Michael Görtler, Martin Nugel et al. (Hrsg.): Politische Bildung in der Sozialen Arbeit
Rezensiert von Prof. Dr. Antje Krueger, 21.09.2026
Michael Görtler, Martin Nugel, Stefan Schäfer (Hrsg.): Politische Bildung in der Sozialen Arbeit. Handlungs- und Arbeitsfelder. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025. 232 Seiten. ISBN 978-3-7344-1739-9.
Band 2.
Thema
Nach dem 2025 erschienenen ersten Band „Politische Bildung in der Sozialen Arbeit. Theoretische Perspektiven und Standortbestimmungen“ (2025, Wochenschau Verlag, Frankfurt am Main) legen Michael Görtler und Stefan Schäfer, ergänzt um den dritten Herausgeber Martin Nugel, im Nachfolgewerk nun den Schwerpunkt auf konkrete Handlungs‑ und Arbeitsfelder der politischen Bildung in der Sozialen Arbeit. Da sie im Rahmen ihrer vorherigen Auseinandersetzungen zu der Annahme gekommen sind, dass „in den jeweiligen Feldern eigene Diskurse geführt [werden], in denen unterschiedliche Begriffsverständnisse, theoretische Ansätze, Handlungsansätze oder Methodenkonzepte zur Geltung kommen“, möchten sie im vorliegenden Sammelband den Fokus auf ebendiese legen, „um die fachliche Auseinandersetzung fortzusetzen“ (S. 6).
Herausgeber*innen und Autor*innen
Für die Herausgabe zeigen sich Michael Görtler (Professor für Theorien und Geschichte der Sozialen Arbeit, OTH Regensburg), Martin Nugel (Professur für Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Nürnberg) und Stefan Schäfer (Lehrkraft für besondere Aufgaben für das Lehrgebiet Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Köln) verantwortlich.
Weitere 27 Autor*innen – darunter Professor*innen, wissenschaftliche Mitarbeitende, Promovendinnen, aber auch Personen aus der Praxis (u.a. IG Metall Darmstadt, Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, Kompetenzzentrum Kinder‑ und Jugendbeteiligung Brandenburg, Deutsche Vereinigung für politische Bildung) – gestalten die inhaltlichen Beiträge des vorliegenden Sammelbandes.
Aufbau und Gestaltung
Das Buch gliedert sich in drei Teile:
- Lebensphasenbezogene Handlungs‑ und Arbeitsfelder (Teil I mit 15 Beiträgen),
- Lebenslagenbezogene Handlungs‑ und Arbeitsfelder (Teil II mit vier Beiträgen) und
- Lebensraum‑ und lebenskontextbezogene Handlungs‑ und Arbeitsfelder (Teil III mit sechs Beiträgen)
Diese sind durch eine Einleitung sowie ein Nachwort gerahmt. Diese Systematisierung orientiert sich an der Gliederung des 2023 erschienenen Sammelbandes von Anne van Rießen und Christian Bleck „Handlungsfelder und Adressierungen der Sozialen Arbeit“ (s. S. 6).
Inhalt
Teil I Lebensphasenbezogene Handlungs‑ und Arbeitsfelder
Rosa Bracker und Wiebke Riekmann beziehen sich in ihrem Beitrag „Demokratiebildung und politische Bildung in der Jugendverbandsarbeit“ auf den von Jugendverbänden formulierten Anspruch, dass diese Verbindung nicht nur „Werkstätten der Demokratie“ (S. 11) seien, sondern durch die Möglichkeit der Selbstorganisation „großes Potenzial für politische Bildung durch politisches Handeln“ (S. 11) böten. Über die Auseinandersetzung mit einem deliberativen Demokratiebegriff und mit Hilfe eines subjektwissenschaftlichen Lernbegriffs soll der Gegenstand der politischen Bildung in Jugendverbänden konkretisiert und mit einer herrschaftskritischen Betrachtung politischer Sachverhalte und Probleme verknüpft werden (s. S. 11). Dafür sei es notwendig, sich mit den gesellschaftlichen (insbesondere rassistischen und klassistischen) Exklusionsmechanismen in der Jugendverbandsarbeit auseinanderzusetzen, aber auch das bislang unterschätzte Potenzial zur Demokratiebildung stärker auszuschöpfen (s. S. 16).
