Linda Burlan Sørensen: Metacognitive Therapy
Rezensiert von Nina Theofel, 29.01.2026
Linda Burlan Sørensen: Metacognitive Therapy: Free Yourself from Imprisoning Thoughts. Eigenverlag 2023. 224 Seiten. ISBN 978-87-93201-48-4. 26,81 EUR.
Thema
Diese Rezension möchte auf einen neueren Ansatz innerhalb der sog. dritten Welle der Verhaltenstherapie, die „metakognitive Therapie“ (MCT) hinweisen, anhand der gleichnamigen Publikation der dänischen approbierten klinischen Psychologin Linda Burlan Sørensen. Die Autorin nimmt engen Bezug zu Adrian Wells, dem Begründer der Methode, bei dem sie ausgebildet wurde. Sie hat mehrere Bücher zu MCT verfasst und gilt in Dänemark als eine der führenden Expertinnen auf diesem Gebiet. Zur Rezension lag die englische Übersetzung des Originals (2018) vor.
Sørensen verwendet die Abkürzung MCT im Buch nicht, was der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass sie sich an ein breiteres Laienpublikum wendet und die Terminologie entsprechend angepasst hat. Sie bezieht sich jedoch durchgängig auf das Konzept MCT; dies ist die gängige Abkürzung, die bereits durch Wells eingeführt wurde. Achtung, Verwechselung: MCT ist nicht identisch mit MKT (Metakognitives Training), das zur Behandlung von Psychosen entwickelt wurde. Inzwischen nutzt Sørensen häufiger den Begriff neokognitiv anstelle von metakognitiv (vgl. die Bezeichnung Neokognitivt Institut, https://www.neokognitivtinstitut.dk), um einen Paradigmenwechsel zu unterstreichen. Auch dieser Begriff taucht jedoch in der hier besprochenen Publikation nicht auf.
Aufbau
Das Buch erläutert den Ansatz der metakognitiven Therapie zunächst theoretisch. Fallbeispiele aus der klinischen Praxis zeigen dann, was Arbeiten auf der metakognitiven Ebene bedeutet. Die Beispiele beziehen sich unter anderem auf die Diagnosen Sozialphobie, Depressionen, Zwangsgedanken und PTBS. Auch ihre Arbeit mit Familien erläutert Sørensen an zwei Fallbeispielen. Dabei werden eine Reihe von Übungen des Verfahrens vorgestellt.
Inhalt
Nicht um die Inhalte der Gedanken geht es beim metakognitiven Ansatz, nicht um wahr oder falsch oder wie sie inhaltlich zu verändern seien, sondern darum, wie wir die eigenen Gedanken „managen“ (S. 16). Sørensen verweilt mit ihren Patient/innen nicht in der Vergangenheit und diskutiert deren gedanklichen Vorstellungen nicht mit ihnen. Vielmehr geht es bei MCT darum, sich der übermäßigen Aufmerksamkeit auf unzuträgliche kognitive Prozesse bewusst zu werden und diese aktiv neu auszurichten. Hier liegt der Paradigmenwechsel in der therapeutischen Praxis.
Gedanken werden schlicht als „elektrochemische Impulse in unserem Gehirn“ betrachtet (S. 15). Patient/innen lernen, dass sie den eigenen Gedanken nicht ausgeliefert sind und wie sie darüber mehr Kontrolle erlangen können. Die Nähe zu achtsamkeitsbasierten Verfahren wird deutlich wenn es heißt: „Wir müssen nicht auf alles reagieren, was in unserem Kopf auftaucht“ (S. 103; Übersetzung durch Rezensentin).
Eine Illustration der Autorin dazu: Gedanken sind wie ein Telefon, das läutet. Wir haben keinen Einfluss darauf, was auftaucht. Die Reaktion aber – sozusagen: ob wir abheben oder nicht – bestimmen wir selbst. (S. 27f).
Die Autorin präsentiert den metakognitiven Ansatz als eine pragmatische und effektive Methode, die viel mehr Wert auf Aufmerksamkeitsübungen denn auf Dialoge oder die Beziehungsebene legt. Entsprechend kommt sie mit einer geringen Anzahl von Stunden aus, die auch nicht immer 60 Minuten dauern müssen. Sie arbeitet unter anderem mit Video- oder Tonaufnahmen oder nutzt einen Tischtennisball, der unter Wasser gedrückt wird, um zu demonstrieren: mit Gedanken, die man unterdrückt ist man ständig in Kontakt.
Auch die Grenzen des Ansatzes benennt die Autorin. Sie vergleicht MCT mit Penicillin: es sei nicht die Antwort auf alles, aber etwas, dass man für bestimmte Anwendungsfälle im Arztschrank haben sollte. Die Methode führe zu raschen Ergebnissen, wenn sie in passenden Situationen korrekt angewendet wird, so die Autorin (S. 15).
Zentrale Begriffe
Jene ausufernden kognitiven Prozesse, die es zu reduzieren gilt, haben eine eigene Bezeichnung: CAS. Dies steht für: Cognitive Attentional Syndrome (kognitives Aufmerksamkeitssyndrom, vgl. S. 20). CAS ist ein Kernkonzept der metakognitiven Therapie. Wenn CAS auftritt, ist es häufig mit einem exzessiven inward focus (Fokus auf sich selbst/nach innen gerichteter Fokus) verbunden – oft auch mit einem zu viel an Analyse oder Psychologisierung. Wenn CAS krank macht, gilt es den Fokus durch gezieltes Training zu verändern. Hierbei hilft „detached mindfulness“, losgelöste bzw. distanzierte Achtsamkeit, bei der eine passive Beobachterrolle gegenüber den eigenen Gedanken eingenommen wird.
