Wolfgang Tietze, Hans-Günther Rossbach et al.: Kinder von 4 bis 8 Jahren
Rezensiert von Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy, 06.06.2006
Wolfgang Tietze, Hans-Günther Rossbach, Katja Grenner: Kinder von 4 bis 8 Jahren. Zur Qualität der Erziehung und Bildung in Kindergarten, Grundschule und Familie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 296 Seiten. ISBN 978-3-407-56280-7. 29,90 EUR. CH: 52,90 sFr.
Einführung
Bei der Mehrheit der Kinder in Deutschland wird von außen betrachtet von einer Standardbiografie auf ihrem familiären und institutionellen Weg der Bildung, Betreuung und Erziehung ausgegangen. So besagen bspw. die letztverfügbaren Daten des Statistischen Bundesamtes (2004), dass der Anteil der Fünfjährigen, die den Kindergarten besuchen bei 89,8% (alte Bundesländer 89,6%; neue Bundesländer 90,8%) liegt. Der Kindergartenzeit schließt sich dann (im Normalfall) die Schulpflicht und mit ihr der Besuch der Grundschule an und erst nach Beendigung der Grundschule trennen sich die Bildungswege der Kinder durch den Besuch unterschiedlicher Schultypen. Ob sich aus diesem bildungsbiografischen Standard schließen lässt, dass alle Grundschüler über die gleichen Bildungserfahrungen verfügen, war Fragestellung einer Studie, die in der vorliegenden Veröffentlichung vorgestellt wird.
Zur Autorin, den Autoren
- Wolfgang Tietze,Dr. phil. ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Fragen der Feststellung, Entwicklung und Sicherung pädagogischer Qualität sowie der internationale Vergleich.
- Hans-Günther Roßbach, Dr. phil., war Professor für Allgemeine Didaktik/Unterrichtsforschung an der Universität Lüneburg. und ist seit 2002 Inhaber des Lehrstuhls für Elementar- und Familienpädagogik der Universität Bamberg.
- Katja Grenner, Dipl.-Psych. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei PädQuis gGmbH, einem Kooperationsinstitut der Freien Universität Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Qualitätssicherung und -entwicklung in Kindertagesstätten.
Aufbau der Veröffentlichung
In "Kinder von 4 bis 8 Jahren" wird eine Längsschnittstudie vorgestellt, die die Einflüsse der pädagogischen Umwelten Familien, Kindergarten und Grundschule auf die Entwicklung der Kinder erforscht. Dazu wurden 103 Kindergartengruppen in Ost- und Westdeutschland mit insgesamt 422 Kindergartenkindern einschließlich ihrer Familien untersucht. Ausgehend von einem Alter von ca. viereinhalb Jahren wurden die Kindergartenkinder über den Zeitraum von vier Jahren auf ihrem weiteren Bildungsweg begleitet.
Die Veröffentlichung besteht aus sieben Kapiteln, die in drei inhaltlichen Kernteilen ("Kindergartenphase", "Übergangsphase", "Grundschulphase" und "Pädagogische Qualität und kindliche Entwicklung in längsschnittlicher Perspektive") unterteilt ist. Die Kernteile werden eingerahmt durch einen einleitenden ("Einleitung" und "Konzept und Anlage der Untersuchung") und einen abschließenden Teil "Zusammenfassung, Diskussion und Empfehlungen").
In Kapitel Zwei wird einleitend der konzeptionelle Rahmen der Studie vorgestellt und sowohl die Stichprobe als auch die Untersuchungsmethodik beschrieben. Nach einer grundlegenden Auseinadersetzung mit der Frage nach der Qualität von institutioneller Bildung, Betreuung und Erziehung wird die Forschungskonzeption vorgestellt. Die Untersuchung vollzog sich durch eine Kombination einer Querschnitts- und zweier Längsschnittuntersuchungen, die jeweils zwischen Orientierungs-, Struktur- und Prozessqualität unterschieden und zwischen den pädagogischen Umwelten, dem institutionellem Setting mit Kindergarten bzw. Grundschule und dem Familiensetting:
- In der ersten querschnittlichen Perspektive ging es um die Bezug zwischen pädagogischer Qualität im Familien- und Kindergartensetting und dem Entwicklungsstand der Kinder im Alter von ca. viereinhalb Jahren (Kapitel 3).
- Im Alter der Kinder von ca. sechs Jahren wurde mittels der ersten Längsschnittuntersuchung der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die pädagogische Qualität im Familien- und Kindergartensetting auf die Entwicklung der Kinder am Ende der Kindergartenzeit vor dem Übergang in die Grundschule hat (Kapitel 4). Im Zentrum stand die Frage nach der Schulfähigkeit der Kinder, ihr Entwicklungsstand im sprachlich-kognitiven Bereich und im Bereich ihrer Bewältigung von Alltagssituationen.