Judith Dubiski fragt, in wie weit „Kinder‑ und Jugendreisen als Ort politischer Bildung?“ verstanden und entdeckt werden können. Durch den Ortswechsel und das Heraustreten aus dem Alltag seien Kinder und Jugendliche gefordert, gemeinsam um jeweils (ggf. divergierende) vertraute Rollen und Ordnungen zu ringen und in entsprechende politische Aushandlungen zu treten. Die größeren Freiheitsgrade in diesen Kontexten versteht sie dabei als „Möglichkeitsräume für ein Um-Ordnen und ein Anfangen-Können“ (S. 24).
Michael Görtler fokussiert unter dem Titel „Politische Erwachsenenbildung“ vor dem Hintergrund der „Bedeutungszunahme von populistischen und extremistischen Bewegungen und der Verbreitung demokratiefeindlicher und rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung“ (S. 30/31) vor allem auf didaktische und handlungsleitende Prinzipien nach denen Sozialarbeitende non-formale und informelle Bildungsprozesse von Erwachsenen anregen und begleiten können.
„Politische Bildung in der stationären Kinder‑ und Jugendhilfe“ ist das Thema, dem sich Stefanie Kessler widmet. Partizipation und Beteiligungsverfahren werden hierbei als – nach wie vor vernachlässigte, aber dringend in die (Mit-)Gestaltung zu bringende – Ausgangspunkte für demokratisches Lernen in der Lebenswelt verstanden.
In Raingard Knauers Darstellung „Politische Bildung in Kindertageseinrichtungen am Beispiel der Demokratiebildung“ wird zunächst die Skepsis diskutiert, die diesem Auftrag entgegengebracht wird, es werden die Spezifika des Feldes (u.a. Unsicherheiten der Fachkräfte im Umgang mit dem Begriff Politik) geklärt und abschließend ein Überblick über die fachlichen Anforderungen gegeben. Sie kommt zu dem Schluss: „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege bedarf einer Beschäftigung mit dem Politischen im Einrichtungsalltag“ (S. 49).
Cornelia Kricheldorff und Stefanie Engler gehen in ihrem Beitrag „Politische Bildung in der Lebensphase Alter“ der politischen Willensbildung alter Menschen nach, akzentuieren die Bedeutungbiografischerr Prägungen und sprechen sich für eine Verschränkung Sozialer Arbeit mit den Ansätzen der Geragogik aus. Noch seien weder die wachsende Diversität des Alters noch die spezifischen Fragen des Alterns in der politischen Bildung ausreichend aufgegriffen. Um auch das Älterwerden zum Ausgangspunkt politischer Bildung zu machen, brauche es für die Adressat*innen das Gefühl, „Teil der Gesellschaft zu sein und diese auch mitgestalten zu können“ (S. 58).
Liane Plutos und Sabrina Hoops Aufsatz „Politische Bildung und das Arbeitsfeld Hilfen zur Erziehung“ skizziert dieses als „unterschätzten Raum“ (S. 61) und verweist auf das Potenzial politischer Bildung in der alltäglichen Gestaltung des Settings. Alle Themen des Zusammenlebens (u.a. Solidarität, Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit) böten vielfältige Gelegenheiten für politische Bildung (s. S. 63) – diese Erkenntnis müsse jedoch noch aus der Nische heraustreten, damit politische Bildung weniger als „zusätzliche singuläre Anforderung“ (S. 65) denn als grundsätzlicher Aspekt der Unterstützung begriffen und umgesetzt werden könne.
Anja Prölss-Kammerer erklärt am Beispiel des ehemaligen Reichsparteitagsgelände und des dazugehörigen Dokumentationszentrums in Nürnberg, wie „Orte des Erinnerns als außerschulische Lernorte“ verstanden werden können.
Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss plädiert in ihrer Auseinandersetzung „Und noch ein bisschen Kulturelle Bildung. Über die Potenziale Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit für die Politische Bildung“ dafür, dass die Schnittmengen der beteiligten Bereiche in ihrem Potenzialen wie Begrenzungen wahrgenommen werden müssen. Statt Kultureller Bildung die „Rolle eines Allheilmittels für komplexe individuelle, organisationale und gesellschaftliche Herausforderungen [zuzuweisen], und/oder zur universellen Methode [zu erklären], wenn andere Bildungsbereiche nicht mehr weiterwissen“ (S. 82), lägen die Chancen für nachhaltige Bildung vielmehr in der sinnvollen wie professionellen Zusammenarbeit von Fachkräften unterschiedlicher Bildungsbereiche.
