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Oliver König: Experimente in Demokratie

Rezensiert von Prof. Dr. phil. habil. Nando Belardi, 25.03.2026

Cover Oliver König: Experimente in Demokratie ISBN 978-3-8379-3447-2

Oliver König: Experimente in Demokratie. Re-Education, angewandte Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der frühen Bundesrepublik. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2025. 330 Seiten. ISBN 978-3-8379-3447-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft.

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Autor

Oliver König ist Sozialwissenschaftler und Verfasser mehrerer Fachbücher sowie Ausbilder für Gruppendynamik und Supervision. Er war auch viele Jahre lang als Hochschullehrer im Sozialwesen tätig.

Thema

In der „Einführung“ seines Buches wird die allgemeine Fragestellung erläutert: Können Sozialpsychologie und Gruppendynamik die Welt verbessern? Dabei erklärt König die angewandte Sozialpsychologie und speziell die Gruppendynamik, „die sich in der BRD in enger Verbindung zur Psychoanalyse entwickelte“ (S. 11).

Unter angewandter Sozialpsychologie wird vor allem das psychologische Wissen über Erleben, Einstellungen sowie Verhalten von Menschen verstanden. Das Buch ist chronologisch aufgebaut und es wird viel Neues vorgetragen. Es ist wenig bekannt, dass vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg dort schon die Diskussion darüber begann, „wie mit Deutschland nach seiner Niederlage umzugehen sei“ (S. 9). Bei dieser Umerziehung (Re-Education) sollten deutschsprachige Migranten, Austauschprogramme sowie die Sozialwissenschaften helfen.

Entstehungshintergrund

Das zweite Kapitel lautet: „Die Entstehung des Re-Education-Ansatzes in den USA und seine Umsetzung im Nachkriegsdeutschland“. Darin wurden sowohl Forschungen als auch praktische Gruppenexperimente des vor der Nazi-Diktatur geflohenen Kurt Lewin (1890-1947) dargestellt. Dabei ging es vor allem um Leitungsstile, aber auch um die Erforschung von Freiheit und Unterwerfung. Wenn man an den preußischen Militarismus und die romantische Innerlichkeit denkt, stellt sich die Frage, ob es so etwas wie einen deutschen „Nationalcharakter“ geben könnte. Kann man angesichts der unvorstellbaren Verbrechen dieses Land sowie seine Bevölkerung nur noch mit psychiatrischen Diagnosen verstehen? Ein amerikanischer Autor fragte: „Ist Deutschland unheilbar“? (S. 25).

Re-Education hatte ursprünglich das Ziel, das politische Bewusstsein der Deutschen in allen Lebensbereichen zu einem demokratischen Denken und Handeln zu entwickeln. Dem standen Abwehrhaltungen bei vielen Millionen Menschen wie auch die Wiederkehr der alten Eliten in Politik, Wirtschaft, Justiz, Verwaltung und Bildung entgegen. Denn diese wurden im Zuge des „Kalten Krieges“ für den wirtschaftlichen Aufbau sowie im Kampf gegen „den Kommunismus“ benötigt (S. 48 ff.). Schnell ging es seit den 1950er Jahren von der Re-Education zur Restauration. Aber es kam auch zu kritischer Öffentlichkeitsarbeit: Beispielhaft seien die Publikationen über das „Milgram-Experiment“ von 1961 und dessen frühe Filmdokumentation („Abraham. Ein Versuch“. Medien-Portal 1970) sowie Nachfolgeuntersuchungen genannt. Unter Gruppendynamik versteht man die vielen bewussten und unbewussten Vorgänge, die in (Klein-)Gruppen stattfinden. Weiterhin kann man in speziellen Veranstaltungen (Trainings) mehr über sich erfahren (Selbsterfahrung). Seit Mitte der 1960er Jahre wird Gruppendynamik in Westdeutschland bekannter. 1967 war das Geburtsjahr der Zeitschrift „Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik“. Drei Jahre später erschien die Erstausgabe von „Gruppendynamik“. Es folgten eine große Anzahl von Veröffentlichungen über theoretische und angewandte Gruppenarbeit sowie die Gründung von Fachgesellschaften.

