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Daniel Cohn-Bendit, Claus Leggewie: Zurück zur Wirklichkeit

Rezensiert von Peter Flick, 10.07.2025

Cover Daniel Cohn-Bendit, Claus Leggewie: Zurück zur Wirklichkeit ISBN 978-3-8031-3753-1

Daniel Cohn-Bendit, Claus Leggewie: Zurück zur Wirklichkeit. Eine politische Freundschaft. Verlag Klaus Wagenbach (Berlin-Wilmersdorf) 2025. 176 Seiten. ISBN 978-3-8031-3753-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Reihe: Allgemeines Programm - Sachbuch. .

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Thema

Die Autoren erzählen von ihren biographisch-politischen Lernprozessen, die sie als „Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit“ (Hegel) verstehen. Von Alterspessimismus kann bei ihnen im Unterschied zu Hegel jedoch keine Rede sein.

In ihrem Buch formulieren sie eine Gegenstrategie zu nationalistischen „Klimaleugnern“ und Konservativen, die dabei sind das klimapolitische Rad in Richtung fossiler Wachstumspolitik zurückzudrehen. Sie wollen nicht zuletzt auch den „Grünen“ Mut machen, die Konzepte einer sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft und einer pluralistischen Einwanderungsgesellschaft offensiv zu vertreten.

Autoren

Daniel Cohn-Bendit (*1945) war im Pariser Mai 1968 einer der Wortführer der Revolte und später für die „Grünen“ Dezernent der Stadt Frankfurt und von 1994 bis 2014 Mitglied im Europäischen Parlament. Zusammen mit Niko Apel produzierte er zuletzt einen Film, der sich mit seinen Judentum auseinandersetzt („Wir sind alle deutsche Juden“, 2021).

Claus Leggewie (*1950) lehrte Politikwissenschaft und war von 2007 bis 2017 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Er ist der Autor zahlreicher Bücher zur Klimapolitik und zu kultursoziologischen und demokratietheoretischen Themen.

Aufbau und Inhalt

Gegenwärtige Geschichten

Das Kapitel enthält einen Rückblick auf das Epochenjahr 1945 („Kinder der Befreiung“) und das westdeutschen „rote Jahrzehnt“ (1967 bis 1977). Am Anfang stehen Erinnerungen an Kindheiten, wie sie unterschiedlicher nicht ausfallen könnten. Daniel wurde im April 1945 in Südfrankreich, in Montauban geboren, als für seine Eltern, Erich und Herta Cohn-Bendit, der endgültige Sieg über Nazi-Deutschland in greifbare Nähe rückte. Beide gehörten vor den dem Einmarsch der Deutschen in Paris zu einem Kreis deutscher Emigranten um Hannah Arendt, die Marina Touilliez in ihrem Buch „Parias – HannahArendt et la >tribu< en France (2024) beschrieben hat (vgl.15). Die schändliche Behandlung der Geflüchteten durch die Französische Republik bildetet den Hintergrund einer traumatischen Familiengeschichte, zumal Daniel und sein Bruder Gabriel den frühen Tod beider Eltern verkraften mussten.

Claus Leggewie erinnert sich an eine „glückliche Kindheit“ (20) in einem katholisch-konservativen Elternhaus, die durch das Schweigen des Vaters über seine Rolle in der Nazizeit belastet war. Der Vater, ein sensibler, gebildeter Mann, ist als Mitläufer oder aus Überzeugung der NSDAP-beigetreten. Über seine Funktionen und seine Erfahrungen als Wehrmachtoffizier, der am Vernichtungskrieg in der Ukraine und in Russland beteiligt war, konnte und wollte Otto Leggewie mit seinem Sohn nicht sprechen.

Was ihren Glauben angeht, so sind die Autoren typische Vertreter eines bekenntnishaften Laizismus („Woran wir (nicht) glauben“, 21ff) mit seiner elementaren Abneigung gegenüber religiösen Gemeinschaften und Ritualen. Dass sich eine solche Haltung durchaus mit einem spirituellen Glaubensbedürfnis verbinden kann, zeigt Claus Leggewies Bekenntnis zu seiner „katholischen Restfrömmigkeit“ (23). Ein Foto zeigt ihn bei einer Audienz bei Papst Johannes Paul II.. „Dany“ sieht sich hingegen als „reinen“ Atheisten, was das Hadern des säkularen Juden mit seinem Judentum einschließt, mit diesem „magischen Judenkreis“, von dem Ludwig Börne behauptet, dass es kein Jude aus ihm „hinausschaffen“ würde.