Dominik Ringeler fordert im Beitrag „Kommunale Jugendbeteiligung als Demokratiebildung. Die Rolle der Sozialen Arbeit als Schnittstelle zwischen politischer Bildung und Partizipation“ eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung, Bildungsakteuren und Sozialer Arbeit, um nötigen Rahmenbedingungen für die Ausbildung von Demokratiekompetenz von Kindern und Jugendlichen zu schaffen.
Unter dem Titel „Kür nach der Pflicht“? Politische Bildung in der Jugendsozialarbeit identifiziert Jana Sämann die politische Bildung als Querschnittsaufgabe des Handlungsfeldes, die in Anbetracht der gegebenen Aufgabenkonkurrenz, immer Gefahr laufe, depriorisiert zu werden (S. 97). Laut Sämann verfüge aber gerade dieses Tätigkeitsfeld über dasPotenzial, „Prozesse der politischen Bildung auch für besonders marginalisierte und prekarisierte Zielgruppen, denen zugeschrieben wird, dass sie bisher ‚keine oder wenige Bezugspunkte mit klassischen politischen Bildungsangeboten haben‘, zu ermöglichen“ (98).
Stefan Schäfer beschreibt drei aktuelle Tendenzen rund um „Internationale Jugendarbeit im Demokratiediskurs“. Dazu gehören seines Erachtens die Bezugnahme auf ein normatives Verständnis von Demokratiebildung (Menschenrechte, europäische Idee, Frieden, Toleranz etc.), der Einfluss förderstrategischer Erwägungen und gleichsam die Relevanz, über die Jahre entwickelter, konzeptioneller Kernelemente, die der „Ausgangspunkt für eine weitere demokratietheoretische Vergewisserung in der internationalen Jugendarbeit sein können“ (S. 107).
Moritz Schwerthelm und Benedikt Sturzenhecker betrachten„Politische Bildung als Auftrag der Offenen Kinder‑ und Jugendarbeit“ und benennen dabei „Probleme und Perspektiven demokratischer Partizipation angesichts empirischer Hybridität in der OKJA“ (S. 112). So konstatieren sie, dass die Praxis zeige, dass im „pädagogischen Handeln sowie in politisch-konzeptionellen Einflussnahmen häufig Praktiken von Erziehung und Kontrolle gängig sind, die die demokratisch strukturierte Mitentscheidung der Teilnehmenden konterkarieren“ (S. 112). Die Diffusität des Feldes und die wiederkehrenden Neuausrichtungen von Zielgruppen, Zielen, Arbeitsweisen und Inhalten im Auftrag von jeweils zeitgenössisch interpretierten Präventionsmaßnahmen trügen ebenfalls dazu bei, eher Erziehung und Disziplinierung denn demokratische Partizipation in den Vordergrund zu rücken (s. S. 113). Kinder und Jugendliche müssten im Sinne der Demokratiebildung ermächtigt werden, die Infragestellung dieser Tendenzen zu artikulieren und neuen Regeln auszuhandeln (s. S. 114).
Gleich zwei Handlungsfelder werden von Nurdin Thielemann und Michel Görtler im Aufsatz „Politische Bildung in Kita-Sozialarbeit und Schulsozialarbeit“ aufgegriffen. Im Zentrum stehen dabei die jeweiligen Potenziale unter Berücksichtigung der spezifischen fachlichen Besonderheiten. So gelte die Schule als Ort, der aufgrund der Schulpflicht prinzipiell alle Kinder und Jugendlichen mit Angeboten politischer Bildung erreiche und die Kita, als solcher, der als freiwilliges Setting prinzipiell alle Kinder erreichen könne (s. S. 123). Für diese unterschiedlichen Voraussetzungen brauche es entsprechend zugeschnittene Qualifizierungen des Fachpersonals.
Im Rahmen des von Benedikt Widmaier und Stefan Schäfer verfassten Beitrags „Außerschulische Jugendbildung als Arbeitsfeld Sozialer Arbeit“ werden Strukturen und Träger, Förderpolitik und staatliche Steuerung sowie aktuelle Debatten skizziert.
Teil II Lebenslagenbezogene Handlungs‑ und Arbeitsfelder
Birgit Jagusch plädiert in ihrem Aufsatz „Politische Bildung im Kontext Flucht/Migration“ dafür, dass Scheinpartizipationsangebote zugunsten realer Beteiligungsmöglichkeiten aufgegeben werden, konkrete und niederschwellige Wege zur demokratischen Teilhabe für diejenigen geebnet werden, denen diese bislang verwehrt wird und dass politische Bildung „inhärent diversitäts‑ unddiskriminierungssensible ausgestaltet sein muss, um den Bedarfen der Menschen in der postnationalsozialistischen und (post-)migrantischen Gesellschaft Rechnung zu tragen“ (S. 139).
