzipation, Gleichheit, Demokratie, Autonomie) nicht ausreichend kompensiert werden.

2. Die Königin der Fähigkeiten. (20 Seiten)

Imagination – Einbildung und Urteilsfähigkeit – braucht man nicht nur in der Kunst. Sie wird gebraucht in Geschmacksfragen, Urteilen, Meinungen. Virtuelle Bilder auf Kosten der inneren beeinträchtigen die Kunst der Unterscheidung zwischen eigener und fremder Wahrnehmung und Orientierung.

3. Orientierung und Orientierungsverlust. (19 Seiten)

Orientierungsfähigkeit – d.h. Wissen wer ich bin, Wertungen zwischen Wunschbefriedigung und Motivationsanalyse – ist notwendig. Radikale Wahlen sind oft ein ‚Sprung ins Leere‘ (Taylor). Selbstdeutungen gehen fehl, wenn sie nicht mit der Wahrnehmung größerer Gemeinschaften (Sprache, Tradition) verknüpft sind. Orientierungslos ist nicht wer sucht, sondern wer die Fähigkeit zu suchen verloren hat (Bildungsverweigerung, passiver Nihilismus, Verlust des Gefühls für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft).

4. Der Pflock des Augenblicks. (29 Seiten)

Eine eigene Meinung ist unhinterfragt kein Kriterium für Mündigkeit. Denn Wahrheit ist nie meine Wahrheit, sie gehört niemandem. Egozentrismus ist gegenwartszentristisch, denn es verschwinden Vergangenheit und Zukunft. Zur Demokratie gehören auch kollektive Erinnerungs-, Aufklärungs- und Hoffnungsgemeinschaften. Demokratische Bildung ist ein liberales und kommunikatives Projekt. Bei Verteilungskämpfen zeigt sich oft eine verstärkte ethnozentristische Orientierung anstelle einer gleichzeitigen Ethno-und Demosorientierung: Gefahr von ideologischer Verhärtung und Gleichheitsillusion. Geschichten sind das Werkzeug für eine ‚moralkartografische Tätigkeit‘.

5. Vertikales und horizontales Denken. (14 Seiten)

Leben wir in einer komplexen oder zusammenhanglosen (z.B. Schulunterricht als ‚Wissenspartikelvermittlung‘ und metaphysische Obdachlosigkeit) Welt? Möglichkeiten des Überblicks sind beschränkt, horizontales Denken (Abflachung, Öffnung, Beschleunigung) dominiert in der Schule und geht einher mit einem Verlust an vertikaler Verankerung. Eine innere Leere führt zur Selfie-Sucht. Narrative dienen als Sinn- und Identitätsangebote.

6. Imagination und Gemeinsinn. (18 Seiten)

Erfahrung steht nicht gegen Imagination, da auch sie bereits Interpretation ist.

Denk- und Deutungsarbeit sind Verbindungen und damit Leistungen der Synthese und Imagination, deren Fehlen ein Merkmal des ‚Radikal Bösen‘ ist. Verknüpfungen leisten einen Beitrag zum Gemeinsinn. Im ‚Bewusstsein des Anderen Denken‘ erzeugt Welt, ihr Fehlen Weltlosigkeit Hannah Arendt). Krise des Gemeinsinns ist Weltentfremdung und Weltverlust; das Private ist ‚weltlos‘, d.h. unpolitisch. Die ambivalente Liebe zum Bild zeigt sich in der Distanz: ‚Mein Bild von Dir bist nicht Du‘. Imagination kann täuschen und auch im Dienst der Wahrheit stehen. Gemeinsinn heißt gesunder Menschenverstand und Orientierung am Gemeinwohl und setzt Aufmerksamkeit, Neugierde, Sensibilität, Weitblick, Wahrhaftigkeit u.a. voraus.