Metakognitionen sind Überzeugungen über die eigenen Gedanken oder kognitiven Prozesse. Es gibt positive und negative Metakognitionen. Anders als die Begriffe vermuten lassen, sind beide unzuträglich und halten „CAS“ am Laufen. Eine positive Metakognition liegt zum Beispiel vor, wenn die Patientin/der Patient das eigene ständige Nachdenken fälschlich als notwendig oder als Teil der Lösung betrachtet, etwa um auf bestimmte Situationen gut vorbereitet zu sein. Die Patientin Merethe kreist gedanklich ständig um ihre Panikattacken. Sie macht sich jeden Tag mehrere Stunden lang Sorgen, „obwohl sie nicht jeden Tag eine Panikattacke hat“. Der Triggergedanke „was, wenn ich eine Angstattacke bekomme?“ ist Auslöser für CAS. (S. 45f)
Eine negative Metakognition liegt vor, wenn die Person denkt, sie sei den eigenen Gedanken ausgeliefert oder diese seien unmittelbar gefährlich. Solche falschen Überzeugungen auf der Metaebene werden in den Therapiesitzungen adressiert.
Eine weitere wichtige Begrifflichkeit ist die Unterscheidung zwischen Problem 1 und Problem 2. Problem 1 steht für das ursprüngliche Problem, wegen dem jemand psychologische Hilfe sucht, zum Beispiel: Probleme auf der Arbeit. Wenn jemand mit „CAS“ auf Problem 1 reagiert, etwa durch ein Zuviel an angstvollen Gedanken, entsteht ein zusätzliches Problem 2. Die Grundannahme lautet: Wenn Problem 2 erfolgreich verringert wird, kann Problem 1 wieder lösungsorientiert angepackt werden.
Um die Größe von Problem 2 zu illustrieren, rechnet Sørensen ihren Klient/innen gerne vor, wie viel Lebenszeit sie unnötigerweise mit schweren Gedanken zubringen: Wenn der Depressionspatient Jens in den vergangenen 10 Jahren durchschnittlich fünf Stunden täglich über sein unzufriedenes Leben gegrübelt hat sind das rund 18.000 Stunden Grübeln insgesamt, in denen er jedoch keine Lösung gefunden hat. Eine konkrete Zahl kann augenöffnend sein, so die Autorin. (S. 69f)
Diskussion
Das flüssig zu lesende Buch, auch verfügbar als Hörbuch auf gängigen kommerziellen Plattformen, bietet einen leicht verständlichen Zugang zum metakognitiven Ansatz. Wissenschaftliche Ergebnisse werden durch die Art der Darstellung und Verbreitungswege einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Ein Manko ist die haptische Qualität des Buches: es sieht schnell „zerlesen“ aus.
Die Publikation zeichnet sich durch einprägsame Beispiele und Bilder aus, die auch provokant sein können, zum Beispiel: „Wäre es ein Problem für Sie dumm, hässlich und nicht liebenswert zu sein, wenn Sie niemals darüber nachdenken würden?“ (S. 22; Übersetzung durch Rezensentin)
Der metakognitive Ansatz nach Sørensen vermag Patient/innen zu empowern. Er vermeidet konsequent Abhängigkeiten vom Therapeuten/der Therapeutin und trägt der Tatsache Rechnung, dass das echte Leben außerhalb der Therapie stattfindet. Den Patient/innen werden praktische Werkzeuge an die Hand gegeben.
Der Untertitel „Free Yourself from Imprisoning Thoughts“ (Befreie dich von einengenden Gedanken) klingt wie ein Ratgeber, und das Buch kann durchaus für Betroffene eine gewinnbringende Lektüre sein. Die Autorin plädiert zur Eigenverantwortung und zum „selber Denken“. Sie schreibt, es sei respektvoller, den Klientinnen und Klienten die Inhalte ihrer Gedanken nicht vorzuschreiben.
Manche Passagen, wie die Kritik der Autorin an der modernen „Evaluationskultur“ (S. 111ff), haben nur einen indirekten Bezug zu MCT. Eine Gesellschaft, in der wir uns ständig selbst beobachten und bewertet werden durch andere, begünstige psychische Störungen. Sørensen warnt vor einem Zuviel an pathologisierenden Labels, besonders bei Kindern und jungen Erwachsenen (vgl. auch die Fallbeispiele S. 157ff und S. 118f).
Fazit
Ein Buch, das den Ansatz der metakognitiven Therapie kompakt und allgemein verständlich zusammenfasst und somit über eine Weiterentwicklung innerhalb der „dritten Welle“ der Verhaltenstherapie informiert. Kernargument ist, dass Patient/innen mehr Kontrolle über gedankliche Prozesse gewinnen und selbst entscheiden können, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten. Dies wird anhand einer Reihe von Übungen und Fallbeispielen verdeutlicht.
Literatur und Links
Wells, Adrian; Schweiger, Ulrich: Metakognitive Therapie bei Angststörungen und Depression, 2011; deutsche Übersetzung des Standardwerks
Callesen, Pia: Lebe mehr, grübele weniger: Mit klarem Kopf Niedergeschlagenheit und Depression loswerden, 5. Auflage 2024; ein aktueller Ratgeber zu MCT, ebenfalls von einer dänischen Autorin, der in deutscher Übersetzung vorliegt
https://www.mct-institut.de/ MCT-Institut Deutschland; der deutsche Ableger des von Wells mitbegründeten MCT-I (Metacognitive Therapy Institue)
Rezension von
Nina Theofel
M.A., Peer
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