Rebekka Strecks Beitrag „Politische Bildung – kein Thema für die Suchthilfe?“ benennt vier Argumente für die (Re-)Aktivierung politischer Bildung. So gibt sie an, dass die Geschichte der Alkohol‑ und Drogenpolitik eine Geschichte der politischen Kämpfe war und ist, der gesellschaftliche Umgang mit psychoaktiven Substanzen tief in die Alltagserfahrungen von Menschen einwirke, die Repolitisierung ‚süchtigen’ Handelns Teil von Anti-Stigmaarbeit sein und Demokratie auf der Ebene sozialer Institutionen der Sucht‑ und Drogenhilfe verwirklicht werden kann (s. S. 148/149). In ihrem Verständnis sei in diesem Kontext politische Bildung vor allem auch ein Reflexions‑ und Artikulationsraum (s. S. 150).
„Der Jugendstrafvollzug: Feld politischer Bildung wider Willen?“ Dieser Frage stellen sich Lisa Tölle und Jan Tölle, wenn sie das Jugendgefängnis als Ort politischer Bildung betrachten. Auf diesem Weg benennen sie eher Grenzen als Möglichkeiten, da Jugendstrafvollzugsanstalten als „rigorose Zwangskontexte“ mit „im Kern undemokratische Strukturen“ (S. 158) politische Bildungsprozesse eher als subkulturelles Verhalten abwerten würden. Entlang der tatsächlichen Praxis des Eingriffs‑ und der Überwachung könne und müsse sich die Soziale Arbeit ihrer ethischen Grundhaltungen und Prämissen bewusst werden und diese aktiv einbringen, damit politische Bildung einen Mehrwert für die jungen Menschen im Strafvollzug entfalten könne (s. S. 159).
Karla Verlinden und Lisa Tölle möchten „(Kritische) Sexuelle Bildung als politische Bildung denken“ und verweisen dafür auf die Schnittmengen und wechselseitigen Bezüge beider Bereiche (u.a. Subjekt-, Alltags‑ und Lebensweltorientierung, Analyse von Macht‑ und Herrschaftsverhältnissen). Sie schlussfolgern, dass es einer gegenseitigen Anerkennung bedarf, „damit sexueller Bildung als Aspekt politischer Bildung sowie gleichzeitig politische Bildung als sexuelle Bildung wirksam werden kann“ (S. 166).
Teil III Lebensraum‑ und lebenskontextbezogene Handlungs‑ und Arbeitsfelder
Rolf Ahlrichs erläutert in seinemBeitrag „Die Rolle der Vereine und Berufsverbände in der politischen Bildung der Sozialen Arbeit“ politische Bildung und Demokratiebildung nach innen (Mitgliedschaft, s. S. 173f) und nach außen (Öffentlichkeit, s. S. 175 f.) und weist beide Strukturen als wichtige Orte politischer Bildung aus, da sie fachliche Interessen vertreten und gesellschaftliche Konflikte ansprechen würden (s. S. 176).
Janine Birwer und Stefan Schäfer fragen unter dem Titel „Politische Bildung in der Gemeinwesenarbeit“ nach der Bedeutung der Gemeinwesenarbeit für die politische Bildung und sehen dabei sowohl strukturelle Grenzen (u.a. im Hinblick auf Antworten gesamtgesellschaftlicher Probleme; Steuerungs‑ und Verwaltungslogiken) als auch Möglichkeiten für politische Bildungsprozesse, wie siebeispielsweisee aus dem Community Organizing bekannt sind.
„Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus und ihr Verhältnis zur Politischen Bildung. Annäherungen an ein sich professionalisierendes Arbeitsfeld“. In diesem Aufsatz beschreibt Paul Erxleben sowohl den Fachdiskurs als auch die Praxisund macht eine fachliche Nähe und praktische Verbindung zur politischen Bildung aus (s. S. 192). Ausblickend resümiert er: „Will die Mobile Beratung die Vernetzung von Engagierten gegen Rechts ermöglichen, wird es zukünftig auch um lokale Lernorte für Jung und Alt gehen“ (S. 192).
