Astrid Boll, Jennifer Miehe-Gruhn et al.: Position beziehen - mutig handeln!
Rezensiert von Alexandra Großer, 18.12.2025
Astrid Boll, Jennifer Miehe-Gruhn, Regina Rein, Regina Remsperger-Kehm: Position beziehen - mutig handeln! Fachberatung im institutionellen Kinderschutz. Das Praxismaterial.
verlag das netz GmbH
(Kiliansroda) 2025.
1. Auflage.
ISBN 978-3-86892-204-2.
Arbeitsheft DIN A4 12 S., 18 Karten DIN A4, 12 Karten DIN A5, 4 Karten DIN A6, 1 Faltblatt DIN A4 8 S.
Thema
Verletzendes Verhalten von Kolleg*innen ansprechen. Im Team über verletzendes Verhalten miteinander offen reden. Das fällt vielen schwer. Doch Kinder brauchen Erwachsene, die für sie Partei ergreifen, die klar Position beziehen, die mutig handeln. Das Praxismaterial begleitet mit seinen vielen Methoden und Impulsen zu den Bildkarten Fortbilnder*innen, Fachberatungen und Berater*innen dabei mit pädagogischen Fachkräften zu verletzende Verhaltensweisen zu reflektieren, sich klar zu positionieren, eine Fehlerkultur im Team zu entwickeln und Krisengespräche zu führen, als auch responsives Verhalten zu stärken.
Autor:in oder Herausgeber:in
Dr. Astrid Boll ist Erzieherin und Sozialpädagogin. Sie lehrt und forscht als Vertretungsprofessorin für Kindheitspädagogik an der Hochschule Rhein Waal in Kleve. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Kinderschutz und Kinderrechte, Fachkraft-Kind-Interaktionen, Elementardidaktik, Medienpädagogik sowie Praxis der pädagogischen Arbeit.
Jennifer Miehe-Gruhn ist Erzieherin mit M.A. Unternehmenskommunikation und Rhetorik. Sie leitet eine Kita in Köln und ist als Referentin und Fortbildnerin tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kinderschutz und Kinderrechte, Teamentwicklung, Beziehungsgestaltung, Kommunikation und Organisationsstruktur.
Regina Rein ist Erzieherin und Sozialpädagogin mit B. A. Bildungs- und Sozialmanagement als auch Personal- und Businesscoach. Sie ist als Referentin, Fortbildnerin, Beraterin und Evaluatorin für Kindertageseinrichtungen tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kinderschutz, Herausforderndes Verhalten verstehen und begleiten, Demokratiebildung, Migration, Diversität und Rassismussensibilität, Partizipation, Qualitätsentwicklung, Situationsansatz und Leiten einer Kita.
Prof. Dr. Regina Remsperger-Kehm ist Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Erziehungswissenschaftlerin. Sie lehrt und forscht als Professorin für „Frühkindliche Bildung“ an der Hochschule Fulda. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Sensitive Responsivität in Fachkraft-Kind-Interaktionen, Begleitung der Bildungsprozesse von Kindern, Kinderrechte, Kinderschutz, Gesundheitsförderung, Fachberatung und Qualitätsentwicklung in der Frühen Bildung.
Entstehungshintergrund
Mit ihrem Fachbuch „Position beziehen – mutig handeln! Fachberatungen im institutionellen Kinderschutz“ haben die Autor*innen bereits Methoden für Fortbildner*innen, Berater*innen und Fachberatungen sowie Grundwissen für den Umgang und Gespräche über verletzendes Verhalten von und mit pädagogischen Fachkräften, Leiter*innen und Trägern entwickelt und ausgeführt. „Das Praxismaterial „Position beziehen – mutig handeln!“ setzt an diesen Ausführungen und Methoden an“ (S. 3). Es ist die Weiterentwicklung und Ergänzung der Methoden, die im Fachbuch beschrieben sind. Ziel ist es mit pädagogischen Fachkräften für feinfühliges Verhalten und verletzendes Verhalten zu sensibilisieren. Über verletzendes Verhalten in der Kita ins Gespräch zu kommen und dieses zu reflektieren, sowie das feinfühlige Verhalten pädagogischer Fachkräfte zu stärken und weiterzuentwickeln. Das Praxismaterial soll den Austausch „über das eigene Interaktionsverhalten“ (S. 4) anregen und unterstützen. Im besten Fall gelingt es, dass Haltungen durch das Praxismaterial hinterfragt und weiterentwickelt werden. Mit diesem Anliegen wurde das Praxismaterial mit seinen Bildkarten und Reflexionsimpulsen entwickelt.
