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Fritz B. Simon: Gewalt gegen sich selbst

Rezensiert von Ronny Noak, 03.12.2025

Cover Fritz B. Simon: Gewalt gegen sich selbst ISBN 978-3-8497-0589-3

Fritz B. Simon: Gewalt gegen sich selbst. Paradoxe Formen des Widerstands. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. 93 Seiten. ISBN 978-3-8497-0589-3. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.
Reihe: Update Gesellschaft.

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Thema

Bundesweite Schlagzeilen erzielte die in Ungarn in Haft sitzende Maja T. Anfang Juni 2025 als sie öffentlich bekannt gab, in den Hungerstreik zu treten. Damit wolle die Person unter anderem auf die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln aufmerksam machen. Maja T. wählte damit das Mittel des Hungerstreiks – eine Form der Gewalt gegen sich selbst – um auf die Umstände aufmerksam zu machen.

Damit steht sie in einer längeren Tradition selbstzerstörerischer Protest- und Aktions- und Widerstandsformen, denen Fritz B. Simon in seinem Buch nachgeht. Dabei will Simon in seinem Essay erklären, warum Menschen sich selbst Gewalt antun und welche Implikationen für die soziale Umwelt damit verbunden sind.

Autor

Fritz B. Simon ist Professor für Führung und Organisation, Psychiater, Psychoanalytiker, Systemischer Therapeut und Organisationsberater. Er wurde durch die Zeitschrift Personalmagazin mehrfach zu einem der „40 führenden Köpfe im Personalwesen“ gewählt

Aufbau

Der knapp 90-seitige Essay ist inklusive Einleitung und Nachbemerkung in neun Kapitel gegliedert. Die inhaltlichen Kapitel lassen sich dabei noch einmal in zwei große Themen untergliedern. Zum einen befasst sich der Autor in den ersten vier Kapiteln mit Formen der Gewalt gegen sich selbst. Hier geht es vor allem um die verschiedenen Formen von Autoaggression und Autodestruktion und in welchen gesellschaftlichen Rahmen sie ihre Wirkung erzielen sollen. Dabei unterscheidet der Autor in Selbstdestruktion im Namen von Staaten, Organisationen und Religionsgemeinschaften sowie familiären Kontexten. Die sich daran anschließenden drei Kapitel bilden dann eine umfassende Analyse der gemachten Erkenntnisse. Dabei erfolgt zunächst eine Analyse anhand vier verschiedener Kategorien (aktive vs. Passive Negation, Ereignis vs. Prozess, Theatralisierung vs. Heimlichkeit und Erklärungen) bis der Autor sich dann den Beziehungsmustern widmet und abschließend zwei Spekulationen im Bezug auf Autoimmunerkrankungen und Protestwahlen widmet.

Inhalt

„Die Anwendung körperlicher Gewalt ist eine der Grundlagen der Macht, die Menschen über Menschen ausüben.“(S. 7) Damit wird das grundlegende Verhältnis als Gewalt gegen andere Menschen zur Durchsetzung von Macht adressiert. Wie verhält es sich nun aber, wenn Menschen Gewalt gegen sich selbst anwenden und welche Einflussmöglichkeiten damit auf gesellschaftliche Systeme bestehen. Fritz B. Simon steigt in seinem Essay mit den wohl bekanntesten und radikalsten Formen von Autoaggression. Dabei werden die Kamikazeflieger Japans im Zweiten Weltkrieg sowie Selbstmordattentate und Selbstverbrennungen angeführt. Damit werden staatliche (oder größere Gesellschaften umfassende) Aktionen umfassende Attentate angeführt, bei denen der sich selbst gefährdende und vernichtende Akteur als „Repräsentant von sozialen Einheiten“(S. 19) gesehen. Er handelt also mehr oder minder im Namen der Organisation die ihn entsendet.

Davon grenzt Simon im zweiten Kapitel die Formen Hungerstreik und Suizid ab, die im Namen von Organisationen erfolgen, wie beispielsweise der Roten Armee Fraktion, deren Protagonisten im Gefängnis Selbstmord begingen.