Michael Görtler und Martin Nugel heben in ihrer Auseinandersetzung zu „Lebenswelt‑ und sozialraumorientierte politische Bildung“ vor allem die Potenziale hervor, da beide Orte als Ermöglichungsräume politischer Bildung in der Sozialen Arbeit fungieren können. Empowerment habe in diesem Zusammenhang aufgrund „seiner politischen Dimension eine besondere Rolle“ (S. 198).
Tom Kehrbaums „Gewerkschaftliche Bildung als Politisierung des Sozialen“ beschreibt als Adressat*innen der gewerkschaftlichen Bildung Akteur*innen der betrieblichen wie gewerkschaftlichen Mitbestimmung, denen es um ein Verstehen sozio-ökonomischer und gesellschaftspolitischer Zusammenhänge ginge. Arbeit betrachtet er dabei als soziale Kooperation, gewerkschaftliche Bildung als Lernen im Mit-, Von‑ und Füreinander (s. S. 204ff). Die hohe Beteiligung an gewerkschaftlicher Bildung zeige das Bedürfnis, Lebens‑ und Arbeitsbedingungen zu reflektieren. Diese Prozesse würden nicht nur zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen, sondern auch gesellschaftliches Engagement fördern, das Menschen „in die Lage versetzt, ihre sozialen, ökonomischen und politischen Lebensumstände aktiv mitzugestalten“ (S. 208).
Heinz Stapf-Finés und Michael Görtlers Ausführungen zur „Aufsuchenden politischen Bildung in der Sozialen Arbeit“ bilden den letzten Aufsatz im vorliegenden Band. In diesem Rahmen werden Streetwork und Mobile Jugendarbeit betrachtet und Gemeinwesenarbeit als Brückenbauerin für eine aufsuchende politische Bildung erkannt (s. S. 212). Abschließend werden Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Modellprojekt „Gleiche politische Teilhabe“ vorgestellt.
Diskussion
In der Einleitung des Bandes wird vermerkt, dass „etliche der genannten Handlungs‑ und Arbeitsfelder (noch) als ‚unterschätzte Räume‘ politischer Bildung in der Sozialen Arbeit einzustufen [sind]. Während in einigen dieser Felder schon seit vielen Jahren Diskurse über politische Bildung geführt werden, steht die Auseinandersetzung in anderen Feldern noch am Anfang“ (S. 7). Im Nachwort machen die Herausgeber darauf aufmerksam, dass „in den vorstehenden Beiträgen sehr heterogene und zum Teil fragmentierte Diskurse zu politischer Bildung in der Sozialen Arbeit erkennbar [sind]“ (S. 217). In diesem Sinne bietet das Buch tatsächlich ein großes Potpourri von Einblicken in Entwicklungsprozesse und Status Quo der jeweiligen Bereiche an, die, eher knappgehalten, grundsätzliche Prämissen und Rahmenbedingungen beschreiben oder als thematische An‑ und Aufrisse zu deuten sind. Vereinzelt finden sich Beiträge, die sich tiefergehender mit den jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen, Dynamiken und (Veränderungs-)Erfordernissen der Integration oder Praxis politischer Bildung in Handlungs‑ und Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit auseinandersetzen. Die Pluralität unterschiedlicher disziplinärer Zugriffe auf die politische Bildung, die Abbildung unterschiedlicher theoretischer Strömungen, die verschiedenen Fokussierungen der Diskurse und die Kontroversen um Begriffs‑ und Verhältnisbestimmungen, sind laut den Aussagen der Herausgebenden im Nachwort ein Resultat aktueller Suchbewegungen und eines (derzeit noch) fehlenden gemeinsamen beruflichen Profils bzw. Professionalitätsverständnisses von politischer Bildung und Sozialer Arbeit (s. S. 217/218). Möglichen, durchaus berechtigten Kritiken an der Gestaltung und Zusammenstellung des Bandes wird also bereits in der Publikation selbst begegnet.
Fazit
Der Sammelband vereint vielstimmige Perspektiven auf die (möglichen) Kooperationen wie Integrationen von politischer Bildung und Sozialer Arbeit in der Praxis. Wer eher erste Einblicke und Anregungen als umfassende Diskussionen und tiefgründige Analysen für einzelne Handlungs‑ und Arbeitsfelder sucht, wird sicher fündig und zur weiteren Auseinandersetzung inspiriert.
Rezension von
Prof. Dr. Antje Krueger
Professorin für „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ und „Internationale Soziale Arbeit“ an der Hochschule Bremen.
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