7.Die Krise der politische Imagination. (36 Seiten)

Das Potenzial politischen und ästhetischen Urteilens über das spätmoderne Zusammenleben ist vorhanden, wird aber unterschätzt und vernachlässigt. Reichenbach sieht in Hannah Arendt eine ‚Pädagogin des Politischen‘ im Unterschied zu ‚linksliberaler Hyperpolitik‘ und der ‚populistischen Unterseite des Mainstromliberalismus‘. Anstelle einer quasi Religiosität des liberalen Denkens sei die kalte Ideologie ‚neutraler Sachzwänge‘ getreten (strikte Neutralität, Individualismus, Konformismus). Demokratische Gleichheit verstärkt zwischenmenschliche Distanz, produktiven Eigennutz und einen neuen Krieg aller gegen alle. Die freie Entwicklung des Marktes wird ‚Wachstum‘ genannt, basiert aber nicht auf Idealen sondern auf ‚harter Macht‘. Der liberale Staat ist weder Hüter der Wahrheit, noch des Guten. ‚Erziehung für Demokratie oder Erziehung als Demokratie‘ ist für Arendt ein Irrweg, da Politik Aufgabe der Erwachsenen sei und deren ‚Erziehung‘ sei eine Bevormundung. Nach Dewey ist das Grundprinzip der Schule nicht nur Förderung der Intelligenz, sondern vor allem des Gemeinschaftslebens (demokratischer Lebensformen), denn individuelle Freiheit kann es nur aufgrund sozialer Bindungen geben. In einer Epoche des lauten ‚Ich‘ und ‚Wir‘ ist eine Krise des Gemeinsinns entstanden: Der Schwerpunkt auf Differenz verliert das Gemeinsame im Auge, während, wenn man vom Gemeinsamen ausgeht, sich die Unterschiede von selbst zeigen.

Nachbemerkungen. (2 Seiten)

Imagination ist die Fähigkeit Ideen kreativ und nützlich umzusetzen. Sie steht sowohl im Dienst der Bewahrung wie auch des Neuen. Sie stellt horizontale (Vielfalt) und vertikale (Tiefe und Bedeutung) im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich her, wobei auch Ängste und Abneigungen befragt werden können. Die Krise der Imagination besteht heute darin, dass das Bewährte nicht mehr wahrgenommen und geschätzt wird.

  • Was hat sich bewährt und soll bewahrt werden?
  • Was lässt sich verbessern und sollte verbessert werden?
  • Was lässt sich nicht verändern und muss hingenommen werden?

Imaginative Praxis stiftet Hoffnung. Bildung dient dem Verstehen der Welt und der Besserung der Interpretation der Welt, neben einer gewissen ‚ethischen Sturheit‘ und Zurückweisung von Welt.

Literatur (6 Seiten)

Diskussion

Dieses Buch ist hilfreich und anregend für alle, die mit Erziehung beschäftigt sind, in erster Linie Lehrer:innen, aber auch Eltern, Mitarbeiter:innen in Kindergärten und Jugendeinrichtungen unterschiedlichster Art. Denn Kinder sind darauf angewiesen, sich in der Welt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zurecht zu finden, eigene Hoffnungen und Ziele zu entwickeln, die mit anderen abgestimmt sind oder auch ‚im inneren Zwiegespräch mit anderen‘ entwickelt werden. Der Blick geht also nicht nur in die Breite (Vielfalt), sondern auch in die Tiefe des eigenen Erlebens, der Herkunft, der Tradition der Bindungen. Was sollte ich bewahren, was kann ich vergessen oder verbessern und was muss hingenommen werden? Diese Fragen sind nicht nur von individueller, sondern auch gesellschaftlicher Bedeutung, denn die Vergangenheit darf nicht zur Fessel werden, die Imagination verhindert, insbesondere da die Schnelligkeit der Veränderungen ein ruhiges und kritisches Nachdenken (evtl. Auszeit) erfordert, um in Zukunft eigene und sozialverträgliche Weichen zu stellen (Reduzierung des Überangebots).

Das Buch ist nicht leicht zu lesen, insbesondere für Leser, die weder mit den viel zitierten Autoren (Taylor und Hannah Arendt) nicht vertraut sind. Diesen empfehle ich, mit dem Vorwort und dem 4. Kapitel zu beginnen und erst danach die ersten sehr theoretischen Kapitel zu lesen, und sich vor allem Zeit zum Nachdenken zu geben, welche der drei Dimensionen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), aufmerksam und kritisch hinterfragt, wichtig und wegweisend sein könnten.

Ob das Private wirklich unpolitisch ist, kann hinterfragt werden, und auch ob Erwachsene mitunter nicht doch noch erzogen werden müssen, z.B. was zivile Formen des Meinungsaustausches anbetrifft, da dies keine Frage der ‚Bevormundung‘ ist sondern der politischen Kultur.

Fazit

Sehr zu empfehlen für alle, die im pädagogischen Feldern theoretisch und praktisch tätig sind.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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Es gibt 141 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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ISSN 2190-9245