Sandra Richter: Vorurteilen und Diskriminierung in der Kita begegnen
Rezensiert von Stefanie Mann, 13.08.2025
Sandra Richter: Vorurteilen und Diskriminierung in der Kita begegnen. Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung© als inklusives Praxiskonzept.
Verlag Herder GmbH
(Freiburg, Basel, Wien) 2024.
176 Seiten.
ISBN 978-3-451-39755-4.
D: 24,00 EUR,
A: 24,70 EUR,
CH: 33,90 sFr.
Reihe: Pädagogik: Wissen.
Thema
In einer zunehmenden pluralistischen und globalisierten Welt ist eine vorurteilsbewusste Bildung keine pädagogische Ergänzung mehr, sie ist eine ethnische Verpflichtung. Gerade Pädagogische Fachkräfte benötigen die Kompetenz sich ihrer Vorbildfunktion und ihres Einflusses auf die Entwicklung des individuellen Denkens von Kindern bewusst zu sein. Die eigenen Werte und Normen nehmen hierbei eine zentrale Rolle ein. Ein selbst reflektives Handeln sowie die bewusste Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Diskriminierung eröffnet Potenziale, um Kindern kritisches Denken, Empathie und Selbstreflektion zu vermitteln und Bildungsgerechtigkeit in den Fokus zu setzen.
Autor:in
Sandra Richter ist Frühpädagogin, Multiplikatorin für den Ansatz der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung, Referentin, Autorin und Evaluatorin. Das Sammeln von Erfahrungen und den daraus entstehenden Erkenntnissen erlangt sie aus der Perspektive einer weißen Cis- Frau (eine Person, deren Geschlechteridentität mit der Identität der Geburt übereinstimmt).
Entstehungshintergrund
Louise Derman-Sparks und Carl Bronson-Phillips sind die Begründer des Anti-Bias-Approches (Anti-Gegen, Bias-Voreingenommenheit, Approach-Ansatz), welcher 1990 für die frühkindliche Bildung in Amerika auf der Basis der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung und den Social-Justicebewegung entstanden ist. In Deutschland fand er durch das Institut für den Situationsansatz mit verschiedene Kinderwelten-Projekten immer größere Beachtung. Auf dieser Grundlage wurde der Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung konzipiert. Das Ziel dieses Ansatzes besteht darin, Kindertageseinrichtungen darin zu unterstützen, ein Bildungsangebot zu ermöglichen, welches allen Kindern qualitativ hochwertige Bildungsmöglichkeiten eröffnet. Klare Strukturen und methodische Grundlagen dienen zur Förderung einer inklusiven Pädagogik. Sie bieten die Chance, bestehende Abläufe weiterzuentwickeln, Vielfalt aktiv zu fördern und Diskriminierung abzubauen, um nachhaltige Verbesserungen in der pädagogischen Praxis zu verankern.
Aufbau
Das Buch ist in insgesamt fünf Kapiteln untergliedert. Diese umfassen 174 Seiten. Im ersten Kapitel werden die Grundlagen der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung näher erläutert. Hierbei werden Ziele klar konkretisiert sowie die Entstehung und Auswirkungen der Entwicklung von Vorurteilen bei Kindern thematisiert. Ebenso wird auf den Begriff Bildungsgerechtigkeit im pädagogischen Kontext eingegangen und das Inklusionsverständnis des Ansatzes der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung bestimmt. Das zweite Kapitel handelt davon, welche Bereitschaft ein Team mitbringen muss, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ebenso wird auf die Bedeutung der vier Ziele für die pädagogische Arbeit und ihre Handlungsfelder sowie die damit zusammenhängenden Positionen eingegangen. Im dritten und somit umfangreichsten Kapitel wird der Anwendungsbezug in der pädagogischen Arbeit näher betrachtet. Anhand von Praxisbeispielen, Anregungen, Selbstreflexionen und Tipps wird der Bezug der vier Ziele zu den verschiedenen Handlungsfeldern definiert. Wie dies umgesetzt werden kann, was dabei beachtet werden muss und welche relevante Bedeutung die Umsetzung hat, wird hier ausführlich beschrieben. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Entwicklung einer vorurteilsbewussten und diskriminierungskritischen Identität. Es wird darauf eingegangen, wie der Umgang mit Abwehrmechanismen gestaltet werden kann und welche kritischen Aspekte erkannt und vermieden werden können. Im letzten Kapitel werden die Begriffe „verbündet“ und „Powersharing“ definiert und aufgezeigt, wie Bedeutsam es ist, diese in unserer Gesellschaft fest zu verankern.