Das dritte Kapitel behandelt schließlich Religionsgemeinschaften bzw. deren Ausdrucksformen Kirchen, Sekten und Kulte. So wird am Beispiel der katholischen Flagellanten gezeigt, dass Selbstverletzung keinesfalls ein neuzeitliches Phänomen ist, sondern bereits im Mittelalter praktiziert wurde. Spannend zu lesen ist auch der abschließende Absatz, in dem es um Massensuizide durch totalitäre Sekten geht. Hier wird darauf hingewiesen, dass die totale Unterwerfung unter die Regeln der Sekte auf der einen Seite erfolgte, auf der anderen Seite mit den Massensuiziden aber auch „kollektiv die Unterwerfung unter die staatliche Gewalt verweigert“(S. 50) wurde. Simon spricht hierbei von einem „vorauseilendem Widerstand“(S. 50) im Angesicht der Bedrohung des Kollektivs in seiner radikalsten Form.

Im vierten Kapitel geht der Autor dann auf eine individuellere Ebene, in dem er Selbstverletzungen wie Ritzen oder Magersucht untersucht. Diese geschehen nicht mehr in staatlichen Kontext sondern sind in das familiäre Umfeld eingebunden. Dabei zeigt sich, dass diese Formen vor allem eine Machtumkehr symbolisieren, bei denen sich Kinder von der Macht der Eltern emanzipieren wollen und ihren Ausdruck des Strebens nach Freiheit äußern.

Im fünften Kapitel, das mit der Überschrift „Versuch einer Analyse“ überschrieben ist, nimmt Fritz B. Simon eine Kategorisierung der verschiedenen autoaggressiven Muster vor. Er bietet Muster in Verhalten und Ausdruck an, die uns zeigen, wie Autoaggression auf verschiedene Systeme wie Staaten, Kulturen oder Familien wirken. Damit lässt beispielsweise zeigen, dass Autoaggression nicht immer die erhoffte Wirkung zeigt, aber häufig zu „Reflexionen über das Verhältnis gesellschaftlicher Strukturen“(S. 72) ermöglicht und somit, wenn schon nicht zu Revolutionen, dann doch zumindest zu Reformen führen kann.

Im sechsten Kapitel greift der Autor dann über sein eigentliches Thema hinaus, in dem er in Bezug auf Autoimmunerkrankungen und Protestwahlen spekuliert, wie sich diese als Widerstand lesen lassen.

Abgerundet wird das Büchlein durch eine „Nachbemerkung“, die noch einmal die gemachten Erkenntnisse zusammenfasst.

Diskussion

Mit seinem Essay über Selbstdestruktion betritt Fritz B. Simon Neuland. Auch wenn es beispielsweise zu Suiziden vor allem unter individueller und psychologischer bzw. pathologischer Sicht eine Menge an Literatur gibt, ist der hier vorliegende Band eine Neuerung. Denn erstmals geht es einem Autor „nicht um die individuelle Motivation […] sondern um die sozialen Auswirkungen ihrer Taten.“(S. 85) An den unterschiedlichsten Beispielen auf einer Vielzahl von Ebenen gelingt es darzustellen, welche Auswirkungen beispielsweise Suizide als stärkste Form des Widerstand haben. Wie hervorragend gezeigt wird, handelt es sich vielfach um Widerstand, dessen Wirkung der Betroffene selbst nicht erlebt und der damit immer auf das wirkende System abzielt. Dabei wird klar gezeigt, unter welchen Bedingungen und Vorstellungen Menschen zu diesem Mittel greifen. Positiv kommt dabei hinzu, dass sich das Buch sehr gut lesen lässt. Simons Sprache ist so klar wie anschaulich, was seine Argumentation stetig unterfüttert.

Fazit

Wer sich mit der Frage befassen will, wie Autoaggression auf die Veränderung verschiedener sozialer Systeme wirken will, der kommt um diesen Essay nicht herum. Er eignet sich als überblicksartiger Einstieg zum Thema, da er verschiedenste Formen anschaulich, knapp und präzise erläutert. Es bleibt daher abschließend zu hoffen, dass sich viele Untersuchungen an dieses Einstiegswerk anschließen. Gedankenanstöße vermittelt der Band genügend.

Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 24 Rezensionen von Ronny Noak.

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ISSN 2190-9245