Aufbau und Inhalt
Das Praxismaterial besteht aus
- einer Begleitbroschüre,
- die pädagogische Reflexionsskala als Tischläufer,
- fünf Din A5 Karten mit Kurzübersichten zu Merkmalen feinfühligen Verhaltens und Formen verletzenden Verhaltens (Vorder- und Rückseite),
- vier Din A5 Karten mit acht Beispielsituationen aus Krippe, Kita und offenen Ganztagsschule (OGS) zu feinfühligem und verletzendem Verhalten mit Reflexionsfragen,
- einer Din A5 Karte mit einem Stoppzeichen und Reflexionsimpulsen auf der Rückseite,
- einer Din A5 Karten als Spickzettel für die Bildkarten,
- einer Din A5 Karte mit Spiegel für die verschiedenen Gesichtsausdrücke sowie Aufgaben zur Vertiefung auf der Rückseite,
- vier Gesprächskarten im Din A6 Format sowie
- einem Bildkartenset mit jeweils drei Szenen aufgeteilt in sechs eskalierende Interaktionen. Die drei Szenen zeigen Situationen aus der Krippe, der Kita und OGS. Auf der Rückseite der jeweiligen Situation befinden sich Reflexionsimpulse mit Arbeitsaufträgen. Der erste Arbeitsauftrag ist verschriftlicht, der zweite Arbeitsauftrag kann mittels QR-Code heruntergeladen werden.
Die Begleitbroschüre enthält eine Einführung sowie zu jedem Kartenset Hintergrundinformationen als auch verschiedene methodische Beschreibungen für die Anwendung in Fortbildungen, Beratungen und Fachberatungen.
Die Autor*innen weisen in der Einführung darauf hin, dass die angewandten Methoden des Praxismaterials „gut begleitet und reflektiert werden müssen“ (S. 4). Das Bildkartenset kann pädagogische Fachkräfte irritieren und erschüttern. Es braucht Fortbildner*innen, Fachberatungen und Berater*innen, die einerseits klar Stellung beziehen und gleichzeitig sensibel auf die Teilnehmer*innen beziehungsweise Teams mit ihren Spannungen, unterschiedlichen Haltungen und Konflikten eingehen.
Das Bildkartenset ist das „Herzstück des Praxismaterials“ (ebd.). Das Bildkartenset besteht aus drei Szenen aus Krippe, Kindergarten und Offener Ganztagsschule (OGS) beziehungsweise Hort. Jede Szene zeigt, wie eine zunächst feinfühlige Situation eskaliert und in verletzendem Verhalten mündet. Jede Szene enthält insgesamt sechs Bildkarten. Die erste Bildkarte zeigt zunächst feinfühliges Verhalten. Die zweite Bildkarte zeigt eine Dilemmasituation. Beispielsweise wie ein Kind ein Glas umstößt, während ein anderes Kind beim Probieren des Essens, das Gesicht verzieht. Die dritte Bildkarte nimmt die einzelnen Bedürfnisse in den Blick. Die vierte Bildkarte beschäftigt sich mit dem Thema Selbstregulation beziehungsweise Umgang mit Stress. Auf der Bildkarte selbst sieht man, wie die Situation zunehmend eskaliert. Die fünfte Bildkarte zeigt das verletzende Verhalten der pädagogischen Fachkraft. Die sechste Bildkarte ist eine Nahaufnahme der pädagogischen Fachkraft während des verletzenden Verhaltens aus der Perspektive des Kindes. Die Vorderseiten zeigen jeweils die verschiedenen Szenen. Auf den Rückseiten befinden sich kurze Beschreibungen der Szenen sowie Reflexionsimpulse und Arbeitsaufträge.