Der Rest des Kapitels befasst sich mit Betrachtungen zur westdeutschen Studentenbewegung und ihren Ausläufern und einer intellektuellen Neuorientierung beider Autoren. Nach einer marxistisch oder anarchistisch inspirierten Phase der Praxisphilosophie wenden sie sich Hannah Arendt und einem Ansatz der politischen Ökologie zu, wie er vom französischen Sozialphilosophen André Gorz vertreten wurde. Nebenbei, bei dieser frankophilen Prägung ist nicht verwunderlich, dass für beide bis heute „Ostdeutschland“ eine „terra incognita“ geblieben ist.

Realitätstests

Die Autoren gestehen, dass sie nicht nur im Kindergarten, sondern auch noch im Erwachsenenalter gerne die Rolle des „Rumpelstilzchen“ gespielt haben. Das kann man auch als beruhigende Botschaft an alle Eltern mit flippigen Kindern lesen: auch aus ihnen kann etwas werden. Der vorlaute „rote Dany“ der Frankfurter Sponti-Szene („Wir wollen alles“) wurde schließlich der erste Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt und ein geachteter Europaparlamentarier, der dort sein politisches Vermittlertalent entfaltet konnte. Und auch „Claus“ hat beherzt die Chance zu einer akademischen Karriere ergriffen, die sich ihm geboten hat. So treffen sich beide als respektabler Dezernent und frisch gebackener Universitätsprofessor wieder, um ihren bis heute andauernden Diskurs fortzusetzen.

Zeitdiagnosen

Ihre „Zeitdiagnosen“ zielen auf zwei elementare „Feinde der Demokratie“: den islamischen Fundamentalismus und ein sich ausbreitender Rechtsradikalismus, die beide „auf faschistische Weltanschauungen zurückgreifen.“ (143 ).

Die Verteidigung einer pluralen Einwanderungsgesellschaft gegen den Mythos vom „Große Austausch“

Der Mythos oder die „Mär vom Großen Austausch“ (170 ff.), der die Überfremdung und Verdrängung der einheimischen Bevölkerung durch Einwanderer zum Thema hat, lässt sich nach Ansicht der Autoren in direkter Linie auf die antisemitischen Verschwörungstheorie eines Edouard Drumont „La france juive“ (vgl.172) im Frankreich des 19. Jahrhundert zurückführen. Die „Remplacement“-These gehört heute wieder zum Kern eines weißen Suprematismus, der sich in abgewandelter Form auch gegen Schwarze, Hispanics und Muslime richtet. Von Trump in den USA erfolgreich politisch instrumentalisiert, gehört der „Große Austausch“ heute wieder zur Kernideologie faschistischer Bewegungen, auch in Europa.

Was das von den Rechten erfolgreich bespielte „Triggerthema“ Migration angeht, so empfehlen die Autoren eine offensive Verteidigung der pluralen Grundlagen der Einwanderungsgesellschaft. Wer in Sachen Migration realitätsgerechte Antworten geben wolle, könne zwar „völker- und menschenrechtlich akzeptablere Kontrollvarianten“ an Europas Grenzen „ersinnen“ und auch im Rahmen einer europäischer Solidarität „Migrationskosten besser verteilen“ (174), aber am Ende gehe es darum, „die Ursachen der weltweiten Wanderungen (zu) erkennen und abzustellen.“ (175). Das bedeute im globalen Maßstab mehr Anstrengungen zur „Beendigung von Religions- und Stammeskriegen“ (175), während die „rationale Migrationspolitik im Inneren Europas sich wesentlich auf Kriminalitätsbekämpfung und Integrationshilfe“ (175)“ konzentrieren sollte.

Was sie lapidar als „Integrationshilfe“ ansprechen, erfordert wohl erhebliche politische Anstrengungen. Die Integrationsprobleme werden weiter kulminieren, wenn der nur schleppend verlaufende Ausbau der Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen, vor allem in benachteiligten Regionen und Milieus, nicht forciert wird. Neben einer umfassenden Bildungsreform, die die Struktur und die Ausstattung der Schulen verbessert, müssten auch Maßnahmen des Wohnungsmarkts und der Stadtplanung in Angriff genommen werden; eine derzeit wenig wahrscheinliche „Wirklichkeit“.

Europa im Zwiespalt zwischen „Bellizisten“ und Diplomaten

Die Idee der Selbstbehauptung eines föderalistischen Europa spielt eine zentrale Rolle in den aktuellen geopolitischen Diskussionen. Auch Cohn-Bendit und Leggewie sehen im föderalen Europa die rettende Alternative zur imperialen Großmachtpolitik Putins bzw. die Antwort auf Trumps Abkehr vom Westen. Was die Vertiefung der Europäischen Verteidigungsunion angeht, konkrete Pläne zu ihrer Realisierung sind im Moment nicht einmal in Umrissen erkennbar. Auch die Kommentare der Autoren zum Ukrainekrieg („Auch >Bellizisten< sind für Diplomatie“, 175 ff.) und zu „Israel in Palästina“ (187 ff.) belegen eher die aktuelle Hilflosigkeit einer europäischen Politik im Zwiespalt von partikularen Machtinteressen und ihrem Anspruch für die Einhaltung menschen- und völkerrechtliche Normen einzutreten.