- Die zweite längsschnittliche Ausweitung betraf die Kinder im Alter von ca. achteinhalb Jahren zum Ende ihrer der zweiten Grundschulklasse. Der Einfluss der pädagogischen Qualität im Kindergarten und in der Familie während der Vorschulzeit wurde ergänzt um die pädagogische Qualität während der ersten beiden Grundschuljahre und die des Familiensettings. Wie in den vorhergegangenen Untersuchungsteilen wird auch hier der Bezug zum Entwicklungsstand der Kinder und zu den Schulleistungen hergestellt.(Kapitel 5 & 6).
In Kapitel Sieben werden die Hauptergebnisse aus den drei Untersuchungsteilen zusammengefasst und hinsichtlich verschiedener Gesichtspunkte aus Fachpraxis und -politik diskutiert. Es wird betont, dass nach international weithin anerkannten Standards nur eine mittelmäßige pädagogische Prozessqualität in den untersuchten Kindergartengruppen ermittelt wurde. Bei den im Durchschnitt viereinhalbjährigen Kindern konnte bei einer besseren pädagogischen Qualität in den Kindergärten statistisch belegt werden, dass der Sprachentwicklungsstand höher liegt, sie über mehr soziale Kompetenz verfügen und auch in der Bewältigung eines breiten Spektrums von Alltagssituationen besser abschneiden.
Auch bei den achteinhalbjährigen Kindern am Ende der zweiten Grundschulklasse ließen sich noch statistisch signifikante bzw. tendenziell signifikante Effekte ermitteln: Demnach wiesen Kinder, die einen Kindergarten von besserer pädagogischer Qualität besucht hatten, am Ende der zweiten Schulklasse einen höheren Sprachentwicklungsstand auf und zeigten bessere Schulleistungen. Nach dem Urteil ihrer Lehrer/innen verfügen sie über mehr soziale Kompetenz und können auch ein breites Spektrum von Alltagssituationen besser bewältigen. Beachtet werden muss bei diesen Ergebnissen jedoch, dass die pädagogische Qualität des Familiensettings für den Entwicklungsstand in der Vorschulphase eine deutlich höhere Erklärungskraft zukommt. Sie erklärt je nach Kriteriumsvariable rund zwei bis dreimal so viel an Entwicklungsvarianz in der Vorschulphase. Beim Übergang in die Grundschule und am Ende der zweiten Grundschulklasse zeigt sich zudem, dass die Qualität des familialen Settings einen höheren Anteil an Entwicklungs- und Schulleistungsvarianz erklärt als die insitutionellen Settings Kindergarten und Grundschule.
Die Veröffentlichung endet mit Empfehlungen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung in Kindertagesstätten. Dabei gehen die Autorin und die Autoren davon aus, "dass Betreuung, Bildung und Erziehung im Kindergarten ein nach den Standards der Profession qualitativ gutes Angebot darstellen sollten, auf das alle Kinder und Eltern, unabhängig von ihrem Wohnort, ihrem Einkommen und ihrer sozialen Lage, einen Anspruch haben." (S. 272) Da eines der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung darin besteht, dass sich Unterschiede in der Prozessqualität zwischen den Kindergartengruppen zu einem erheblichen Teil auf Unterschiede in den Rahmenbedingungen der Struktur- und Orientierungsqualität zurückführen lassen, sollte die Strukturqualität stabilisiert und nach Möglichkeit verbessert werden. Zudem wird ein wichtiger Ansatz zur Verbesserung der fachlichen Orientierungsqualität in einer Reform der Erzieher/innenausbildung gesehen und in Maßnahmen und Verfahren, die zu einer gezielten Orientierung der pädagogischen Arbeit in den Einrichtungen führen. Dazu sind Steuerungsinstrumente und Standards zur Erfassung und Weiterentwicklung pädagogischer Prozessqualität zu entwickeln und einzuführen. Einrichtungen, die diesen Standards genügen, sollten zudem mit einem pädagogischen Gütesiegel ausgezeichnet werden.
Fazit
In erster Linie richtet sich das Buch an Wissenschaftler/innen und Expert/inn/en im Bereich Früherziehung. Obwohl die pädagogische Qualität der Familie einen maßgeblichen Anteil an der kindlichen Entwicklung und den Schulleistungen hat, so heben die Ergebnisse der vorliegenden Studie erneut die große die Bedeutung einer guten pädagogischen Qualität im Kindergarten für den Bildungserfolg von Kindern hervor. Die Ergebnisse sind deshalb ebenso für Verantwortungsträger in Fachpolitik, Bildungs- und Jugendhilfeadministration, für Lehrende und Studierende an Universitäten und Fachhochschulen, Lehrende und Schüler/innen an Berufskollegs, Fortbildner/nnen etc. und nicht zuletzt für die Kindergarten- und Schulpraxis von großer Bedeutung.
Rezension von
Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy
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