Inhalt
Zu Beginn des Buches erhält man einen Überblick in den Anti Bias Approach und die damit zusammenhängenden Entstehung der Kinderwelten-Projekte sowie dem daraus resultierenden Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung. Louise Derman-Sparks und Carl Bronson-Phillips sind zu der wichtigen Erkenntnis erlangt, wie Vorurteile sich in der Gesellschaft manifestieren und bewusst oder unbewusst weitergegeben werden. Kinder wachsen in einer Welt auf, die von vielfältigen kulturellen, sozialen und individuellen Unterschieden geprägt ist. Diese Diversität begegnet ihnen jedoch niemals völlig neutral oder wertfrei. Vielmehr ist das Zusammenleben und Miteinander stets mit Bewertung verbunden, die häufig in Form von Vorurteilen zum Ausdruck kommen. Diese Vorurteile können tiefgreifende Auswirkungen auf den Bildungsweg von Kindern haben. Sie beeinflussen, welche Chancen Kinder erhalten, wie sie wahrgenommen werden und welche Erwartungen an Sie gestellt werden. Dabei sind Unterschiede an sich keineswegs problematisch. Unterschiedlichkeiten bereichern die Gesellschaft und eröffnen vielfältige Perspektiven und Lernmöglichkeiten. Problematisch wird es erst, wenn diese Unterschiede mit negativen Bewertungen und stereotypen Vorstellungen belegt werden. Sandra Richter sensibilisiert durch Definitionen von politischen Selbstbezeichnungen, einschlägigen Begriffen wie „Dominanzkultur“, „Adultismus“, „Powersharing“ und „Inklusion“ und bringt Beispiele von Stereotypen, die Kinder durch Erwachsene übernehmen. Es wird klar ersichtlich, wie entscheidend die Vorbildfunktion Erwachsener für die individuelle Entwicklung von Kindern ist. Sandra Richter verdeutlicht eindrucksvoll den weitreichenden Einfluss, den Erwachsene auf kindliches Denken und Lernen ausüben. Hierbei wird den Kindern die Möglichkeit geboten, ihre Umwelt zu interpretieren und Zusammenhänge zu erfassen. Besonders betont sie die Bedeutung einer pädagogischen Haltung, die Kinder darin unterstützt, eigene Theorien zu hinterfragen, zu reflektieren und daraus selbständig Erkenntnisse zu erlangen. Sie zeigt auf, wie stark Formulierungen, Fragestellungen und die Art der Rückmeldung das kindliche Nachdenken und die Selbstwahrnehmung beeinflussen können.
„Powersharing“, das Teilen und Abgeben von Macht, ist ein elementarer Bestandteil von vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Dabei werden Kinder auf gleicher Ebene wahrgenommen und somit ein Dialog gefördert. Dieser Austausch regt sowohl Kinder als auch Erwachsene an, eigene Sichtweisen zu reflektieren, Fragen zu stellen und voneinander zu lernen. Erforderlich ist dafür eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie und den damit zusammenhängenden Werten. Selbstreflektiertes Denken und Handeln ist in diesem Zusammenhang unerlässlich und kann zu Abwehrmechanismen führen, die erkannt und in einen konstruktiven Entwicklungsprozess einbezogen werden müssen. Abwehrmechanismen entstehen oft durch Unsicherheit, Überforderung und der Sorge vor Veränderung. Ein aktiver und bewusster Umgang mit dieser Thematik bildet die Basis für eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Anhand zahlreicher Beispiele und selbstreflexiver Fragen veranschaulicht Sandra Richter, wie der Weg zu einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung im Team geebnet werden kann und wie es gelingt, die pädagogischen Fachkräfte mit Überzeugung in diesen Prozess einzubinden.
Diskussion
Das Buch von Sandra Richter zeichnet sich durch eine gute Strukturierung und einen verständlichen Schreibstil aus. Der Aufbau ist logisch nachvollziehbar. Eine theoretische Einführung mit verschiedenen Definitionen ermöglicht dem Leser einen reibungslosen Übergang in die praktische Umsetzung. Zahlreiche Beispiele, Definitionen, Praxisanleitungen und Selbstreflektionsfragen machen das Werk leicht verständlich und abwechslungsreich, ohne den roten Faden zu verlieren. Ein gelungener Abschluss entsteht durch die Vielfalt an Kommentaren verschiedener Altersgruppen, die das Buch stimmig abrunden. Die Autorin verdeutlicht, dass ein Umdenken in der eigenen Haltung eine Aufgabe ist, welche einiges an Aufwand bedeutet, aber ethisch essentiell ist. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine Gesellschaft, in der eine vorurteilsbewusste Haltung selbstverständlich ist und Vielfalt als gesellschaftliche Norm gilt.
Fazit
Das Buch ist ein gelungenes Werk, welches die Vielfalt nicht als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit wahrnimmt. Bewusstseinsbildung, Offenheit und strukturelle Veränderung werden als Aspekte benannt, die nicht nur theoretisch untermauert, sondern vor allem praktisch anwendbar gemacht werden. Es vermittelt eine positive Grundhaltung und bietet eine gute Voraussetzung für eine unkomplizierte Umsetzung.
Rezension von
Stefanie Mann
Sozialpädagogin Bildungs- und Sozialmanagement B.A., Kindertagesstättenleitung der ev. Kindertagesstätte Unter dem Regenbogen, Masterstudiengang Kindheits- und Sozialwissenschaften HS Koblenz, Fachbereich Management und Beratung
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