In der Begleitbroschüre geben die Autor*innen wertvolle Hinweise zur Arbeit mit den Bildkarten und erläutern zwei methodische Varianten für den Einsatz der Bildkarten in Beratungen und Fortbildungen. Zu jeder thematischen Bildkarte erhalten die Leser*innen vertiefendes Hintergrundwissen sowie weitere Fragen und einen Merksatz zum Thema. Diese Merksätze und Vertiefungsfragen als auch der QR-Code zu den zweiten Arbeitsaufträgen finden sich ebenfalls auf dem Spickzettel.
Die Karten mit den Merkmalen zu feinfühligem Verhalten und den Formen verletzenden Verhaltens dienen Fachberater*innen, Fortbildner*innen oder Berater*innen zur Analyse pädagogischen Verhaltens bei Hospitationen oder dem pädagogischen Personal zur Selbsteinschätzung von Situationen.
Das Praxismaterial enthält vier Szenenkarten mit Beispielsituationen für Krippe, Kindergarten und OGS/Hort. Auf der einen Seite wird jeweils eine feinfühlige Situation beschrieben, auf der anderen Seite eine Situation mit verletzenden Verhalten. Für die Bearbeitung der Karten erläutern die Autor*innen drei verschiedene Methoden.
Die pädagogische Reflexionsskala „demonstriert anhand des Farbspektrums von dunkelgrün bis dunkelrot die Nuancen feinfühligen und verletzenden Verhaltens“ (S. 9). Die Reflexionsskala kann laut der Autor*innen in Teams, in Fortbildungen als auch Einzelberatungen eingesetzt werden. Der Verlauf von dunkelgrün über grau hin zu gelb und dunkelrot lässt es zu, dass pädagogisch Arbeitende sich mit Spielfiguren zu Beispielsszenen oder eigenen Praxisbeispielen positionieren können. Erläutert werden drei Varianten, wie die Reflexionsskala eingesetzt werden kann.
Die Karte der Spiegel dient pädagogischen Fachkräften sich ihres mimischen Ausdrucks, Tonfalls und Worte in verschiedenen Situationen bewusst zu werden. Diese Karte lädt zur vertieften Reflexion ein. Zur Anregung sind auf der Karte positive Gefühle als auch unangenehme Gefühle formuliert, die sich mimisch darstellen lassen. Auf der Rückseite der Karte sind weitere Impulse zur Vertiefung aufgeführt. In der Broschüre findet sich eine Methodenbeschreibung für den Einsatz.
Die Karte mit dem Stoppschild lädt ein sich mit dem Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion auseinanderzusetzen. Sie dient der Erarbeitung der eigenen Selbstregulation und finden „konkreter Handlungsschritte“ damit Situationen, die als herausfordernd und stressig empfunden werden, nicht eskalieren.
Das Kartenset Gesprächsleitfaden zum Krisengespräch dient dem führen eines Krisengesprächs, wenn Fachberatungen oder Fortbildner*innen von verletzendem Verhalten nach § 47 SGB VIII erfahren. Gleichzeitig kann die pädagogische Fachkraft im Gespräch mit der Fachberatung reflektieren. In der Broschüre findet sich eine Tabelle in der neben dem Inhalt der Karten auch die Ziele der einzelnen Gesprächsbausteine sowie Hinweise zum Gesprächsleitfaden benannt werden.
Diskussion
Das Praxismaterial bietet Fachberatungen, Berater*innen und Fortbildner*innen viele Varianten zum methodischen Einsatz in Teams, Beratungen und Fortbildungen. Aus den verschiedenen beschriebenen Methoden lassen sich einzelne Bausteine zur Ergänzung eigener Fortbildungen entnehmen oder ein kompletter Fortbildungstag gestalten.
Nach der intensiven Beschäftigung mit dem Praxismaterial wird deutlich, dass es darum geht zum Wohl der Kinder zu handeln und pädagogisches Personal dahingehend zu stärken überwiegend responsiv und feinfühlig zu handeln. Auch wenn er nicht explizit genannt wird, so ist der Grundsatz, Selbstregulation vor Co-Regulation, allgegenwärtig.