So kritisieren die Autoren Habermas für seinen publizistische Intervention in der Ukraine-Krise, da er in seinen Beiträgen einseitig auf Friedensverhandlungen mit Putin fixiert sei. Umgekehrt stellen beide Autoren, die sich selbstironisch als „Bellizisten“ bezeichnen und Verhandlungen mit Russland nicht von vorneherein ausschließen möchten, dennoch klar, dass für sie Verhandlungen mit Russland nur nach einem „Regimewechsel“ in Frage kommen, d.h. nach einem Sturz Putins und seiner Bestrafung (vgl.176). Auf der andern Seite meinen beide Autoren, dass Deutschland und die EU bei aller notwendigen Solidarität mit Israel zu den völkerrechtlichen Verstößen der israelischen Armee im Gazakrieg nicht schweigen dürften. Deutschland und die EU müssten in dieser Frage ebenso eindeutig Stellung beziehen, wie im Fall der Attacken auf die ukrainische Zivilbevölkerung durch Russland. Am Ende bleibt es bei ratlosen Fragen: Müsste die EU angesichts von Kriegsverbrechen nicht konsequenterweise das Assoziierungsabkommen mit Israel aufkündigen und den „diplomatischen Dialog mit Israel aussetzen“ (202)? Wäre es sinnvoll aus Treue zu völkerrechtlichen Grundsätzen diplomatische Gesprächsfäden zu kappen? Den Zwiespalt zwischen Machtpolitik und den hohen normativen Ansprüchen einer europäischen und deutschen Außenpolitik können die Autoren nicht auflösen.

Grüne Realpolitik und eine planetarische Utopie

Klarer sind ihre Stellungnahmen zur Umwelt- und Klimapolitik: Die „planetaren Utopie“ eines „pfleglicheren Umgangs mit der Natur“ kann der Bevölkerung nicht nahegebracht werden, wenn man eine „Politik des Verzichts“ (219) propagiert oder, wie die sog. „Klimakleber“, Dystopien verbreitet. „Bürger- und Zukunftsräte“ als eine Art „vierte Gewalt“ seien da schon eher ein probates Mittel, um veränderungsmüden Bürger:innen sozialökologische Politik als Erneuerung „>heimatlicher< Verhältnisse“ (221) nahezubringen. Dieser Ansatz sei allerdings mit einer Finanzpolitik der „Schwarzen Null“ nicht zu vereinbaren. Da Schuldenpolitik allein keine Lösung ist, schlagen die Autoren eine Veränderung der Haushaltspolitik vor: „Höhere Vermögenssteuern für Superreiche, Konzentrationskontrollen (..) und nachvollziehbare Grundeinkommensprojekte, um die wachsende soziale Ungerechtigkeit einzudämmen.“ (221).

Diskussion

Die zuletzt genannten Vorschläge der Autoren weisen in eine richtige Richtung Wo konservative „Klimabremser“ vorgeben, die finanziellen Sorgen vieler Menschen zu teilen, sollten Parteien der linken Mitte die Verteilungsungerechtigkeit der konservativen Politikangebote ansprechen und die soziale Asymmetrie einer marktliberalen Steuer- und Haushaltspolitik skandalisieren. Die fossilen Konzerne und der Luxuskonsum der einkommensstarken Schichten müssten dem Verursacherprinzip gehorchend stärker zur Begleichung ökologischer Folgekosten herangezogen werden, um so die unteren und mittleren Einkommen zu entlasten. Darüber hinaus müsste eine sozialökologische Transformation der Wirtschaft auch von einer Politik der Umverteilung von privat nach öffentlich begleitet werden und einem Ausbau der gemeinwohlorientierten Angebote, die zu erfahrbaren Verbesserungen der sozialen Infrastruktur führen.

Fazit

Zu Recht sehen sich die Autoren als „Zeitgenossen einer mutmaßlichen >Zwischenkriegszeit<“ (226). In ihren Zeitdiagnosen spiegeln sich die Unsicherheit und tastende Suche nach neuen Sicherheitskonzepten am Ende einer lange europäischen Friedensperiode. Angesichts der gegenwärtig stattfindenden Rückabwicklung klimapolitischer Reformansätze in der EU wirkt der von den Autoren propagierte „Yes-we can!-Optimismus“ eher wie das laute Pfeifen im dunklen Keller.

Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Es gibt 45 Rezensionen von Peter Flick.

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ISSN 2190-9245