Aufbau und Inhalt

Im zentralen dritten Kapitel „Die Anfänge angewandter Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der Bundesrepublik“ (S. 81–268) werden dann Personen, Organisationen und Projekte beschrieben, welche mit Hilfe von Gruppenarbeit zur Demokratisierung Deutschlands beitragen sollten. Beispielsweise war Magda Kelber (1908-1987) eine große Vermittlerin der Gruppenpädagogik (Soziale Gruppenarbeit) für Deutschland. Ihre Weiterbildungseinrichtung „Haus Schwalbach“ wendete sich vor allem an Angehörige Sozialer Berufe und Pädagogen. An den Kursen sollen über 100.000 Menschen teilgenommen haben. Damals waren die „Schwalbacher Blätter“ eine bekannte Zeitschrift, welche die Gruppenpädagogik weit verbreitete (S. 90 ff.). Die Gruppendynamik als Selbsterfahrung und Weiterbildung beginnt in der BRD mit dem bekannten „Schliersee-Seminar“ von 1963. Fast zur gleichen Zeit wurde das Frankfurter Institut für Sozialforschung (Adorno, Horkheimer) und das Sigmund Freud Institut (Mitscherlich) begründet. Das damals noch „rote Hessen“ entwickelte sich zum Zentrum von Reformbewegungen. Das hatte damit zu tun, dass während der kurzzeitigen Alleinherrschaft der SPD auch Menschen Einfluss auf die Politik hatten, die im Widerstand gegen die NS-Diktatur bzw. in der Emigration gewesen waren. Ohne diese war ein Generalstaatsanwalt Fritz Bauer nicht denkbar. König schreibt: „Die Saat der Re-Education-Politik geht mit 20-jähriger Verzögerung auf, blüht dann die 1970er Jahre über, manchmal recht exotisch, um dann mit der konservativen Wende der 1980er Jahre wieder zu vertrocknen bzw. sich zu verwandeln“ (S. 131). Ein weiterer wichtiger Akteur war Tobias Brocher (1917-1991) mit seinem weitverbreiteten Buch „Gruppendynamik und Erwachsenenbildung“ (1967). Horst Eberhard Richter (1923-2011) brachte aus Berlin Peter Fürstenau (1930-2021) mit. Alle drei wirkten auch in Gießen. Zu nennen sind noch Anneliese Heigl-Evers (1921-2002) in Düsseldorf und Alf Däumling (1917-2011) in Bonn. Diese und viele andere trugen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zur Verbreitung der Gruppendynamik bei. In Hessen kam es auch zum Versuch, Gruppendynamik für die Weiterbildung der Lehrer:innen einzurichten. Eine zentrale Person in diesem Feld war Walter Giere (1936-2001). Unter seiner Verantwortung versuchte man in der „Hessischen Landeszentrale für politische Bildung“ eine umfassende gruppendynamische Fortbildung für Lehrpersonen anzubieten. Teilweise beinhaltete diese Gruppendynamik schon Elemente von dem, was wir heute Supervision nennen. In dieser Experimentierphase musste Giere als Landesbeamter manchen „Balanceakt vollbringen“ (S. 176). Sein Mut wurde ihm oft nicht gelohnt. Aber schon bald hatte sich in diesem Bundesland der politische Wind gedreht.

Das kürzere vierte Kapitel „Re-Education 2.0: Angewandte Sozialpsychologie in der DDR und nach der Wende“ (S. 269–305) beschäftigt sich auch mit der „Marxistischen Sozialpsychologie“ (1965/1976) von Hiebsch und Vorwerg. Später entstanden in der DDR Trainings für Psycholog:innen, um in den Betrieben die Arbeiter:innen für die Optimierung ihrer Leistungen zu schulen. Nach der Wende konnten weder diese Gruppenkompetenzen noch die unabhängig davon entstandene Gruppenpsychotherapie der DDR direkt in die westdeutschen Szenen eingebunden werden.

Das fünfte Kapitel lautet: „Schlussbemerkung: Thesen und Fragen zur Sozialpsychologie sozialen Wandels“ (S. 307–315). Darin kommt König nochmals auf seine Frage vom Buchanfang zurück: Sind Demokratie, Emanzipation oder Solidarität möglich, wenn sie aufgezwungen werden? Wie lassen sich autoritäre Strukturen in humane verwandeln, ohne dass manipulativ oder gewaltsam vorgegangen wird? Kurzfristig scheinen autokratisch geführte Gruppen in manchen Bereichen leistungsfähiger zu sein. Aber langfristig wohl kaum; auch angesichts ethischer Fragen. Außerdem: Kann man das auf Gesellschaften und Länder übertragen? Aus vielen Befreiungsbewegungen entstanden nach den Revolutionen neue Diktaturen. Gegenwärtig müssen wir erleben, wie schnell schwache Demokratien in autoritäre Systeme umkippen können.

Es folgt ein umfangreicher Anhang mit Materialien, Literaturverzeichnis und Namensregister.

Diskussion

Das Buch ist gut lesbar und spannend geschrieben. Mir gefällt vor allem der Mix von Geschichte und Gegenwart. Viele Projekte sind bis heute wirksam. Wichtige Akteure werden einprägsam mit ihren Vorgeschichten und den Nachwirkungen dargestellt. Geschichte einmal ganz anders. Dabei wird differenziert argumentiert. König kann auf Widersprüchlichkeiten hinweisen: Viele Deutsche waren nach 1945 der „Werde-frei-Paradoxie“ ausgesetzt (S. 57). Solche Betrachtungen machen das Buch unglaublich aktuell und stellen Fragen für Gegenwart und Zukunft. Aus Raumgründen konnte nicht auf die vielen wichtigen Nebenthemen dieses Buches eingegangen werden.

Fazit

Wer sollte diese großartige Fleißarbeit lesen? Ich halte das Werk von König für eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Entwicklung (Personen, Themen, Organisationen) von Sozialpsychologie und Gruppendynamik interessieren, weiterhin ist es für alle wichtig, welche im Bereich von Ausbildung und Lehre tätig sind.Bei der Lektüre von Königs Buch erinnerte ich mich an das Werk des Historikers Maik Tändler über „Das therapeutische Jahrzehnt Psychoboom in den siebziger Jahren“ (2016), denn in beiden Werken geht es auch um einen bedeutenden Kulturwandel in der damals noch jungen BRD.

Rezension von
Prof. Dr. phil. habil. Nando Belardi
Bergisch Gladbach bei Köln, em. Universitäts-Professor und Lehrstuhlinhaber für Sozialpädagogik an der TU Chemnitz. Tätigkeit als Gastprofessor in Hongkong, Wolgograd, Bozen und Chengdu
Supervisor (DGSv), Psychotherapie (HPG)
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Es gibt 4 Rezensionen von Nando Belardi.

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ISSN 2190-9245