Das Praxismaterial verlangt einiges ab. Die intensive Betrachtung der einzelnen Bildkarten, besonders die Bildkarten mit den Nahaufnahmen aus der Perspektive des Kindes lassen zurückzucken und können verstören. Der Gedanke sich seiner eigenen Mimik, dem Tonfall und der eigenen Worte bewusst zu werden, sich damit intensiver auseinanderzusetzen, ist neu und ungewohnt. Aus der Videointeraktionsanalyse kennt man das gute Gesicht. Hier wird das gute Gesicht umgekehrt und kann verstörend wirken. Diese Auseinandersetzung ist wichtig. Es lässt auch zu, eigene blinde Flecke zu erkennen. Der Perspektivwechsel, der damit verbunden ist, ist essenziell. Denn diesen Gesichtsausdruck sieht nicht nur das betroffene Kind, auch die anderen Kinder und Erwachsenen um uns herum. Neben dem verletzenden Verhalten kommt eine weitere Verletzung hinzu, der nonverbale Ausdruck des Gesichts, der auf Kinder wie auf Erwachsene wirkt.
Die Autor*innen nehmen nicht nur das verletzende Verhalten in den Blick, sondern auch das feinfühlige reagieren auf Kinder und ihre Bedürfnisse. Diese responsive Haltung zu stärken und weiterzuentwickeln ist das Ziel der Autor*innen. Feinfühlige Merkmale zu erkennen und sich ebenso intensiv damit auseinanderzusetzen, wie mit den Merkmalen verletzenden Verhaltens, ermöglicht es responsives Verhalten im Alltag zu verstärken. Im Gegensatz dazu, werden durch die intensive Reflexion verletzenden Verhaltens, die Momente gestärkt, in denen wir einen Schritt zurücktreten und Stopp sagen können, um die Situation zu deeskalieren statt zu eskalieren. Dies setzt auch eine intensive Selbstreflexion voraus, die danach fragt, ab wann der Moment ist, an dem Gefühle wie Wut, Zorn, Stress uns drohen zu überfluten. Wo ist der Moment, an dem es noch ein Stopp gibt.
Die verschiedenen Reflexionsmethoden und vertiefenden Impulse sowie Beispielszenen ermöglichen es pädagogischen Fachkräften sich zunächst emotional distanziert und trotzdem vertiefend mit verletzendem Verhalten auseinanderzusetzen. Sich nach und nach zu öffnen und auch eigenes verletzendes Verhalten in den Blick zu nehmen. Für Teams eine Möglichkeit miteinander eine offen vertrauensvolle Fehlerkultur zu entwickeln und zu etablieren.
Das eigene verletzende Verhalten gegenüber Kindern zu reflektieren, mit Kolleg*innen über verletzendes Verhalten zu sprechen, mag zunächst unangenehm sein. Durch das Praxismaterial mit seinen Bildkarten und Szenenkarten wird es an- und aussprechbar. Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Fehler eingestehen, die sich reflektieren, die miteinander offen reden, die klar Position beziehen. Mit der Broschüre und mit den Methoden wird dies vermittelt.
Die Karten zum Gesprächsleitfaden können nicht nur in Krisengesprächen eingesetzt werden, sondern auch in Fortbildungen zur Vorbereitung und Übung eines Krisengesprächs.
Fazit
Fortbildner*innen, Fachberatungen und Beratungen, die mit Teams zu den Themen Kinderschutz, Adultismus, grenzverletzendes Verhalten arbeiten, bekommen mit dem Praxismaterial ein kostbares Methodenset an die Hand, welches es ermöglicht miteinander ins Gespräch zu kommen und klar Position zu beziehen. Das Praxismaterial, mit seinen vielfältigen Methoden, Reflexionsimpulsen, vertiefenden Fragen und Hintergrundwissen, ist ein weiterer wichtiger Baustein zum Wohl der Kinder in Kindertageseinrichtungen und offenen Ganztagsschulen beziehungsweise Horten. Gelebter Kinderschutz brauch mutiges handeln und klare Positionen, mit dem Praxismaterial wird dies möglich.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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